P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
Bericht zur Tagung
"Vor 40 Jahren: Der 'Prager Frühling' und seine Folgen"
in Dresden vom 3. bis 7. September 2008
„In Deutschland besteht mehr Interesse an diesem Thema als in der Tschechischen Republik.” Diese Aussage der Direktorin des tschechischen Zentrums in Dresden zu Beginn einer gemeinsamen Tagung des tschechischen PEN, des Pen Zentrums der Schriftstellerinnen und Schriftsteller im Exil deutschsprachiger Länder sowie unseres PEN Zentrums mag so manchen überrascht haben. Sie wurde aber von den zahlreichen tschechischen Teilnehmern dieser Tagung bestätigt.
Sie sind nach Dresden gekommen, um über ihre Erinnerungen zu berichten und ihre Sichtweisen darzulegen. Hier bekamen sie eine Bühne. Eröffnet wurde die Tagung mit Alena Wagnerovas exzellenten Vortrag über Leben und Werk der tschechischen, aber auf Deutsch schreibenden Schriftstellerin Libuse Monikova, dessen inhaltliche Qualität und Engagement sich absetzte von der auffälligen thematischen Unzulänglichkeit, welche die Leitung des tschechischen Zentrums zeigte. Das mag eben etwas mit dem Eingangszitat zu tun haben...
Diese in Tschechien vorherrschende Sicht der Dinge wurde auch durch Ludwig Vaculik, den Verfasser des „Manifests der 2000 Worte” bestätigt, der in seiner Botschaft an die Tagung berichtete, dass der Prager Frühling in der heutigen tschechischen Republik lediglich als Richtungskampf unterschiedlicher Fraktionen innerhalb des Kommunismus betrachtet werde.
Es war eine traurige Botschaft, welche da aus der Stadt an Moldau kam und die nahelegte, daß die auf den Prager Frühling folgende „Zeit der Wunden”, welche unser Präsident Günter Kunert in seiner Grußbotschaft an die Tagung beschrieb, wohl noch nicht aufgehört hat. Über diese Wunden zu berichten, so Kunert, kann am ehesten Schriftstellern gelingen.
Aufmerksamkeit erregte auch der neugewählte Ministerpräsident des Landes Sachsen, Stanislaw Tillich, ein Sorbe, der seine Rede vor den Versammelten demonstrativ auf Tschechisch begann. Er spannte den Bogen seiner Erinnerung von 1968 zu 1989, indem er die Bedeutung, die der Prager Frühling sowohl für die Wende in Deutschland als auch für die samtene Revolution in der Tschechoslowakischen Republik hatte, beschrieb. Dieser Zusammenhang wurde im weiteren Verlauf der Tagung von den verschiedenen Referenten wiederholt betont und in den Vordergrund gestellt.
In einem Vortrag über Schriftsteller und die Freiheit richtete der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum nach einer kurzen historischen Retrospektive die Aufmerksamkeit seines Publikums auf die vielfältigen Gefahren, welche die Freiheit in Gegenwart und naher Zukunft bedrohen. Er betonte dabei, wie die digitale Revolution und der damit einhergehende Datenhunger des Staates die Freiheit des Einzelnen einzuschränken drohen und forderte vor allem die Schriftsteller zur Wachsamkeit und Engagement auf.
Die Beiträge jüngerer Referenten, wie Dr. Konstantin Herrman von der Sächsischen Landesbibliothek über „Sachsen und den Prager Frühling”, sowie des NDR-Redakteurs Dr. Claus Röck über den Geheimsender Radio „vltava”, welche über die direkte und indirekte Mitwirkung der DDR an den damaligen Vorkommnissen berichteten, fanden meine besondere Aufmerksamkeit. Beide wiesen auch auf den Zusammenhang mit einem anderen Jahrestag hin – die Besetzung der Tschechoslowakischen Republik 1938 durch Deutschland und die entscheidende Rolle der Sudetendeutschen, die dann auch 1968 zum Zuge kamen.
Der Zusammenhang zwischen diesen beiden historischen Ereignissen, dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes 1968 und dem der deutschen Truppen dreissig Jahre später, klang auch am letzten Abend der Tagung in den Gedichten des Ivan Blatny an, die von Gertrud Seehaus vorgetragen und von ihr mit einer kurzen Einleitung über die Biographie dieses tschechischen Dichters versehen wurde.
Dieser letzte Abend, an dem auch Jiri Dedecek, der Vorsitzende des tschechischen PEN Gedichte und Chansons aus eigener Feder vortrug, hat erfreulicherweise ein junges Publikum angezogen – so daß man die Hoffnung, daß die ewigen Verdränger in Deutschland und in Tschechien keine Dauererscheinung bleiben, weiterhin nähren kann.
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