P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
Luxemburg — Traum und Wirklichkeit
Bericht von der Jahrestagung des Deutschen PEN
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
hier nun unser Bericht von der Jahrestagung des Deutschen PEN Zentrums, die vom 10. — 13. Mai in Luxemburg stattfand.
Thema der Tagung war „Europa — Traum und Wirklichkeit“, wobei hauptsächlich der Verlust des schönen
Traumes beweint und die harte, von Marktwirtschaft geprägte
Wirklichkeit beklagt wurde. Der ungarische Schriftsteller
György Dalos brachte es in einer Debatte folgendermaßen auf den Punkt:
„Wir haben die Mongolen überlebt, wir haben die Osmanen überlebt, die Partnerschaft in der k.u.k Monarchie
ebenso, wie die unserer brüderlichen Besatzer aus der Sowjetunion — die freie Marktwirtschaft werden wir auch noch
überleben.“
Die üblichen Höhe– und Tiefpunkte der Vereinspolitik: Das Präsidium des Deutschen PEN wurde beinahe komplett
wiedergewählt, beinahe, weil Karin Clark ihre Tätigkeit im Vorstand beendet hat und ihr Engagement für Writers in
Prison nur mehr auf internationaler Ebene weiterführen wird.
Statt ihrer wurde auf ihren Vorschlag hin Katja Behrens als
Vizepräsidentin und Writers–in–Prison–Beauftragte des Deutschen PEN in den Vorstand gewählt. Wir
gratulieren den neu hinzugewählten Mitgliedern des deutschen PEN-Vorstandes ebenso, wie den erneut im Amt Bestätigten
und wünschen ihnen allen eine debattenreiche, aber vor allem fruchtbare Amtszeit.
Desweiteren hat der Deutsche PEN nun 17 neue Mitglieder, darunter auch unser Mitglied Feridun Zaimoglu.
Die Plenumsdebatten zu den verschiedenen Anträgen verliefen zeitweise stürmisch, es ging unter anderem um die Intention
des deutschen Innenministeriums, sich staatlich legitimiert in die Computer von Verdächtigen einzuhacken, um deren Festplatten
zu untersuchen, und die überaus bereitwillige Handlangerschaft des Internetunternehmens Yahoo bei der Identifizierung von
„staatsgefährdenden“, chinesischen Bloggern.
Geradezu tragikomisch mutete das Beklagen des Jugendmangels innerhalb des Deutschen PEN an, da zur Lösung
dieses Problems auch die Bildung einer Arbeitsgruppe
vorgeschlagen wurde, um es mal von allen Seiten betrachten zu können
— nur vermutlich nicht gerade von der jugendlichen Seite...
Unser Zentrum war während der Tagung mit bis zu vier Personen vertreten: Georges Arthur Goldschmidt, unser neues Mitglied
Reinhard Klimmt, Nadine Englhart und Peter Finkelgruen (unterstützt von seiner Frau Gertrud Seehaus, die Mitglied des
deutschen PEN ist).
Sehr angenehm und interessant im Verlauf der Tagung war das, was von manchen Mitgliedern als die „Re–Literarisierung“
des deutschen PEN–Zentrums bezeichnet wurde. Besonders der Samstagabend mit Stegreiflesungen und Vorträgen der Mitglieder,
ebenso wie die Lyrikmatinee am Sonntagvormittag, bewiesen, daß es doch um mehr als nur Plenumsdebatten und Wahlen geht: hier
waren vor allem Schriftsteller und Dichter versammelt, auch wenn das manchmal dem Vergessen anheimzufallen droht.
Als herbe Enttäuschung befanden viele der Tagungsteilnehmer die oftmals demonstrierte Ungastlichkeit gewisser Luxemburger, angefangen
mit dem Servieren von lediglich ein bißchen Knabberzeug
am ersten Nachmittag und der Mitteilung dass die angekündigte
Ansprache des Ministerpräsidenten Juncker wegen Krankheit (die wohl unmittelbar der vorangegangenen Sitzung des luxemburgischen
Parlaments folgte) ausfallen würde. Das erste Buffet gab es am letzten Abend, ansonsten war man gezwungen, auf Brasserien und
Junk–Food auszuweichen.
Befremdlich war vor allem auch die Tatsache, dass am Veranstaltungsort, der Abbaye de Neumünster (einem einstmaligen
Gestapo–Gefängnis), festlichen Gelagen diverser Banken und Versicherungen, die im überdachten Innenhof der
Abbaye stattfanden, absoluter Vorrang gegenüber der Veranstaltung des Deutschen PEN eingeräumt wurde. Eher minder
höflich wurden wir aufgefordert, Seitentüren zu benutzen, Aufzüge wurden selbst für Behinderte abgestellt,
Toiletten verschlossen und am Samstagabend kehrte man uns gar zum „Accès Service“ hinaus, damit die dinierenden
Versicherungsmanager durch den Anblick Kulturschaffender nicht verwirrt würden.
So bekamen das Motto der Tagung und die Bemerkung von György Dalos eine unerwartete Konkretisierung: Europäische
Kulturpolitik ist mehr Traum als Wirklichkeit, aber immerhin — Luxemburg haben wir auch überlebt.
Peter Finkelgruen
Nadine Englhart
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