Home


Wir über uns


P.E.N. Charta


Writers in Prison


Satzung


Mitglieder


Vorstand


Texte


PENinfo


News Forum Förderverein Links Kontakt Impressum

P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland


Salz in der Jackentasche - 1. Teil


Gedichte von
Johannes Schenk


Salz in der Jackentasche

Schimmert das Messinglicht auf der Haube
überm Kompaß auf dem Mitteldeck,
wo das Tauwerk gerückt wrid,
die Sternenwinkel in den Sextant gestellt,
im Schatten die Gesichter der Frauen
schaukeln mit ihren Busen am Relingsgeländer,
den Walen zu mit Blaslochs Regenbogen,
laden ein überzusetzen nach den Inseln,
den Verstecken aus Muschelwänden,
den perlmuttenen Betten und Mondstein
an den Flußmündungen,
wo mit langen Ruderstanden Schiffer
rondieren mit der Ebbe,
und der gewaltigen Flut an Dalben
quirlt sie um die Gebeine der alten Segler,
die hier im Schlick lagern
mit Mahagonybalken und Sanddecks,
geschliffenen Krückstöcken der Kapitäne,
die sie vom Kai herabwarfen
beim Nachmittagsspaziergang.
Hohen Bogens die Kapitänsmützen ins Naß
von krinolinensüchtigen Meereswellen.
Sie warten vom Mittagsschaum geweißt
auf die Füße der Matrosen ohne Schuhe
treten die in das Meer
und laufen am Flußgrund der Heuer nach,
steigen über die Lotsenleiter dem Wind zu,
so gut die Böen es lassen,
zerren die am Umhang und Südwester
Teerjacke und Öllicht,
wenn sich zusammenbraut trombenaugig
der Sturm,
die Regenmuhme refft ihr blaues Kleid,
segelt an dem Leuchtturm vorbei,
der seine hundertzwanzig Kerzen anbläst,
den Wind ins Licht läßt
und alles verzwirbelt,
da wo ich bin mit Hut und Stück Brot
für die Reise,
gemustertes Salz in der Jackentasche.


Himmelsgedeck

Schob er die Leiter an die Dorfwolke,
wickelte die Hosen auf zum Gürtel,
nahm das Tau in die Hand, geknotet,
an den Dachfirst auf dem die Wolke saß
neben dem Gasthaus, Tür auf dem Besucher
und Eier auf den Tisch,
Brotdick die Speise, Pfeffer und Salz,
am frühen Mittag galoppieren die Pferde
und schnauben den Bauern die Mützen
vom Kopf in den Schiffahrtskanal.
Auf dem in bordelinscher Lust die Kleider
aufgebläht vom Südwind schimmern
und Sie hantweit entfernt
schaukelt die Melonenbusen des Nachmittags
und zeigt der Dorfwolke ihren runden Bauch,
die geöffnete Liebestür dahinter Bett,
kariert aufgeworfen, entzündetes Licht
in Hinterkammers Fenster, das winkelt
vom Wind geklappt durch die Tür hinein
das Gezirzel der Blumen Gelb
Orange Rot Kieselblau und Margeritenweiß
bedecken sie das Tuch auf dem Sie liegt
und ihre Beine verzweigt.
Aus den Meerbusenaugen guckt in die Ferne,
die sich tischeweit hinzieht mit Karten
belegt, den Tönnchen, Semaphoren, Breitengraden,
eingezeichnet am Hafen vor zehn Jahren,
sind sie nun vergilbt mit dem Mercator-
papier, das vom Salzwasser ausgefranst
und der Sehnsucht beleckt hoch biegt
zum Fenster hinaus an das Türmchen,
in dem ein Petroleumfeuer übers Land blinkt
bis zu seinem geschenkten Hut.
Der ihm vom Orkan nicht vom Kopf gehoben,
mit Hutband die Gedanken festhält am Peijes.
Und es schimmert rötlich der Abendhimmel
vorm Schiff, auf dem wohlgerundet die Frau sitzt
mit Mann vorm Himmelsgedeckten.


© 2005 by Johannes Schenk

Salz in der Jackentasche, Berlin 2005, ISBN 3-00-016785-4,

Zu bestellen bei:
Johannes Schenk,
Circuswagen,
Bahnhofstrasse 17,
D-27726 Worpswede