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P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland


Der ganz besondere PEN

Neue Entwicklungen im PEN–Zentrum
deutschsprachiger Autoren im Ausland

Ein Essay von Chaim Noll

Der Internationale PEN ist mit rund 15.000 Mitgliedern in 141 PEN–Zentren weltweit eine Organisation von wachsendem Einfluss. Die 1921 unter dem Schock des Ersten Weltkriegs gegründete Vereinigung von Autoren (PEN für Poets, Essayists, Novelists) veranstaltete ihren jüngsten Weltkongress 2006 in Berlin. Der vom deutschen PEN–Zentrum organisierte Kongress stand unter dem Motto Schreiben in friedloser Welt.

Der PEN ist von Hause aus keine politische, sondern eine literarische Organisation. Dennoch findet sich Literatur in friedloser Welt unwiderstehlich in politische und humanitäre Fragen involviert. Aus eigenem Lebensinteresse müssen Autoren aktiv gegen die Bedrohung ihrer Grundfreiheiten eintreten, vor allem gegen zunehmende Versuche weltweit, die Freiheit des Wortes einzuschränken. In Tagen neuer Kriege, Bürgerkriege, inhumaner Regimes oder mafiöser Herrschaftsformen in vielen Ländern gewinnt der Internationale PEN eine neue Bedeutung als Institution zur Wahrung der Bedingungen freien Schreibens und Publizierens. Wenn noch vor zehn Jahren von einer „Bedeutungskrise“ des PEN gesprochen wurde, besinnt man sich heute zunehmend auf die Möglichkeiten dieses internationalen Literaten–Vereins. Die in seiner Charta fixierten Grundsätze – deren erster lautet „Literature knows no frontiers“ – garantieren in Zeiten zunehmender Gewalt, Feindseligkeit und Irrationalität ein Netzwerk von Vernunft und Ansprechbarkeit.

Der Internationale PEN unterstützt, wie die PEN–Charta verlangt, alle Forderungen nach „ungehinderter Übertragung von Information“ und „freier Kritik an Regierungen und weisungsberechtigten Institutionen“, doch ist man sich andererseits der Gefahr einer daraus entstehenden moralischen Unverbindlichkeit und Unbedenklichkeit bewusst. Die moderne Medienwelt, so gross ihre Bedeutung im Kampf um Informationsfreiheit und Menschenrechte zweifellos ist, bringt ihrerseits neue Gefahren mit sich, Gefahren nicht zuletzt für die Literatur. Die Medien tragen zur Verflachung der Sprache und Relativierung der Werte bei, damit auch zur Korrumpierung der gesellschaftlichen Strukturen. Sie folgen Eigeninteressen, die sie von Berichtenden zu Beteiligten werden lassen, von Politik Beobachtenden zu ihrerseits Politik Treibenden, von Machtmissbrauch Enthüllenden zu ihrerseits Macht Missbrauchenden.

Das Bewusstmachen solcher Ambivalenz gehört zu den Stärken des PEN. Moderne Medien benötigen ihrerseits Kontrolle – warum nicht Kontrolle von innen? Der PEN war immer ein Programm für die Integrität des Schreibenden. Zunächst in den eigenen Reihen. Daher verlangt der kürzlich implementierte vierte Paragraph der PEN–Charta von den Mitgliedern „to oppose such evils of a free press as mendacious publication, deliberate falsehood and distortion of facts for political and personal ends“.

Die meisten der 141 PEN–Zentren sind nach Ländern oder lokalen Schreibsprachen organisiert, dazu gibt es eine wachsende Zahl von solchen, die sich Abroad oder in Exile nennen. Die letzteren sind PEN–Zentren fern ihrer Sprachheimat, ohne Bindung an ein Land oder einen Staat. Sie repräsentieren literarische Szenen oder Gruppen von Autoren, die dadurch entstanden, dass sie in ihren jeweiligen Staaten verfolgt, bedroht, zensiert oder anderswie an der Freiheit des Wortes gehindert wurden.

Das erste dieser PEN–Zentren ohne Land war der 1934 im Londoner Exil gegründete Deutsche Exil–PEN, ins Leben gerufen von aus Nazi–Deutschland vertriebenen Schriftstellern wie Thomas und Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Ernst Toller und anderen. Auch Schriftsteller, obwohl meist notorische Einzelgänger, brauchen Solidarität, erst recht in sich verdunkelnden Zeiten. Mit der Anerkennung des Deutschen Exil–PEN schuf der Internationale PEN 1934 den Präzedenzfall, der in kommenden Jahrzehnten zur Gründung vieler anderer Exil–Zentren führen sollte. Die Aufnahme dieser in ihren Heimatländern verfolgter Autoren–Gruppen erwies sich für den etablierten Literatenverein zugleich als ein die eigene Zukunft sichernder Schritt.

Denn es zeigte sich, dass es gerade die exilierten und verfolgten PEN–Gruppen sind, von denen wesentliche Impulse für die Arbeit des Internationalen PEN ausgehen, die seine Mission prägen, sein Selbstverständnis für die Zukunft. Unter ihrem Einfluss hat sich der PEN zu einer globalen Menschenrechtsorganisation entwickelt, zu einer globalen Institution für die Bewahrung von Kultur. Das derzeit wichtigste Komitee des PEN, das Writers–in–Prison–Komittee bemüht sich weltweit um die Befreiung von auf Grund ihrer Arbeit inhaftierten und verfolgten Schriftstellern, Journalisten und Medienleute. Allein im vergangenen Jahr wurden 996 Fälle von Gewalt gegen Autoren, Inhaftierung, Entführung, falscher Anklage, Körperverletzung, sogar Mord registriert und auf dem Berliner PEN–Kongress berichtet. In nicht wenigen Fällen erreichte der PEN die Freilassung der verfolgten Kollegen oder ihre Ausreise in westliche Länder. Zu Recht betonte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem PEN–Empfang im Berliner Bundeskanzleramt gerade diesen Aspekt der Arbeit der Autoren–Vereinigung.

Exil ist heute ein ambivalenter Begriff, einerseits Synonym für Verfolgung, Vertreibung, unfreiwillige Entfernung vom Ort der Geburt und Herkunft, doch zunehmend auch, in einer Welt der Krisen, Kriege und Katastrophen, für Entkommen und Überleben anderswo, für neuen Beginn, neue Freiheit. Für Schriftsteller bedeutet jedoch der Vorgang der Emigration — selbst wenn freiwillig unternommen — fast immer einen schmerzhaften Einschnitt. Oft verlieren sie ihr Publikum, ihre zur Arbeit notwendigen Verbindungen und Grundlagen ihrer Existenz.

Wie schwierig der Vorgang ist, zugleich wie inspirierend und verjüngend, belegt die Geschichte des deutschen Exil–PEN, der sich seit einigen Jahrzehnten — im Zuge des Eintritts deutschsprachiger Autoren aus anderen Ländern — PEN–Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland nennt. 1934 von deutschen Emigranten gegründet, heute von Jüngeren fortgeführt, hat dieses PEN–Zentrum niemals aufgehört, bedeutende Literatur hervorzubringen. Das bisher letzte Zeugnis ist die 2005 veröffentlichte Anthologie „Offene Fragen“ mit Beiträgen von 35 deutschsprachigen Autoren aus aller Welt.

Den Stamm unserer Mitglieder bilden ausserhalb Deutschlands lebende deutschsprachige Autoren. Zunächst die älteren, während der Nazi–Zeit emigrierten, dazu eine Reihe nach dem Krieg geborener jüdischer Autoren, die es vorziehen, ausserhalb Deutschlands zu leben. Hauptsächlich aber aus Deutschland ausgewanderte Schriftsteller und Hochschullehrer der Nachkriegsgenerationen, eine ständig wachsende Gruppe. In einer mobilen, elektronisch vernetzten Welt ist der Wohnort oft keine Schicksalsfrage mehr. Der Wechsel von einem Land ins andere verliert an Dramatik, oft geschieht er aus persönlichen Gründen: eine Liebesgeschichte oder bessere Arbeitsmöglichkeiten. So verlassen viele Autoren und Akademiker Deutschland, ohne dass sie deshalb zum Land ihrer Geburt ein gestörtes Verhältnis hätten. Ferner gibt es Autoren, die aus anderen deutschsprachigen Ländern oder Gegenden zu uns kommen, aus der Schweiz, aus Österreich oder aus dem deutschsprachigen Teil Rumäniens. Die deutsche Sprache bleibt das verbindende Element.

Ich schreibe nach wie vor deutsch, obwohl ich in Israel lebe. Ich tue es nicht nur wegen meiner tiefen Vertrautheit mit dieser Sprache, meiner Muttersprache, der Muttersprache meiner Vorfahren, sondern auch, weil die deutsche Sprache, besonders die Sprache der Literatur, für mich eine Kultur und geistige Identität symbolisiert, die ich auch in Israel nicht missen kann. Deutsch erweist sich aus unserem Blick als weltweit gesprochene Kultursprache, mit der sich viele unserer Mitglieder als Schriftsteller, Sprachwissenschaftler, Hochschullehrer und Übersetzer professionell beschäftigen. Das Deutsch, das uns in Bann hält, ist das Deutsch der Literatur, der geistigen Analyse, der Philosophie und Poesie, eine tiefe, ausdrucksstarke, auf einzigartige Weise zur sprachlichen Differenzierung und Präzision fähige Sprache.

Vielleicht liegt ein besonderer Reiz darin, dass wir alle dieser Sprache auf verschiedene Weise nahe sind und sie somit auf die vielfältigste Weise bewahren und beleben. Zum Segen unseres PEN, der hier seine integrierende Kraft findet. Auch zum Segen der deutschen Sprache und Literatur, der hier eine Gruppe engagierter Vertreter hat, die weltweit wirksam ist und durch die Sprache unvermeidlich auch für das Land wirbt.

Dem deutschen Exil–PEN gehören heute etwa 70 Autoren deutscher Sprache an, von Neuseeland bis Kalifornien, von Schweden bis Israel, und zunehmend solche, die in Deutschland leben. Die frühere Satzung hatte verlangt, dass ein Mitglied seinen Wohnsitz „ausserhalb Deutschland“ haben müsse, doch der Vorstand liess diese Bedingung vor einiger Zeit fallen. Wir fanden, dass es auch innerhalb Deutschlands Exil und Exil–Erfahrung gibt, zum Beispiel für Autoren, die aus der DDR in den Westen Deutschlands gingen oder aus Osteuropa nach Deutschland, auch bei ausländischen Immigranten, die nach Deutschland eingewandert sind und dort deutsch zu schreiben begannen.

Inzwischen ist das PEN–Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland ein aktives Forum mit täglichem Austausch zwischen den Mitgliedern, die meist Tausende Kilometer voneinander entfernt leben. Eine deutsche Tageszeitung nannte unsere Zusammenarbeit kürzlich „ein Musterbeispiel für weltweite Kommunikation und Vernetzung“. Die Vorstandsmitglieder kommunizieren fast täglich, die Sitzungen finden bis auf seltene Ausnahmen online statt. Man sendet sich gegenseitig literarische Texte, vermittelt Rezensionen und Lesungen, informiert einander über Aktivitäten und Veröffentlichungen, diskutiert Ereignisse, tauscht Meinungen aus.

Entstanden ist eine neue literarische Szene deutschsprachiger Autoren, weltweit verstreut, aber durch die Sprache geeint. Im Mittelpunkt der gemeinsamen Arbeit steht das Veröffentlichen von Büchern. Die Anthologie „Offene Fragen“ zum 70. Jubiläum der Gründung des Exil–PEN ist das Ergebnis der Zusammenarbeit von 35 Autoren aus Irland, Mexico, Frankreich, Israel, den USA, Holland, England, der Schweiz, Neuseeland, Jamaica und Deutschland. Sie ist, wie eine Zeitung schrieb, „eine Fundgrube für Entdeckungen“. Deutsche Literatur im Ausland ist nicht, wie manche meinten, ein aussterbendes Phänomen. Im Gegenteil: indem Deutschland selbst offener und attraktiver für Fremde wird, zieht es auch immer mehr Deutsche in die Fremde.

Die meisten Mitglieder des Zentrums leben vielsprachig und kultivieren das Deutsche vor dem Hintergrund einer alltäglichen Weltläufigkeit. Sie bleiben Deutschland und seiner Sprache verbunden, wo immer sie leben mögen. Sie sind Grenzgänger, Brückenbauer, Verbreiter von Deutschlands grösstem Schatz: seiner Sprache und Kultur. Unser PEN verzeichnet in letzter Zeit unerwarteten Zuwachs, im vergangenen Jahr hat sich die Mitgliederzahl verdoppelt. Wie ist diese Attraktivität zu erklären? Hier ist eine Gruppe von Autoren am Werk, die deutsche Sprache – ein Symbol des Deutschseins – mit Weltoffenheit, Toleranz und Weite verbinden.


© 2007 by Chaim Noll, zuerst erschienen in "liberal", Februar 2007

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