P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
Wiedersehen in Berlin
von Nadine Englhart
In Berlin braucht man nicht lange zu laufen, um über die deutsche Geschichte und deutsche Geschichten zu stolpern, sie lauern hinter jeder Ecke, und irgendwann hört man auf, sich zu erschrecken, ja, man lernt, mit einem gewissen Gleichmut hinzunehmen, daß Berlin niemals endet und wenn, dann lange nach der deutschen Geschichte und so könnte es weitergehen, bis in alle Ewigkeit.
Im vor Historie und Histörchen quasi aus allen Nähten platzenden Bezirk Berlin–Mitte steht das Brecht–Haus, in welchem Bert Brecht und seine Lebensgefährtin Helene Weigel bis zu ihrem Tod lebten. Die beiden wurden auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof begraben, auf dem auch der erste Präsident unseres Zentrums, Heinrich Mann, und noch weitere Personen, die zu Lebzeiten Mitglieder unseres PEN waren, liegen. Sie waren hinaus in die Welt gegangen und landeten letztendlich doch wieder in Berlin – oder zumindest in Rufnähe.
Der Zugang zu diesem Teil unserer fünfundsiebzig Jahre wird von einem sehr schön gearbeiteten schmiedeeisernen Tor verschlossen, dessen Gitterstäbe in lanzenähnlichen, vermutlich ausgesprochen tödlichen Spitzen enden, der Rest des Grundstücks ist von hohen Mauern und Zäunen umschlossen, die meisten davon schwer oder gar nicht zu überklettern, vielleicht, damit denen da drinnen am Ende nicht auch noch einfällt, aufs Neue zu emigrieren.
Vor diesem Tor, auf der falschen Seite, also innerhalb des Friedhofs, zur falschen Zeit, also lange nach der offiziellen Schließung, die von einem Glöckchen hätte signalisiert werden sollen, stehen zwei Personen, sie möchten gerne hinaus. Es ist eine Abordnung der Lebenden des PEN Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, die Abordnung friert, sie hätte jetzt gerne einen Kaffee, sie quengelt und hat wenig Lust, über Nacht auf dem Friedhof zu bleiben.
Man erwägt kurz, Hochhuth und Dehm, die nebenan bei Brechts im Hof wahrscheinlich immer noch über Gott, die Welt und den Mossad schwadronieren, auf den Biergartentisch zu hüpfen, kommt jedoch schnell davon ab. Es würde doch nur wieder eine von diesen unglaubwürdigen Berliner Geschichten daraus.
Nach einigem Suchen klettert man über einen Zaun im rückwärtigen Bereich, der für derartige Fluchten wie gemacht scheint, winkt noch einmal kurz den Geistern der vergangenen siebeneinhalb Jahrzehnte zu und entschwindet durch die Hinterhöfe zu Kaffee und Keksen, eingenommen auf pinkfarbenen Styroporsofas, und denkt bei sich, wie passend, man flüchtet über Zäune aus Friedhöfen und landet doch wieder in Berlin, das ist und das sich vom Gewesenen kaum beeindruckt zeigend dem Peripherie–Bewohner präsentiert, als Nebeneinander, Aufeinander, Gegeneinander und Übereinanderher.
Man bestaunt die Neue Synagoge, in gebührendem Abstand, denn sonst werden die vier Vertreter der zweifelhaften deutschen Gerechtigkeit, Berliner Polizeibeamte, nicht befugt, das Tor zu öffnen und auch nicht, jemanden für länger Zeit hinter der Absperrung verweilen zu lassen, nervös. Sie bewachen die Überreste jüdischen Lebens in Deutschland vor der deutschen Normalität.
Kurz darauf flaniert man an den zahlreichen Prostituierten auf der Oranienburger Straße vorbei, wenigstens unterscheiden sich bisweilen die verwendeten Haartönungen, und betrachtet sie, den kleinen Drogendealer, die vergeblich Kunst Schaffenden, die gerechten Gojim, die touristenabfütternde Großgastronomie und die Touristen bei der Arbeit, kleine Rädchen, in einem Geschichte und Geschichten produzierenden Räderwerk, wie man selbst, vor der großen Fassade Berlin.
Am nächsten Abend sitzt man wieder bei Brechts im Hof, nach der Lesung, nach der Einführung durch Hans–Christian Oeser, nachdem Gabrielle Alioth leichtfüßig durch die Anthologie gestreift ist, und nach einer Lesung von Anthologietexten, vorgetragen von Peter Finkelgruen, Renate Ahrens und Lutz Rathenow. Man unterhält sich, noch ein bißchen beduselt vom Apéro, einem exzellenten Weißwein, den man der Schweizerischen Botschaft verdankt.
Am Vormittag ist man kurz in einer anderen Legende zu Gast gewesen, im ehemaligen RIAS–Gebäude, der vormaligen „Stimme der freien Welt“, wo Peter Finkelgruen dem Deutschlandradio Kultur ein Interview (Link zur Audio-Datei) gegeben hat und die Zähigkeit dieses Zentrums, das in den fünfundsiebzig Jahren seines Bestehens trotz aller Bemühungen nicht totzukriegen war, mit einem Bericht (Link zur Audio-Datei) gewürdigt worden ist, der sehr kurz war, und das mußte er sein, denn wenn man auch nur über einen Teil der Personen nachdenkt, die in den siebeneinhalb Jahrzehnten in diesem Zentrum ein– und ausgegangen sind, schwirrt einem der Kopf vor Geschichten, dann schluckt und verdaut einen die Geschichte und spuckt einen wieder aus, als Randnotiz Berliner Historie.
Auch dieser Abend endet, wird falsch zusammengesetzt erinnert werden, verdichtet sich zur Randnotiz, man wankt zurück zu seiner Unterkunft, man haut sich ins Bett und man weiß, man kann rennen, so weit man will, am Ende wird man der Geschichte nicht entkommen, am Ende landet man doch wieder in Berlin.
© 2009 Nadine Englhart
Die Beiträge von Deutschlandradio Kultur sind auf der Website des Senders als Transkripte erhältlich: Link zum Interview mit Peter Finkelgruen, Link zum Bericht von Michael Opitz
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