P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
Auszüge aus dem
unveröffentlichten Manuskript
„Versucher und Versuchte”
von Hans-Henning Paetzke
Teil 1
An einem heißen Sommertag, ein knappes Jahr vor seinem heimlichen Verlassen Ungarns, kein Lüftchen weht, der Himmel strahlend blau, auch in seiner Beziehung zu Miriam scheint die Sonne, obgleich durchaus absehbar ist, daß irgendwann am Horizont dunkle Wolken aufziehen werden, schlendert Leo Kleinschmidt unbeschwert durch die Straßen, strebt seinem deutschsprachigen Verlag in der Nähe des Parlaments zu.
Leo genießt es, zu Fuß durch Budapest zu gehen. Die Menschen sind so anders als in Ostdeutschland, die Gesichter weniger langweilig, weniger düster, weniger verbissen. Lebenshunger und Lebensfreude spiegeln sich darin wider. Sie verbreiten eine Atmosphäre permanenten Optimismus, scheinen mit dem, was Leo in und an Deutschland belastet, nichts zu tun zu haben.
Jung und Alt hasten durch die Stadt, verschwinden von ihrem Arbeitsplatz lange vor der Zeit, um den Verpflichtungen ihres Zweit- oder Drittjobs nachzukommen, um einzukaufen, zum Friseur zu gehen, den Geliebten oder die Geliebte zu treffen, vielleicht auch den rechtmäßig angetrauten Partner, der zur offiziellen Arbeitszeit gleichfalls ein gestörtes Verhältnis hat, sie unterhalten sich angeregt, lachen, küssen sich, üben sich im Vergessen der Vergangenheit, üben sich darin, an eine nicht eben rosa Zukunft keinen überflüssigen Gedanken zu verschwenden, selbst im hektischen Getriebe der Großstadt, selbst in der eigenen Hektik erwecken sie den Eindruck, als würden sie einzig dem Müßiggang nachgehen.
Diese operettenhafte Atmosphäre, die sogar im Tod noch auf Theatralisches nicht zu verzichten bereit ist, entspricht Leos Wellenlänge. Tragik und Theatralik liegen nahe beieinander. Ein begnadeter Schauspieler, für den Alltag und Bühne, Leben und Phantasie nicht mehr voneinander zu trennen sind, stürzt sich von der Brücke vor einen Zug, just am Todestag eines zum proletarischen Dichter stilisierten Dichterfürsten, am selben Ort, an dem sich auch dieser vor den Zug geworfen hat, um nicht nur in der Kunst, sondern auch im Tod mit ihm vereint zu sein. Ein anderer, ein avantgardistischer Filmemacher und Andersdenkender, von dem sich zwanzig Jahre später herausstellen soll, daß er ein ganz gewöhnlicher Spitzel gewesen ist, vergiftet sich auf dem Grab seiner Liebsten.
Hier in Budapest braucht sich Leo Kleinschmidt nicht mehr zu verkriechen, kann dem Vorwurf seines Vaters, ein unverbesserlicher Optimist zu sein, das Lebensgefühl einer ganzen Stadt entgegensetzen. Daß Ungarn die höchste Selbstmordrate in Europa zu verzeichnen hat, bildet zu diesem äußeren Erscheinungsbild einen Widerspruch, der keiner ist, ist doch Schatten vom Licht nicht weit entfernt.
Und die halbe Million ungarischer Juden sowie die ungeklärte Anzahl ungarischer Zigeuner, die unter einer nicht schönzuredenden Komplizenschaft des ungarischen Staates in Auschwitz vergast worden sind? Und die prozessualen, tödlichen Schnellschüsse gegen Kriegsverbrecher, Kapitalisten, Kulaken, Andersdenkende, Saboteure, Spione, Oppositionelle, politische Rivalen nach 1945? Die Folterungen seitens der sozialistischen Sicherheitsorgane in den von den ungarischen Faschisten, den Pfeilkreuzlern, übernommenen und phantasiereich ausgebauten Kellerverliesen in der Andrássy út 60? Die Schauprozesse gegen eigene Genossen wegen Hochverrats?
Die Fassade des Lächelns, die Leo Kleinschmidt so angenehm ist, bekommt Risse. Doch von all dem, was im verborgenen schwelt, was sich hinter der Fassade tut oder getan, was sich gar in aller Öffentlichkeit ereignet hat, weiß er nur sehr wenig. Noch zehn Jahre und länger soll es dauern, ehe sich ihm die Abgründe öffnen, ehe er Fragen stellt und manchmal auch Antworten erhält.
Heute soll er dem Verlagschef vorgestellt werden, um seine übersetzerische Mitarbeit an einem geplanten Großprojekt zu besprechen, der Herausgabe einer deutschsprachigen Bibliothek der Archäologie. Im Zimmer des Chefs sind mehrere Lektoren versammelt. Doch Leo sieht nur einen einzigen Menschen, den Boß: fahrige Bewegungen, auf seinem Sessel rutscht er ruckartig hin und her, fast wirft er sich von einer Seite auf die andere, seine Augen flackern. Es durchzuckt Leo.
Diese Augen hat er als Kind schon einmal gesehen. So hatte ihn sein Großvater angesehen, der Gestapo–Offizier, vor dem er so unsägliche Angst gehabt, doch nicht nur er, auch der älteste Sohn, der 1906 geborene geniale Onkel Herbert, der sich in den Alkohol geflüchtet hatte, weil er die Überzeugungen und die Blutrünstigkeit des Vaters nicht hatte ertragen können.
Als überzeugter Antifaschist war er nach dem Krieg bewußt in den Ostteil Deutschlands gegangen und hatte als Schulrat und Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands flammende sozialistische Reden gehalten. Leos Tante, unter Hitler ebenso wie im Anschluß daran Opportunistin aus Überzeugung, stellvertretende Direktorin an einer Oberschule, erzählte, sie sei vor Scham fast versunken, als auf einer Kreislehrerkonferenz der Schwager, der Genosse Kleinschmidt, als Redner angekündigt worden sei.
Der Alkoholismus, eine ihm sklavisch ergebene Ehefrau, vier tot geborene Söhne, vier hungrige Töchter, ein permanent leerer Geldbeutel, Schulden in mehreren Kneipen, seine schwindende sozialistische Überzeugung und Moral beflügelten ihn schließlich, sich mit der Familie und der Parteikasse der Sozialistischen Einheitspartei im Fluchtgepäck nach Westberlin abzusetzen und dort politisches Asyl zu beantragen. Seine Töchter, um die er sich rührend nicht kümmerte, vergötterten ihn.
Als Leo ihn zwei Jahre vor seinem Tod noch einmal sah, zitterten dem Zweiundfünfzigjährigen Hände und Kopf, während er, die Beine übereinandergeschlagen, bequem im Sessel liegend, einer von Leos Cousinen einen Brief diktierte. 1960 starb er, Mister Whisky, der begnadete Gymnasiallehrer, der sich auf den Unterricht nie vorbereitete, alles einfach nur aus dem sprichwörtlichen Ärmel schüttelte und trotz seiner bekannten Trunksucht unter den Schülern höchst beliebt gewesen war, unter Zurücklassung vieler Zechschulden an Leberkrebs im selben Krankenbett einer westdeutschen Kleinstadt, in dem ein Jahr zuvor auch schon der ungeliebte Vater die Augen für immer geschlossen hatte, mit dem er seit 1940 nie mehr bereit gewesen war, auch nur ein einziges Wort zu wechseln, auch wenn der die Familie mit möglichst unveräußerlichen Sach– und Lebensmittelspenden unterstützen durfte, um die größte Not zu lindern.
Der Verlagschef reicht Leo Kleinschmidt die Hand, sieht ihn mit seinen unruhigen Augen spöttisch neugierig an, hört sich geduldig die Lebensgeschichte des Jüngeren an, der unter keineswegs unwesentlichen Auslassungen und Hervorhebungen versucht, sich in bestem Licht erscheinen zu lassen. Während Leo redet wie ein Wasserfall, gehen die Gedanken eigene Wege. Ständig drängt sich das Gesicht seines Großvaters zwischen sie, ja, verschmilzt mit dem rätselhaft grinsenden Verlagschef. Was haben die beiden gemein? Die runden Köpfe, die Leo Kleinschmidt mit ihren tiefliegenden Augen und den hervorstehenden Backenknochen ständig an Totenschädel denken lassen, können es nicht sein. Was dann?
Die Antwort auf seine Frage erhält Leo Kleinschmidt erst sechzehn Jahre später, kurz vor den politischen Umwälzungen, der Neuordnung der politischen Verhältnisse in Europa, als die Zeit für die feierliche Wiederbeerdigung Imre Nagys, des Revolutionsführers von 1956, gekommen ist, den ein Mitstreiter hatte hängen lassen. Leo Kleinschmidt hat Glück, erst knapp drei Jahrzehnte danach ins Visier des Mitstreiters geraten zu sein, der lediglich ein lebenslängliches Einreiseverbot für Ungarn über ihn verhängt.
Gekommen ist die Zeit des Untergangs einer Epoche, der Abschied vom zwanzigsten Jahrhundert, das mit seinem allgegenwärtigen Staatsterror, seinen Kriegen, Massenmorden, Masseninhaftierungen und –hinrichtungen die Schrecken der Heiligen Inquisition bei weitem in den Schatten stellt. Gekommen ist die Zeit, da die Akteure, die Letzten der Ungerechten, von der politischen Bühne abtreten und friedlich im Bett die Augen schließen dürfen. Auch Julius Bálint, der Verlagschef, der mit dem unruhig flackernden Blick. Mit seinem aufblühenden Magenkrebs überlebt er die Wende nicht lange.
Zuvor aber begegnet ihm Leo Kleinschmidt ein zweites Mal. Diesmal, mit einer Empfehlung aus Amerika in der Tasche, ist er darauf vorbereitet, in Julius Bálint dem Alterego seines Großvaters zu begegnen, nicht dem faschistischen Gestapo–Offizier, vielmehr dem stalinistischen ÁVH–Offizier, dem führenden Angehörigen der Ungarischen Staatsschutzbehörde, der verantwortlich ist für ungezählte Verhaftungen, Verhöre, Folterungen und Hinrichtungen, bevor er 1952 selbst in einem Zionistenprozeß auf dem Altar des Internationalismus Gott Stalin geopfert werden sollte. Die Konzeption des Zionistenprozesses wird nach Stalins Tod aufgegeben. Doch einmal für eine Konzeption auserkoren wird sich auch eine andere finden.
Julius Bálint muß nun für sein intensives Leben nach dem Krieg zwar nicht mit dem Tod bezahlen, für ein paar Jährchen aber reichen auch seine sonstigen Verbrechen wider die Menschlichkeit. Doch ganz wird ihn die Partei nie fallen lassen. Für einen Verlagsposten in den sechziger Jahren reicht das Vertrauen seiner alten Genossen nach verbüßter Strafe allemal, wissen sie doch sehr wohl, daß es sie ebenso hätte erwischen können, daß sie lediglich Glück gehabt hatten, nicht ins Fadenkreuz des Politbüros geraten zu sein.
Julius Bálint, der Zyniker, hat Angst. Seit der Wende erhält er Anrufe und Briefe mit unverhohlenen Morddrohungen. Die Vergangenheit hat ihn eingeholt. Leo Kleinschmidt kann deshalb keine Schadenfreude empfinden. Solche Briefe kennt er. Auch sein Großvater hat sie erhalten. Auch er hat sich nicht unsichtbar machen können. Auch er ist friedlich eingeschlafen. Auch er hat keine Alpträume gehabt. Wenn doch, dann höchstens deshalb, weil man ihn nach so langer Zeit an etwas erinnerte, was doch schon so lange vergangen war.
© 2007 by Hans-Henning Paetzke