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P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland


Europa im Nahen Osten


Ein Essay von
Peter Finkelgruen


Es war im Israel des Jahres 1953,in einem Dorf am östlichen Mittelmeerstrand, in der Nähe von Haifa. 3000 Kilometer Luftlinie, aber in meinem Bewußtsein dennoch von Europa weiter entfernt als der Polarstern. Ich war elf. Heimwehkrank schrieb ich einen Brief nach Prag, woher ich gekommen war, mit der Bitte, mir einige Bücher in tschechischer Sprache zu schicken. Befand ich mich doch in einer Umwelt, deren Sprachen - es waren viele - ich noch nicht beherrschte und in der ich mich in jenen Sprachen, die ich beherrschte - es waren einige – nicht verständlich machen konnte.

Neue fremde Töne stürmten auf mich ein, nicht nur hebräische oder arabische. All die Überlebenden aus Ungarn, Rumänien oder Polen, die ins Land strömten, hatten ihre unterschiedlichen Sprachen und Fertigkeiten mitgebracht. Sie trugen aber auch ihre je eigenen Erfahrungen im Gepäck. Und ihre Vorurteile. Ohne Kenntnis dieser spezifischen mitteleuropäischen Mitgift, das habe ich freilich erst viel später erkannt, sind die Geschichte und der Verlauf des Nahost-Konflikts wohl nicht zu verstehen.

Die Zeit der Zionisten, Sozialisten und anderer Visionäre aus Osteuropa ging damals gerade ihrem Ende entgegen. Es begann die Zeit des Strebens nach Wohlstand. Jeder suchte seinen Platz in der sich formierenden Gesellschaft. Juden aus Nordafrika beispielsweise, die zu dieser Zeit ins Land kamen, machten die Erfahrung, von polnischen oder rumänischen Kleinbürgern als Untermenschen angesehen zu werden, als halbe Wilde, die ihnen zur Bestätigung ihres Ranges in einer noch zu verändernden Hierarchie dienten. Ich brauchte Lektüre in einer Sprache,die ich kannte,um in dieser fremden, rauen Welt Halt zu finden.

Ich kann mich an das Päckchen mit den Büchern aus Prag erinnern: Der Klassiker der Tschechin Bozena Nemcova mit dem Titel Großmütterchen erfüllte mich mit sehnsüchtig nostalgischen Gefühlen, mit der Erinnerung an etwas, das, wie ich bereits ahnte, unwiderruflich verloren war. Dann waren da Jules Vernes Geheimnisvolle Insel und der eine oder andere Band von Karl May oder Jack London, Romane, die von anderen Abenteuern erzählten als jenen, in denen ich mich zurechtzufinden versuchte. Einige Bücher dieser damaligen Sendung haben mich mein Leben lang begleitet. Das eine oder andere ist im Laufe der Zeit und verschiedenster Umzüge zwischen den Kontinenten verloren gegangen.

Es ist eines dieser Bücher, das in den letzten Monaten in meine Erinnerung drang. Genauer gesagt, es waren Bilder, die sich in meiner damals jugendlichen Vorstellung festgesetzt hatten und jetzt in meinem Gedächtniskino wieder lebendig wurden. Autor und Titel des Buches sind mir entfallen, nicht aber der Inhalt und die Illustrationen. Es erzählte vom Aufstand des Mahdi im Sudan.

Der um 1843 geborene Machdial Mahdi, eigentlich Mohammed Ahmed ibn Sahid Abd Allah, hatte sich als der vom Propheten Mohammed verheißene Mahdi ausgegeben und Anhänger des Derwischordens um sich versammelt. 1881 erhob er sich dann gegen das über den Sudan herrschende Ägypten und eroberte zwei Jahre später Kordofan. Weitere Kämpfe und Unruhen folgten, bis die Mahdisten im Januar 1895 schließlich Khartum einnahmen. In den darauf folgenden vierJahren etablierten sie eine Art fundamentalistisch-islamischen Staat - bis eine britisch-ägyptische Invasion unter Lord Kitchener dem mahdistischen Regime ein Ende bereitete.

Soweit die knappe Zusammenfassung jenes Buches.

Was daran aber hatte sich mir so tief eingeprägt, dass es mir nach Jahrzehnten akut in Erinnerung kam? Vermutlich die Zeichnungen zum Text. In ihnen wurden Berichte von Augenzeugen illustriert, die gesehen hatten, wie Hunderte, ja, Tausende von fanatisierten Derwischen wie in Trance in das Feuer der noch neuen Waffe, des Maschinengewehrs, rannten. Sie befanden sich im Djihad und gingen mit der Überzeugung in den Tod, unmittelbar ins Paradies einzutreten.

Als ich damals die Zeichnungen sah und den dazugehörenden Text las, befand ich mich in einer Umwelt,in der ich zum ersten Mal mit Muslimen in Kontakt kam - die zudem gegen den Staat Krieg führten, der mir und den wenigen Angehörigen meiner Familie, die die NS-Zeit überlebt hatten, Zuflucht und Heimat bot. Schon zu dieser Zeit kamen palästinensische Terroristen in Selbstmordmissionen über die Grenzen und griffen Bewohner grenznaher israelischer Dörfer an.

Zwischen 1949 und 1956 wurden 1300 Israelis von den Fedayjin, wie sich die Selbstmordattentäter nannten, getötet. An mein Erschrecken darüber, dass sich Menschen in der Überzeugung, ins Paradies zu kommen, wie in Trance in den Tod stürzen, kann ich mich gut erinnern. Was sollte das für ein Gott sein, der Mord und Selbstmord mit Erlösung lohnt? Schon damals war ich mir intuitiv sicher, dass Gott mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun haben konnte.

Das kindliche Erschrecken stellte sich auch später immer wieder ein, wenn ich im Fernsehen fanatisierte, sich martialisch aufführende und Blut fordernde Männer sah, sei esin Belfast oder Teheran, in Beirut oder Grosny, sei es in Sarajevo, Gaza oder Ramallah. Zuletzt in den Tagen nach dem 11.September, als bekannt wurde, dass unter den Männern, die an jenem Tag vier amerikanische Flugzeuge entführt hatten, einige solcher Kämpfer gewesen sein sollen.

Vom islamisch-fundamentalistischen Extremismus hatte ich also bereits Anfang der fünfzigerJahre erfahren. Erfahrungen mit jüdischem Fundamentalismus in Israel machte ich,wie wohl die meisten, erst in den Jahren und Jahrzehnten nach 1967,als die sozialistische, sozialdemokratische und laizistische Gesellschaft Israels den Forderungen religiöser Ultras zunehmend nachgab.

In seinem 1932 erschienenen Roman De Vriendt kehrt heim erzählt Arnold Zweig die Geschichte des 1924 in Jerusalem erschossenen Dichters Jacob Israel de Haan. Diese Ermordung eines orthodoxen Juden wird in Israel als der wohl erste Fall eines politischen Mordes in der innerjüdischen Auseinandersetzung zwischen Zionisten und Antizionisten betrachtet. Die Hauptfigur des Romans, Jitzchak Josef de Vriendt, gibt den Ton vor: »Wenn ich nur endlich dazu käme, mich mit einem großen Manuskript herumzuschlagen, statt mit den Thora-Feinden, diesen Heiden-Juden, diesen Hunden, die unseren ungeheuren geistigen Besitz verschleißen gegen – Demokratie.«

In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts formulierte der Rabbiner Itzhak Peretz, damals eine der führenden Figuren der sephardisch-orthodoxen »Shas«-Partei, eine bis heute verbreitete »religiöse«Position: »Mir ist eine jüdische Mutter, die am Shabbat Kerzen anzündet, lieber als einhundert Professoren, die lehren, dass der Mensch vom Affen abstammt.« Und der Slogan, mit dem diese Partei schon damals ihre Wahlkämpfe krönte, lautete dann auch folgerichtig: lehachzir atara lejoshna - was sinngemäß mit »den alten Glanz zurückgeben« übersetzt werden kann.

Das ist nun tatsächlich das Ziel der religiösen Orthodoxie in Israel: die Durchsetzung einer Ordnungsvorstellung im zionistischen Staat der Juden, wie sie nur einer Minderheit von Juden in Israel selbst und anderswo in der Welt zu eigen ist. Allerdings ist solcher Eifer nicht einzig für den jüdischen Fundamentalismus charakteristisch. Jede organisierte und institutionalisierte Religion ist darauf aus, Normen und Regeln von gestern, den alten Glanz, zu erhalten. Und wie in allen Ideologien dürfen der Glaube und die Überzeugung nicht Sache des einzelnen Individuums sein. Denken und Handeln werden von der Allgemeinheit kontrolliert, gelenkt, mit Sanktionen belegt oder in jenseitigen Versprechungen gefestigt und von »Würdenträgern« beaufsichtigt, die diesseitigen, gruppendynamischen Gesetzen von Machterwerb und -erhalt unterliegen.

Schon Theodor Herzl, Begründer des modernen Zionismus, ahnte die möglichen Gefahren,als er in seinem Grundlagenwerk Der Judenstaat schrieb: »Werden wir also am Ende eine Theokratie haben? Nein, der Glaube hält uns zusammen, die Wissenschaft macht uns frei. Wir werden daher theokratische Wehleidigkeiten unserer Geistlichen gar nicht aufkommen lassen. Wir werden sie in ihren Tempeln festzuhalten wissen, wie wir unser Berufsheer in den Kasernen festhalten werden. Heer und Klerus sollen so hoch geehrt werden, wie es ihre schönen Funktionen erfordern und verdienen. In dem Staat, der sie auszeichnet, haben sie nichts dreinzureden, denn sie würden äußere und innere Schwierigkeiten heraufbeschwören.«

Der schöne Vorsatz blieb uneingelöst. Seit der Gründung des jüdischen Staates hat es keine Regierung gegeben, in der nicht Rabbiner und Generäle das Sagen gehabt hätten – wodurch die inneren und äußeren Schwierigkeiten kontinuierlich zunahmen. Der Machtzuwachs der Orthodoxie in Israel während der letzten Jahrzehnte hat sich nicht überraschend und unerwartet entwickelt.

Seit der Staatsgründung haben sich religiöse Gruppen ihre Unterstützung für die eine oder andere Regierungspartei im wahrsten Sinne des Wortes teuer abkaufen lassen. Ihre Einrichtungen, besonders in den Bereichen Erziehung und Soziales, erhielten fortlaufend beträchtliche und wachsende Subventionen - selbst in Zeiten stark belasteter Staatshaushalte. Mit diesem permanent sprudelnden Geldfluss konnten die religiösen Parteien mittel- und langfristig eine Klientel an sich binden, die durchaus nicht nur aus theologischen Gründen zur Gefolgschaft wurde.

Spätestens seit dem Beginn der ersten Intifada in den besetzten Gebieten zur Jahreswende 1987/88 sind der israelische Staat und die israelische Gesellschaft deshalb wie in einem Zangenangriff mit einer doppelten Herausforderung konfrontiert: Da ist einmal die Herausforderung durch die Palästinenser mit ihren zum Teil berechtigten Anliegen. Da ist zum anderen aber auch die innere Herausforderung in Gestalt einer orthodoxen Offensive – beides Entwicklungen, die vor drei Jahrzehnten eingesetzt haben und miteinander verzahnt sind.

In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war man noch geneigt, Extrempositionen wie die des radikalen Rabbiners Meir Kahane, der später in New York Opfer eines Attentats wurde, und der von ihm ins Leben gerufenen Kach-Bewegung als isolierte Randerscheinungen zu verharmlosen. Deshalb gelang es Kahanes Bewegung auch, bevor sie später verboten wurde, in die Knesset einzuziehen und dort beispielsweise einen Gesetzentwurf einzubringen, der vorsah, die Ernennung von Beamten davon abhängig zu machen, dass die Betreffenden eine jüdische Mutter hätten. Als der Gesetzentwurf vom Parlamentspräsidenten als rassistisch abgelehnt wurde, warfen die Orthodoxen ihm antijüdisches Verhalten vor.

Die jüdische Orthodoxie ist, und das muß man betonen, zahlenmäßig eine Minderheit, nicht nur in Israel, sondern auch außerhalb. Man könnte sie mit Interesse und je nach individueller Einstellung sogar mit wohlwollender Sympathie betrachten, wenn sie nicht kontinuierlich ihre Bemühungen steigern würde, ihre Werte- und Ordnungsvorstellungen auch außerhalb der eigenen Kreise durchzusetzen, ihnen also in Staat und Gesellschaft Israels Allgemeingültigkeit zu verschaffen.

Obwohl stark zersplittert, was charakteristisch für alle radikalen, sektenähnlichen Erscheinungen zu sein scheint, ist sich das gesamte orthodoxe Lager im Judentum und in Israel in einem einig: Die religiösen Gesetze der Bibel haben Vorrang vor allen staatlichen Gesetzen - mit denen man ja, und das ist immerhin ein Erklärungsansatz, vor allem in jüngerer Vergangenheit so leidvolle Erfahrungen gemacht hatte. Insofern prägten und prägen die Lebenserfahrungen der ost- und mitteleuropäischen Einwanderer die innere Verfasstheit Israels.

Der Konflikt zwischen Orthodoxie und Laizismus wurde in den ersten zwei Jahrzehnten der staatlichen Existenz Israels noch durch den Verzicht auf eine Verfassung, in der die Trennung von Staat und Religion festgeschrieben wäre, und die so genannte Status-Quo-Vereinbarung in Grenzen gehalten. Danach hatte der erste Ministerpräsident Israels, Ben Gurion, zugesagt, die unter britischer Mandatsmacht festgelegten Regeln der Zuständigkeit religiöser Rabbinate würden erhalten bleiben. Diese Zuständigkeit der religiösen Rabbinatsgerichte umfasst aber alle Personenstandsangelegenheiten. Damit erwuchs in Israel über die Jahre eine Art Schattenregierung, die darüber hinaus durch eigene Institutionen im Sozial-und Erziehungsbereich getragen wird.

Würde man die Maßstäbe europäischer Parteien- und Wahlgesetze anwenden, so könnte kaum eine der im israelischen Parlament vertretenen orthodoxen Gruppen - es handelt sich bei ihnen letztlich um nichts anderes als zur direkten parlamentarischen Vertretung gelangte Pressure Groups - als Partei bestehen. Und der Ursprung dieser religiösen Gruppierungen geht häufig zurück auf feudale Strukturen an den Rabbinerhöfen im Osteuropa des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. Die Adaptation an moderne Techniken hat an deren Haltung nur wenig verändert.

Zu den aufregendsten Episoden in der bisherigen Geschichte Israels gehört die Einwanderungsaktion äthiopischer Juden vor zwei Jahrzehnten. Auch die nicht jüdische Welt nahm Anteil daran. Was die nicht jüdische Welt aber kaum wahrnahm, waren die Hungerstreiks und Proteste der äthiopischen Juden nach ihrer Ankunft im Land der Väter, weil sie dort nicht als Juden anerkannt wurden. Ähnliche Erfahrungen machten auch Einwanderer aus der früheren Sowjetunion. Diese Menschen entsprachen offenbar nicht den Vorstellungen der radikalen israelischen Minderheit, die ihre theologischen Interpretationen auf eine historische Phase des jüdischen Exils in Galizien und anderen Zentren Mittel- und Osteuropas zurückführt und »ihr«Judentum seit 1948, beziehungsweise 1967, der Mehrheit der Juden überall aufoktroyieren will.

Auch insofern, nicht ausschließlich aufgrund der Verfolgungsgeschichte, reichen die Wurzeln sowohl der innerisraelischen Probleme wie auch des israelisch-palästinensischen Konflikts bis nach Europa. Was wir zur Zeit im Nahen Osten mit ansehen müssen - und zwar auf beiden Seiten, der israelischen und der palästinensischen -, ist die Konsequenz einer fragwürdigen politischen Enthaltsamkeit, einer allzu langen gedankenlosen Duldung religiöser,genauer: vorgeblich religiöser Einflüsse auf die Staatsgeschäfte.

Den Forderungen des religiösen Fundamentalismus, der israelischen wie der palästinensischen Seite, ist Schritt für Schritt nachgegeben worden, statt kompromisslos auf der Trennung von Politik und Religion zu beharren. Diese Unwillig- oder Unfähigkeit auf palästinensisch-islamischer und israelisch-jüdischer Seite führt zwangsläufig zur Politikunfähigkeit. Der erste Schritt zur Politikfähigkeit aber muss die Forderung nach dem Primat des Laizismus sein.

In seinem Theaterstück »Jerusalem-Syndrom« hat der israelische Dramatiker Joshua Sobol anschaulich gezeigt, dass die Krater- und Gräberlandschaft, die religiöser Wahn hinterlässt, im Übergang zwischen dem zwanzigsten und dem einundzwanzigsten Jahrhundert in fataler Weise den Verheerungen ähnelt, die dieser Wahn schon vor zweitausend Jahren angerichtet hat. Die Zeloten von damals unterscheiden sich nicht von denen des Heute.In dieser Hinsicht sind wir den Beweis unserer Lernfähigkeit immer noch schuldig.

© 2002 by Peter Finkelgruen, erstmals erschienen im Magazin Kafka, Ausgabe 5/2002