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Wozu Negationismus?


Ein Essay von Georges-Arthur Goldschmidt


Noch vor kurzem hat der iranische Staatschef das alte Monster vom Loch Ness wieder einmal aus seinem Sumpf gezogen und sogar eine Konferenz zusammengerufen (deren Erfolg bescheiden zu sein gewesen scheint), um endgültig zu zeigen, daß es Gaskammern und Schoah nie gegeben hat. Es ist übrigens merkwürdig, daß er ins alte, morsche Boot des abendländischen Denkens mit solch radikaler Naïvität einsteigen konnte

Es ist vor allem sonderbar, daß es anscheinend nur zwei historische Tatsachen gibt, den Holocaust und in anderer Weise den Massaker der Armenier 1915, die als einzige derart negiert werden, wo es niemanden je einfallen würde z. B. den Gebrauch der Giftgase während des ersten Weltkrieges zu bestreiten.

Nichts, kein einziger der im Lauf der Geschichte gegen die Juden erhobenen immer unmotivierten Vorwürfe hat je auch im entferntesten irgend eine Form der Verfolgung rechtfertigen oder erklären können. Es gibt nichts mehr was man den Juden noch vorwerfen könnte, womit man auch nur den Anschein nach die Schändlichkeit der Verfolgung verschleiern oder vermindern könnte. War es im Mittelalter noch möglich die Juden als Brunnenvergifter oder Wucherer zu verleumden, so gibt es nichts mehr womit man versuchen könnte, Auschwitz zu rechtfertigen. Jede Anklage, jede Beschuldigung die man gegen die Juden erheben könnte, ist obsolet geworden. Es gibt keine Anklage im Verhältnis zu Auschwitz.

Mit der Schoah hat man ein noch nie dagewesenes Stadium erreicht, wovor jeder Rechtfertigungsversuch von vornherein ausgeschlossen ist. Die Schoah ist derart ungeheuerlich, daß vor ihr jedes Denken, jede Erklärung, jede rationelle Ausdeutung sich sofort als sinnwidrig erweist. Undenkbar steht sie jenseits jeglicher moralischer Begründung, welcher Art sie auch sei.

Durch die Maßlosigkeit des Verbrechens kann der Antisemitismus, der derart seine Substanz verloren hat, nur noch als Negation bestehen. Die Schoah macht den "normalen" Antisemitismus unmöglich, er ist ein für allemal überholt, so kann es Auschwitz eben nicht gegeben haben, denn mit Auschwitz hätte der Antisemitismus als solcher verspielt. Hätte es die Gaskammern gegeben, wäre eine neue Schoah unmöglich, weshalb es, um die Produktivität des Judenhasses irgendwie noch zu ermöglichen, unerlässlich geworden ist zu behaupten, daß es Auschwitz nicht gegeben hat. Hätte es Auschwitz wirklich gegeben, wären die Grundfesten der abendländischen Zivilisation unwiderruflich zerstört, so hat es Auschwitz einfach nicht gegeben und basta!

So bleibt nur ein einziger möglicher Ausweg mit doppeltem Effekt: die Negation beruhigt die Negationisten. Da es die Schoah nicht gegeben hat, braucht man kein schlechtes Gewissen zu haben, das erleichtert sehr wesentlich das Leben. Die Negation als letzte Etappe des Genozids gleicht dem Genozid aufs Haar, sie hebt ihn auf, sie tilgt das Objekt ihrer Rede, nichts davon bleibt übrig, so daß man freie Hand hat den Genozid (den es nicht gegeben hat) endlich stattfinden zu lassen. Dazu hat man sogar die vollständige Gebrauchsanweisung. Da es die Schoah nicht gegeben hat und es immer noch Juden gibt, könnte man endlich mal eine richtige, wirksame, diesmal endgültige Schoah organisieren, so daß wirklich keiner mehr übrig bleibt und es diesmal nicht schief geht. Negationismus ist nichts anderes als der Wunsch einer neuen nun endlich gelungenen Schoah.


© 2007 by Georges-Arthur Goldschmidt

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