P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
Aus der Geschichte des deutschen P.E.N.
(Auszug)
Der vollständige Text von Christa Dericum ist
im Autorenlexikon 2003/2004
des P.E.N. Zentrums Deutschland erschienen
Namen sind Haken, an denen Eigenschaften, Handlungen, Operationen, auch Mythen und Geschichten hängen. Sie haben Appellfunktion,
wie der Semiontiker Charles S. Peirce sagte. Der Topos, der Ort des Hakens, bestimmt die Interpretation mit. »P.E.N.« - Poets, Essayists,
Novelists - ist ein solcher Haken. Zusammengenommen stehen die drei Buchstaben für die Feder des Schreibenden, einzeln kürzen
sie in fast allen europäischen Sprachen die Begriffe ab, für die sie stehen, im Englischen: poets, essayists, novelists.
P.E.N., eine internationale Vereinigung von Literaten, trägt im neunten Jahrzehnt ihres Bestehens große Brocken Zeitgeschichte
im Gepäck und einen Nimbus, der zuweilen die Spannung zwischen den erklärten Zielen und dem Handeln der Mitglieder überdeckt,
das, was Albert Camus den Zwiespalt zwischen sehnsüchtigem Geist und der enttäuschenden Welt genannt hat.
Die Gründerin dieser Autorenvereinigung, die englische Schriftstellerin Catherine Amy Dawson-Scott, die der Friedensbewegung im und nach
dem Ersten Weltkrieg nahestand, dachte an einen 'Club', wie er unter Freunden damals üblich war, zugleich aber auch an etwas Neues, an
internationale Freundschaften, eine Art Völkerbund der Literaten, "Liga der Nationen".
Catherine A. Dawson-Scott hatte in ihrer sozialen und politischen Umgebung Mentalitäten entdeckt, die der Erweiterung des Horizonts, dem
Experiment und der Begegnung mit Fremden entgegenstanden. Ihre Romane, Erzählungen und Essays sind voll davon. Jeder spielt seine
eingeübte Rolle, die Männer für sich, die Frauen in ihrem Schatten.
Hätten in den Jahren 1914 bis 1918 Frauen in der ganzen Welt ihren Einfluß geltend machen können, so schrieb sie, dann wäre
es nicht zum Krieg gekommen. Gegen Militarismus, Rassen- und Völkerhaß, gegen Resignation und Reaktion hoffte sie, neue Zeichen zu
setzen.
P.E.N. als Institution begann am 5. Oktober 1921 mit einem Dinner, zu dem die damals 56jährige - von Freunden nach einem ihrer frühen
poetischen Stücke »Sappho« genannt - einlud: »real men«, meinte George Bernard Shaw, »and women«,
hoffte Catherine A. Dawson-Scott. Einundvierzig Schriftsteller kamen, darunter John Galsworthy aus Cornwall, der stets für internationale
Verständigung und Frieden gesprochen hatte.
Er wurde der erste Präsident des P.E.N.-Clubs, dessen Initiatorin annahm, er werde sich nach englischem Vorbild in allen Ländern
konstituieren. Tatsächlich gab es auf dem I. Internationalen Kongreß 1923 schon elf Zentren, ein Jahr darauf achtzehn und fünf
Jahre nach der Gründung fünfundzwanzig Sektionen.
John Galsworthy hielt nach den Erfahrungen des Krieges Internationalität, »freundliche Gesinnung« und Ehrlichkeit für die
wichtigsten Bedingungen des Friedens. »Streit und Parteiengeist haben fast die ganze Welt zum Felde; wir bieten dem Gegenteil eine Heimat:
dem Geist gegenseitigen Verstehens und guten Willens.« Hermann Kesten, der die Geschichte des P.E.N.-Clubs von den Anfängen bis in
unsere Zeit - in Deutschland, im Exil und wieder in Deutschland - entscheidend mit geprägt hat, schrieb über den Weggefährten
Galsworthy:
»Offenbar glaubte er, es müßten nur Autoren aller Sprachen Freunde werden und geschworene Bürgen von Frieden und Freiheit,
so müßten ihnen bald alle Völker, ihre Leser, folgen und in Frieden und Freiheit einander wie gute Freunde behandeln.
«Politik aber sollte nach dem erklärten Willen Galsworthys und Catherine A. Dawson-Scotts im P.E.N. keinen Platz haben:
»No politics in the P.E.N.-Club under no circumstances! «
Die von Galsworthy mitformulierte Charta, die jedes Mitglied zu unterschreiben hat, enthält als wichtigste Punkte: Toleranz, Freiheit,
Frieden und Freundschaft. Die Verpflichtung, der Verletzung dieser Grundsätze entgegenzuwirken, rieb sich bald an dem strengen Abstinenzgebot.
Noch ehe das deutsche Zentrum konstituiert war, brachen politische Gegensätze auf. Sollte Gerhart Hauptmann Mitglied werden, obwohl belgische
Schriftsteller ihn wegen seiner Haltung im Krieg ablehnten? Romain Rolland, vom französischen Club unter Anatole France dafür heftig
getadelt, schrieb damals in der Zeitschrift »Europe«, wenn man warten würde, bis alle Verbrechen gesühnt sind, wäre
kein Stein von Europa mehr übrig.
Auf der anderen Seite gab es, vor allem in Deutschland, Kritik an den »noblen« britischen Formen des Clubs, an den jährlichen
Kongressen in schwarzen Anzügen und mit feinem Essen. Die Frage, ob Literatur solchen Glanz brauche oder wie sonst die Achtung voreinander,
»freundliche Gesinnung«, der Wunsch, einander nahe zu sein, verwirklicht werden könnten, kam immer wieder auf.
1926 fand der vierte Internationale Kongreß in Berlin statt. Er war ein literarisches, aber auch ein diplomatisches Ereignis; denn seit
1914 hatte an diesem Ort keine internationale Versammlung mehr getagt. Jüngere deutsche Dichter wie Alfred Döblin, Kurt Tucholsky,
Ernst Toller, Bertolt Brecht stimmten zwar mit Galsworthy überein, daß alle Kunst jenseits der Nationalität stehen muß,
daß es so etwas Törichtes wie das Ausschließen der Bücher, der Musik und der Bilder nicht mehr geben darf; doch sie sahen -
mit Willy Haas, der in der Zeitschrift »Die literarische Welt« gegen die vermeintlich veraltete Institution polemisierte -
zunächst wenig Sinn in dem Zusammenschluß.
Die ersten Vorsitzenden des deutschen Zentrums, Karl Federn und Ludwig Fulda, bemühten sich um die Aufnahme junger Schriftsteller, Fulda
vor allem auch derer, die ihn angegriffen hatten. Er war von ernster, kämpferischer Natur. Freundschaft und Internationalität gingen
ihm vor nationale Interessen; er überzeugte in den Jahren seiner Präsidentschaft durch Toleranz und entschiedene Verteidigung der
zunehmend bedrohten Freiheit. Ernst Bertram, Kasimir Edschmid, Fritz von Unruh, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Josef Ponten, Armin T.
Wegener, Arnold Zweig, auch Döblin und Toller gehörten jetzt dazu, Thomas und Heinrich Mann, Ricarda Huch.
Der Gedanke der Zusammenführung von Schriftstellern, die aus dem Krieg die Konsequenz des unbedingten und dauerhaften Friedens zogen und
Versöhnung suchten, hatte schon 1921 zur Gründung des französischen Zentrums mit Anatole France, Paul Valery, Andre Gide,
Georges Duhamel und des belgischen mit Louis Pierard geführt. 1922 wurden das amerikanische und das schwedische Zentrum gegründet,
1923 das österreichische mit Arthur Schnitzler als Präsident, Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel, Stefan Zweig, Sigmund Freud als
Mitgliedern. 1924 kamen die Niederländer und die Polen dazu.
Nach den Kongressen in Paris und Berlin entstanden viele neue Gruppen, u. a. 1926 in Kroatien, Slowenien, Serbien (die bis 1941 gemeinsam den
Verband der jugoslawischen P.E.N.-Zentren bildeten), Ungarn und Kanada. Das bulgarische Zentrum gibt es seit 1927, ebenso das schottische, das
estnische, das finnische; das lettische besteht seit 1928, das chinesische seit 1930, Japan kam 1935 dazu. Eine stattliche Anzahl in den
bedrängten, von Faschismus, aggressivem Nationalismus und Hitlers Machtergreifung bestimmten Vorkriegszeiten.
Das Prinzip des Appeasement, von den Westmächten noch bis 1938 beibehalten, widersprach der von vielen Schriftstellern, nicht nur in
Deutschland, empfundenen Notwendigkeit, sich zu äußern, die Menschenrechte zu verteidigen.
Die Charta des P.E.N. verlangt das gute Einvernehmen und die gegenseitige Achtung der Nationen. Die Mitglieder sind zur Wachsamkeit aufgerufen:
»Sie verpflichten sich, für die Bekämpfung von Rassen-, Klassen- und Völkerhaß und für die Hochhaltung des Ideals
einer in Frieden lebenden Menschheit mit äußerster Kraft zu wirken.« Das bedeutet auch Verteidigung der Freiheit der
Meinungsäußerung.
Schon wenige Jahre nach Gründung des deutschen P.E.N.-Clubs war nicht nur Entschiedenheit gefordert. Die politische Auseinandersetzung
verlangte klare Worte, Abwehr von Lüge, von Indoktrination und Ideologie, Worte, die Diktatur und Terror benannten, und deutlichen Protest.
Galsworthy starb 1933, Dawson-Scott 1934. Nur zögernd hatten sie der Veränderung des internationalen Freundes-Clubs zu einem Forum
der Einmischung zugestimmt.
Politik war unabweisbar. In Deutschland hieß das: Nationalsozialismus, Verletzung der Menschenrechte, Verfolgung von Juden, Kommunisten,
Intellektuellen, Sinti und Roma, von Unangepaßten, Andersdenkenden, es hieß »Gleichschaltung«, auch des P.E.N.,
Bücherverbrennung, Terror, Emigration, Ausbürgerung, Exil, KZ. Drei Monate nach der Machtübergabe an Hitler, am 24. April 1933,
meldete die Presse eine »Neue Führung im deutschen P.E.N.-Club«, der angeblich in einer Generalversammlung dem
»einmütigen Willen Ausdruck gegeben« hatte, »fortan im Gleichklang mit der nationalen Erhebung zu arbeiten.«
Auf dem Weltkongreß in Ragusa wolle man, so hieß es, »unter bewußter nationaler Führung« auftreten,
»Männer..., die im jahrelangen Kampf der deutschen Freiheitsbewegung bereits bewiesen haben, daß sie berufen sind, deutschen
Geist und deutsche Art zu Geltung und Ansehen zu bringen.«
Unbegreiflichkeiten für heutige Betrachter. Etwa zehn Jahre zuvor hatte Franz Kafka im Gespräch mit Max Brod über Europa und
den europäischen Verfall die Frage erörtert, ob es denn noch Hoffnung gebe. Kafka soll gesagt haben: »Oh, Hoffnung genug,
unendlich viel Hoffnung - nur nicht für uns!«
Alfred Kerr, der Präsident des deutschen P.E.N., hatte schon zwei Wochen nach dem 30.Januar 1933,als der Entzug seines Reisepasses
angedroht war, das Land verlassen; Heinrich Mann, Präsident der Abteilung Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste,
wurde von den Nazis zum Rücktritt gezwungen; der Reichstagsbrand bildete den Vorwand für die totale Reglementierung des geistigen
Lebens. Der P.E.N.-Club war gleichgeschaltet.
Der XI. Internationale P.E.N.-Kongreß in Ragusa-Dubrovnik vom Mai 1933 hatte wider Willen die Politik im Programm, hereingeholt von
der nationalsozialistischen Delegation, die vorgab, unpolitisch zu sein, und alle politischen Gespräche abzuwehren suchte. Der englische
Präsident H. G. Wells und der Generalsekretär Hermon Ould durchkreuzten die Ausweichstrategien des neuen deutschen Vorstandes,
der unter lautem Protest die Konferenz verließ, als der schon emigrierte Ernst Toller das Wort erhielt.
Tollers Rede zeigte eindringlich, wo die Menschenrechte Unnachgiebigkeit verlangen. Auch die deutschen Delegierten hatten einer
Entschließung zugestimmt, daß Dichter ihrer Gesinnung wegen nicht verfolgt werden dürfen: »Was haben Sie getan«,
so Toller, »als die deutschen Schriftsteller Ludwig Renn, Ossietzky, Mühsam, Duncker, Wittfogel, als zehntausend deutsche Arbeiter
ins Gefängnis gesperrt wurden?« Und weiter fragte Toller, was der deutsche P.E.N.-Club gegen die Bücherverbrennung getan habe,
was gegen die Verfolgung von Künstlern wie Bruno Walter, Otto Klemperer, Kurt Weill, was dagegen, daß bedeutende Maler wie Paul Klee,
Käthe Kollwitz, Otto Dix, Max Liebermann nicht mehr in den Akademien sein konnten, was gegen die Verjagung großer Schauspieler,
gegen die schwarze Liste der Literatur?
Ernst Toller klagte nicht das deutsche Volk an, sondern diejenigen, die diesem die Freiheit raubten. »Millionen Menschen in Deutschland
dürfen nicht frei reden und frei schreiben. Wenn ich hier spreche, spreche ich für diese Millionen, die heute keine Stimme haben.«
Und er sprach aus, was viele dachten: »Wahnsinn beherrscht die Zeit. Barbarei regiert die Menschen. Die Luft um uns wird dünner.
Täuschen wir uns nicht, die Politiker dulden uns nur und verfolgen uns, wenn wir unbequem werden. Aber die Stimme der Wahrheit war niemals
bequem... Überwinden wir die Furcht, die uns erniedrigt und demütigt. Wir kämpfen auf vielen Wegen, es mag Wege geben, wo wir
gegeneinander stehen müssen; aber in uns lebt das Wissen um eine Menschheit, die befreit ist von Barbarei, von Lüge, von sozialer
Ungerechtigkeit und Unfreiheit.«
Den Beifall für seine mutige Rede konnte Ernst Toller als Zeichen der Solidarität der internationalen Schriftstellervereinigung mit
den im Exil und den in Deutschland Leidenden werten. Mit ihrem Auszug schloß sich die Nazi-Delegation selber aus. Wenige Monate
später, nach dem Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund, unternahm die deutsche Sektion nichts, was den Verbleib im internationalen
P.E.N. hätte rechtfertigen können. Gleichschaltung und der Ausschluß von Mitgliedern wegen der Zugehörigkeit zu einer
Partei (der Kommunisten oder »von ähnlichen Anschauungen«, worunter der Leiter der Delegation Edgar von Schmidt-Pauli
»verschiedene Schattierungen des Liberalismus« verstand) waren unvereinbar mit der Charta. Die aus Dubrovnik vorzeitig Abgereisten
gründeten eine »Union nationaler Schriftsteller«, die in Hitlers Programm zur »Befreiung der Welt« aufging und
»die kulturelle Persönlichkeit des Vaterlandes« zum Thema machte.
Unterdessen fanden sich die aus Deutschland geflohenen und verjagten Schriftsteller in einem neuen Zentrum zusammen: »Der deutsche P.E.N.
im Exil«.
Diese Gruppe, von Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Rudolf Olden und Max Hermann-Neisse ins Leben gerufen, hatte ihren Sitz in London und wurde
auf dem XII. Internationalen Kongreß bestätigt. Erster Präsident war Heinrich Mann, Sekretär Rudolf Olden.
Die Mitglieder wohnten verstreut, irgendwo untergekommen in England, Frankreich und anderen Ländern Europas, die nicht von deutscher Gewalt
bedroht waren, in Amerika und anderen überseeischen Staaten. Zu ihnen stießen Georg Bernhard, Bernhard von Brentano, Bruno Frank,
Oskar Maria Graf, Klaus Mann, Ludwig Marcuse, Herwarth Walden, Leopold Schwarzschild, Hubertus Prinz zu Löwenstein u. a., später auch
Thomas Mann, Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Anna Seghers, Wieland Herzfelde, Hermann Kesten.
Der erste Antrag dieser Gruppe auf dem Internationalen Kongreß in Edinburgh 1934 galt den in deutschen Konzentrationslagern und
Gefängnissen eingesperrten Publizisten, Carl von Ossietzky, Ludwig Renn, Carlo Mierendorff, vor allem. Der Präsident H.G. Wells rang
sich zu einem deutlichen Wort über die Unausweichlichkeit der Politik durch, und die zum letzten Mal anwesende Catherine A. Dawson-Scott
stimmte der Zulassung der Exil-Gruppe als derzeitig alleiniger Vertretung der deutschen Literatur zu.
Immer noch hoffte Wells auf Kontakte mit Deutschland, auf die Möglichkeit, Menschen verschiedener Auffassung und politischer Richtungen
im P.E.N.-Club in Toleranz und Fairness zu vereinen. Doch schon jetzt waren Mißtöne unüberhörbar. Neben der Woge von
Sympathie und Hilfsbereitschaft für die deutschen Flüchtlinge gab es harsche Kritik. Der Schweizer Delegierte Peter Meyer griff
Ernst Toller »unflätig« an, wie Beobachter vermerkten; die eingeklagte Situation in Deutschland wurde belächelt, Rudolf
Olden bespöttelt und der Redner Emil Ludwig als pathetisch abgetan. Wells hatte nach allen Seiten besänftigend zu wirken.
»Wir sind ein kleiner Club, der keine große Verantwortung auf sich nehmen kann. Ich kann die Welt nicht retten. Wir sind kein
pazifistischer Club.«
Hilflose Beschwörungen. H.G. Wells wollte die Welt umarmen und dabei die Politik aus dem Spiel lassen. Und doch war gerade sein Versuch,
Schriftsteller aus der Sowjetunion für den P.E.N. zu gewinnen, politischer Natur, genauso wie seine Einmischungen in die Debatten, auf
der Seite von Ernst Toller, der in Dubrovnik gesagt hatte: »Wer glaubt, daß neben der Gewalt auch moralische Gesetze das Leben
regieren, darf nicht schweigen.«
Alle schrieben gegen die Schwierigkeiten an, im fremden Land mit fremder Sprache zu leben. Dennoch entstand Literatur. Das ferne Deutschland,
die Utopie einer anderen Welt, hatte seine Sprache.
Die politischen Ereignisse - Völkerrechtsverletzungen, Beseitigung des Schutzes des Personenrechts, Gebietsbesetzungen, Kriegsvorbereitungen
und der offenbare verbrecherische Charakter von Faschismus und Nationalsozialismus - machten den »Zwang zur Politik« (Thomas Mann)
für den P.E.N. unverrückbar. Man setzte noch Hoffnungen auf die internationalen Kongresse, wo die »fordernde Meinung der
Welt« postuliert wurde. Doch es wurde immer schwieriger, Exil-Schriftsteller als Delegierte zu diesen Kongressen zu schicken. Das Geld
dafür war nicht da, und berechtigte Furcht vor Entführung nach Deutschland und sonstiger Gewalt hielt die meisten an ihrem
Zufluchtsort.
Auf dem Kongreß in Paris 1937 drückte die Nachricht von der Erschießung Federico Garcia Lorcas die Stimmung. Ratlose
Vorschläge zuerst und dann doch eine Protestresolution. Nach Prag wagten Heinrich Mann und Ernst Toller 1938 nicht mehr zu gehen.
Ernst Bloch berichtete resigniert von Bedrängnis und Angst. 1939, beim Treffen anläßlich der Weltausstellung in New York,
richtete die Versammlung dringende Appelle an die Regierungen der Welt, den Krieg zu vermeiden. Thomas Mann hielt eine Rede über
Humanität und Kultur und die Versäumnisse des alten Deutschland, diese Begriffe miteinander und mit dem Wort Freiheit zu verbinden.
Ernst Tollers Verzweiflung war grenzenlos. Sein Freund Erich Mühsam war ermordet worden und Carl von Ossietzky an den Folgen seiner
KZ-Haft gestorben, der Frieden war nicht mehr zu retten. Die frühere Zuversicht (»Selbst Diktaturen fügen sich der Meinung
der Welt!«) hatte ihn gänzlich verlassen. Er war nicht der einzige, den diese tristesse du coeur umbrachte.
Hubertus Prinz zu Löwenstein gründete eine Hilfsorganisation für Flüchtlinge, die »American Guild of Aid for
German Cultural Freedom«. Sie besorgte Geld, vergab Stipendien und half, wo es nötig war. Rudolf Olden, der stets geduldige,
aufmerksame Sekretär, arbeitete von London aus ehrenamtlich mit, ebenso engagiert wie für die von Heinrich Mann geleitete
»Volksfront«. Daneben gab es den wiederbelebten Schutzverband deutscher Schriftsteller und mehrere andere Gruppen mit
Hilfsprogrammen. Der »Europäische P.E.N. in Amerika« wurde gegründet.
Rudolf Olden war die Seele des deutschen P.E.N. im Exil. Er beantwortete jeden Brief, herzlich teilnehmend, fürsorglich,
ausführlich, humorvoll bisweilen und immer hoffnungsreich. Ein sensibler, liebenswerter Mensch und scharfer Kritiker dazu.
Sein anonym in Prag erschienenes Buch von 1933 mit dem Titel »Hitler der Eroberer« hatte ihn weltberühmt gemacht
und zum Flüchtling. Man durfte in Deutschland nicht sagen, daß der »große« Führer nur Terrain
besetzte, das andere für ihn geöffnet hatten.
Ohne Büro, ohne Mittel, ohne Organisation beschaffte Olden Geld, Visa, Ausweise (Mitgliedsausweise des Internationalen P.E.N.
erwiesen sich manchmal als lebensrettend); er suchte Gastfamilien, Wohnungen, vermittelte Kontakte, war immer da und hielt die Gruppe
zusammen - ein Stück Verläßlichkeit in der tiefgreifenden Unsicherheit, die Hannah Arendt später als
»Verlassenheit« beschrieb, ein Grundgefühl im Totalitarismus.
Der Ausbruch des Krieges und der Eintritt Englands in ihn traf Olden hart. Er war eine Zeit lang interniert. Friedrich Burschell wurde
sein Nachfolger. Rudolf Olden konnte dann auf einem Flüchtlingsdampfer nach Amerika abreisen, aber das Schiff wurde von einem
(vermutlich deutschen) U-Boot Torpedo getroffen und sank.
Schriftsteller sind leicht versucht, das Fenster zu schließen. Sie brauchen Ruhe, Konzentration. Aber Frieden und Schönheit
sind nicht alles. Sie müssen das Fenster offen halten zur Wahrnehmung der Welt, müssen das Elend ertragen, die Schreie,
das Kriegsgetöse. Wie soll eine Vision entstehen, wenn nicht aus Kenntnis der Realität? Solche Fragen beschäftigten
den Londoner Kongreß von 1941.
Arthur Koestler sprach von der Notwendigkeit, den Elfenbeinturm zu verlassen. Andere Versuchungen wie: sich weit hinauslehnen und
mitschreien oder das Fenster halb offen, halb geschlossen zu halten oder alles zu akzeptieren, beschäftigten die Versammlung.
Was soll, was kann der einzelne tun? Und was der P.E.N.? Was wird nach dem Krieg sein? Das »J'accuse!« früherer
Zeiten? »Rigoroses Durchgreifen«, wie Alfred Kerr für Deutschland vorschlug, weil er die Wiederkehr des Gleichen
fürchtete?
Daß dem P.E.N. als universalem Zentrum nach dem Krieg eine besondere Rolle zufallen würde, darüber war man sich
einig. Schriftsteller aber seien keine »Führer des Wortes«, hieß es; sie haben zu sagen, was ist,
»wie die Gesellschaft als ganze aussieht«, so John Dos Passos. Rebecca West sprach von der Unfähigkeit, Sieger
zu sein, weil das Opfer Aufmerksamkeit fordert. Es komme auf eine Vision an.
»Wenn der Geist verhungert, verreckt die Welt«, hatte zwei Jahre zuvor Arnold Zweig an Rudolf Olden geschrieben. Der
Abwehr des Faschismus und der Freiheit des Geistes hatten alle Anstrengungen zu gelten. Erika Mann, Wilhelm Wolfgang Schütz,
Richard Friedenthai und andere machten sich Gedanken über Erziehung im Nachkriegsdeutschland. Nicht Entwaffnung oder
wirtschaftliche Sicherheit sei notwendig, sondern die Abkehr von Krieg und Aggression.
»Wir müssen sie von solchen Gedanken befreien«, meinte Erika Mann über die Deutschen, während andere der
Bestrafung das Wort redeten. Franz Borkenau, Wilhelm Sternfeld, Martin Beheim-Schwarzbach besprachen sich mit Thornton Wilder,
J. B. Priestley, Salvador Madariaga, Jules Romains und H. G. Wells. Die Wirkung der Reden deutscher Exilautoren wurde gewiß
nicht überschätzt; ihre Bemühung um eine eigene Satzung unter dem Titel »Deutscher P.E.N.-Club« enthielt
Sorge und Hoffnung. Man dachte durchaus an das Ende des Krieges und an Rückkehr.
Im Jahr 1946 wurde dann in Stockholm über die Wiedereinrichtung des deutschen P.E.N. verhandelt. Die Literatur des Exils kehrte
aber nur zu einem Teil zurück. Wilhelm Sternfeld und Richard Friedenthai waren unermüdlich. Kontakte mit den im Land
Gebliebenen, mit Bergengruen, Kästner, Johannes Tralow, Ernst Wiechert und anderen bahnten sich an. Nicht immer waren die
Gespräche einfach und friedlich. Werner Bergengruen erfaßte sogleich das Hauptproblem: es sei wichtig, meinte er,
daß in Deutschland die Exilierten als »die legalen Träger« der ehemaligen deutschen Organisation anerkannt
würden.
Vorerst sollte die Londoner Gruppe Heimat für alle deutschschreibenden Schriftsteller im Ausland sein.
Viele warteten ab, manche trauten dem Frieden nicht, der ja auch noch lange keiner war.
Auf dem XX. Internationalen P.E.N.-Kongreß in Zürich hielt Thomas Mann eine beschwörende Rede, in der er mahnte,
die humanistischen Kräfte in Deutschland nicht zurückzustoßen. 1948 wurde dann in Kopenhagen das deutsche Zentrum,
dessen Wiedereinrichtung einstimmig beschlossen war, mit dem Ehrenpräsidenten Thomas Mann, den Präsidenten Alfred Kerr,
Hermann Friedmann, Johannes R. Becher, mit Friedrich Wolf, Wilhelm Sternfeld und Richard Friedenthai im Vorstand vorgestellt.
Nach dem Tod von Alfred Kerr wählte die konstituierende Versammlung in Göttingen im November 1948 einen neuen Vorstand:
als Präsidenten Hermann Friedmann, Johannes R. Becher, Ernst Penzoldt; als Sekretäre Erich Kästner,
Rudolf Schneider-Schelde. Die Vereinigung erhielt den Namen »P.E.N.-Zentrum Deutschland, Sitz München«. Sie
verstand sich als »das erste große internationale Friedenswerk nach dem Kriege«.
Auch die Umbenennung des Exil-P.E.N. in den »P.E.N.-Club Deutscher Autoren im Ausland«, Sitz London, brachte eine
leidvolle Geschichte in eine hoffnungsvollere Phase. Dennoch blieben viele der im Exil lebenden Schriftsteller Deutschland fern. [...]
© Christa Dericum, P.E.N. Deutschland
|