P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
Die erste Begegnung mit Irene
Ein persönlicher Nachruf
auf Irina Frowen (1915–2007)
von Deborah Vietor–Engländer
Man ist 18 Jahre alt und im ersten Semester, sehr nervös, sehr naiv, sehr ängstlich in der neuen fremden Welt der Universität. Alle in unserem Studienjahr (etwa 20 Studenten) hatten die Aufgabe, vor Studienbeginn den Zauberberg zu lesen und ein Referat darüber zu schreiben, in der ersten Woche mitzubringen, was die Angst nur verstärkte. Wenn das so ist für junge Briten, die Germanistik als Hauptfach studieren, halte ich das überhaupt durch? Schulabschluß im Juli und den ganzen Sommer in österreich gejobbt und an diesem Referat gearbeitet.
Und dann gleich zu Studienbeginn Altsächsisch, Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch, womit man überhaupt nicht klarkam. Aber es gab die Tutorials. Gottseidank. Eine Gruppe bei Irene (damals immer Irene und nicht Irina, der neuen englischen Heimat angepaßt) und eine Gruppe bei jemandem, der mich nicht auslachte, als ich bei unserer Lektüre von Hochhuths Stellvertreter (in diesem ersten Semester) die Abkürzung KDW ernsthaft mit Kaiserliche Deutsche Wehrmacht erklärte.
Er fragte nur, ob ich jemals in Berlin gewesen sei (nein) und fügte hinzu: unlogisch, die Wehrmacht sei zu dieser Zeit nicht mehr kaiserlich gewesen. Ich erzählte es sofort Irene, (die es von ihrem Kollegen schon wußte, sie hatten sich sehr darüber amüsiert) und sie beruhigte mich, ich hätte mir ja doch die Mühe gemacht, nachzusehen und wer Berlin nicht kenne… Es war vor allem das Gespräch, für mich war sie vom ersten Tag an die Ansprechperson, diejenige, zu der man einfach kommen konnte, der man sich anvertrauen konnte, wo man sich nie blamiert fühlte.
Im Gegenteil, sie war für mich wie ein Stück Zuhause in der Universität, ich hatte einen passionierten Goethe– und Rilke–Leser als Vater, der Kafka gekannt hatte. Der konnte dann auch mal zur Universität kommen und sich mit der Abteilungsleiterin und mit Irene unterhalten. Irene kannte die Welt der Exilanten, in der ich aufgewachsen war, aber für sie wie für uns spielte England und England als neue Heimat eine große Rolle. Stephen, ihr Mann, war 1956 britischer Staatsbürger geworden. Bei uns zu Hause wurde England selten kritisiert, man war dankbar für die Aufnahme.
Sie verstand die Dankbarkeit. Sie war als 5jährige aus Moskau nach Berlin gekommen und dann 1938 23jährig von Berlin nach England weitergeflohen, mein Vater ein Jahr später 50jährig aus Prag. Sie hatte zu Kriegszeiten schon in University College studiert und erzählte davon, wie das Studium in der Evakuierung in Wales gewesen sei, wie anders als das Studium in Deutschland. Sie erweiterte unseren Horizont in behutsamen Gesprächen, präsentierte oft in der Gruppe ein Potpourri an Texten aus verschiedenen Jahrhunderten und ließ uns herausfinden, wo und wem sie zuzuordnen seien, es waren literarische Entdeckungsreisen, auf die sie uns schickte. Und es gehörte zu meinen schönsten Abenden, wenn ich bei der Familie in der Gurney Drive, bei Irene, Stephen, Michael und Tania sein konnte.
So blieb es auch nach dem Studium, ich ging nach Deutschland und besuchte sie sowohl in London als auch, wenn sie in Deutschland war. Die ersten Anzeichen der physischen Gebrechlichkeit merkte ich ihr an, als sie in einer Klinik in Bad Neuenahr lag, nach dem verheerenden Brand in einem Haus in Deutschland, wo Stephen ihr das Leben gerettet hatte, weil er sie die brennende Treppe herunterschleppte. Aber geistig war sie trotz der schmerzhaften Verbrennungen so rege wie eh und je. Als sie später nicht mehr sehen konnte, führten wir endlose Telefongespräche und ich schickte Hörbücher. Kürzlich erhielt ich eins und dachte sofort, ich muß es für sie kopieren. Aber sie ist nicht mehr da, es ist nur noch die unendliche Lücke und eine Welle der Dankbarkeit.
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