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Unterhaltungen in den Himmel Gekommener

Eine Erzählung von Irmgard Hunt*

Als sich Ernst Toller und Martin Luther King im Himmel trafen, saßen sie gerade in der heißen, sprudelnden Wanne, und Martin erzählte, daß er als kleiner Junge schon einmal im Whirlpool gesessen hatte. Eine Tante, die bei reichen Leuten arbeitete, hatte ihn mitgenommen. Die Wanne war gerade neu eingebaut worden. Er und seine Tante mußten The Tub heimlich benutzen, wenn die Villenbewohner gerade nicht zuhause waren. Come in, sagte dann die Tante, it´s heavenly! Ich stieg ein, kicherte Martin, und ich erinnere mich, vor Begeisterung laut gerufen zu haben: If this is like heaven, I want to go there! Gelacht habe die Tante, und sei dann sehr ernst geworden: They would kill us if they knew ..

Martin lachte, die freudige Erinnerung an diese Erschleichung eines kleinen Teilchens guten Privilegiertenlebens stand ihm im Gesicht geschrieben, und Ernst sagte, hier sind wir also, in der himmlischenWanne, du aus der Welt gejagt, erlegt, ermordet mit noch nicht vierzig, ich selbstgemordet, fünf Jahre älter, ich konnte es einfach nicht mehr aushalten auf der Welt.

Leicht einzusehen, sprach Martin, jetzt mit ernster Miene, ich war gerade zehn Jahre alt geworden und hörte Böses aus Deutschland, alle redeten von einem Kerl namens Hitler und daß der Krieg machen würde, und ich fragte meinen Onkel: Was ist Krieg? und er antwortete: Don´t you worry about that, son. Und ich war verpflichtet, zu sagen: No, sir.

Ernst schwieg einen Augenblick, man hörte das himmlische, nach Chlor riechende Wasser sprudeln, beide Männer genossen offensichtlich die Rückenmassage und hätten gern ob des körperlichen Wohlgefühls zufriedene Laute von sich gegeben, wären da nicht der Geist und die Gedanken, welche in eine andere Richtung wollten. Ernst sagte:

Wir alle wußten es, schon im Frühjahr, und darüber hinaus hatten wir Juden überhaupt keine Hoffnung mehr. Eigentlich wußte ich es von dreiunddreißig an; ich begann, eine Satire zu schreiben, Nie wieder Friede! — No More Peace! — Die mußte auf englisch uraufgeführt werden, in London, alles in Deutschland hatte sich mir verweigert, Exil innen und außen, in jeder Hinsicht… Meine Erfahrungen während und besonders nach dem ersten Weltkrieg — und hier sah er Martin überlegen an, als wollte er sagen, du bist zu jung für dieses Kapitel! — hatten mich einigermaßen gebrochen, weißt du, was das ist? In den zwanziger Jahren hatte ich noch über meine revolutionären Flugschriften als Titel geschrieben: Ich bin der Weg! Jugendlich, das; klang messianisch, obwohl ich es nicht ganz so meinte. Sowas hätte ich zehn Jahre später nicht mehr geschrieben, und überhaupt: das Jahr dreiunddreißig war mehr, als man ertragen konnte. Mit großer Mehrheit wählten diese Deutschen ihren Hitler ins Amt! Ein Schlag ins Gesicht. Zunehmend hatte ich danach nicht mehr die Energie wie früher, viele Depressionen … Ich engagierte mich für den Spanischen Bürgerkrieg. Dieser Hunger überall! Und als ich in Amerika Sprechtourneen bekam, nahm ich die Gelegenheit wahr, beim Präsidenten vorzusprechen. Der Franklin Delano empfing mich auch, aber er bewilligte trotzdem keine Gelder. Das deprimierte mich furchtbar, und das Mayflower in New York hatte einen solch hohen, einladenden Türrahmen … ein starkes Seil konnte ich mir leicht besorgen. Ich war immer über die kleinen, praktischen hardware stores in Amerika erstaunt. Da standen in der Früh die Männer herum und beratschlagten einander bei ihren kleinen Reparaturen und größeren Projekten, redeten über das Wetter, schon auch mal über Deutschland und jenen Verrückten, wie sie ihn nannten. Mein Projekt war jedoch ein ganz anderes, sowohl mein Einkaufszweck als auch mit Bezug auf die Zeitpolitik … Rückblickend muß ich sagen, bei dem, was danach kam, bin ich froh, schon gegangen gewesen zu sein.

Amen! sagte Martin, Betonung auf der zweiten Silbe, und mit weiterer Emphase: You can say that again!, stieg aus der Wanne, fragte: Hat Eleanor von deinem Anliegen gewußt? Und überhaupt der EfDeeAr, der müßte doch hier sein. Wo treibt er sich wohl herum? Ist der nicht auch in den Himmel gekommen?

Weiß ich nicht, sagte Ernst, weder das eine noch das andere. Immer besinnlich und bedeutungsvoll, hing er jetzt seinen Gedanken an Franklin Delano Roosevelt und dann besonders an dessen Frau Eleanor nach. Martin, recht beleibt und damit beschäftigt, sich abzutrocknen, sagte: Weißt du aber, daß ich als Junge dich auf der Erde schon mal sah, sagte ich dir das? Auf einer dieser Sprechtourneen, es war in … ich weiß nicht mehr. Worüber du redetest — was versteht schon ein Kind? Soviel verstand ich: Es ging um Politik, und es ging um den Frieden. Ich weiß noch genau, daß ich mich herumtrieb, wo ich nicht hätte sein sollen, wofür ich von meinem Onkel eine Ohrfeige erhielt. Unter Barrikaden war es, in New Jersey irgendwo, meine erste große Reise, aufregend, ach, ich glaube, ich war erst acht oder neun … Ich wollte nicht weg, schlich wieder unter die Bänke, ja, es war eine aufgebaute Tribüne. Dein Sprechen faszinierte mich, und ich wollte den Text später auch lesen, konnte ihn aber nicht bekommen. Anstatt beim Suchen und Forschen in New Yorker Archiven zusammen mit einem Deutschkundigen fündig zu werden, entdeckten wir ein irrsinniges Dokument in Sütterlinschrift, die zu enträtseln meinem Freund einige Schwierigkeiten machte. Ich glaube, es war ein Text für eine Meinungsspalte, von einem politischen Gefangenen verfaßt. In welcher Auswanderertasche kam die bloß übers Meer?

Ach, das würde mich interessieren, bring mir den Text, falls du ihn noch hast, bat Ernst. Saß ich doch selber Jahre im Gefängnis, wie du weißt. — Okay, sagte Martin, ich sehe nach. Inzwischen hatte auch Ernst sich frottiert und angekleidet, und die beiden spazierten gemächlich über die Wiese, hin zum Park. Am nächsten Tag brachte Martin einige kopierte, handschriftliche Blätter mit, die er selbst der Schrift und der Sprache wegen überhaupt nicht lesen konnte. Es stellte sich heraus, daß sie 1919 von einem Menschen kommunistischer Überzeugung verfaßt worden waren, der Hals über Kopf in die Revolution wollte, und der hier eine leidenschaftliche Tirade gegen den Idealismus Intellektueller wie Toller von sich gab.

Ernst und Martin steckten die Köpfe zusammen — sie saßen jetzt auf der Wiese und nicht in der Wanne, wo sie auf alles vergessen hätten und überhitzt worden wären. Sie lasen gemeinsam, indem Ernst auf englisch paraphrasierte. Da stand:

Es ist auch ein nicht ungefährliches Unternehmen der U.S.P., die Intellektuellen, die aus jener Sphäre kommen, die Ideologen zu sammeln. Warum? Nehmen wir den praktischen Fall: Toller! Er ist in die Politik hineinkonstruiert wie viele, ja fast alle andern — durch geistige Verbindung, sowie Eisner, Landauer, usw., durch Verkehr, persönliches Bekanntsein mit geistig führenden Frauen, aber nicht auf politischem Gebiet. Sie gehen als Dichter, Aestheten, Theosophen, obendrein womöglich mit künstlichen Gliedern an die proletarische Bewegung heran, übertragen ein gut Teil ihrer schöpferischen Intuition, ihrer pulsierenden Kraft als Dichter und Idealisten auf die nüchterne politische Aktion, aber es fehlt die Wucht, die große Not und gequälte Bitternis vorwärtstreibt — zum Handeln. Der nüchterne Instinkt zur Aktion bis zur Entscheidung fehlt diesen aesthetisierenden, zartnervigen Intellektuellen, weil sie ein ideelles Moment, das sympathetische Fühlen und nicht der materielle Klassendrang und –haß fortreißt. Sie überlasten ihr Gefühl zum Schaden von Verstand und Willen.

Soso, sprach Ernst, da hören wir ja recht wortgewaltig und genau, wozu wir nicht getaugt haben im Leben, was Martin? Wie findest du das? Martin: Wenn´s so ist, habe ich auch zu den Unwirksamen gehört. Das Kapitel Haß müssen wir noch diskutieren! Wir haben doch Träume! Ohne die wär´s hoffnungslos. Ohne den Traum, den ich hatte und habe, war und ist nichts, absolut nichts! Martin ereiferte sich: Leere. Nihil. Nothing, my brother!

Ernst: Deprimieren wir einander nicht! Diese Schrift stammt von 1919, laß sehen, wer unterschreibt denn hier? Aha, er unterzeichnet als Genosse Paul Grassl, z.Zt. Stadelheim, “Festungsgefangener.“ Du, das geht noch weiter. Warte — ist ja faszinierend, hör zu:

Genauer, aber bildlich gesprochen: sie stehen mit zwei Füssen in ihrer idealistischen Schule und neigen sich mit dem Oberkörper neugierig über die materialistische Welt. Somit können jene Intellektuellen der Ideologie die proletarische Bewegung nie tief genug in ihrer Härte, in ihrer grausamen Unerbittlichkeit begreifen; nie können diese Pseudorevolutionäre, die geistig sehr beweglich zwar von süsser Menschenversöhnung, von allumfassender Liebe durchtränkten Phantasten die nackte, wuchtige Kraft einer revolutionären Massenbewegung packen und führen. — Hier werden wir ja schön sarkastisch, unterbrach Ernst sein Lesen. — Nie werden diese Idealisten verstehen, daß nur eine Parole unsere Losung sein kann: Kampf, Kampf bis zum Sieg, den Daumen aufs Aug das Knie auf die Brust und Stich auf Stich.

Oh! rief Martin, erinnert das etwa nicht an heute im dritten Jahrtausend, das Fanatische, die Terrorgewalt? Aber Ernst hörte nicht hin; er referierte weiter:

Das werden jene nie zustande bringen. Ihre Politik und ihre Worte über Politik triefen von rhythmischer Rührseligkeit und Anständigkeit — aber Leben, Wirklichkeit, aber rücksichtslosen Kampf, der vor nichts zurückschreckt, kennen jene nicht; sie zittern, wenn eine Ziege meckert und wälzen sich vor Rührung, sobald sie von Waffen hören.

Man wird sehr oft jetzt an jenen wahren Sozialismus erinnert, von dem Engels und Marx glaubten er sei ausgestorben mit seiner Utopie. Was würden unsere Altmeister heute sagen, wenn sie diese Wortapostel von 1919 hören könnten! Sie, die unermüdlichen Organisatoren und Aktionsmenschen, rauh und scharf gegen die heutigen philosophierenden, aesthetisierenden theosophischen Proletarierführer …


Es hat ja aus heutiger Sicht auch was Rührendes, solcher Eifer, sprach Ernst. Doch hast du recht, Parallelen zu heute sind da, das gibts immer wieder.

Und wieder Martin: Entweder Haß, oder Pazifismus. Entweder blutiger Kampf oder vernünftiges Verhandeln. Das sind die Alternativen.

Ernst murmelte noch: Dieser Schreiber wußte wohl nicht, daß ich, wie er, bereits eingesperrt war, dann las er still ein wenig weiter und berichtete daraufhin Martin: Ein Journalist. Er bittet einen Zeitgenossen, seinen Brief in der Zeitung zu veröffentlichen. Naja, 1919, und es war eben in Bayern, wo die anlaufende faschistische Zeit, die braune Bewegung bereits sichtbar war. Ob der Mann wieder rauskam und wirksam wurde? Die Revolution versuchte, stattzufinden; erfolgreich wurde sie nicht, Intellektualismus hin oder her. Hitler haben sie einige Zeit später gewählt, mit großer Mehrheit, gewählt!

Betont stand das letzte Wort in der Luft. Martin überlegte das Gehörte und sprach dann wieder vom friedlichen Widerstand: In den Staaten lief und läuft das: Poets Against the War, zum Beispiel. Martin ereiferte sich jetzt und berichtete lebhaft: Sie wollen die Bewegung der sechziger Jahre wieder auf die Beine stellen. Sie gingen der First Lady schön auf die Nerven! Ihre Anthologie widmeten die Poeten witzigerweise Laura Bush — einer minderen Intelligenz, denkt man an Eleanor. Elftausend Dichter sandten dreizehntausend Gedichte gegen den Krieg. Nun sag, was bewirkt das Wort? Bischof Tutu sprach und schrieb, Senator Byrd sprach und schrieb. Norman Mailer schrieb. Krieg wurde gemacht. Im Irak wurde wieder dreingeschlagen. Und die Bomben schlugen hinein, und der Krieg war da und wütet immer noch, das ist das Gericht und zugleich die Strafe, für Täter und Opfer gleichermaßen. Und die Hure Babylon vom biblischen Euphrat sitzt an allen Wassern, auch am Potomac und auch am Tigris, so sehe ich es, folgerte Martin.

Öl, Gier, Üppigkeit, Prasserei, sprach Ernst. An allen Wassern dasselbe unter den Machthabern, die mit allen Wassern gewaschen sind. Mächtige sind es ja nicht, sondern Emporkömmlinge, Wahldiebe, Faschisten … Die Sünden reichen bis an den Himmel. Hier sitzen wir. Das schreit zum Himmel, sagt der Volksmund — hörst du´s? Das stinkt zum Himmel, sagen sie auch — riechst du´s?

Und wieder Martin: Ich rieche den Rauch von den Feuern, ja. Jetzt passiert das wieder, an jener Stelle auf der Erdkugel, von der diese Bibelstelle spricht, und ich rieche den Rauch von Waffenfeuer, Bombenfeuern, Ölfeuern. Oft denke ich, diese Feuer, nicht nur die Waldbrände, sind Ausdruck der Empörung der Erde. Die Menschen strafen sich jetzt selbst. Wir müssen die Feuer schlafen legen, aber wie? Es gibt ihn, den Widerstand gegen die Gewalt. Ich kann dir viele Namen, Organisationen, Bewegungen nennen — actors, teachers, papal envoys, college deans, Common Dreams, interfaith prayer vigils, many many voices — gegen den Bush–Wahnsinn, diese Stimmen höre ich auch schreien, Ernst. Dieser Bush — we should send him walking! — er scheint eine verwirrte christliche Überzeugung zu haben, völlig durcheinander im Kopf, was man manchmal schlicht dumm nennt. Martin, der Redner, ereiferte sich.

Da sagte Ernst, der Sprachmensch: Hörst du genau hin, wenn er spricht — insofern man es aushält? Jeder Spezialist der linguistischen Analyse würde dir erklären, daß er die Zuhörer, das sind die Massen, fest in der Hand hat, dadurch, daß er zu ihnen spricht, als seien sie hilflos der terroristischen Gefahren gegenüber und deswegen ihn, ihn, ihn brauchen … Er wird alles richten. Er wird nichts tolerieren … Ein großer ich–bezogener Ichsager ist das. Kaum je benutzt er das Wort du. Er führt eine dominierende Sprache, eine pessimistische auch, die immer mehr Furcht einflößt und die Kleinmütigen allzuleicht einfängt. Viele nennen ihn einen Cowboy, aber ich glaube, Cowboys sind klüger als er, der nur schlau ist, bauernschlau.

Da antwortete Martin, der Religionsmensch: Yes, a yokel is what he is! Und diese seine Meisterschaft einer emotionalen, aber simplen Sprache, kombiniert mit seinem religiösen Irrweg macht ihn schlichtweg gemeingefährlich. Terroristen und überhaupt Islamisten will er weltweit bekämpfen. Wie kann man so verblendet sein und sich gleichzeitig einen religiösen Menschen nennen? Oh, Ironie! Es läuft mir eiskalt über den Rücken, wenn ich sehe, was eine sogenannte Religion alles anrichten kann! Nicht nur hat er sich als Kriegsverbrecher herausgestellt, sondern er war Dieb von Anfang an. Die Wahl hat er gestohlen. Die Schwarzen in Florida kamen nicht zum Zug. Schön demokratisch, das! Und er will die Demokratie in den Nahen Osten bringen. Einen überheblicheren Präsidenten hat es nie gegeben.

Reg dich nicht zu sehr auf, Martin, nicht gut fürs Herz! Genauso, wie man nicht zu lange im heißen Bad sitzen soll. Jedoch: Ich stimme dir zu. Sagte ich doch schon oft: Wahrheit, Moral sind Sache der Überzeugung und der Auslegung geworden. Man nimmt sich die bequemste Interpretation, und los. Deshalb, lieber Martin, fügte ich eine sehr sanfte, einfache Friedensstimme in mein Stück Nie wieder Friede! ein, damit es nichts auszulegen gibt. Rahel spricht: Die Liebe der Männer ist eine Lüge … Ich liebe den Frieden. Ich glaubte Männern, die vom Frieden sprachen. Der Friede ist die größte Lüge … Denkt man hier nicht sofort an so einen wie Georg Dabbeljuh? Ernst war ungewöhnlicherweise fast lustig geworden, wie er so auf englisch paraphrasierte.

Sein Freund nickte ernst. Dann lächelte Martin: Eleanor würde das gutheißen, du wunderbarer Dichter! Und auch Coretta. Ich fühle mich schuldig ihr gegenüber, noch immer. Wie geht es weiter?

Folgt der Narren Rat, spricht Rahel in meinem Stück. In ihm nennt das Kriegsprinzip den Frieden einen Traum der Toren, aber das Friedensprinzip hält seine Hoffnung bis zum Ende durch. Ernst deklamierte jetzt: Eines Tages wird der Traum sich erfüllen. Das wird sein, wenn die Klugen schweigen. Wenn die Toren handeln. Ernst fügte hinzu, daß dies seine Lieblingszeilen aus dem Stück sind. Sie sind mir ewig in Erinnerung, sagte er, weil sie damals unter Freunden am meisten diskutiert wurden. Auf deutsch und auf englisch sprach der Dichter die Worte laut in den Raum.

Prächtig! brach Martin aus. Genial! Weiterleben, weiterschreiben hättest du sollen! Martins Worte tönten laut und enthusiastisch durch die Halle.

Vergib deinem Freund, Martin, ich konnte nicht weiterleben. Ich kannte und kenne der Narren Rat, den Rahel empfiehlt. Die Frauen wissen alles besser, und sie sind auch stärker. Ich weiß um die Rolle der Narren, der weisen Hofnarren, weißt du. Sie sehen den Streit zwischen Kunst und Politik, sie erkennen die Spannung zwischen Dichterwort und Politikerlüge, halten sie aus, veräppeln und verlachen die Heuchler. Die Spannung tätig aushalten, Martin, so könnte man Weltveränderung herbeiführen, aber ich hielt es nicht mehr aus, weder als politisch Aktiver, noch als schreibend Produktiver, ich tat mehr als die meisten Einmischer, und es schmiß mich ins Gefängnis, und es brachte weiterhin Verfolgung, und es riß mich schließlich entzwei … Kein guter Narr, ich!

Und wieder Martin: Wie gut ich verstehe. Verfolgung, Diskriminierung … Doch war ich noch jünger, kräftiger, stand auf einem Podium nach dem andern und sprach leidenschaftlich, und es sah hoffnungsvoll aus, und je erfolgreicher ich wurde, um so rapider verkürzte sich mein Leben, ich wußte es nicht, sehr schnell hat auch mich das Ende eingeholt. Verfolgung aufs Ganze gebracht. Weißt du, jedesmal, wenn ich durch die Himmelsluke hinunterspähe, sehe ich meine Worte, in allen Ländern, hier und dort und überall, auf allen Demos, besonders jetzt auf solchen gegen den Irak–Krieg. Meine Worte auf Transparenten und Tafeln. Das Wort von den Narren — erst gestern las ich mich wieder zitiert: We must learn to live together as brothers or we are going to perish together as fools. Oder: We must pursue peaceful ends through peaceful means. Schulkinder tragen es durch die Straßen. Spatzen schreien es von den Dächern. Aber die Regierenden hören nicht. Die Klugen reden noch immer, und die Toren trauen sich noch immer nicht, zu handeln.

Ja, siehst du, mein Freund, das ist auch meine Sicht. War es schon damals. Geschieht es denn nie? Wird es nie soweit kommen unter den Lebenden, Aktiven? Ich bezweifle es, und wegen dieses Zweifels, der mir zuletzt zur Verzweiflung wurde, ließ ich meine Rahel sprechen: Warum habe ich nicht an Steine geglaubt, an Tiere, an Blumen? Es ist schön, Blumen zu lieben. Sie sind, was sie scheinen, sie scheinen, was sie sind. Morgens wenn sie erwachen und der stille Tau fällt auf die samtnen Kelche, abends wenn sie schlafen im verdämmernden Licht. Nur die Menschen stören ihren Frieden.

Jetzt weinte Martin plötzlich. Ergreifend, sagte er, und entschuldigte sich nicht ob seines Gefühlausbruchs. Ernst wiegte sein Haupt hin und her und bekannte: Ich fühle mich immer noch wohl in diesen Worten. Sie stimmen.

Martin schneuzte sich und sagte: Ich bin bloß Prediger, nicht Dichter. Und ich habe das stets überlegt: Es muß doch, Ernst, einen Zusammenhang geben, via Einbildungs– und Vorstellungskraft, zwischen Kunst und Leben? Zwischen dem Positiv–Kreativen und dem Machtpolitisch–Destruktiven, eine Kraft, die das überbrücken könnte, diese Kluft, die wie eine Falle ist? Eine Frau sah ich ein Schild tragen, darauf stand: To go to war is to have failed utterly at imagination.

Die hat es auf den Punkt gebracht, sprach Ernst. Und keine Imagination zu besitzen, oder schlimmer: aus Kalkül sie nicht einsetzen zu wollen, heißt weniger als ein Mensch zu sein. Die meisten haben zwar keine Vorstellungskraft. Ich habe immer gesagt: Die Menschen würden einander nicht so viel Leid zufügen, wenn sie sich das Leiden bloß vorstellen könnten. Das steht in einem mittlerweile bekannten Zitat.

Und die das wissen, du und ich, die schon aus der Welt sind und hinunterschauen, sehen wir einen Fortschritt? Und Ernst: Es gibt ihn, nur nicht sehr sichtbar. Der Fortschritt ist das Bewußtsein, daß es ihn geben muß. Und er ist unser Wissen darum, wie es sein könnte. So klein ist das alles, aber es ist da. Die Hoffnung und die Träume müssen nur immer groß genug bleiben, um die Kleinlichkeit da unten zu übertreffen.

Ist nicht diese Himmelswiese zu paradiesisch für schwere Gedanken und düstere Gespräche? fragte schließlich Martin, worauf Ernst, der selbst im Himmel Morose, bedeutete: Wir kommen nicht weg davon, nie, nie, nie wieder. Sieh doch hinunter auf die Erde: Krieg, Krieg, nichts als Krieg, Israel und Palästina nur als Beispiel, ein halbes Jahrhundert der Gewalt, permanent Krieg, Krieg als Normalzustand, nie wieder Friede. Ich schrieb das doch kurz nach dreiunddreißig, also vor siebzig Jahren. Und sieh an, wie die Welt jetzt aussieht.

Eines Tages sagte Martin zu Ernst: Siehst du, wohin unsere Gespräche unweigerlich führen, sowie wir zusammensitzen oder spazierengehen? Ich will trotzdem wieder in der heißen himmlischen Wanne sitzen … was sie denn auch taten, und einher kamen Franklin und Eleanor, versöhnt, Arm in Arm, die große Frau mit ihrem großen, warmen Lachen im Gesicht, er etwas pummelig und passiv … Franklin gab zu, als sie dann alle vier in der Wanne saßen, daß es ein Fehler gewesen war, die Hungeraktion im Spanischen Bürgerkrieg nicht unterstützt zu haben, und Eleanor schimpfte ihn gleich noch einmal dafür aus. Du wärest damit nicht weggekommen, wenn ich dabeigewesen wäre, sprach sie, wo war ich denn gerade?

Wo warst du wohl gerade, murmelte ihr Mann, aber das sprudelnde Wasser übertönte ihn. Nur kurz saß jeder im Wasserbad und die Vier trennten sich wieder, zwei und zwei. Über die Himmelswiese schlendernd, holten die Fragen die Freunde wieder ein: Was ist Religion? Was ist Rasse? und führten zu dem Schluß: etwas Erfundenes. Es ist das, was nicht zum Frieden führt. Und was ist der Himmel? wollte Martin noch spaßend wissen. Ein paradiesischer Ort, stellen sich die Menschen auf der Erde vor. Wir wissen, es ist dort, wo sich die Menschen über das Mißgeschick ihrer ersten oder auch letzten Liebe erzählen, über ihre politischen Ansichten, Errungenschaften und Enttäuschungen noch einmal referieren und über ihre irdischen Hoffnungen und Träume lächeln. Und darüber, wie das Ende kam. — Martin tauchte wieder in den Rednereifer hinein. — Ach, Ernst, ein zu langes Opfer macht aus dem Herzen einen Stein, das schreibt Nadine. Die meisten sind Opfer … Wir Verfolgten sind Opfer … Gut, daß es nicht allzu lange dauerte, aber es kommen noch Millionen nach uns … Er schluckte, atmete tief durch. Pause. Aber hier gibt´s die himmlischen Wannen … Es ist wirklich ein Ort der Verklärung, weißt du — dieses Wort stimmt — wo wir über den Dingen stehen und verstehen, wie gering wir sind und wie wenig alles Vergangene ausmacht, und … wir sollten nackt über die Wiese rennen und hüpfen und schreien, vielleicht verschaffte es uns Gehör. Hinunterrufen sollten wir: Ihr lebt zu lang! Ihr wißt zu viel! Ihr wollt alles auf einmal! Arbeiten müßt ihr an den Prozessen, dreinschlagen hilft nicht …

Ernst unterbrach ihn jetzt: Morgen! Das ist für morgen! Martin kriegte Ernst fast nie zum Lachen, auch diesmal nicht. Der Prediger redete weiter: Und nachdem all die Kopfarbeit geleistet ist und die Ideen verbreitet sind und es fast nichts genutzt hat, global gesehen, und wir von der Erde gegangen sind und hier sitzen, muß ich sagen, diese Heißwasserjets auf dem Rücken sind meine Rettung, die Heilung meiner irdischen Wunden. Es ist ein weiter, weiter Weg ums Erdenrund.

You can say that again, sagte Ernst und grinste jetzt ein wenig. Es war ein Ausdruck, den er von Martin während der Unterhaltungen im Himmel gelernt hatte, und er spann den Gedanken weiter: Es ist ein weiter, weiter Weg ums Erdenrund. Wir laufen uns die Füße wund.

© 2007 by Irmgard Hunt

* Die Autorin dankt der Akademie der Künste Berlin für den Zugang zur Sammlung Ernst Toller.

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