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In meiner Jugend war ich zwar mal in Tunesien und auch kurz in Algier, und vor ein paar Jahren sind meine Frau und ich mehrere Wochen durch Südafrika gereist, aber in einem der vielen Gebiete zwischen Nord und Süd, im “schwärzesten Afrika”, wie es die Kolonialisten im Brustton ihrer Überheblichkeit nannten, war ich noch nie gewesen. So kannte ich bis vor kurzem Dakar nur aus einigen Werken des im Juni verstorbenen Romanciers und Filmregisseurs Ousmane Sembene und von der jährlichen Todeskitzelrallye, bei der Laster, Autos und Motorräder von Europa losbrausen und zwei Wochen quer durch die Sahara bis an den westlichsten Punkt Afrikas rasen. Und natürlich war mir Senegals erster Präsident, der Negritude–Dichter Leopold Sedar Senghor, ein Begriff, seit er während der Frankfurter Buchmesse 1968 in der Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten hatte. Damals hatten sich die neunmalklugen Sprücheklopfer vom SDS bei mir unbeliebt gemacht, weil sie Senghor als dichtende Marionette des Imperialismus anpißten. Er paßte nicht ins Konzept der Diktatur des Proletariats, denn er war einer der wenigen afrikanischen Politiker, die darauf bestanden, daß alle — auch demonstrationssüchtige Brüllhansel — demokratische Spielregeln einhielten, und im Gegensatz zu den meisten seiner postkolonialen Kollegen fiel er weder napoleonischen noch stalinistischen Versuchungen zum Opfer.
Gemeinsam mit meinem in Irland lebenden Kollegen, dem Übersetzer Hans–Christian Oeser, vertrete ich diesen Sommer das PEN–Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland beim 73. internationalen PEN–Kongreß in Dakar; es ist das erste plenare PENner–Meeting in “Schwarzafrika”. Dabei geht es, neben dem üblichen zeitraubenden bürokratischen Krimskrams, um die zentralen Anliegen der Autorenlobby, wie Petitionen zugunsten zwischen Kuba und Persien inhaftierter Kollegen, Proteste gegen offiziell sanktioniertes oder zumindest geduldetes Mordklima in Moskau und Istanbul, Resolutionen zur Islamistenhetze gegen Salman Rushdie und öffentliche Beschwerden über die Dreistigkeit des Neo–Megalomanen Hugo Chavez, der sich kürzlich mit dem Lizenzentzug der letzten unabhängigen venezuelanischen Fernsehstation einen weiteren demokratischen Dorn aus seiner autokratischen Seite entfernte. Zwar unterliegen die Sitzungsdetails einer vertraulichen Schonzeit, vor allem bei Kontroversen, aber das Drum und Dran eines solchen Tagung bietet sich selbstverständlich berichterstatterischer Ausbeute an — vor allem, da ich mir den Spaß aus eigener Tasche leiste. (So habe ich es bereits im vorigen Jahr gehalten, als ich über den Berliner Kongreß berichtete — nachzulesen hier. Die darin erwähnte Trauergestalt, die meine Frau zur Jamaikanerin zu deklarieren versuchte, arbeitet allerdings nicht mehr für PEN. Nebenbei bemerkt: Weder meine Frau noch die jamaikanische Delegierte kamen nach Dakar.)
Während USAir seinen Passagieren auf dem nächtlichen Flug von Philadelphia nach Brüssel ein Pappessen auf die Tabletts patscht und für jedes kleine Fläschchen billigen Fusels fünf Dollar kassiert, läßt sich Brussels Airlines—Nachfolgerin der im Chaos der Nine–Eleven–Malaise bankrott gegangenen Sabena – zwischen Brüssel und Dakar weder bei der Penne Pasta mit Lachs noch kostenlosem Cotes de Gascogne lumpen. Ich verzichte darauf, meine Augen mit kleinformatigen Filmchen zu traktieren; stattdessen, während ich von Minutenschlaf zu Minutenschlaf nicke, füttern mich meine Kopfhörer mit den neuesten Youssouf N’dour–Aufnahmen. Als ich wieder munter werde, blättere ich mich im Flugmagazin mit dem verlockenden Namen “spirit!” durch muntere Folklore und „business opportunities“ im Kongo; hinter der bunten Fotofassade sind die vier Millionen Toten des kongolesischen Holocaust der letzten Jahre keinen Pieps wert. Dem folgt ein erfrischender Artikel über “Uganda’s Great Outdoors”, wobei sich mir die Erinnerung an Idi Amins Erregung beim Anblick seines Blutsverwandten, eines Krokodils, aufdrängt, diese filmische Dokumentation eines irren Massenmörders, die mir in den drei Jahrzehnten, seit ich sie sah, nie aus dem Kopf ging; die Weltmeisterschaft im Köpferollen, die Amin damals mit Pol Pot ausfocht, verlor er letztendlich.
Ich blicke aus dem Fenster. Zwölftausend Meter unter mir streckt sich gelangweilt die Sahara. Ähnlich muß der Anblick für Antoine de Saint–Exupéry gewesen sein, wenn auch von geringerer Höhe, als er in den Zwanzigern sein Postflugzeug von Casablanca nach Dakar flog. Ich versuche mir vorzustellen, wie der Kleine Prinz durch die Wüstenhitze stolpert.
Back to the future: Ich verliere mich in den Verlockungen einer ganzseitigen Hochglanzanzeige. “Besitzen Sie ein Stück Himmel in Gambia” — für nur 38,250 Euro, direkt am Atlantikstrand, sehr verführerisch, da können die Kanaren ein Stück weiter nördlich nicht mithalten — ganz davon abgesehen, daß das gambische Paradies mit seinen militärdiktatorischen und pressezensorischen Allüren verelendeten westafrikanischen Wirtschaftsflüchtlingen kein Refugium bietet.
Aber ich fliege ja nicht in den Kongo oder nach Uganda und auch nicht nach Gambia, sondern nach Senegal, wo, seit Senghor 1960 sein Heimatland in die Unabhängigkeit von Frankreich führte, die putschfreie Musterdemokratie Afrikas floriert — sieht man mal ab von weiterhin weitverbreiteter und legaler Polygamie (der einseitigen Art natürlich, ein Mann, mehrere Frauen), einigen handfesten Hauskrächen mit politisch motivierten Karzerstrafen, Streitereien mit Nachbarländern und Bürgerkriegsscharmützeln im Süden des Landes, der Casamance. Solch relative Ruhe hatte auch den internationalen PEN überzeugt, sich auf Drängen nicht nur des sengalesischen PEN, sondern einer Koalition der fünfzehn afrikanischen Zentren auf das Wagnis dieser Konferenz einzulassen. Leider bewahrheitete sich bereits Wochen vor Beginn, daß Bravura und große Klappe nicht genügen, so eine komplexe Sache mit Hunderten von Teilnehmern aus aller Welt tadellos durchzuziehen; während es bei anderen PEN–Kongressen selbstverständlich war (und auch für Dakar zunächst so angekündigt), daß alle offiziellen Delegierten auf Kosten der Gastgeber im Konferenzhotel wohnen, wurde das den Senegalesen im letzten Moment zu teuer, und sie wichen für diejenigen, die nicht bereit waren, mehrere hundert Euro zusätzlich zu blechen, auf billigere Quartiere aus. Ob mit den Managern des Le Meridien President oder der Zentrale der Starwood–Hotelkette in New York, zu der die fast jährlich den Besitzer wechselnden Meridiens zur Zeit gehören, je über Sonderpreise verhandelt wurde, die ein für das gute Funktionieren solcher Konferenzen eigentlich unabdingbares gemeinsames Dach über den Köpfen aller ermöglicht hätten, bleibt unerfindlich; jedenfalls scheint das Vier–Sterne–Strandhotel mit seiner ansehnlichen Poolanlage und seinem etwas steril wirkenden Interieur im Norden der Cap Vert–Halbinsel, auf der Dakar liegt, in dieser Woche nicht annähernd ausgebucht zu sein.
Gegen fünfzehn Uhr landen wir auf dem nach dem 2001 verstorbenen früheren Vizepräsidenten des International PEN benannten Leopold Sedar Senghor–Flughafen. Fortuna ist mir besser gesonnen als meinen Kollegen vom innerdeutschen PEN, deren Air France–Maschine am Abend mit einiger Verspätung und ohne ihr Gepäck eintrudelt; mein Koffer purzelt rasch aufs Förderband. Der Zollbeamte haut mir ohne Federlesen seinen Stempel in den Paß (als US–Amerikaner brauche ich, wie auch EG–Bürger, in angenehmem Kontrast zur Einreise in die meisten anderen afrikanischen Staaten kein Visum), und schon rolle ich meine Habseligkeiten in die schwüle Nachmittagshitze; aber an ein solches Klima bin ich um diese Jahreszeit bei mir daheim in Virginia gewöhnt. Ich steuere auf eine schlanke junge Dame in fußknöchelllangem blauem, mit bunten Schnörkeln verziertem Kleid zu, die ein “PEN”–Schild hochreckt und schnell von Euro–Intellektuellentypen umringt ist. Nicht ganz ungeübt erwehre ich mich einiger junger Burschen, die mir das Kofferrollen nicht gönnen; einer behauptet, die junge Dame sei seine Schwester und habe ihn darum gebeten, mir zu helfen. Als ich ihn auffordere, mich zuerst mal seiner Schwester vorzustellen, sucht er sich rasch ein anderes Opfer.
Wenige Minuten vom Flughafen entfernt werde ich, gemeinsam mit desorientierten Kollegen aus mehreren europäischen Ländern, vom Kleinbus, in den man uns gerade gepfercht hatte, neben einem tomatenroten Gebäudekomplex mit Hotel, Spielkasino, Nachtclub und Restaurant wieder abgesetzt; leicht verdattert folgen wir unserer hübschen Führerin durch ein bewachtes Tor in einen schattigen Innenhof mit maurisch–mediterranem Ambiente; “Airport Hotel”, steht am Gebäude. Noch während wir an der Rezeption die Anmeldeformulare ausfüllen, verschwindet unsere hübsche weibliche Begleitung samt Fahrzeug. Und was nun? Erwarten uns irgendwelche Unterlagen? Erklärungen? Anweisungen? Nein, nichts, keine Spur — wir bekommen unsere Zimmerschlüssel ausgehändigt, und ansonsten heißt der beschlipste, hilflos zugeknöpfte Hotelclerk Hase. Immerhin spricht er ein wenig englisch.
Von meiner Bleibe für die nächsten sieben Nächte bin ich allerdings angenehmer überrascht als befürchtet. Daß es mir vor der Reise nicht gelungen war, “Airport Hotel Dakar” zu googlen, lag vielleicht daran, daß es ziemlich neu ist. Im wie die ganze Anlage in rötlichen Schattierungen gehaltenen Zimmer — Bettüberdecke und Vorhänge bedrohlich blutrot — verliert sich jedoch der erste Schock ob der Boudoirfarben bald; die Klimaanlage funktioniert einwandfrei, und vor der überdachten Terrasse zum Pool mildern üppige Vegetation und blaufunkelndes Schwimmbecken die Wassermelonen–Ästhetik.
Obwohl Senegal mit seiner mehr als neunzigprozentig moslemischen Bevölkerung zum — wie es im Reiseführer steht — “islamischen Kulturkreis” gehört, finde ich in der Minibar neben Wein auch eine Flasche Flag, das örtlich gebraute, genüßlich starke Bier; damit spüle ich zunächst mal meine Antimalariapille runter. Später, nach einer ausgiebigen Dusche, stolziere ich frischen Mutes zur Rezeption zurück. Als der Mann hinter seinem Flachbildschirm immer noch den hochmütigen Hasen spielt und mir schließlich vorschlägt, ich solle doch einfach ein Taxi zum Meridien–Hotel nehmen, mir aber keine Dollars in senegalesische Franc wechseln kann, beschließe ich, ihm Beine zu machen. Ich weiche nicht eher vom Tresen, bis er sich dazu bequemt, bei der Konferenzzentrale im Meridien so lange durchzuklingeln, bis sich dort jemand meldet — und siehe da, eine halbe Stunde später erscheint ein senegalesischer Jungdichter im Peugeot und kutschiert mich zum Meridien. Während wir den zahlreichen zerbeulten Taxis und überfüllten Kleinbussen ausweichen, sorge ich mich etwas, daß uns einer der Busschaffner, die außen an den offen schwingenden Türen hängen, durch die Windschutzscheibe geschleudert wird, oder daß sich aus den Myriaden Fußgänger jemand, geblendet von den Staubwolken der unbefestigten Gehwege, auf unsere Motorhaube verirrt. Der Jungdichter weist mich darauf hin, daß wir uns hier etwa fünfzehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt in einem der besseren Vororte befinden. Schließlich biegen wir von der Airport Road mit ihren Geschäften, Gemüseständen und noch geschlossenen Nachtclubs ab. Hinter Hütten, Verschlägen und dahinrottenden Spekulationsruinen, aus denen rostige Betonstahlstäbe wie Stacheln in die Luft ragen, erheben sich unvermittelt umwallte Prachtvillen, darunter auch architektonische Prunkstücke, die Beverly Hills Ehre machen würden; dazwischen gleiten schnittige Benzmobile durch elektronische Einfahrten. Bald biegen auch wir durch ein Sesam–öffne–dich–Tor und halten vor dem bausubstanzlich weniger inspirierten Klotz des Meridien.
Im Chaos des Konferenzregistrationsraums hängt mir eine der netten blaugewandeten jungen Helferinnen ein in Plastik versiegeltes Namensschild um, das mich zum Delegierten des irischen PEN–Zentrums ernennt; kurz erwäge ich, diese Ehre widerspruchslos zu akzeptieren—ist mir Joyce nicht schon immer literarisch näher gewesen als Grass? Aber dann rufe ich mir Kurt Tucholsky ins Gedächtnis und Else Lasker–Schüler und Stefan Zweig und B. Traven und den Mann–Clan und plädiere für ein neues Schild um den Hals. Jetzt erst erkenne ich, daß das, was ich am Nachmittag im nervösen Gewusele vor dem Flughafen auf den blauen Kleidern der senegalesischen Grazien für bunte Schnörkeleien hielt, tatsächlich weiß und grün und orange gekringelte Giraffen sind; ihre Trägerin verspricht mir für den nächsten Morgen eine Korrektur meiner Identität. Als ich der ob ihrer pseudolyrischen Lobhudeleien auf Arafat berüchtigten palästinensischen Agitpropfunktionärin Hanan Awwad ansichtig werde, reitet mich kurz der Schalk, “Irish” mit ein wenig Filzstiftgeschick in “Israeli” zu falsifizieren — immerhin hat uns der israelische PEN, von Armut am Kommen gehindert, sein Wahlrecht übertragen. Ich setze an, aber es sieht gleich so offensichtlich gefälscht aus, daß ich das “Irish” kurzerhand ganz schwärze.
Nachdem mich der nette Jungdichter mit seinem Peugeot wieder zum Airport Hotel zurückgebracht hat, bin ich neugierig und starte den Laptop, um mir die darauf gespeicherte letzte Stunde einer britischen Dokumentation über die letztjährige Dakar–Rallye anzusehen. Für mich, der normalerweise erst frühestens gen Morgengrauen ins Bett steigt, ist der Abend noch recht jung, und zuhause, jenseits des Atlantik, ist es gerade mal Nachmittag. Andererseits habe ich im Transatlantikflieger eine Nacht versäumt. Aber was ist das im Vergleich zu den Torturen, denen sich die masochistischen Teilnehmer der Dakar–Rallye — früher von Paris nach Dakar, in den letzten Jahren ging’s von Lissabon los—unterwerfen! Auf der letzten Etappe geht’s von Tambacounda, an der Grenze mit Gambia, zur senegalesischen Hauptstadt. Schließlich schält sich aus den Sandwirbeln der Wüstenpiste ein Asphaltband, und kurz darauf erkenne ich die ersten Gebäude — ist das nicht das Casino nebenan? Wir biegen scharfwinklig von der Airport Road ab in die Route de Almadies und stoßen nach ein, zwei Kilometern auf den äußersten Westen des Kontinents mit seinen allerletzten Bebauungen, den Touristenburgen Club Mediterranee und Hotel Le Meridien President. Dakar wird mir langsam vertraut.
Die offizielle Eröffnung des Kongresses, der wie üblich unter einem nichtssagend geschwätzigen Dreitaktmotto steht (“Die Welt, das Wort und menschliche Werte”), durch den Präsidenten des Landes, den kürzlich wiedergewählten Oktogenarier und Chef der liberalen PDS (Parti Démocratique Sénégalais) Abdoulaye Wade, war aus präsidialen Termingründen bereits von zehn Uhr morgens, der ursprünglich geplanten Zeit, auf drei Uhr nachmittags verschoben worden. Es lohnt nicht, zwischen Lunch und Veranstaltungsbeginn per Taxi zum Airport Hotel und zurück zu fahren, also unterwerfe ich mich der tollpatschigen Sicherheitskontrolle am Eingang des Meridien–”Amphitheatre”. Da sich noch keine Schlange gebildet hat, geht’s relativ flott voran; mit einigen Kollegen ergattere ich einen hübschen Platz weit vorne, das Vorprogramm einer trommelnden, tanzenden und singenden Folkloretruppe direkt vor der Nase. Langsam füllt sich der Saal, da kommt eine bleichgesichtige Dame von der Londoner Zentrale durch die Reihen angesprintet, um unsere Sitze zum Sperrgebiet zu erklären; sie seien für senegalesische Würdenträger reserviert.
Schlauerweise stelle ich mich dumm: “Ich sehe nirgendwo ein Reservierungsschild.”
“Sorry”, sagt die Dame nervös,“ leider hat man vergessen, es aufzuhängen. Tut mir leid, aber reserviert sind die Plätze nichtdestotrotz. Ich kann nichts dafür.” Sie weist in eine unbestimmte Richtung, als habe sie von dort ihre Weisungen erhalten. Ich vermute, sie ist von den senegalesischen Organisatoren aufgewiegelt und vorgeschickt worden, deren Pfründe gegen vorwitzige Fremdlinge zu verteidigen – was mir überhaupt nicht einleuchtet. Bin ich nicht als Delegierter sozusagen Abgeordneter der Club–Legislative und brauche mir nichts von bürokratischen Handlangern befehlen zu lassen? Demonstrativ verschränke ich die Arme, während sich meine europäischen Nachbarn bereits beflissen erheben. “Ich lasse mich von Ihnen nicht herumkommandieren; hier sitze ich und hier bleibe ich!”
“Bitte...” Sie macht mir verzweifelte Rehaugen. “Bitte, aus Respekt vor unseren senegalesischen Gastgebern, setzen Sie sich doch bitte woanders hin!”
Angesichts der Lächerlichkeit dieser Argumentation bleibt mir das Lachen im Halse stecken. “Aus Respekt vor den senegalesischen Gastgebern? Stellen Sie hier nicht was auf den Kopf? Wo, bitteschön, bleibt deren Respekt für die Gäste?”
“Ich weiß...” Die Rehaugen verdrehen sich. “Ich verstehe Sie ja. Aber ich muß… Ich bin nur die Botin. Bitte! Bitte!”
Ich habe halt noch nicht kapiert, daß unter den Großkopfeten dieser westafrikanischen Hauptstadt — allesamt Männer — mein Begriff von Gastfreundschaft vielleicht tatsächlich auf dem Kopf steht, daß der Gastgeber König und der Gast Untertan ist, zumindest im aufgeblasenen Rollenspiel des senegalesischen PEN–Zentrums und einiger seiner regierungsamtlichen Spießgesellen.
Nun, um kurz nach drei, alles wartet auf den alten Herrn, der den Kongreß eröffnen soll, sitze ich schmollend weit hinten im Saal. Ich ärgere mich über mich selbst, daß ich dem Drängen nachgegeben habe — nicht dem Flehen der Rehaugen, sondern dem eifrigen Weichen der Kollegen — und nicht einfach an meinem Stuhl klebengeblieben bin. Hätte man mich weggezerrt oder fortgeschleppt? Wohl kaum.
Im Lauf der Groteske, die sich über die nächsten drei Stunden abspult, werden diese Plätze übrigens nie von senegalesischen Würdenträgern okkupiert. Irgendwann sitzen dort auf einmal diejenigen Delegierten, denen es als letzten gelungen war, den Sicherheitsstoffel am Eingang zu passieren. Die ersten werden die letzten und die letzten die ersten sein — ob der Koran das auch so von Jesus übernommen oder bei Matthäus plagiiert hat?
Die Stunden verrinnen. Der PEN–Vorstand unter seinem Vorsitzenden Jiri Grusa ist bereits mehrmals auf der Bühne erschienen, hat bedeutungsvoll Platz genommen, sich Wasser eingeschenkt, Akten durchblättert — um nach zehn oder zwanzig Minuten zögernd wieder aufzustehen und hinter der Holztäfelung zu verschwinden. Einmal gerinnen die lauten Gespräche im Amphitheater zum Geraune, als die Vertreterin der UNESCO mit einigen graubetuchten und blaubeschlipsten afrikanischen Herren Wangenküßchen wechselt — geht’s jetzt endlich los? Nein, plötzlich ist die Bühne erneut wie leergefegt. Fast zwei Drittel der knapp 150 Mitgliedszentren haben wenigstens einen, manche auch zwei Vertreter ins für die meisten ferne Dakar geschickt, denen angesichts dieser ungeheuerlichen Mißachtung und Zeitverschwendung die Gesprächsthemen zu versiegen drohen. Und wenn ich auch kein Wort der vor der Bühne unermüdlich ihre Stimmbänder strapazierenden und ihren elaboraten Kopfputz schüttelnden Sängerin verstehe, klingt, was noch vor zwei Stunden exotisch anmutete, inzwischen so monoton vertraut wie das Zirpen defekter Neonröhren in der Saaldecke.
Endlich, um viertel vor sechs, paradieren die Herrschaften herein, hohe Militärs und andere Staatsdiener im Schlepptau, als würde gleich eine Kriegserklärung verlesen. Man schwingt ein paar nichtssagende Reden und tauscht Höflichkeitsfloskeln aus, wobei der Landesvater großartige kulturelle Versprechungen macht, die eher seine Wähler angehen als den PEN, und der Vorsitzende des senegalesischen PEN–Zentrums mir dadurch besonders unangenehm auffällt, daß er mit verbissener Miene unter Armestrecken und Fäusteschütteln demagogische Plattitüden in den Saal bellt. Nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei. Zwar sind viele, wenn nicht alle Delegierten von dieser Farce verstimmt; aber ich höre nur mich lauthals aussprechen, daß man uns soeben eine katastrophale Unverschämtheit zugemutet hat.
“Da ist mal wieder klammheimlicher Rassismus am Werk in den kolonialen Gemütern”, kommentiert meine Frau, als ich ihr das alles mitten in der Nacht, nach einer unterhaltsamen Trommel– und Tanzschau im Nationaltheater, dank dem Mirakel von Skype ausführlich schildere. “Da wird den armen Afrikanern großzügig nachgesehen, was bei uns einen Skandal heraufbeschwören würde: ‘Denn sie wissen nicht, was sie tun.’ Und diejenigen Afrikaner,die es besser wissen, halten den Mund, um nicht das Nest zu beschmutzen.” Als Afroamerikanerin kann sich meine Frau diese Meinung leisten.
Am nächsten Morgen geht es weiter mit den Arbeitssitzungen, die bereits am ersten Morgen begonnen haben. Wir beteiligen uns an den Diskussionen des “Writers in Prison”–Komitees. Bei den massenweisen Horrorstories aus aller Welt vergeht sogar mir für ein paar Stunden jeder Spott und jede Ironie, und die Schilderung der Greueltaten, deren Opfer so viele mutige Kollegen geworden sind und immer wieder werden, verdirbt mir zeitweise meinen Zynismus. Hier, in diesem Komitee, 1973 in Berlin gegründet, erfüllt der PEN–Club auch im neunten Jahrzehnt seines Bestehens eine seiner wesentlichsten Aufgaben, verdient er sich seine Existenzberechtigung.
Am Abend dieses dritten Tages dürfen wir eine weitere wunderliche Farce erleben. Nachdem Motorradpolizisten auf beiden Seiten der Straße jeglichen Verkehr gestoppt und unsere Busse in die Innenstadt geleitet haben, halten wir vor der rot–weißen neoklassizistischen Fassade des Außenministeriums und steigen die Stufen zur Eingangshalle hoch; der Außenminister höchstpersönlich will uns, so steht es auf unseren hochglänzenden Einladungskarten, eine “reception dinatoire” bieten. Zunächst werden zur Enttäuschung vieler bei solchen Anlässen an härtere Sachen gewöhnter PEN–Delegierten ausschließlich Softdrinks und Säfte verabreicht; naja, immerhin ist Senegal ein islamisches Land, auch wenn sich die wenigsten Frauen verhüllen; Teenager tragen ihre Bauchnäbel ebenso gern zur Schau wie ihre Geschlechtsgenossinnen in New York und Berlin, ältere weibliche Semester sind Pariser Chic nicht abhold, und ob mancher Decolletes würden nahöstliche Mullahs vor wollüstiger Wut einen Schreikrampf kriegen.
Viele PENner, vor allem die Damen, haben sich heute abend in Schale geworfen. Ich trage meinen leichten Sommersakko trotz der schwülen Hitze hauptsächlich, so rede ich mir ein, weil er Taschen für meine Pocketkamera und ihre Batterien bietet. Zu den Softdrinks werden kleine Häppchen herumgereicht. Nach einer halben Stunde oder so bummert jemand gegen ein drahtloses Mikrophon, und um die senegalesischen und PEN–Politiker formt sich ein Kreis. Der Außenminister unterhält uns mit den üblichen Floskeln, der Vorsitzende des senegalesischen PEN bellt wieder los, und die internationalen Funktionäre bedanken sich artig für die senegalesische Gastfreundschaft. Während der offiziellen Reden verschwinden peu a peu sowohl die Häppchenplatten als auch die Softdrinks und Säfte. Zum Schluß starrt jedermann erwartungsvoll auf die Türen im Hintergrund der Eingangshalle, die nun wohl zum großen Festbankett aufschwingen werden. Aber nein! Nichts! Nada! Zilch! Alle, auch die Londoner Funktionäre, die’s doch eigentlich hätten wissen sollen, sind verdattert. Zurück zu den Bussen, sagen die hübschen Assistentinnen, auf deren heute zur Abwechslung purpurroten Kleidern die Figuren lendengeschürzter Schwarzafrikaner mich an den “kohlpechrabenschwarzen Mohr” aus Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter–“Geschichte von den schwarzen Buben” erinnern. Wie, heißt es allenthalben, es gibt nichts zu essen? Das war’s? Man schickt uns schlicht und einfach mit dem Magen in den Kniekehlen wieder weg? Ich höre mir das weitgehend unterdrückte Gemecker an (mit dem herablassenden Unterton, naja, wir sind halt in Afrika), habe aber selber keinen Hunger mehr. Insgeheim lobe ich mir meine Gier, mit der ich mich jeder der vorbeieilenden Häppchenplatten in den Weg stellte und dann oft nicht nur ein–, sondern zweimal zugriff.
Man kann sich an die Tatü–tata–Sirenenbegleitung und das dadurch gewährleistete rasche Fortkommen gewöhnen. Als wir am Morgen der vierten Tages durch den im Straßenrandstaub wartenden dichten Verkehr preschen, manövriert ein ungeduldiges, sich wohl besonders gerissen dünkendes europäisches Ehepaar seinen VW Touareg (!) vor unserem Bus in die Kavalkade und tut mit eingeschalteter Warnblinkanlage so, als gehöre man dazu. Der Busfahrer hupt ungehalten; schon kommt auf seiner blitzweißen BMW ein Kradpolizist angebraust, fährt mit erstaunlicher Präzision auf wenige Zentimeter an die Fahrertür des Touareg heran und drängt ihn wieder von der Straße ab.
Heute, Samstag, steht der einzige Sightseeing–Ausflug auf dem Programm: Wir steigen am Fährhafen aus den Bussen und setzen per Ausflugsdampfer zur zwei Kilometer vom Festland entfernten früheren Sklavenumschlagsinsel Goree über. Obwohl Goree bei weitem nicht der größte Handelsplatz für Menschenfracht nach den Amerikas war, ist dies einer der bekanntesten und berüchtigsten — einfach deshalb, weil die Senegalesen früher als die Behörden anderer westafrikanischer Staaten den touristisch–historischen Wert eines solchen Schandflecks erkannten. So finden sich im verhältnismäßig unscheinbaren “Maison des Esclaves”, wo vor zweihundert Jahren mit Eisen an Händen und Füßen gefesselte Menschen hinter dicken Mauern eingepfercht und terrorisiert wurden, bis das nächste Sklavenschiff anlegte, Bilder von berühmten Besuchern wie Nelson Mandela (einst selbst lange auf einer Insel im Angesicht einer Großstadt gefangengehalten, auf Robben Island vor Kapstadt), von Bill und Hillary Clinton, von Danny Glover. Die Ausstellungsräume, vor allem der schäbige Gift Shop, in dem es kaum noch etwas zu kaufen gibt, wirken heruntergekommen; wohlhabende Afroamerikaner bleiben aus, seit sie auf die viel größeren Verliese der Sklavenforts in Gambia und Sierra Leone aufmerksam gemacht wurden, in denen nicht nur Tausende, sondern Millionen ihrer Vorfahren auf brutalste Weise verschachert wurden; zudem gibt es in Gambia und Sierra Leone mit ihrer englischen Kolonialsprache keine französische Sprachbarriere, und die politische Situation ist dort zur Zeit für touristische Zwecke ruhig genug.
Nach dem Besuch des Sklavenhauses erwandere ich Goree auf eigene Faust. Auf dem Kunstgewerbemarkt erwehre ich mich aufdringlicher Marktfrauen und fliegender Händler. “Look, look!” schreien sie mir ins Ohr, schlenkern dicke Halsketten vor meinen Augen, winken mit massengeschnitzten Masken, hauen auf Trommeln und versuchen mich auf Gedeih und Verderb an ihre Stände zu locken. Als ich mich zunächst auf keine Verhandlungen einlasse, purzeln die Preise schnell so beträchtlich, daß ich dann doch ein paarmal in Versuchung gerate. Zunächst kontere ich frech mit unmöglich niedrigen Angeboten, denen jedesmal ein Aufheulen und Händeringen folgt. Ich kenne das Spiel aus dem Nahen und Fernen Osten, und so folgen langem Feilschen über ein bißchen Schmuck und Stoff gelegentlich Preiskompromisse, bei denen’s jeder zufrieden ist.
Am Mittag ist der von südeuropäisch anmutenden Häusern umringte saubere Sandstrand der Bucht neben der Anlegestelle der Fähre proppevoll und bis auf die dunklen Hautfarben und schlankeren Figuren der meisten Badenden kaum zu unterscheiden von westlichen Badestränden. Bei den Frauen, vor allem jüngeren, überwiegen knappe Bikinis; unwahrscheinlich, daß ihre Trägerinnen alle zu den kleinen christlichen und animistischen Minderheiten des Landes gehören.
Gegen drei kehren wir für ein spätes Lunch zurück zum Meridien, und die PEN–Meute versucht, nach der Erfahrung im Außenministerium schlau geworden, jeweils für zwei reinzuhauen. Denn für den heutigen Abend hat der Kulturminister zu einer “reception dinatoire” in Kombination mit einer Freilichtlesung afrikanischer Autoren im Garten der “Maison de la Culture” geladen, und da will keiner das Magenknurren bekommen.
Doch siehe da: Die Kulturleute haben ein zivilisierteres Verhältnis zur Bewirtung von Gästen als die Diplomaten. Schon bei der Ankunft begrüßen uns auf langen Tischen Whisky und Gin, bald fließen in Strömen Wein und Bier, und dazu gibt es für jeden Geschmack viel Gutes zu futtern. Die Nachteile dieser unverhofften wundersamen Brotvermehrung: Mit sonnverbrannten Schädeln und gestopften Mägen nickt während der Lesung der Autoren aus vier afrikanischen Ländern ein Teil des Publikums erschöpft ein, während andere vom Alkohol so vernebelt werden, daß sie sich bald statt bei einer kulturellen Veranstaltung in einer Kneipe zu wähnen scheinen; sie quasseln und lachen lautstark, während der Dichter aus Malawi seine Verse vorträgt.
Nach diesem “freien Tag” konzentriert sich der Kongreß in Plenarsitzungen und bei Rundtischen wieder auf seine eigentlichen Anliegen; Probleme werden gelöst (oder nicht), Perspektiven erarbeitet, Zukunftspläne geschmiedet, es wird um Delegiertenstimmen für kontroverse Anträge gerungen. Am Sonntagabend gibt’s den nächsten Freilichtempfang, diesmal beim Bürgermeister; da erneut niemand vorhersagen kann, ob und was es dort zu essen gibt, stecke ich mir vorsichtshalber beim Lunch zwei trockene Brötchen in die Tasche.
Im Hof neben dem Rathaus, einem zweistöckigen Bau im französischen Kolonialstil, biegen sich jedoch die Tische, wenn auch ohne alkoholische Begleitung. Egal — ich hab mich eh an das Nationalgetränk Bissap gewöhnt, den sehr leckeren roten Hibiskusblütensaft. Reden werden geschwungen, der Smalltalk schleppt sich dahin… Und am nächsten Morgen haben wir die Bescherung: Der halbe Kongreß leidet an heftigem Darmkneifen und Durchfall; an mir geht der Kelch trotz ein bißchen Zwicken und Zwacken glücklicherweise vorüber. War es der Fischrogen? Das Hammelfleisch? Sind die Hühnerbeinchen schuld an den vielen verkniffenen Gesichtern und leeren Stühlen? Eigentlich schmeckte doch alles gut.
An Montagabend lädt der Kulturminister nochmal ein, zu einer Massenlesung aller Delegierten, die sich dafür angemeldet haben, und läßt sich auch heute nicht lumpen. Allerdings verspätet sich die Veranstaltung mal wieder um Stunden und wird schließlich abgebrochen, als es schon auf Mitternacht zugeht und erst wenige Gelegenheit zum Lesen gehabt haben. Da habe ich mich schon aus lauter Langeweile per Taxi aus dem Staub gemacht und lade am Pool des Airport Hotel leicht belämmert von mehreren Gin Tonic meine Fotos in den Laptop.
Am schönsten floppt es am Dienstag; irgendwie hab ich geahnt, daß da noch ein Höhepunkt auf uns wartet. Während sich am Vormittag die Versammlung mit Debatten dahinschleppt, hält die Vorfreude auf den seit Monaten angekündigten Abendempfang — ein Bankett, nichtzuletzt! — beim Präsidenten Senegals die Laune aufrecht. Wir sind mehrmals am Präsidentenpalast vorbeigefahren worden und haben seine äußere Pracht bewundert; innen kann sowas ja auch nicht von schlechten Eltern sein. Selbst manche der sonst immer leger gekleideten westlichen Autoren und Autorinnen haben sich für diese einmalige Angelegenheit die Koffer mit Anzügen und Abendkleidern beschwert und diese im Hotel aufbügeln lassen.
Seit der ersten Plenarsitzung hocken auf dem Podium zwei senegalesische Herren, Anzüge und Krawatten immer “korrekt”. Da sie sich nie zu Wort melden, halte ich sie für staatliche Staffage oder die Vizepräsidenten des senegalesischen PEN; es interessiert mich nicht genug, jemanden danach zu fragen. Und nun, kurz vor eins, wird der internationale PEN–Präsident Jiri Grusa bei seiner Ankündigung der Mittagspause von einem dieser Herren höflich unterbrochen; er habe eine wichtige Mitteilung zu machen. Der Saal staunt; auch der internationale Vorstand ist offenbar nicht im Bilde.
Also, sagt der Mann, und der englischsprachige Simultandolmetscher in meinem Kopfhörer hüstelt, bevor er weiter übersetzt: Leider habe der Herr Präsident, der ehrwürdige Abdoulaye Wade, Senegal am Morgen für ein wichtiges internationales Treffen verlassen müssen, und deshalb — er räuspert sich — müsse das Bankett im Präsidentenpalast leider ausfallen!
Im Saal entsteht Unruhe. Der Hiobsbotschafter hebt die Arme beruhigend. “Naja,” sagt er fröhlich, “somit haben Sie den Abend zur freien Verfügung!” Erhebt sich, packt seine Aktentasche unter den Arm, verabschiedet sich per Handschlag von den Maulaffen feilbietenden internationalen Vorstandsmitgliedern und flaniert gelassen vondannen.
Hans–Christian Oeser, unser österreichischer Kollege Helmuth Niederle und ich beschließen, aus der Not eine Tugend zu machen. Nachdem wir wie üblich den Fahrpreis von der geforderten Summe auf die Hälfte heruntergehandelt haben, lassen wir uns von einem der zahlreichen, überall auf Kunden lauernden Taxis zum Sandaga–Markt bringen, der sich auf Textilien spezialisiert und nicht auf kunstgewerblichen Firlefanz wie der Markt in Goree und der von Soumbedioune, wo wir am Sonntag um aus Coladosen und Konservenbüchsen geformte Buschtaximodelle schacherten und ich in ein Schlagloch voll Schlamm trat.
Am Markt angekommen, will uns der Fahrer unseres zerbeulten, wrackähnlichen Gefährts nicht gehen lassen — es sei zu gefährlich allein, er fühle sich verantwortlich und müsse uns begleiten. Wir drücken ihm seine 3000 CFA (senegalesische Franc, knapp fünf Euro) in die Hand und verschwinden im Gedränge des Marktes. Obwohl man überall von Verkäufern belabert wird, immer sehr freundlich, kommt es nie zu Feindseligkeiten. Beraubung von und Gewalttaten gegenüber Touristen sind in Dakar trotz weitverbreiteter Armut und Arbeitslosigkeit seltener als in europäischen und amerikanischen Großstädten, und auf Taschendiebe muß man an viel wohlhabenderen Orten wie Washington, Wien und Dublin mindestens ebenso scharf aufpassen.
Als es dunkel wird und die Frauen ihre Marktstände mangels Straßenbeleuchtung dichtmachen, wandern wir auf eine große Lichtquelle zu. In einer Art überdachtem, enggassigem Souk schnurren unter Glühbirnen Hunderte von mechanischen Nähmaschinen, ausschließlich betrieben von männlichen Schneidern, die kaum von der emsigen Arbeit aufschauen, wenn wir stehenbleiben und ihnen zugucken. Ihre Finger fliegen, die Füße treten in schnellem Rhythmus, der Blick hält Nadel und Zwirn fest im Auge… Irgendwie ist dieses Bild für mich der beeindruckendste Moment meines Dakar–Aufenthaltes; ich bin davon so in den Bann gezogen, daß ich vergesse, oder vielleicht scheue ich mich, davon Fotos zu machen. Und ich weigere mich, mir die Erinnerung daran mit Reflektionen und Interpretationen zu überlagern.
Wir bummeln durch Straßen, in denen noch einige Läden offen sind. Als wir vor einem kleinen Schmuckgeschäft Mitbringsel für unsere Liebsten daheim erörtern, fragt der Besitzer durch die offene Tür in akzentfreiem Deutsch: “Guten Abend, meine Herren — wo kommen Sie her?” Es stellt sich heraus, daß er in Rostock Maschinenwesen studiert hat; da müssen wir ihm doch wenigstens einen Ring oder Armreif abkaufen.
Als wir wieder auf die Straße treten und uns nach Transport zurück zum Hotel umsehen, taucht wie aus dem Nichts das Wrack auf, aus dem wir vor über einer Stunde ein paar Straßenzüge entfernt, auf der anderen Seite vom Sandaga–Markt, ausgestiegen sind. Wie der Fahrer es geschafft hat, uns wohl die ganze Zeit im Auge zu behalten, ist uns ein Rätsel. “3000 Franc?” fragen wir. “Selbstverständlich,” erwidert er. “Steigt ein!”
So haben wir statt des Präsidentenpalastes noch ein wenig vom “wirklichen Dakar” zu sehen bekommen. Auch nicht schlecht — obwohl ich eigentlich gespannt war, ob man uns beim Präsidenten Alkohol serviert hätte.
Am letzten Tag, bei der abschließenden PEN–Plenarversammlung, geht es noch einmal stürmisch zu, weil einige Delegierte eine Abstimmungsniederlage nicht ertragen können. Was wären Schriftsteller ohne ihre Eitelkeiten! Auf die Abschlußzeremonie mit dem Premierminister muß ich wie viele meiner Kollegen verzichten, weil die Flüge nach Europa Dakar am Abend verlassen. Aber das ist die geringste der Planungspannen dieser Konferenz. Später höre ich, daß der Premierminister zwar pünktlicher im Amphitheater des Meridien erschien als der Präsident bei der Eröffnung, aber nach ein paar Minuten der gewöhnlichen Klischees und ein wenig Folklore war die ganze Schau vorbei.
Als ich gegen zweiundzwanzig Uhr in den Airbus steige, sitzt ein paar Reihen hinter mir ein alter Bekannter aus Washington, ein professioneller Entwicklungshelfer, den ich seit einem Jahrzehnt, seit seiner Scheidung von einer guten Freundin von uns, nicht mehr gesehen hatte. Er kommt gerade aus Monrovia. Seine Tochter aus erster Ehe, sagt er, habe sich am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, verlobt. “Ich weiß”, erwidere ich, und wir reminiszieren ein bißchen über die gemeinsamen Kindheitserlebnisse unserer gleichaltrigen Töchter.
“Obwohl ich dauernd in Afrika zu tun habe, war ich noch nie in Dakar,” sagt er, “nur zur Zwischenlandung hier auf dem Flughafen. Für den Senegal sind meine frankophonen Kollegen zuständig. Wie hat’s dir gefallen?”
“Man kann sich wohl dran gewöhnen”, erwidere ich lasch und denke: “Ich bin so klug als wie zuvor...”
“Ich fliege gern Brussels Airlines”, sagt er, “da wird man in Coach noch vernünftig verpflegt. Gute Weine. Morgen müssen wir leider wieder mit unsereiner Scheiß vorlieb nehmen. Fliegt du von Brüssel auch auf American Airlines zurück?”
Ich erzähle ihm, daß ich noch ein paar Wochen in Europa bleibe, um mich mit einer Motorradreise vom Altern abzulenken. ”Good for you”, sagt er. Die Stewardess schließt die Flugzeugtür. Er setzt sich wieder auf seinen Platz, und wir rollen zur Startbahn.
© 2007 by Fred Viebahn, Erstveröffentlichung auf achgut.com
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