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Lothar Schmidt-Mühlisch (1938–2007)

Der Publizist und Theaterkritiker Lothar Schmidt-Mühlisch verstarb im September 2007 in Bonn nach langer, schwerer Krankheit. Die ihn kannten, erinnern sich an die Tapferkeit, mit der er sein Jahrzehnte währendes Leiden überwand und sich seiner Arbeit widmete, an die Klarheit und frische Vorurteilslosigkeit seiner Texte, an seine immense Leistung als leitender Redakteur der Welt und vor allem an seinen Humor. Als ich Schmidt-Mühlisch zum ersten Mal sah, war er bereits an den Rollstuhl gebunden und schwer behindert, und doch wurde dieses Treffen im Berliner Grand Hotel einer der amüsantesten Abende meines Lebens.

Schmidt-Mühlisch, 1938 in Finsterwalde geboren, floh als junger Mann unter abenteuerlichen Umständen aus der DDR in den Westen. Später hat er anderen, die mit dem kommunistischen System in Konflikt gerieten und in den Westen kamen, nach Kräften beigestanden. Er studierte und begann zu publizieren, danach war einige Zeit Direktor eines Theaters, zog es dann jedoch vor, den modernen deutschen Theaterbetrieb von aussen zu betrachten, als Theaterkritiker, etwa in seinem Buch Affentheater — Bühnenkrise ohne Ende. Seit den siebziger Jahren schrieb er vor allem in der Welt, deren Feuilletonchef er von Mitte der Achtziger bis Mitte der Neunziger Jahre war. Ich habe schon damals bewundert, wie er trotz seiner schweren Krankheit die Kraft aufbrachte, eine grosse Redaktion zu leiten, die Arbeit zahlreicher Journalisten und Autoren zu koordinieren, Vater von vier Kindern zu sein, seiner Frau eine Stütze, seinen Freunden ein immerwacher Gesprächspartner, und ausserdem noch Bücher zu schreiben und ungezählte Artikel und Kritiken.

Von unverwüstlichem Lebensmut, voller Weisheit und unvergesslicher Geschichten, unerschütterlich in seinem Humanismus, war Lothar Schmidt-Mühlisch Zeit seines Lebens ein Beispiel für geistige Tapferkeit und aufrechte Haltung. Er selbst nannte sich einen „anhaltend aufsässigen Charakter”. Die ihn gut kannten, werden ihn nicht vergessen, seinen Mut, seine Güte, seinen Witz, das „Trotzdem”, unter dem sein Leben stand.


© Chaim Noll, 2007

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