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Vor einem Jahr und ein paar Tagen starb völlig unerwartet Johannes Schenk, der lange Jahre Mitglied in unserem PEN gewesen war. Natascha Ungeheuer, seine Lebensgefährtin, bot uns kurz darauf an, eventuelle Berliner Zusammenkünfte in Johannes alter Wohnung abhalten zu können, worauf wir gerne zurückkamen.
Am Samstag, den 1. Dezember, trafen sich um die Mittagszeit herum einige Mitglieder unseres Zentrums und weitere
Gäste zu einem langen Nachmittag in Natascha Ungeheuers Atelier.
Wir wurden sehr herzlich empfangen, Natascha hatte sich mit der Organisation des Treffens große Mühe
gemacht, damit es an nichts fehlte, das Essen war gut und überreichlich, an Kaltem, Warmem, Süßem und Saurem
war nicht gespart worden, keiner blieb hungrig.
Vor der Versammlung hatten wir ausführlich Gelegenheit, Nataschas Bilder zu bewundern. Durch die kleine Küche
in den angrenzenden Raum tretend, bemerkte ich zuallererst ihr letztes Bild, noch auf der Staffelei: Eine bunte
Trauergesellschaft ist zu sehen, an deren Spitze ein Sarg getragen wird, im Vordergrund eine trauernde Natascha,
daneben, durch eine dünne Linie getrennt, Natascha Ungeheuer und Johannes Schenk, dem Betrachter den Rücken
zuwendend, barfuß am Strand.
Aber auch der hohe, kunstvoll verzierte „Original Berliner Kachelofen ohne Rost“ (Günter Kunert) im Schlafzimmer,
wo nachher die Lesungen abgehalten wurden, fand einige Bewunderer.
Als die meisten der angekündigten Gäste eingetroffen waren und Platz genommen hatten, eröffnete Günter Kunert offiziell
die Versammung und erteilte Deborah Vietor-Engländer das Wort, die eine traurige Nachricht zu überbringen hatte: Unser
Ehrenmitglied Irina Frowen war am Montag, den 26. November, im Alter von 92 Jahren nach langer Krankheit gestorben.
Die Lesungen empfand ich als sehr anregend und abwechslungsreich (wir werden versuchen, einige der gelesenen Texte hier auf der Website zu präsentieren),
gelesen wurden unter anderem Romanauszüge, Gedichte, Poeme, Essays, Haikus und Kurzgeschichten, Lustiges, Trauriges, Tragisches, Satirisches und Todernstes,
wobei unser Präsident schon gleich zu Beginn vorgeschlagen hatte, über die Texte, wenn schon fachkundigem Publikum vorgetragen, auch zu diskutieren, was
prompt und sehr gut angenommen wurde und eine Grundlage für weitere, ähnliche Veranstaltungen bilden könnte.
Die geäußerte Kritik fiel dennoch nicht allzu harsch aus, manchmal rauchten die Köpfe, gestritten wurde weniger, gelacht dafür viel.
Zwischen den Lesungen trug Chaim Noll Gedichte von Johannes Schenk vor. Außerdem richtete Peter Finkelgruen einen schriftlichen Gruß von Freya Klier
an die Versammlung aus, der auch erdacht und geschrieben worden war, um die Mitglieder verstärkt zur Mitarbeit bei Writers-in-Prison-Aktionen zu
motivieren. Wir freuten uns außerdem sehr, Edgar Hilsenrath für einige Stunden als Ehrengast der Versammlung bei uns haben zu dürfen.
Von Zeit zu Zeit wurden Pausen eingelegt, um den Anwesenden die Gelegenheit zu verschaffen, ins Gespräch zu kommen, zu rauchen oder sich am Büffet
zu stärken. Am späteren Nachmittag sollte sogar etwas Warmes gereicht werden. Leider gab Nataschas Elektroherd beim Versuch, vier
Suppen und einen Flammkuchen gleichzeitig zu erwärmen, seinen Geist auf, woraufhin die Hausgemeinschaft einsprang, um Kochplatten bereitzustellen,
beziehungsweise die Suppen auf dem eigenen Herd zu erhitzen.
Die letzte Lesung des Tages kam zwar vom Band, war aber sicherlich die Berührendste: Johannes Schenk trug seine Gedichte vor und war so für einige
Momente nicht mehr nur auf Nataschas Bildern anwesend und in seinen Büchern, die zum Schmökern verführend im mittleren Zimmer
lagen, sondern auch mit seiner Stimme.
Die Versammlung, die sich im Laufe des späten Nachmittags schon etwas ausgedünnt hatte, wurde bald darauf für beendet erklärt; gegen halb sieben
brachen die letzten Gäste auf.
Als ich Natascha am nächsten Abend vom Flughafen aus noch einmal anrief, freute es mich, von ihr hören zu dürfen, was für ein schöner, bereichernder
Tag es für sie gewesen sei, vor allem, weil er im Gedenken an Johannes stattfand.
Ich denke, ich kann mir des Einverständnisses aller Anwesenden sicher sein, wenn ich Natascha Ungeheuer im Namen aller für ihre Anstrengungen und
ihre wunderbare Gastfreundschaft, die diesen wunderschönen Tag überhaupt erst ermöglichten, den wir bei ihr (und Johannes) verbringen durften,
noch einmal herzlich danke.
Nadine Englhart
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