P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
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Joseph Hahn
(* 1917 — † 2007)
Der Vorstand des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland hatte im April 2009 beschlossen, dem exilierten Dichter und Künstler Joseph Hahn in Ansehen seiner schriftstellerischen Verdienste die Ehrenmitgliedschaft zu verleihen. Joseph Hahn hätte von seiner Lebensgeschichte, seiner Lebenshaltung und seinem lyrischen Werk her sehr gut in unser Zentrum gepaßt. Seine Aussage “Meine Wurzeln sind in der Luft” hat für viele von uns Gültigkeit. Nun mußten wir zu unserer großen Betrübnis erfahren, daß Joseph Hahn bereits im Jahre 2007 verstorben ist. Zwar sieht unsere Satzung eine postume Mitgliedschaft nicht vor, doch in Anbetracht der Tatsache, daß unsere Entscheidung bereits gefallen war, haben wir sehr gern den Vorschlag seines Nachlaßverwalters, Prof. Wolfgang Mieder, aufgegriffen, Joseph Hahn die ihm zugedachte Ehrung auch nach seinem Ableben noch zukommen zu lassen.
Joseph Hahn war einer der letzten Vertreter jener glanzvollen, von den Nazis für immer vernichteten deutsch-jüdischen Kulturepoche, deren berühmtester Exponat Franz Kafka war. Geboren wurde er am 20. Juli 1917 im südböhmischen Bergreichenstein (heute Kasperské Hory. Auf den Vater, der Kunst und Geometrie unterrichtete und mit dem Zionismus liebäugelte, führte Joseph Hahn seine Passion für das Zeichnen zurück. Seiner Mutter, die seit einer schweren Erkrankung im Rollstuhl saß, verdankt er die Liebe zur deutschen Sprache, seiner “Muttersprache” im besten Sinne des Wortes. Nach dem Abitur ging der junge Mann 1935 zum Kunststudium nach Prag; an der Akademie der Bildenden Künste begegnete er Peter Weiss, wie er literarisch und künstlerisch gleichermaßen begabt. Nach dem deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei konnte Peter Weiss 1939 nach Schweden fliehen. Joseph Hahn gelang die Flucht nach England, seine Eltern dagegen starben im Konzentrationslager.
Nach Jahren der Entbehrung – Hahn verdingte sich als Fabrikarbeiter und Bauernknecht – konnte er in Oxford sein Kunststudium fortsetzen. Da er in einem mehr als örtlichen Sinn seine Heimat verloren hatte, gab es für ihn keine Rückkehr in die alte Welt – noch vor Kriegsende, im April 1945, emigrierte er weiter in die USA, wo er seine Jugendfreundin Olga Kleinmünz heiratete und sich ganz der Kunst verschrieb. Als seine Frau 1949 an multipler Sklerose erkrankte, verdiente Joseph Hahn das dringend benötigte Geld als Retuscheur in einem Fotostudio. Dieser Brotberuf, den er fast sein ganzes Arbeitsleben lang ausübte, und die Härten des Alltags ließen nur wenig Raum für Schreiben und Zeichnen. Weil er überdies ein akribischer Arbeiter mit höchsten Ansprüchen an seine Kunst war, blieb sein Gesamtwerk schmal.
1989 zog Joseph Hahn aus New York fort, mit seiner zweiten Frau, der Malerin Henriette Lerner, lebte er in einem Haus in in Middlebury im amerikanischen Bundesstaat Vermont, wo ihn die Landschaft an die böhmischen Wälder seiner Kindheit erinnert haben mag. Auch nach über sechzig Jahren Exil schrieb er in seiner deutschen Muttersprache. Am 31. Oktober 2007 starb Joseph Hahn im Alter von neunzig Jahren. Etwa ein Jahr spaeter verunglückte seine Witwe und starb an den Folgen eine Autounfalls.
Hahns zeichnerisches Werk hat bislang größere internationale Anerkennung gefunden als die Gedichte und die kurzen Prosatexte. Der poetische Fundus, aus dem er schöpfte, die Themen, die ihn beschäftigten, erinnern an Paul Celan, wie er ein Überlebender, dessen Eltern “in der Gottesfinsternis” umkamen. Für beide Dichter war die Vernichtung der Juden in Europa die alles überschattende Erfahrung. Durch sie wurde Joseph Hahn zum warnenden Mahner, der in der atomaren Bedrohung der Welt eine Fortsetzung jener Katastrophe befürchtete.
Seine apokalyptischen Bilder hat Joseph Hahn als “Trauermantel der Lebensbejahung” bezeichnet. “Inmitten des unerbittlichen Gewoges aus Gier und Geistesentgleisung” bestehe die Aufgabe der Dichtung darin, Tod und Gefahr abzuwenden. Für ihn war die Kunst kein ästhetisches Spiel, sondern ein Beitrag zur Rettung der Welt, Ausdruck einer “von allen Dogmen emanzipierten Ehrfurcht vor dem Leben”, selbst vor dem “der schlichtesten Geschöpfe”.
Publikationen:
Gedichte und fünf Zeichnungen. Bern: Francke Verlag, 1987.
Eklipse und Strahl. Gedichte mit zehn Zeichnungen. Paderborn: Igel Verlag, 1997.
Holocaust Poems 1965-1975. Translated by David Scrase. Burlington, Vermont: The Center for Holocaust Studies, University of Vermont, 1998.
Die Doppelgebärde der Welt. Gedichte, Prosa, Zeichnungen. Herausgegeben von Thomas B. Schumann. Mit einem Nachwort von Wolfgang Mieder und David Scrase. Hürth bei Köln und Wien : Edition Memoria, 2004.
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