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P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland


Buchvorstellung:
Opa und Oma hatten kein Fahrrad

Peter Finkelgruen und Gertrud Seehaus
mit Illustrationen von Günter Kunert


"Wie hat dein Fahrrad ausgesehen, als du ein Kind warst?", lautet Davids Frage an seine Oma, doch die Antwort darauf ist nicht so einfach.

Denn wenn man auf dem Gedankenteppich sitzt und in die Kindheit von Gertrud Seehaus und Peter Finkelgruen zurückfliegt, landet man mitten im 2. Weltkrieg, in den Stollen von Rimlingen und im Getto von Shanghai.

Kann, darf man Kindern solche schrecklichen Geschichten erzählen? Man muß, denn neben all den schönen und lustigen Familiengeschichten, die Großeltern ihren Enkeln erzählen, gehören auch die traurigen und schrecklichen dazu:

Alle Geschichten sollen erzählt werden, weil nur so verstanden werden kann, was geschehen ist.


Auszug aus dem ersten Kapitel


Als David zum Geburtstag sein Super–Tiger–Bikel bekommen hatte, mußte er natürlich ein bißchen angeben. Er zeigte es jedem, der ins Haus kam. Auch mir, seiner Oma.

Und so ging unser Gespräch:

David : Wie hat Dein Fahrrad ausgesehen, als Du ein Kind warst, Oma?

Oma :
Ich hatte kein Fahrrad.

David :
Warum nicht?

Oma :
Wir waren arm.

David :
Wie arm?

Oma :
Als ich so alt war wie Du, war Krieg. Die Väter waren Soldaten. Viele starben. Auch mein Vater. Es gab nicht genug zu essen. Und wenige Kinder hatten Fahrräder oder Rollschuhe oder Spielzeugeisenbahnen.

David :
Und Opa? Hatte der ein Fahrrad?

Oma :
Opa war in Shanghai, das liegt in China.

David :
Aber Opa ist doch kein Chinese wie unser Freund Shi Ming.

Oma :
Aber Opa und Shi Ming haben etwas gemeinsam. Sie leben nicht in dem Land, in dem sie geboren wurden.

Mit der Frage nach Opas oder meinem Fahrrad hatte David uns was eingebrockt. Opa und ich waren nämlich, ehe wir es uns versahen, auf einer ganz langen Gedankenreise in unsere Kindheit.

Man kann nämlich nicht nur mit Fahrrad und Auto und Zug und Schiff und Flugzeug reisen. Auch Gedanken und Erinnerungen können einen irgendwo hinbringen. Zum Beispiel in die Vergangenheit. Wir wurden an schöne Dinge, aber auch an traurige erinnert. Schöne Dinge – das waren Spiele und Freunde und lustige Ereignisse, traurige – das waren Krieg und Verfolgung und der Tod von Menschen, die wir lieb hatten.

In Deutschland hat es seit über 60 Jahren keinen Krieg mehr gegeben. Und so haben Eure Eltern Bomben und Verfolgung nicht selbst erlebt. Dennoch gibt es ständig irgendwo auf der Welt Krieg. Vor kurzem sogar wieder in Europa. Opa und ich haben beschlossen, unsere Erinnerungsreise noch einmal zu machen.


Opa und Oma hatten kein Fahrrad, ISBN 978-3-8370-1359-7, Paperback, 80 Seiten

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