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„Und wenn das alles vorüber ist; wenn sich das alles totgelaufen hat:
der Hordenwahnsinn, die Wonne, in Massen aufzutreten, in Massen zu brüllen
und in Gruppen Fahnen zu schwenken, wenn diese Zeitkrankheit vergangen ist,
die die niedrigen Eigenschaften der Menschen zu guten umlügt; wenn die Leute
zwar nicht klüger, aber müde geworden sind, (...) dann wird einer kommen,
der wird eine geradezu donnernde Entdeckung machen: er wird den Einzelmenschen
entdecken. Und hunderttausend schwarzer, brauner oder roter Hemden werden in
die Ecke fliegen und auf den Misthaufen. Und die Leute werden wieder Mut zu
sich selber bekommen, ohne Mehrheitsbeschlüsse und ohne Angst vor dem Staat,
vor dem sie gekuscht hatten wie geprügelte Hunde! Und das wird dann so gehen,
bis eines Tages...“
Kurt Tucholsky, 1931 (1)
1995/96 leitete ich einige Lesungen in westlichen Gymnasien mit einem kleinen Experiment ein:
Ich bat Schüler und Lehrer, einen Stift zur Hand zu nehmen und - nachdem ich ihnen eine halbe
Seite Text vorgelesen hätte - in ein, zwei Sätzen ihre Assoziationen zu notieren.
Dann las ich ihnen die Erinnerungen eines Lageraufsehers vor, der drei Jahre lang Häftlinge
bewacht hatte. Er schildert darin Leichenberge, unter Steinen verscharrt und völlig verstümmelt.
Er wußte, daß viele von ihnen Opfer medizinischer Experimente waren, daß Lagerärzte ohne Narkose
operierten und unerforschte Mittel spritzten. In mindestens fünfzig Fällen hatte man Gefangenen
die gesunde Leber entnommen...
Der Aufseher schilderte weiter, die Häftlinge seien so abgemagert gewesen, daß ihnen die Knochen
durch die Haut schienen. Und daß er immer wieder Leichen mit zertrümmerten Köpfen sah, von Hunden
zerrissene Kadaver. Häftlinge, die wegen geringfügiger Verstöße gegen die Lagerordnung monatelang
in fensterlosen Verliesen isoliert wurden und, einen Holzscheit zwischen Unterschenkeln und Gesäß,
solange hockend ausharren mußten, bis ihre blutleeren Beine abzusterben begannen...
Der Aufseher erinnerte sich auch, während der drei Jahre selbst Häftlinge abgestraft und geprügelt
zu haben, ohne Gewissensqualen zu erleiden.
Nachdem ich geendet hatte, notierten Schüler und Lehrer, mit bedrückten Gesichtern. Die Assoziationen
waren stets die gleichen: „Ein deutsches Konzentrationslager“ stand auf dem
Zettel oder „Deutschland vor 1945“...
Daraufhin holte ich jenen SPIEGEL - Artikel von 1995 hervor, dem der Text entnommen war. Es handelte
sich um den Bericht eines erst kürzlich aus Nordkorea geflohenen Wachsoldaten, der drei Jahre lang in
einem Umerziehungslager für Staatsfeinde eingesetzt war.
Und nun folgte für gewöhnlich ein Bruch: Während die Schüler noch fassungsloser als vorher reagierten
und nicht begriffen, wieso die Welt nicht aufschreit, vor allem, wieso dort niemand eingreift, um die
Menschen zu befreien, zog sich ein Teil der Lehrer plötzlich in ein ungehaltenes Schweigen zurück.
Nicht, daß sie den Horror gutgeheißen hätten - ihre Mienen verrieten, daß sie sich von mir getäuscht
fühlten. Denn auch sie hatten „Nationalsozialismus“ notiert, jene Zeit, in der sie sich auskannten und
die sich niemals wiederholen darf. Das Leid der aktuellen Opfer war plötzlich wie weggeblasen; statt
dessen trafen mich Blicke, die signalisierten: ´Ein bißchen antikommunistisch ist diese Frau doch´...
Und einmal wurde ich gar gefragt, ob ich mit meinem Beispiel den Holocaust verkleinern wolle.
Die „Links“ - Falle war wieder einmal zugeschnappt. Jenes Denkraster, das „rechte“ von „linken“ Diktaturen
scheidet, und das selbst bestialisch gefolterte Opfer - sobald diese kenntlich sind als Opfer jener Diktatur,
die „...ja im Kern mal etwas Gutes wollte“ - im Kopf zu einer Masse gefrieren läßt, für die sich kein
Handrühren lohnt.
Diese (meist unbewußte) Kälte spüre ich nie, wenn ich über Opfer der NS-Zeit rede oder das Thema auf
brasilianische Todesschwadrone kommt. Es ist ein Verhaltensmuster, das mir vornehmlich im Westen begegnet;
hier allerdings nicht in der älteren Generation, die - ungeachtet des eigenen Anpassungsgrades während der
NS-Zeit - immerhin über eine Diktaturerfahrung verfügt. Auch nicht unter jungen Leuten, die schon während
des Jugoslawien-Krieges erfrischend organisch reagierten.
Das Phänomen ereignet sich bei einem Großteil jener Generation, die 1968 keineswegs nur aufbrach, um gegen
die deutsche Faltenrockordnung anzustänkern.
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