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P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland


Aus dem Vorwort zu "Ach, Sie schreiben deutsch?"1


Ein Essay von Hans Keilson


Die Geschichte der deutschsprachigen Autoren im Exil, die sich einst - 1934 - im »Deutschen Exil - PEN« zusammengeschlossen hatten, ist noch nicht zu Ende erzählt. Mit der Veränderung des Namens in »PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland« begann nur ein neuer Abschnitt. Dieses Buch ist ein Beitrag, der die Fortsetzung ihrer Biographie dokumentiert. Er umfaßt, rund gerechnet, ein halbes Jahrhundert Zeit- und Literaturgeschichte, Vergangenes und Gegenwärtiges. Er gibt Information und Kommentar. Außerdem enthält dieser Band die Lebensläufe von ungefähr zwei Dutzend »jüngeren« Autoren, die erst nach 1945 freiwillig ins Ausland gingen.

In Buchform liegen diese Lebensberichte zum ersten Male auf. Ihnen gingen indessen in den Jahren 1959, '68-70, '82 Veröffentlichungen voraus, die von unserer unermüdlich tätigen, langjährigen Sekretärin Gabriele Tergit (geboren 1894 in Berlin, gestorben 1982 in London), für vorwiegend internen Gebrauch beim Stand damals verfügbarer Informationen zusammengestellt wurden. Als der Vorstand Dr. Karin Reinfrank-Clark beauftragte, die Herausgabe des Handbuches voranzutreiben - sie verfaßte auch den kurzen historischen Abriß - schloß dieser Auftrag die notwendigen Korrekturen ein. Eine Historiographie, die die vielfältigen Aktivitäten des Zentrums als Gegenstand hätte, ist indessen bisher nicht verfügbar, wenngleich das Thema so ergiebig wie lohnenswert wäre.

Der Sammler-Tätigkeit des Londoner Sekretariats verdanken wir, daß erstmals die Porträts unserer Mitglieder gezeigt werden; für viele von uns selbst ist dies dort, wo nicht nähere persönliche Beziehungen bestehen, die erste Gelegenheit, uns über die Ländergrenzen hinweg ins Auge zu blicken. Als Präsident des Zentrums danke ich allen, die das Zustandekommen des Buches ermöglichten.

Man findet im Anhang die Namen derer, die einst Mitglied des Zentrums waren und nach 1960 verstorben sind, unter ihnen einige berühmte Namen. Aber nicht um diese geht es hier im Grunde, auch wenn sie aller Welt kundtun, wer alles in jenen Tagen vertrieben wurde. Literaturgeschichte ist mehr als nur die Ausstellung von Berühmtheiten.

Der vorliegende Band enthält als Kern in kurzen biographischen, mit Daten gespickten Abrissen, die individuellen Lebensgeschichten der noch, Dezember 1985, überlebenden Autoren, zudem ein Auswahlverzeichnis ihrer publizierten Arbeiten. Sie alle sahen sich im Zuge der Judenverfolgung und/oder aus politischen Motiven, auch um ihr Leben zu retten, 1933 durch die Machtergreifung des Nationalsozialismus in Deutschland gezwungen, das Land, in dessen Sprache sie schrieben, zu verlassen. Sie gingen unfreiwillig. Nach 1945 sind sie freiwillig »draußen« geblieben. Niemand hat sie je aufgefordert heimzukehren.

Karl Wolfskehl - kein Mitglied des Zentrums - starb 1948 im neuseeländischen Exil, in der Fremde. »Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen« lautet die erste Zeile eines Verses des nicht-jüdischen Dichters Max Herrmann-Neiße, einem der Mitbegründer unseres Zentrums, geschrieben im Exil, wo er 1941 gebrochenen Herzens in London starb.

Die Triebfedern des Entschlusses der Überlebenden, draußen zu bleiben, oder nach ihrer Befreiung aus der Haft, den Konzentrations- und Vernichtungslagern ins Ausland zu gehen, sollen hier unerörtert bleiben. Man frage den langjährigen Ex-Präsidenten unseres Zentrums H. G. Adler. Thomas Mann hat 1945 in einigen Briefen an Autoren der sogenannten »inneren Emigration« für seine Person und damit auch für viele andere seine Entscheidung, draußen zu bleiben und sich in der Schweiz anzusiedeln, deutlich begründet.

Aber bereits lang zuvor, 1939, hatte Carl Zuckmayer geschrieben, und das Zitat soll wegen seines treffsicheren Vorausblickes hier ungekürzt wiedergegeben werden: »Die Fahrt ins Exil ist "the journey of no return". Wer sie antritt und von der Heimkehr träumt, ist verloren. Er mag wiederkehren, aber der Ort, den er dann findet, ist nicht mehr der gleiche, den er verlassen hat, und er selbst ist nicht mehr der gleiche, der fortgegangen ist. Er mag wiederkehren, zu Menschen, die er entbehren mußte, zu Stätten, die er liebte und nicht vergaß, in den Bereich der Sprache, die seine eigene ist. Aber er kehrt niemals heim.«

Das unfreiwillige Exil wurde zur freiwilligen Diaspora. Gemeinhin sollte man annehmen, daß ihre Arbeiten, ihre Schriften und nicht ihre Biographien wichtig seien für die Kenntnisnahme von Autoren. Daß hier von diesem Entwurf abgewichen wird, beruht auf dem historisch-konfliktuösen Ausgangspunkt unseres Konzeptes, welches auch dasjenige des Zentrums war, nämlich der Existenz aller ehemaligen im Exil-Zentrum vereinigten Autoren, und der Tatsache, daß es sich nicht allein um individuelle Schicksale sondern um eine Gruppenerscheinung handelt.

Heute leben und arbeiten die Mitglieder des PEN-Zentrums zerstreut über den Erdball in 14 Ländern. Sie sprechen in ihrem täglichen Leben, wenn sie sich nicht in deutschsprachigen Räumen niedergelassen haben, auch die neuerlernte Sprache ihres gegenwärtigen Wohnsitzes, des Landes, dessen Staatsbürgerschaft sie mitunter angenommen haben. Sie sprechen diese, in der sie zuweilen auch schreiben, mit fremdem Akzent, ihre Kinder als Muttersprache und deutsch mit fremdem Akzent. Sie wohnen in großen oder kleinen Städten, auf dem Lande, je nachdem es ihre Arbeit abverlangte oder wohin sie das Schicksal verschlagen hat. Sie haben Nachbarn, mit denen sie vielleicht bereits längere Zeit auf distanziert freundschaftlich-nachbarliche Weise aber unerkannt verkehrten, bis diese eines Tages entdeckten und ausriefen: »Ach, Sie schreiben deutsch«, voll Überraschung oder mit einem gewissen Erstaunen.

Dieser von Arno Reinfrank gefundene Satz, dem Buch als Titel mitgegeben, scheint mir erhellend für die äußere und innere Lage zu sein, in der sich Leben und Arbeit der »draußen« gebliebenen Autoren vollzieht. Ja, sie sind draußen geblieben und schreiben -trotzdem? - immer noch deutsch.

Was treibt sie zu diesem Absurdum, zu diesem Schrei ins Leere, zu dieser von Stolz, Trauer und Auflehnung zuweilen bis an die Grenze der Würdelosigkeit reichenden Haltung, teilhaben zu wollen an einem Gespräch, an einer Sprachgemeinschaft, der selbst die Sprache abhandengekommen scheint?

Drei Tote, drei Selbstverstümmelte liegen auf dem Wege zu diesem aussichtslos erscheinenden Versuch zur Partnerschaft in der Sprache: Paul Celan, Peter Szondi, Jean Amery. Nicht Gefühle von Bitterkeit, von enttäuschter Hoffnung, von Anklage lenken die Hand, die dieses niederschreibt. Wer hier von Zufall spricht, kneift. Es handelt sich um klinische Fakten, und diese sollten bedacht sein.

Der holländische Dichter Leo Vroman, nach seiner Internierung in den japanischen Konzentrationslagern des vormaligen Niederländisch-Indien nach New York emigriert und dort als Biologe tätig, antwortete auf die Frage, warum er sich nach dem Kriege nicht wieder in den Niederlanden angesiedelt habe: »Lieber Heimweh als Holland.« Die elfjährige Tochter eines Mitgliedes fragte ihren Vater, der 1936 Deutschland verlassen hatte, nachdem sie die Formulierung »... deutschsprachiger Autoren im Ausland« verwundert zur Kenntnis genommen hatte: »Leben wir denn im Ausland?«.

Da es sich, und wie bereits erwähnt und im Gegensatz zu dem Holländer Vroman, hier um eine Gruppenerscheinung innerhalb des gegenwärtigen deutschen Schrifttums handelt, wäre es vielleicht einmal der Mühe wert, sich näher mit den Umständen und kategorialen Bedingungen des Weiterlebens und Arbeitens der Überlebenden draußen zu befassen und nachzuforschen, welches ihre Beziehungen zu den deutschsprachigen Publikationsmedia sind oder noch geblieben sind, welche Kontakte und Verbindungen sie mit den publizistischen Media ihres gegenwärtigen Wohnsitzes unterhalten.

Welche Möglichkeiten bieten sich ihnen, welche Erwartungen können sie noch hegen? Man sollte nicht geringschätzend oder resigniert diese Fragen angehen. Gewiß stößt man hier, wenn man die jeweilige Oberfläche verläßt, auf die verzwickten Problemkreise von Identität, Loyalität und Solidarität, auf schlecht vernarbte Verwundungen und Trauer, auf konfliktuöse Spannungen inhärent an den einstigen Status der Vertreibung und des Exils, transponiert auf die Zeit danach.

Das merkwürdige Paradoxon, in der »Fremde«, im Ausland, das keine Fremde mehr ist, zu Hause und auch in der deutschen Sprache noch beheimatet zu sein und dies auch zu wollen, läßt zum einen die Unübersetzbarkeit des Begriffes »Heimat« stärker hervortreten, zum anderen hebt es eine bisher noch nicht identifizierte Befindlichkeit von Seinsweisen ins Bewußtsein.

Was bewegt sie, draußen in einem neuen Vaterland die alte Muttersprache, belastet mit Vergangenheit, zu schreiben? Ist es ein willenlos Gebundensein an Erfahrungen und nimmer verblassende Erinnerungen an früher bei gleichzeitiger Rückkoppelung an die ursprünglich überkommene Sprachform, das Aufflackern einer alten, nimmer überwundenen Krankheit. Heimweh, trügerische Hoffnung und eine neue Form des Überlebens? Oder ist ihr Leben zum Symbol geworden, eine Variante auf den Spruch aus der jüdischen Kabbalistik: »Alles Sein ist ein Sein im Exil.« Man könnte auch fragen, ist eine solche Antinomie lebensecht und lebenswert?

So viele Fragen, so viele Antworten.

Vielleicht wäre es wirklich an der Zeit, eine Analyse mit wissenschaftlich überprüfbaren Kategorien in Angriff zu nehmen, um die simple Frage zu beantworten: Welche Positionen nehmen die in der sprachlichen Diaspora überlebenden Autoren im gegenwärtigen deutschen literarischen Leben noch ein? Literatur lebt ja auch von der Literatur, von persönlichen Kontakten; bereits räumlich leben

sie von alledem getrennt. Sie leben auch abseits des gängigen deutschen Sprachstromes mit seinen Abnutzungen und Neuschöpfungen, mit seinen Phrasen, Redensarten und Experimenten. Zu abseits, um im Zeitalter der postindustriellen Massenvernichtung zu neuen, dem vergangenen grauenvollen Geschehen angemessenen Sprachbildern zu gelangen? Gehören sie noch dazu, und werden sie noch dazugerechnet? Werden sie wahrgenommen, und wie werden sie rezipiert? Oder sind sie vergessen? Es gehört ja zur menschlichen Natur, zu vergessen und vergessen zu werden.

Man sollte sich darum nicht scheuen und mit seiner Befragung noch tiefer ansetzen: Nehmen sie überhaupt noch einen Platz ein, dem man einen gewissen Wert, eine bestimmte Relevanz beimessen könnte? Sind sie im günstigsten Falle nur Objekte einer historischen Forschung, die selbst einige Zeit benötigte, bis sie sich ihrer Aufgaben und Fragestellungen bewußt wurde? Oder bleiben sie, im ungünstigsten Falle, nur die Idealobjekte einer Tierschutzvereinsgesinnung hinsichtlich einer im Aussterben begriffenen seltenen Tierart?

Es wäre ungerecht, da es auch nicht der Wahrheit entspräche, hier Antworten, Befindlichkeiten zu verschweigen. Es gibt auch Erfreuliches zu berichten, neue Kollegialitäten, Bekanntschaften, Freundschaften, Möglichkeiten der Publikationen, Einladungen, Teilnahme an Gesprächen, - alles im Geiste des PEN INTERNATIONAL, dem wir alle uns verpflichtet fühlen. Schließlich sollten auch wir draußen nicht vergessen, daß das literarische Leben im zweigeteilten Nachkriegsdeutschland mit seinen unterschiedlichen sozio-kulturellen Grundmustern und politischen Ausrichtungen auch im eigenen Sprachraum neue Probleme und Konflikte zu bewältigen hatte.

Zwar lebt die Literatur von altersher von Antagonismen, Konflikten und Fehden auch persönlicher Art. Aber wohl noch nie hat eine politische, soziale und geistige Krisensituation die literarische Tradition im innerdeutschen Sprachraum derart in Frage gestellt und zu neuen Konstellationen geführt, wie wir sie selbst erlebt haben. In ihnen sind die Spuren der vorangegangenen Katastrophe noch sichtbar.

Heine hat sich in seinem Pariser Exil dem »Neuen Deutschland« noch verbunden gefühlt. Die Krieg und Verfolgung überlebten und »draußen blieben«, blieben draußen. Hier darf nicht verschwiegen werden, daß der nach dem Zweiten Weltkrieg proklamierte literarische »Kahlschlag« menschliche Peinlichkeiten entstehen ließ, von denen man sich fragen muß, ob sie nun wirklich nötig waren.

Aber letzthin müssen die Überlebenden von heute befragt werden, wie sie ihre Lage reflektieren, mit welchen Vorstellungen sie ihre eigene nicht gerade einfache Position interpretieren, und welchen Beitrag zum deutschen Schrifttum sie immer noch zu liefern meinen. Es könnte nur einer sein, der ihrer besonderen Existenz entspricht.

Das Besondere könnte auf verschiedenen Ebenen herausgestellt, hier soll es nur in seinen fundamentalen Spannungselementen kurz umrissen werden. Aber daß es auch heute noch seinen einstigen historisch bedingten konfliktuösen Ausgangspunkt nicht verleugnet, scheint gewiß.

Herbert A. Strauß 2 hat diesen Gedanken in seinem Essay »Akkulturation als Schicksal« als Einleitung zu der von ihm und Christhard Hoffmann edierten Publikation »Juden und Judentum in der Literatur«, was die jüdische Gruppe betrifft, entwickelt. Akkulturation als kulturgeschichtliches und kulturanthropologisches Konzept, die Begegnung von Elementen verschiedener Kulturen betreffend. Die spezifische Variante, die Begegnung des voremanzipatorischen Judentums mit Kulturelementen im deutschen Sprachraum hat im Laufe des emanzipatorischen Prozesses, in Hinsicht auf die jüdische Gruppe, neben oder trotz großer kultureller Leistungen auch immer zu »Außenseiter«2-Positionen geführt.

In ihnen kam, reflektiert oder verduselt, das labile Gleichgewicht einer Synthese zum Ausdruck, deren Basis der ursprünglich christlich-religiös formulierte Ambivalenzkonflikt blieb. Die subtile Wechselwirkung der dabei zu beobachtenden Kultureinflüsse, Strauß zufolge bisher nicht gebührend gewürdigt und durch die Tradierung von Stereotypien auch literarischen Ursprungs verdunkelt, hat sich meines Ermessens in der reziproken Projektion des Freund-Feind-Bildes niedergeschlagen, ein sozial bedingter Vorgang, der auf beiden Seiten elementare menschliche Grundeinstellungen von Angst und Abwehr evoziert. Die Akkulturationsvorgänge der deutschen Elemente im Umkreis des sich emanzipierenden Judentums scheinen in ihren verzweigten Auswirkungen und Abwandlungen durch sozial und national formulierte Stereotypien als Folge altgehegter Vorurteile noch völlig ungeklärt.

Die Autoren des ursprünglichen Exil-Zentrums nahmen von Anfang an eine Außenseiterposition ein. Dies gilt auch für seine nicht-jüdischen Mitglieder. Daß diese von ihrem Widersacher, dem nationalsozialistischen Deutschland, als »Juden« oder »Judenknechte« denunziert wurden, verdeutlicht einen weiteren Aspekt ihrer Außenseiterposition. Zu allen Zeiten hat es Autoren gegeben, die im Gegensatz zu der in ihrem Lande herrschenden Gesinnung standen und freiwillig oder unfreiwillig ins Exil gingen.

Auch in ihrem eigenen Land können sich Autoren heimatlos, unbehaust fühlen, Multatuli z. B. und Autoren der sogenannten »inneren Emigration«. Sprache möge neben Kleidung, allgemeinen Gewohnheiten, wozu auch die Essensgewohnheiten gerechnet werden müssen, eines der bedeutendsten Merkmale des Akkulturationsprozesses im Verhältnis einer kulturellen Minderheit zu ihrer mehrheitlichen Umwelt sein, - die Sprache, vielmehr die Verselbständigung in der Sprache, scheint auch das Element eines individuellen Emanzipationsvorganges zu bilden und einen Ablösungsprozeß von abgenutzten Klischeevorstellungen und Konventionen einzuleiten und zu vollenden, der auch in der Umwelt zu Außenseiterpositionen 3 führt, ein neues Selbstverständnis schafft und neue Solidaritäten.

Soweit der Versuch einer Standortbestimmung. Zurück zu der eingangs gestellten Frage, welchen Beitrag zum deutschen Schrifttum die draußen gebliebenen Autoren zu liefern meinen oder wähnen. Man sollte diese Frage nicht gering schätzen. Sie enthält gewiß neben subjektiv-nostalgischen Elementen auch einen Ansatzpunkt zu literaturkritischen Erwägungen außerhalb der Vorstellungen eines in sich beständigen und von der Umwelt abgeschlossenen Kulturkreises.

Man sollte sich nicht auf den oft mißverstandenen Ausspruch Goethes von der »Weltliteratur« berufen oder seine Lage als (noch?-)Vermittler deutscher Sprache und Kultur im Ausland hochstilisieren. Jedem von uns muß es schließlich selbst überlassen bleiben, wie er seine Existenz zu interpretieren wünscht. Auch ist es für Mitglieder unseres Zentrums, die als Hochschullehrer und Dozenten für deutsche Sprache und Literatur an Universitäten im Ausland arbeiten selbstverständlich, daß sie als Mittler tätig sind. Unsere Frage ist handwerklich gemeint, sie betrifft das Werkzeug, das Sprach-Gerät. Die Literatur besteht, so will es mir scheinen, nicht nur aus einzelnen Namen von Frauen und Männern und den Titeln ihrer Werke, auch sind es wohl nicht die großen Namen allein, die das Fortbestehen der Literatur verbürgen.

Die Literatur ist gleich einer Landschaft, jeder Baum, jeder Strauch, jede kleine Anhöhe vervollständigt erst ihr Bild, und vielleicht sind wir nur wie die Gärtner oder die Straßenarbeiter, mit anderen unermüdlich am Werke, daß die Menschen, und nicht allein die Sonntagsmaler und die Spätaufsteher, die Pfade und Wege in ihr finden und das Laufen nicht verlernen und zuweilen auch hinaufwandern auf die großen, einsamen Berge.

Der langjährige Aufenthalt draußen unterliegt auch in sprachlicher Hinsicht neuen Akkulturationsvorgängen. Führt diese Begegnung zu Verarmung, oder befähigt sie die Autoren, wenn die erste, allerdings steile Hürde der Verwirrung genommen ist, auch neue sprachliche Impulse dem Bestehenden hinzuzufügen? Hiermit ist nicht nur die Wahl der Stoffe und der Themen gemeint, die interkulturelle Situation selbst enthält Zündstoff genug für die Gestaltung neuer Aspekte menschlicher Erwartungen, Enttäuschungen und Niederlagen.

Viel eher könnte man sich vorstellen, daß, ähnlich Walter Benjamins Aussage: »Schneller als Moskau lernt man Berlin von Moskau aus sehen«, die räumliche Distanz just der Sprache neue Bilder abfordert, daß der ursprünglich scheinbare Verlust sich in einen Zuwachs an Ausdrucksmöglichkeiten, in den Gewinn einer neuen sprachlichen Optik verwandelt, daß man schärfer sieht, hört und schreibt, je weiter man dem Gegenstand seiner Betrachtung fern ist. Im Zeitalter der Satelliten-Kommunikation scheint dies kein überstiegener Anspruch zu sein.

Den Harmonisierungsbestrebungen beschaulicher Menschenbetrachtung entgegen, sich bewußt der Vielfältigkeit und Vielspältig-keit der menschlichen Natur, ohne jeden Anspruch auf Tragik, aber auch abhold jeglichen kaltschnäuzigen Modernismus, ist das Konzept dieses Buches entworfen. Zu Beginn der Abhandlung versprach es Information und Kommentar.

Die Information haben die Autoren geliefert. Der andächtige Leser ist gehalten, den Kommentar selbst beizusteuern.

Hans Keilson,
Bussum - Niederlande, Dezember 1985,



Anhang, Quellenangaben

1 Karin Clark (Hrsg.); Ach Sie schreiben deutsch? - Biographien deutschsprachiger Schriftsteller des Auslands-PEN, Bleicher Verlag, 1986.

2 Strauß. H. A.; Hoffmann. Ch. (Hrsg.); Juden und Judentum in der Literatur. DTV München, Dezember 1985.

3 Mayer, H; Außenseiter. Frankfurt a. Main, 1975.