home


wir über uns


p.e.n. charta


writers in prison


satzung


mitglieder


vorstand


texte


peninfo


news forum gästebuch links kontakt impressum

p.e.n. zentrum deutschsprachiger autoren im ausland


mina


eine kurzgeschichte von
SAID


SAID, 1947 in teheran geboren, hat mit 17 jahren seine heimat verlassen. seit 1965 lebt er in münchen. für sein literarisches werk und sein engagement für politisch verfolgte und inhaftierte schriftsteller wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem adelbert-von-chamisso-preis und der hermann-kesten-medaille. 2006 erhielt er die goethe-medaille. said war in den jahren von 2000 bis 2002 präsident des deutschen p.e.n.-zentrums.



anfang der neunziger jahre. lesung in einer stadt im ruhrgebiet. ich lese aus meinem buch „der lange arm der mullahs“. ein kleiner saal. etwa 40 zuhörer. während ich vorgestellt werde - wie immer wortreich und umständlich - beäuge ich das publikum; seit jahren habe ich mir das zur pflicht gemacht. heute fällt mir eine junge frau in der ersten reihe auf.

kurzes schwarzes haar. schlanke figur. die gesichtszüge kräftig. eine große nase. volle lippen. schwarze lebendige augen, die unaufgeregt dreinblicken. etwa 30 jahre alt. sie sitzt ruhig, die beine übereinandergeschlagen und schaut mich an. ich bin sicher, sie ist iranerin. ich nicke mit dem kopf - sie nickt auch. während der lesung beugt sie sich nach vorne, hört aufmerksam zu, sehr gespannt, ohne geräusche oder unruhe zu verbreiten.

ich ende mit dem brief an einen kommunistischen freund: „nun bist du hingerichtet.“ ein text, der mir sehr nahe geht. als ich fertig bin, atme ich durch, nehme die brille ab und lege sie auf den tisch. ich horche in den applaus, taxiere das publikum, indem ich von einem gesicht zum anderen gehe. ich beginne mit meiner iranerin. sie schaut mich direkt an, ihr blick ist voller spannung. ich beende meine wanderung wieder mit ihr. sie schaut mich diesmal gelassener an, hat sich wieder zurückgelehnt. ich beschließe, ihrem blick standzuhalten. etwas wie eine zaghafte zärtlichkeit liegt in diesem blick, wie eine geheime zustimmung. nach einer weile senkt sie die augen. sie wischt ein staubkorn von ihrer hose, hebt den blick, schaut in die runde und sieht mich wieder an. mit einem veränderten blick. die spannung ist gewichen.

ich bin sicher, daß sie sich jetzt meldet. sie tut es nicht. ich beantworte die fragen, die zum teil sehr persönlich sind, so ehrlich wie es mir meine kräfte erlauben. dann ist schluß. ich stehe auf und trinke einen schluck wasser. jetzt habe ich meine arbeit getan. der schluck, den ich jetzt nehme, ist mein lohn. ich stelle das glas auf den tisch, knipse die tischlampe aus und verneige mich vor dem publikum. schon steht sie vor mir.

„ich möchte mit ihnen sprechen.“ sehr uniranisch. kein lob. kein „sie sind der stolz unserer nation“. sie kommt direkt zur sache. „sie meinen jetzt?“

sie schaut mir direkt ins gesicht, schüttelt den kopf, ordnet mit der linken hand das haar und sagt: „ich will mit ihnen alleine sprechen.“

nun meldet sich meine paranoia, die damals noch stärker war als heute. eine schöne frau, die aufmerksam zuhört und mit mir unter vier augen sprechen will. na schön, denke ich und greife in das arsenal meiner vorsichtsmaßnahmen. ich muß jetzt die führung übernehmen. ihr keine initiative überlassen. alles bestimmen. nach meiner art. keine frage offenlassen. „kommen sie morgen früh um 9 uhr in mein hotel; wir treffen uns in der lobby. dort können wir ungestört sprechen.“

hotellobbys sind ein sicherer ort. man setzt sich so hin, daß man die damen der rezeption sieht und von ihnen gesehen wird. und um 9 uhr wimmelt es in der lobby von menschen.

„sehr gut, ich bin um 9 uhr dort.“

sie hat keine sekunde überlegt. keinen einwand. keinen gegenvorschlag. zu bereitwillig.

„ich wünsche ihnen noch einen schönen abend.“ und sie reicht mir die hand. sie lächelt. klar. sicher. sie drückt meine hand wie eine gefährtin. ich halte die ihre fest:

„sie wissen wie ich heiße; wie ist ihr name?“

für den bruchteil einer sekunde zögert sie, zum ersten mal. „mina“, sagt sie trocken.

„es freut mich, mina!“ und ich lasse ihre hand los. sie trägt einen ehering, silbern, schlicht.

„dann bis morgen.“ sie hebt die rechte hand ein wenig, winkt kaum merklich, dreht sich um und geht zur tür. hier blickt sie noch einmal zurück, hebt die rechte, diesmal höher, und winkt. dann schreitet sie hinaus.

ich will mit mir wetten, daß sie nicht mina heißt. dazu hat sie zu lange gezögert.

wir anderen gehen in ein lokal. die veranstalterin hat einen tisch reserviert. ich muß etwas essen; vor der lesung darf ich ja nicht. sechs personen begleiten mich. fünf frauen und ein mann. er ist der ehemann meiner gastgeberin. und sie frage ich nun, ob sie die junge iranerin kennt. doch weder sie, noch die anderen wissen, wer sie ist. ich wechsle sofort das thema. meine gastgeberin und ihr mann bringen mich schließlich zum hotel. ich denke kurz nach, sage dann den beiden, daß ich mit der jungen iranerin verabredet bin und tue mein bestes, daß diese bemerkung beiläufig fällt. es ist klüger - für alle fälle - , wenn die beiden von dem treffen wissen. „eine schöne frau“, bemerkt meine gastgeberin. sie strahlt eine so selbstverständliche gelassenheit aus, daß ich fast wieder beruhigt bin.

im hotel nehme ich die lobby in augenschein, weiß bereits, wo ich mich morgen hinsetzen werde. mit dem rücken zur wand. das gesicht zur tür. in sichtweite, ja in reichweite der rezeption. nur einige schritte bis zum lift. von hier aus würde ich alles unter kontrolle haben. ich bin mit mir zufrieden und fahre mit dem aufzug hoch. im zimmer bin ich nicht mehr zufrieden. habe ich alle sicherheitsmaßnahmen berücksichtigt? eigentlich habe ich gar keine maßnahmen getroffen. daß meine gastgeberin von diesem treffen weiß, reicht ja nicht. ich öffne das fenster, atme die frühlingsnacht ein, genieße die lichter und denke nach.

ich setze mich hin und schreibe auf ein blatt mit dem briefkopf des hotels, daß ich morgen früh um 9 uhr in der lobby mit einer jungen frau verabredet bin, von der ich nur weiß, daß sie mina heißt. ich setze das datum und die uhrzeit darunter und unterschreibe. das blatt in ein hotelkuvert, zugeklebt: an die hoteldirektion. jetzt stecke ich den brief in das mittlere fach meiner reisetasche. sichtbar für jedes auge, das in der tasche nach etwas sucht. dann lege ich mich hin und schaue fern. zuhause besitze ich keinen fernsehapparat. aber nach einer lesung bin ich zu müde zum lesen. zum schlafen zu aufgekratzt. ich wechsle den kanal zu oft. bis ich begreife, daß ich nervös bin. ich schalte den fernseher ab, richte mich im bett auf und denke nach. ich kann nichts mehr tun. ich schalte den fernseher an und schau irgendetwas, bis ich einschlafe.

unter der dusche überlege ich noch einmal, was zu tun bliebe. als ich zum frühstücksraum gehe, sage ich der dame an der rezeption, ich sei um neun uhr mit einer jungen frau verabredet, die mina hieße. sollte sie früher kommen, möge die dame sie in den frühstücksraum begleiten. noch ein zeuge. jetzt kann ich frühstücken. anschließend eile ich ins zimmer, putze meine zähne, packe meine sachen, gehe nach unten. meine tasche gebe ich an der rezeption ab. meine hände sollen frei sein. für alle fälle. nach der zweiten zigarette kommt sie. es ist kurz vor neun. ich stehe auf. sie kommt mit ausgestreckter hand auf mich zu:

„bin ich zu spät?“

„aber nein, sie sind überpünktlich.“

ich biete ihr den platz mir gegenüber an. nun sitzt sie mit dem rücken zur tür. sie wirft einen blick in diese richtung, dann schaut sie mich an. sie hat meinen plan durchschaut.

„wollen sie einen espresso?“

„ja, und eine von ihren zigaretten!“

ich zünde ihre zigarette mit einem streichholz an. sie umfaßt mit beiden händen meine rechte, zieht tief an der zigarette, läßt sich zeit und drückt meine hand. sehr iranisch. wenn man eine zigarette im mund hat, kann man nicht sprechen. man drückt statt dessen, anstelle eines dankeswortes, die hand. ich bin fast glücklich wegen dieser geste. ich schaue zu ihr hinüber und lächle. sie lächelt zurück.

ich gehe zur rezeption, melde der dame, daß mein besuch da ist und bestelle zwei espressi.

als ich zurückkomme, sage ich „ich habe heute vor dem frühstück bescheid gegeben, daß eine dame mit dem namen mina mich besuchen wird.“ sie soll ruhig merken, daß ich gewisse vorsichtsmaßnahmen getroffen habe. sie nickt.

der espresso kommt. ich muß anfangen, denke ich.

„seit wann sind sie im ausland?“ diese allerweltsfrage ist die ouvertüre vieler gespräche mit landsleuten. die frage impliziert: wir kommen alle aus einem land und gehören zusammen. „ich werde ihnen alles erzählen.“ und sie drückt ihre zigarette aus. gründlich. dabei visiert sie mich: „ich will ihnen etwas erzählen. etwas von mir. haben sie ein wenig geduld?“

der letzte satz war keine frage; in ihm lag das potential eines befehls. ich muß noch mehr distanz schaffen zwischen uns: „bitte!“, sage ich trocken. so trocken wie nur möglich und lehne mich zurück.

„hätten sie gestern abend den brief an den ermordeten freund nicht gelesen, hätte ich sie nicht angesprochen. ich kenne ihr buch sehr genau. manche passagen habe ich mehrmals gelesen. gestern habe ich mir gesagt: ich gehe zur lesung, ich will wissen, ob er diesen brief an den ermordeten freund liest. und wie er ihn liest ...“

eine ahnung schießt mir durch den kopf: „sind sie mit mehrdad farjad verwandt?“

„aber nein!“ sie schüttelt den kopf und lächelt. die nächste frage - ob sie kommunistin sei - werde ich nicht stellen. sie käme jetzt zu früh; in einigen minuten weiß ich ohnehin, welcher partei sie angehört. sprache ist verräterisch; die der exiliraner in besonderem maße.

„nein, ich bin nicht einmal kommunistin; ich bin stramm gegen diese partei gewesen.“

sie lehnt sich jetzt zurück und schlägt die beine übereinander. sie hat exakt das an, was sie gestern trug. schwarze kordhose, schwarzen pullover, darüber eine leichte bluse, schwarze schuhe mit kleinem absatz.

„als die islamische revolution ausbrach, studierte ich chemie im dritten jahr. ich bin in tabriz geboren und kam nach teheran, weil die universität dort einen besseren ruf hatte. ich gehörte zur linken wie viele andere studenten. auch mein mann studierte an dieser universität - soziologie. wir gehörten derselben linken organisation an. dort haben wir uns auch kennengelernt und geheiratet. wir verstanden uns gut. er war sehr lieb zu mir. schrieb mir nie etwas vor. er respektierte meine meinung, sehr ehrlich. wir hatten nie probleme.“ sie hob ihre rechte und machte eine heftige bewegung zur seite.

„dann kam die islamische kulturrevolution, in deren verlauf die universitäten geschlossen wurden; die neuen herrscher wollten auch die naturwissenschaften islamisieren.“
sie beugt sich vor und trinkt den letzten schluck des inzwischen kalt gewordenen espressos.

„ich wollte nicht zuhause herumsitzen und der verratenen revolution nachweinen. und irgendjemand mußte auch geld verdienen. also fing ich an in einem chemischen labor zu arbeiten, wo ich in den vorhergehenden jahren ein praktikum absolviert hatte. die geregelten arbeitszeiten waren auch eine schutzmaßnahme. die revolutionsgardisten sahen ungern junge menschen, die am hellichten tag auf den straßen herumlungerten.“

„hat ihr mann auch gearbeitet?“

„nein. er saß zuhause und betrieb seine studien. zudem hatte er konspirative, zum teil sehr wichtige aufgaben unserer organisation übernommen.“

jetzt sieht sie mir wieder fest in die augen: „und es genügte, daß einer von uns arbeitete.“

dieser satz hat keine alibifunktion, nicht aus diesem mund. sie schüttelt den kopf, als ich ihr wieder eine zigarette anbiete.

„dann eines abends, als ich nach hause komme, werde ich verhaftet. ich öffne die tür und werde mit einem ruck hineingezogen. ein revolutionsgardist wirft mich zu boden. mit dem gesicht nach unten. ein anderer setzt sich auf meinen nacken. vier frauenhände durchsuchen meinen körper und meine tasche. ‚sie ist unbewaffnet!‘ höre ich. der mann auf meinem hals greift in mein haar, steht auf und zieht mich hoch.

‚wer sind sie und mit welchem recht dringen sie in meine wohnung ein?‘

die ohrfeige, die ich bekam, war so gewaltig, daß ich beinahe umgefallen wäre. aber bruder gardist hatte ja mein haar fest in der hand.

‚willst du noch mehr wissen von unseren rechten?‘ er wartet die antwort gar nicht ab und gibt mir noch eine ohrfeige.

‚wo ist dein gigolo von ehemann?‘

gott sei dank, er ist also nicht hier und wahrscheinlich in sicherheit, denke ich. die vier frauenhände packen mich von hinten und fesseln meine hände auf dem rücken. wieder eine ohrfeige: ‚ich habe dich etwas gefragt, prinzessin!‘

‚ich weiß nicht. ich bin gerade von der arbeit nach hause gekommen.‘

‚na schön, auch du wirst reden. was sage ich, reden? du wirst singen, prinzessin, wie eine nachtigall. und deinen gigolo von ehemann werden wir auch finden. weg mit dieser hure!‘

ein schwarzer sack wird mir von hinten über den kopf gestülpt. die zwei damen schieben mich zur tür. treppe runter. durch die haustür. die vier hände schubsen mich in ein auto. bruder gardist schreit: ‚runter mit ihr!‘

und ich befinde mich auf dem boden des autos. seine stiefel auf meinem hals.

das auto fährt los. es hat keinen sinn, ich kann unmöglich erkennen, in welche richtung wir fahren. mein mann ist in sicherheit. die gardisten werden zuhause auf ihn warten. aber er ist ein profi. er wird nicht in die falle gehen. ihm wird nichts passieren. ich muß mich jetzt auf die kommenden fragen konzentrieren. und ich übe verhör, mit mir selbst. das auto bremst, die trockenübung ist zu ende! bruder gardist packt mich und wirft mich aus dem auto.

vier frauenhände packen meinen arm und führen mich irgendwohin, der schwarze sack über meinem kopf. eine tür quietscht. die zwei frauen, die mich hierhergeschleppt haben, setzen mich auf einen stuhl und flüstern mit irgendjemandem. ich nehme an, mit meinem verhörer. der sagt laut, man solle meine hände losbinden. dann befiehlt er mir, sie auszustrecken. ich stoße sofort an eine wand. nun sehe ich, woran ich bin. dieses bild kenne ich zu gut, von erzählungen der genossen. ich sitze mit verbundenen augen auf einem stuhl dicht an der wand, der verhörer hinter mir. er fängt väterlich an. ich sei wie seine tochter, ich solle erzählen, was er sowieso wisse, dann käme ich bald hinaus. wie alt dieses lied ist, denke ich. so alt wie das verhör überhaupt. so alt wie die menschen, seit sie versuchen, zwischen sich eine vertikale ordnung zu schaffen. der väterliche verhörer will namen. ich sage, ich kenne niemanden außer meinem mann. der mann hinter mir wiederholt seine frage und sagt sanft, er frage nicht noch einmal.

‚na, wird‘s bald?‘

ich wiederhole, daß ich keine namen kenne. auch diese antwort ist alt - so alt wie die frage. die stimme brüllt: ‚raus damit!‘

man zerrt mich an den händen, bindet sie hinter meinem rücken zusammen und schleift mich hinaus. die zwei frauen, die mich mitschleppen, flüstern gleichzeitig in mein ohr: ‚schwester, das wird eine harte nacht!‘

dann bleiben sie stehen, eine tür wird geöffnet, und ich höre eine frauenstimme: ‚das eingeschriebene paket ist da!‘

ich werde hineingeschoben. stille. ich höre nur menschen atmen. wie viele sind es? die stille und die verbundenen augen verleihen dem raum eine unermeßliche dimension.

‚na, hürchen, wollen wir anfangen?‘ fragt ein mann, während meine fesseln gelöst werden.

‚brüder, dieses stück kuchen ist für uns alle da!‘

mehrere hände reißen an meinen kleidern. erst die bluse. meine hände krampfen sich in den bh. ein harter schlag mit dem gummiknüppel. ich fühle meine hände nicht mehr. dann ist der bh weg.

‚ganz schön üppig, die hure!‘

ich hatte eine schwarze kordhose an. ich halte mit beiden händen die hose fest. meine hände werden festgehalten. wie viele hände fummeln an mir? die hose wird heruntergerissen. es folgt der slip. mehrere hände heben mich hoch.

‚auf den operationstisch mit der dame!‘

sie legen mich auf den rücken. einer hält den sack über meinem kopf zu. jede hand und jeder fuß ist in einem festen griff und wird in eine andere richtung gezogen.

‚bruder, bitte fangen sie an, sie sind der älteste!‘

ein reißverschluß. jemand spuckt auf etwas. jemand packt meine hüften fest. ein hartes etwas dringt in mich hinein. voller wucht. ich schreie auf und bekomme einen harten schlag auf das gesicht. jemand flüstert:‘ halts maul du hure, der bruder mag es im stillen.‘

ich weiß, nicht der schmerz ist für mich bestimmt, aber die erniedrigung. ich weiß, das ist meine folter. ich weiß, es hat keinen sinn. schreien kostet kraft. ich brauche meine kräfte.

ich halte den mund. irgendwann ist jemand fertig, in mir. er schreit:

‚na, schwester, macht es spaß?‘

dann schlägt er mit der flachen hand auf meinen hintern und sagt, gelangweilt:

‚der nächste bitte!‘ alles lacht. eine andere stimme feixt:

‚brüder, machen wir kreisverkehr. wer von links kommt, hat vorfahrt.‘

ich versuche mich aufzurichten. ein fausthieb zwischen meine brüste. ein etwas dringt in mich, wieder. ich halte den atem an. er soll keinen spaß haben. aber er schlägt so hart in meine mitte, daß ich alles geschehen lasse. ich beschließe nichts zu tun. irgendwann werden die müde. irgendwann werde ich bluten. irgendwann werde ich ohnmächtig.

ich habe hier keine aufgabe. ich muß mir eine aufgabe geben. gegen den schmerz. gegen die erniedrigung. ich muß durchhalten. das ist meine aufgabe. ich muß an etwas denken. an etwas glauben. ich will nicht an meine genossen denken. dabei könnte mir ein name entweichen.

ich denke an meinen mann. daran, daß ich mit ihm, irgendwann, ein kind haben will. ich habe es ihm schon gesagt. wenn es ein junge wird, nenne ich es mahmud, nach ihm. sollte es ein mädchen sein, darf er einen namen finden. jemand ist fertig, wieder. er schlägt auf meine hüfte. keine atempause. jemand spuckt auf etwas. es geht wieder los. wie lange kann ich aushalten? wann werde ich endlich ohnmächtig? warum nimmt mich mahmud nicht in seine arme?

immer an etwas anderes denken. gegen den schmerz denken. gegen die erniedrigung. an etwas schönes denken. van gogh. caféterrasse bei nacht. wie sehr mahmud van gogh liebt. van gogh ist gut. er ist unschuldig. er hilft. gegen den schmerz. gegen die erniedrigung. ich muß denken, weit fort von diesen männern, die im namen eines gottes handeln. weit weg! fort! an mahmud denken! er hat eine art, mich in die arme zu nehmen, die ich über alles liebe. dabei küßt er mein haar, sanft, kaum spürbar.

‚brüder! dieses hürchen ist wie eine kassette; man kann sie von beiden seiten gebrauchen!‘ gelächter. eine flache hand schlägt auf meine hüfte. „los!“

mehrere hände packen mich und drehen mich um. ich spüre meine anspannung. und die anspannung der hände, die mich halten. mein kopf ist n un wieder in festem griff. jemand spuckt. diesmal auf meinen hintern. etwas hartes dringt hinein. ich denke, jetzt werde ich bewußtlos vor schmerz.

‚brüder, die dame ist noch nicht gelocht.‘

er schlägt nun mit flacher hand auf meinen hintern.

‚na, haben wir heute eine premiere, schwester?‘

und er schiebt sein etwas noch weiter hinein. ich kann nicht mehr atmen. nicht mehr denken. ich gebe auf. er dringt tiefer.

‚endlich! brüder, dieses loch steht fortan zur verfügung! zum wohl der allgemeinheit!‘

er stößt noch einmal hart zu. ich verliere jegliche kontrolle. ich merke, wie etwas mich verläßt. etwas warmes. etwas fließendes. damit ist auch dieser bruder fertig. er zieht sein etwas heraus und schimpft:

‚diese hure hat mich beschmutzt.‘

dann schreit er:

‚los brüder, bringen wir der prinzessin benehmen bei!‘

die ersten peitschenhiebe zähle ich noch. als ich zu mir komme, liege ich mit verbundenen augen. in meinem urin, in meinem blut, in meinem kot, ich denke an mahmud ...“

ich unterbreche sie, schroff: „es genügt! warum erzählen sie mir dies alles?“

sie atmet aus, ruhig, lang; als hätte sie auf diese unterbrechung gewartet.

„einmal muß ich es ja jemandem erzählen.“ sie schaut mir fest in die augen.

„haben sie diese geschichte sonst jemandem erzählt?“

„meinem mann!“

die antwort kam zu schnell, „leider!“

eine brüchige stimme verlangt eine zigarette. die augen voller tränen. die hand zittert. jetzt, zum ersten mal. ich schiebe die schachtel zigaretten auf dem tisch hinüber. ich will ihr feuer geben. aber sie streckt nur die rechte hand aus. gebieterisch. einen augenblick lang denke ich, sie hat das recht, die hand eines jeden mannes zu verabscheuen. ich schiebe auch die schachtel streichhölzer hinüber. sie zündet sich die zigarette an. lehnt sich zurück. atmet den rauch tief ein, lehnt den kopf auf die sessellehne zurück, schließt die augen, bläst den rauch aus. so bleibt sie. ich beuge mich nach vorne, um meine zigaretten zu nehmen. sie zuckt zusammen - ein tier erwacht. sie merkt, daß ich nur eine zigarette will. sie schaut mir in die augen. „meinen sie, wir könnten noch einen espresso trinken?“

ich stehe auf, gehe zur rezeption und bestelle.

als ich zurückkomme, hat sie sich wieder voll im griff und sieht mich direkt an.

„und wenn der espresso kommt, geben sie mir noch eine zigarette?“

ich schiebe die zigaretten hinüber. an ihrem blick erkenne ich, daß der kellner auf uns zukommt. wir schweigen, bis er fort ist. sie nippt an dem espresso. sie greift zur schachtel. sie zündet sich eine zigarette an. sie inhaliert den ersten zug tief und fängt zu sprechen an.

„irgendwann hörte die folter auf. irgendwann auch das verhör. irgendwann wurde ich einem richter vorgeführt. und irgendwann zu vier jahren verurteilt. ich habe auf nichts geachtet.

nicht auf den staatsanwalt. nicht auf die anklage. nicht auf den richter. und nicht auf meine eltern im saal. seltsamerweise dachte ich, meine eltern wüßten, was mit mir geschehen war. ich wollte ihnen nicht in die augen schauen. irgendwann waren diese vier jahre vorbei. nein, nicht vier - nach drei jahren und 71 tagen haben sie mich freigelassen. meine eltern holten mich ab. mein vater hielt mich fest in seinen armen. er streichelte über mein kopftuch. ungeschickt. meine mutter hielt nur meine linke und küßte sie. sie weinte meine hand naß und trocknete sie mit einem taschentuch und schluchzte immer: ‚mein kind, mein armes kind.‘

der taxifahrer sagte nichts. nur eines mit rauher stimme: ‚mutter, achten sie auf ihre tochter!‘

seine stimme berührte mich seltsam. ich hatte nie geglaubt, daß die stimme eines fremden mannes mich je wieder erreichen könnte. ich kroch noch mehr in die arme meines vaters und wagte einen blick nach vorne in den rückspiegel. sein gesicht war gütig. sein schnurrbart groß und seine augen müde. er hielt meinem blick nur kurz stand, dann drehte er den kopf zur seite. er schaute nie mehr in den rückspiegel und sagte auch kein wort mehr.

als wir die wohnungstür hinter uns geschlossen hatten, nahm ich sofort das kopftuch ab.

mein vater sagte erst jetzt: ‚mahmud ist in deutschland.‘

und er streichelte mein haar, jetzt sicherer. er fasste unter mein kinn, hob meinen kopf und schaute mir in die augen. er hat sofort verstanden, daß auch ich nach deutschland flüchten würde - zu meinem mann.

mein vater besorgte geld, er nahm selbst den kontakt zu einem schmuggler auf, er regelte alles. dann durfte ich eine ganze woche lang zuhause sitzen. zwischen 15 und 17 uhr würde der kontaktmann kommen, an irgendeinem tag. ich müßte reisefertig sein. dann landete ich hier. mein mann war bereits als politischer flüchtling anerkannt. er arbeitete gelegentlich bei einem landsmann als pizzafahrer.“

sie schaut nach links zur hoteltür. sie schaut mich an. nun schaut sie wieder weg. zum zweiten mal. ihre rechte hand zittert. die linke fasste die rechte und versucht sie zu beruhigen. sie schaut immer noch weg. ich wage etwas. ich zünde eine zigarette an und reiche sie ihr.

„eines nachts, ich war glücklich. er hatte mich in seinen armen gehalten und von uns erzählt.

ich fühlte mich stark und gestand ihm meine geschichte. er hielt mich weiter fest. ich weinte nicht. er hörte zu. dann strich er über mein haar. eilig, unbeholfen: ‚laß uns jetzt schlafen!‘

danach hat er mich nicht mehr angerührt. ich war keine frau mehr. nur eine genossin. bis ich beschlossen habe, ihn zu verführen. als er endlich in mir war, sagte ich mir, jetzt sind wir wieder ein paar. doch er drehte sich um und sagte nichts. ich nannte seinen namen, streichelte seinen arm. er fuhr herum und schlug mir voll ins gesicht: ‚dir hat es wohl nicht gefallen, du hure.‘ und er sah mich an.

‚madame sind wohl andere praktiken gewöhnt.‘

dann eine ohrfeige, die so kraftlos war, daß sie nur ihm wehtun konnte.“

sie lehnte sich zurück und schaute mich an, für eine weile.

„er ist noch immer mein mann. seither hat er mich aber nie mehr berührt. nicht einmal geschlagen.“

© SAID im juni 2001

dieser text ist neben anderen in dem band "ich und der islam" (c.h. beck, münchen 2005) erschienen.