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Uwe Friesel
Die Kunst, sich mit Schönheit zu sättigen

Hommage an Vladimir Nabokov, gestorben am 2. Juli 1977 in Montreux–Klarens

Es gibt Schriftsteller, die, sobald sich ihr Ruhm hinreichend umgemünzt hat, sich an einem idealtypischen Schweizer Bergsee eine Villa kaufen. Sagen wir, am Lago Maggiore. Oft ist dies ein literarisches Rückzugssignal. Der Autor, ahnend, er werde nicht mehr viel oder nicht mehr Belangvolles schreiben, malt sich dennoch aus, wie er in jenem duftenden Refugium, ungestört von den jenseits des Sees und jenseits der Schweiz zurückgelassenen Zeitläuften, endlich dazu komme, die Summe zu ziehen, sein Lebenswerk zu krönen. Solche Villen sind weiß und haben einen azurblauen Swimmingpool im Rasen; Zypressen ragen wie Hasenpfoten am Rand der Mauer — Orte so arkadisch und dekadent, wie Vladimir Nabokov sie beschrieb.

Nur: er selber wohnte nicht in einer solchen Villa, sondern in einer Hotelsuite. Nicht in südlicher Gartenlandschaft, sondern im französisch geprägten Montreux–Klarens am Lac Léman. Er wollte keinen Besitz. Nabokov, genialer Abkömmling eines russischen Fürstengeschlechts, der mit achtzehn ein Millionenvermögen an die Bolschewiki verlor und über die Krim erst nach England, dann nach Deutschland floh (in Berlin schrieb er sechs von seinen neun russischsprachigen Romanen), der 1937 wieder fliehen mußte, diesmal vor den Nazis, weil seine Frau Véra Jüdin war, nach Frankreich erst und dann in die USA, wußte, dass man sich durch Besitz nicht absichern kann. Er gab bewußt sein Geld für Miete und Bedienung aus. Und er schrieb tatsächlich seine beiden wichtigsten Bücher, Fahles Feuer und Ada, in dieser genau gewählten Abgeschiedenheit, bald nachdem ein von ihm erfundenes, nicht nur von den Gerichten barbarisch mißverstandenes frühreifes Nymphchen in vier (!) mißverständlichen Filmen und unzähligen Übersetzungen Weltruhm erlangt und ihn zum zweiten Mal zum Millionär gemacht hatte. „Hurrikan Lolita fegte von Florida bis Maine,” sagt mit kaum verhülltem Stolz John Shade, Nabokovs Dichter–Schatten, dessen 999 Verse langes unvollendetes Gedicht das Zentrum des Romans Fahles Feuer ausmacht. Dieser Hurrikan war der Rückenwind für Nabokovs letzte Flucht, die aus Amerika, aus der Enge einer amerikanischen Campus–Universität mit ihren Lehrverpflichtungen zurück ins alte Europa seiner Kindheit.

Aber nun nicht irgendwohin, sondern, um Ada und Fahles Feuer schreiben zu können, dorthin, wo Weltsprachen der Literatur aneinander stoßen: Französisch, Italienisch, Deutsch und — wegen der Schweizer Internatsschulen und der vielen Amerikaner und Exilrussen, die am märchenhaften Ufergürtel Lausanne–Montreux–Vevey angesiedelt sind — natürlich auch Englisch und Russisch. Wo am Zeitungskiosk des Bahnhofs Times und Le Figaro, New York Harald Tribune und die Neue Zürcher Zeitung gleichberechtigt und pünktlich zur Ansicht liegen. Wo die Gespräche leicht und unversehens von einer Sprache in die andere gleiten, handle es sich auch nur darum, dass man sich wegen des gleißenden Aprillichts auf dem See in einer Drogerie eine Sonnenbrille kaufen will.

In diesem Montreux der Pensionen und gebildeten Pensionäre, wo der schüchterne junge Übersetzer, bewehrt mit seinen Elaborat und seinen beiden schwersten Lexika, den Schritt verhält vor der Rückseite einer gründerzeitlichen Burg des 19. Jahrhunderts aus Blendquadern, Glasüberdachungen, Balkongitterfluchten — dem MONTREUX PALACE, Inkarnation von einem Grandhotel. Unter schwerblütigen roten Buchen, zwischen Benz und Bentley–Automobilen etwas fremd, würdelos quasi, versteckt sich ein Lancia–Zweisitzer nicht des allerneusten Modells. Wie sich herausstellt, gehört er Madame Nabokov, ihr, der fast alle seine Romane gewidmet sind: To Véra.

An der gläsernen Drehtür wartet schon Verleger Ledig–Rowohlt. Er trägt seinen schönsten und breitesten gelben Seidenschlips, passend zu Socken und Kavalierstüchlein, der Übersetzer dagegen, etwas fremd, und würdelos quasi, Cordhose und Pullover. Vom Kofferraum des Wagens schleppt Rowohlts Fahrer zwei Reisetaschen voller Nachschlagewerke herbei — zu wenige, wird sich zeigen, denn es fehlen die lepidopterologischen; man kann aber kein Nabokov–Buch übersetzen und keine Nabokov–Übersetzung zur Autorisation nachprüfen ohne Fachbücher zur Schmetterlingskunde. Schon gar nicht Fahles Feuer. Und auf diesem Gebiet die besten deutschsprachigen sind, vor allem wegen der hervorragenden Stahlstiche, die aus dem 19. Jahrhundert. Sagt Nabokov.

Wo treffen wir ihn? In dem Zimmer mit Seeblick, Monsieur Lédisch. Dort warten sie schon. Sie? Ja. Monsieur und Madame und ein Herr.

Vorbei ab holzgetäfelten Empfangsschaltern, Kristallüstern, Marmor, Samtportieren eilen wir auf den Fahrstuhl zu am Ende der Halle.

Wie gesagt, im Zentrum des Romans ein Gedicht von 999 Versen eines angeblichen amerikanischen Dichters John Shade. Drumherum Einführung und Anmerkungsapparat eines angeblichen Dr. Charles Kinbote, der das Gedicht mit kunstvollem Irrsinn so lange uminterpretiert, bis sein Kommentar sein eigener, höchst merkwürdiger Lebensroman wird, das Ganze aber zur auf die Spitze getriebenen Persiflage so genannter Editionskunst. Dies alles angesiedelt in New Wye, Appalachia, ein Staat so wenig existent wie das Geburtsland Zembla jenes Dr. Kinbote. Und dennoch, die erfundene Wirklichkeit des Wordsmith College, in dem die beiden Phantasiegestalten lehren, dürfte nicht allzu weit entfernt sein von Nabokovs Cornell University in Ithaca, New York.

Und während wir, kaum dass der Fahrstuhl gestoppt hat, von neuem einen endlosen Flur des MONTREUX PALACE entlang eilen, um zu dem vorbestellten Konferenzzimmer Nr. 317 zu kommen, bin ich, der ich noch gestern in meinem Hamburger Ölofenzimmer an diesem wahnsinnigen Manuskript geschuftet habe, schon wieder im Sand jenes langen Ganges versunken, den der verrückte Kinbote in seiner Anmerkung zu Vers 137 beschreibt: „Lemniskate: Eine rationale bizirkulare Funktion vierten Grades, sagt mein altes übermüdetes Wörterbuch. Ich verstehe nicht, was das mit Radfahren zu tun haben soll, und vermute deshalb, dass dieser Satz von Shade keine wirkliche Bedeutung hat.” Alles Nebelwerferei! Eine Lemniskate ist ein Unendlichkeitszeichen, eine liegende Acht. Und wer den Roman, will sagen, den zum Roman umfunktionierten Anmerkungsapparat genauer liest, genauer als der unglaubliche Herausgeber, der ihn schuf, der Übersetzer also und der genaue Leser, stellt fest: 1888 ist die Schauspielerin Iris Acht gestorben, und gelüstete es jemand, sie zu einer liegenden Acht zu machen, zum Beispiel Zemblas König Thurgus den Schwülstigen, so mußte er einen achtzehnhundertachtundachtzig Schritt langen Palast–Kellergang voller sandiger Unendlichkeitszeichen durchmessen.

Die Flure des 19. Jahrhunderts sind endlos, und die Psychoanalyse ist lachhaft. Sagt Nabokov. Ziemlich außer Atem kommen Ledig–Rowohlt, sein Fahrer und ich endlich am Zimmer 317, Vers 137 an. Ledig zupft den Schlips zurecht, wir klopfen, öffnen Doppeltüren, treten ein.

Mit spöttischen Mundwinkeln sieht Madame uns an, nachsichtig Nabokov. Er trägt eine bequeme graue Hose und eine lässige Wolljacke. Er ist hier zu Hause, genauer, residiert im älteren Teil, dem Hotel Du Cygne gleich nebenan, schon zur Gründerzeit vom MONTREUX PALACE übergeschluckt und durch Korridore und Klingelleitungen mit ihm verbunden. Er sagt, man möge „seine sehr legere Kleidung” entschuldigen. Aber er sei gerade an einem Riesenroman. Im Grunde würde er durch die fünf Tage lange Revision eines „lang zurückliegenden Problems” aus allem herausgerissen. Wenigstens die Kleidung wolle er beibehalten, damit er sich noch ans Gegenwärtige erinnern könne, später.

Der Übersetzer ist erleichtert, der Verleger weiß noch nicht so recht, der Lektor, der pünktlich gewesen war, ist seinerseits erleichtert.

Auf einem Chippendale–Tisch werden Original und deutsche Nachahmung ausgebreitet, ringsum Stapel von verschiedensten Lexika. Aber es fehlen entschieden Handbücher der Ornithologie, der Botanik und der Schmetterlingskunde. Er wird sie am Nachmittag aus seinem Arbeitszimmer mitbringen. Die Lesung kann beginnen. Wort für Wort, Satz für Satz, Seite für Seite.

Er spricht Englisch. Aber er erinnert sich sehr gut an Klang und Sinn deutscher Wörter. Manchmal scheint es, als könne er die Bedeutung allein aus dem Klang definieren. Er weiß, wann es gelungen ist, eine Alliteration, einen Reim ins Deutsche hinüber zu retten, ohne den Sinn zu entstellen, und wann nicht. Véra Nabokov kennt die einzelnen Begriffe. Sie hat einen Durchschlag der Übersetzung vor sich liegen. Beide zusammen sind bewundernswert in der Lage, bis in lautliche Nuancen die deutsche Fassung zu dechiffrieren. Haben Sie dasselbe Adjektiv auch an jener Stelle, wo der Mörder Gradus zum zweiten Male — ? Wir blättern nach, der Lektor und ich: es ist dasselbe. Am dritten Tag darf ich den ersten Reim stehen lassen. Deutsche Reime können leicht banal sein, vermutet Nabokov sehr zu Recht, und ich bin sicher, er meint einen vom ersten Tag, dem er rigoros widersprochen hat und den wir mit Rowohlts Hilfe glücklich aufgelöst haben. Immer weiter verlieren wir uns in die Capricen des monströsen Labyrinths, Nabokov dabei von einer unglaublichen Präsenz, sich an kleinste Details des 1961 fertig gestellten Werkes erinnernd, obwohl er tatsächlich schon mitten im genealogischen Vexierspiel der Ada verstrickt ist, dieser Zeit und Raum sprengenden Liebesgeschichte. Mit ihren Sprachspielen und Anspielungen sollte sie den italienischen Verleger so in Verlegenheit bringen, dass er pro Seite ein bis drei Fußnoten zufügte und damit das Buch kaputt machte, während der französische Kollege in eine Nervenklinik mußte wie Aqua, eine der beiden Ur–Mütter aus Ada, die plötzlich die Sprache der Wasserhähne verstand und daran wahnsinnig wurde. Daraufhin mußte Nabokovs Sohn die Übersetzung neu machen, er selbst die französische.

Wir sitzen bis zu neun Stunden pro Tag beisammen. Die Rechnung für Mineralwasser, Tee und englischen Kuchen ist höher als die Raummiete.

Als wir sechs Jahre später mit leicht veränderter Mannschaft — meine Mitübersetzerin Marianne Therstappen war dabei, der Lektor fehlte, Ledig trug rote Accessoires — die deutsche Ada–Version durchgingen, war alles entspannter, wärmer. Er traute uns sprachliche Funde zu, wo er damals noch jeden Buchstaben überprüft hätte. Zwischen Nabokov und Rowohlt, dieser inzwischen Bewohner eines herrlichen Jagdschlößchens aus dem 18. Jahrhundert oberhalb von Lausanne, Nachbar also, hatte sich unmerklich eine Art respektvoller Freundschaft gebildet.

Am 2. Juli 1977 starb Vladimir Nabokov an einem von den Ärzten nicht genauer zu diagnostizierenden Virus. Auf Fotos sehen wir ihn mit Schmetterlingsnetzen oder unter einer Regenhaut; oder doppelt, gespiegelt an seinem Arbeitstisch sitzend; oder als Porträt mit aufgestütztem Kinn. Er war polyglott wie sein MONTREUX PALACE. Seine Gedanken schweiften über Terra und Demonia, seine Gegenwelten, so wie jene internationalen Expresszüge seiner Jugend die bekannte Erde mit ihrem Netz überzogen — und auch die „lateralen Haie”, die Jets seiner Gegenwart mit ihren Fensteraugen zu beiden Seiten. „Mir ein Stück Vergangenheit lebhaft zu vergegenwärtigen, ist eine Beschäftigung, der ich mein Leben lang mit dem größten Eifer nachgegangen bin,” schreibt Nabokov in der Autobiographie Andere Ufer. Er war vermutlich der letzte Romanautor, dem es gelang, vollkommene poetische Gegenwelten zwischen zwei Buchdeckeln einzufangen: weil er sich in seinem Hotel am Lac Léman genau in dem Maße von der Wirklichkeit losmachen konnte, wie er es mußte, um so umfassende neue Wirklichkeiten synthetisieren zu können.

© 2007 by Uwe Friesel

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