P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
Auszüge aus
CAPESIUS, DER AUSCHWITZAPOTHEKER
II
DIE AUSCHWITZAPOTHEKE
Mitschrift des beisitzenden Richters vom 57. Verhandlungstag (19.6.1964).
Aussage des Zeugen Sikorski, ehemaliger Häftlingsapotheker, betreffend den Angeklagten Dr. Capesius:
Eines Tages kamen aus Berlin Büchsenöffner mit Zacken. Damit sollten die Büchsen mit Zyklon B geöffnet werden.
Die ersten Sendungen mit Zyklon B kamen ohne Zweifel in die Apotheke. Sie wurden im Keller rechts aufbewahrt.
Dann gab es noch einen kleinen Raum, der abgeschlossen war. Dort wurden die Kartons mit dem Zyklon B aufbewahrt.
Das Gas war aber nur kurze Zeit dort. Dr. Capesius sagte einmal, er wolle damit nichts zu tun haben. Er wollte
das Gas an die Verwaltung zurückgeben. Ich habe davon gehört, dass SS-Unteroffiziere extra nach Berlin gefahren
sind, um das Zyklon B abzuholen. Das Zyklon B war in braunen Kartons. Die Dosen habe ich erst nach dem Kriege
im Museum von Auschwitz gesehen. Man hat auch davon gesprochen, dass das Zyklon B im Theatergebäude aufbewahrt
wurde. Ich weiß aber nicht, ob das stimmt.
Auf Befragen erklärte der Zeuge: Dr. Capesius wusste von dem Zyklon B.
Auf die Frage, woher er dies wisse, erklärte der Zeuge: Er musste doch wissen, was in der Apotheke ist.
Ohne sein Wissen konnte man nichts erledigen. Dr. Capesius war sachlich.
Auf die Frage, wer die Schlüssel für
a) den Keller,
b) das Theatergebäude,
c) das Kleine Krematorium
gehabt habe, erklärte der Zeuge:
Die Schlüssel für diese Räume hatte der Leiter der Apotheke. Er hat sie allerdings nicht selbst herausgegeben,
sondern der SS-Unteroffizier Jurasek. Dr. Capesius hat die Schlüssel in seiner Schreibtischschublade aufbewahrt,
soweit ich mich erinnern kann. Der SS-Unteroffizier musste ihn fragen, wenn er die Schlüssel haben wollte.
Capesius saß an seinem alten wackligen Schreibtisch und stellte Formulare aus. Waren es Bestellungen?
Was bestellte er? Was tat er den ganzen Tag? Öffnete er manchmal die Schublade, wo die Schlüssel zum Zyklon B
lagen? Holte ihn der Leiter des Vergasungskommandos Klehr in einem Sanka ab?
Richterliche Vernehmung des Angeklagten Viktor Capesius vom 7.12.1959. Frankfurt (Main):
Frage des Gerichts: Handelt es sich bei diesem Bunker um das ehemalige Krematorium?
Antwort Capesius: Das weiß ich nicht, das hat man mir nicht gesagt. Jedenfalls hat ein Lager- oder Bunkerraum,
in dem diese Zyklon-B-Büchsen aufbewahrt worden sind, oder auch ihre Herausgabe oder Verteilung mir nie unterstanden.
Vorhalt: Hat die SS-Apotheke außer in dem Haus, in welchem sie unmittelbar untergebracht war, noch irgendwo im
Lager Vorräte abgestellt oder gelagert?
Antwort: Ja, gleich gegenüber in einem Bunker (altes Krematorium). In diesem Bunker wurde folgendes gelagert:
Urnen, ob leer oder voll, weiß ich nicht; Benzin, Kreolin, Karbolsäure, Chlorkalk und möglicherweise andere Flüssigkeiten
in Korbflaschen. Es handelt sich dabei alles um Vorräte der Lagerapotheke, die auch mir unterstand. Von diesen Vorräten
wurden die jeweiligen Lagerapotheken der Außenlager beliefert.
Vorhalt: Zyklon B war da nicht dabei?
Antwort: Unsere Lagerräume in diesem Bunker füllten nicht den Rauminhalt des gesamten Bunkers, sondern nur vielleicht
die Hälfte des gesamten Bunkers.
Die Aussage von W.W. Prokop: In dieser Apotheke arbeitend, lernte ich Capesius als Menschen kennen, der sich mit allen
Mitteln darum bemühte, den größten Nutzen aus den großen ungarischen Transporten zu ziehen. Eines Tages, als ich auf dem
Dachboden, im Magazin, beim Sortieren von Arzneimitteln war, erschien Capesius, der vorher die dort aufbewahrten Koffer
kontrollierte, welche den bereits erwähnten Gefangenen gehört hatten. Capesius brachte diese Koffer selbst aus dem Lager
Birkenau.
War er deshalb so häufig auf der Rampe und im Krematorium?
Während meiner Arbeitszeit achtete ich auf seine Tätigkeit. Ich habe gesehen, wie Capesius wertvolle Gegenstände sortierte
und kostbare Stücke herausnahm, sie in die besten ledernen Koffer packte und später mitnahm. Capesius bemerkte plötzlich,
dass ich ihn beobachtete. Daraufhin wandte er sich an mich etwa mit folgenden Worten: »Von dir Prokop hängt es ab, wie
lange du am Leben bleibst. Du hast nichts gesehen; solltest du es jedoch bemerkt haben, so kann dich das treffen, was
sowieso auf dich wartet.« Sofort wusste ich, falls ich jemandem etwas davon erzählen würde, wäre ich verloren. Außerdem
mussten wir in verschiedenen Räumen Arzneien sortieren. In einem Raum erblickte ich 25-40 verschiedene Koffer mit
Tausenden von herausgerissenen, einzelnen Zähnen und ganzen Prothesen. Diese Zähne stammten von vergasten Gefangenen,
denen man oft Zahnfleisch und Kieferteile mit herausgerissen hatte. Aus diesem Grunde entstand infolge der Verwesung
ein unangenehmer Geruch.
Vorsitzender Richter: Kam es auch vor, dass Menschen nicht tot waren nach diesem Vergasen?
Zeuge Dov Paisikovic: Es waren viele solche Fälle.
Vorsitzender Richter: Ja. Und was geschah mit den Menschen?
Zeuge Dov Paisikovic: Die wurden erschossen.
Vorsitzender Richter: Und wer hat das gemacht?
Zeuge Dov Paisikovic: SS.
Vorsitzender Richter: SS. Sie kennen von dieser SS außer dem Moll niemanden mehr?
Zeuge Dov Paisikovic: Am Namen nein. Am Namen kenne ich den Steinberg. Und es war einer, den wir Holländer gerufen haben.
Ob es sein richtiger Name war, weiß ich nicht. Und es war auch einer, den man »Der Rote« gerufen hat. Er war so ganz rot
… Gesicht.
Vorsitzender Richter: Nun, haben Sie auch mal erlebt, dass kleine Kinder in den Vergasungsraum noch hineingebracht worden sind,
wenn der schon voll war?
Zeuge Dov Paisikovic: Ja, die Kinder hat man geworfen, über die Köpfe oben.
Vorsitzender Richter: Über die Köpfe weg geworfen? Haben Sie auch mal erlebt, dass Kinder anders umgebracht wurden?
Zeuge Dov Paisikovic: Auch.
Vorsitzender Richter: Was hat man mit ihnen gemacht?
Zeuge Dov Paisikovic: Es waren Fälle, dass ein SS-Mann nimmt das Kind von der Mutter und gibt ihm ein Zucker, ein Bonbon.
Wie heißt das? Und er hat das Kind an den Händen genommen. Und unter der Mutter Augen hat er das an die Wand geklappt.
Vorsitzender Richter: Vor den Augen der Mutter?
Zeuge Dov Paisikovic: Vor den Augen der Mutter.
Nebenklagevertreter Ormond: Herr Zeuge, Sie waren, wie ich gehört habe, schon einmal, bevor Sie als Zeuge benannt wurden,
hier in der Verhandlung gewesen. Haben Sie bei dieser Gelegenheit irgendwelche unter den Angeklagten wiedererkannt.
Dolmetscher Grünblatt: Beim Verhör in Frankfurt far dem heintikn tag, hot ir schojn fun dise [unverständlich] gesejn?
Welchn hot er erkant?
Zeuge Dov Paisikovic: [Pause] Den da dort.
Vorsitzender Richter: Ja, gehen Sie mal hin, deuten Sie mal auf ihn.
Nebenklagevertreter Ormond: [Pause] Und wer ist das?
Zeuge Dov Paisikovic: [unverständlich]
Nebenklagevertreter Ormond: Wen erkennen Sie noch? Vielleicht sollen sich die Angeklagten erheben. Er weiß ja nicht, wer
Verteidiger und wer Angeklagter ist, Herr Vorsitzender.
Vorsitzender Richter: Bitte schön. [Pause] Den ersten? Wer ist denn das? Wissen Sie nicht. [Pause] Diesen, ja.
Sprecher (nicht identifiziert): Wen?
Vorsitzender Richter: Capesius.
Vorsitzender: Sie haben hier den Angeklagten Dr. Capesius erkannt. Was können Sie über ihn sagen?
Paisikovic: Er war Arzt und ist einmal mit dem Rote-Kreuz-Wagen zum Krematorium gekommen. Er hat den Fahrer noch um eine
Gasbüchse geschickt, weil eine fehlte. Ich kann mich bei ihm keinesfalls irren.
Verteidiger Dr. Laternser: Wollen Sie den Vorfall genau schildern?
Zeuge Dov Paisikovic: Der Mann ist einmal ins Krematorium gekommen mit dem Roten-Kreuz-Wagen. Und sind rüber auf die andere Seite,
wo die Gaskammer war. Sie warfen die von der anderen Seite, nicht wo … warfen die von unten. Der Mann sagte so: »Wo ist die Büchse?
Wo ist das Zyklon?« Der Chauffeur bringt eine Büchse. Sagt er: »Wo ist die zweite?« Sagt er: »Ich habe nur eine gebracht.« Hat er
ihn angeschrien und ihn geschickt, noch einmal … Büchse zu holen.
Vorsitzender Richter: Bitte sehr. Ja. Und damals, als er da war und nach der zweiten Büchse geschickt hat, waren da die Menschen
schon in der Gaskammer, dass sie vergast wurden?
Zeuge Dov Paisikovic: Die Menschen waren in der Gaskammer, noch nicht vergast.
Vorsitzender Richter: Ist er da allein gekommen mit dem Rotkreuzwagen, mit dem Chauffeur, oder waren da noch andere dabei?
Zeuge Dov Paisikovic: Es war unsere SS dabei. Der Mann und unser Unterscharführer, Steinberg. Die Gasmaske hat der
Unterscharführer Steinberg gehabt. Und er hat das Gas hineingeschüttet.
Vorsitzender: Wie oft haben Sie Capesius beim Krematorium gesehen?
Paisikovic: Vielmals.
(..)
Der Drogist Prokop: Als ich in dieser Apotheke arbeitete, konnte ich oft beobachten, wie Viktor Capesius zusammen mit
Josef Klehr in einen Raum des Kellers dieses Blockes gingen. Aus Neugierde beobachtete ich diesen Raum genauer und eines Tages
sah ich, dass der SS-Oberscharführer Jurasek in Begleitung von Josef Klehr in diesen Raum ging. Jurasek war technischer
Mitarbeiter der Apotheke. Durch die offene Tür erblickte ich einen Wandschrank. Aus der Unterhaltung der beiden hörte ich,
dass der Schlüssel zu diesem Schrank in der Apotheke liege. Als Jurasek die Schlüssel holte und den Schrank öffnete sah ich,
wie er Josef Klehr zahlreiche Büchsen übergab. Dabei hörte ich etwa folgenden Satz: »Es wird wahrscheinlich eine größere Aktion.«
Klehr bejahte es. Ich hatte es mir sofort gedacht, dass Jurasek im Auftrage von Capesius die Büchsen mit Zyklon B herausgab.
Diese Vermutung hat sich auch bestätigt, denn tatsächlich vergaste man an diesem Tage ca. 32 000 ungarische Juden.
(Randbemerkungen von Capesius dazu, er konnte in der Zelle immer Einsicht in die Prozessakten nehmen: Theoretisch 6o Dosen, das
sind 5 Kisten. Alles erfunden! 9000 war einmal am 29.6.44 Rekord!)
Erst später hatte ich davon gehört, es handele sich dabei um
so eine große Aktion, dass infolge Platzmangels in den Verbrennungsöfen die Leichen der Vergasten in Gruben und auf Scheiterhaufen
verbrannt wurden.
Brief von Viktor Capesius an seinen ehemaligen Kollegen, den SS-Apotheker Gerber:
Lieber Herr Gerber! (i.O. ausgestrichen) (der Brief ca. Juni 1960).
(…)
Punkt II wirft uns vor, Cyclon B ohne Warnstoff verwaltet und für jedes Mal die Portionen ausgegeben zu haben. Die Belastung stützt
sich auf eine Aussage Strauchs im Prozess gegen Sturmbannführer Pflaum, Sonderführer Entwesung und Mückenbekämpfung. In diesem
Prozess hat Strauch Minister Auerbach (früher Häftling bei Pflaum) zuliebe und gegen Bestechung einen Meineid geschworen, und
gesagt, Cyclon B ohne Warnstoff sei von der Apotheke verwaltet worden. (Im Prozess sind unsere Namen damals nicht gefallen, aber
3 Jahre spaeter nach dem Tod von Strauch sollte mir das bitter aufstossen.)
Pflaum und die Verwaltung müssen Cyclon B gehabt haben, und denen dürften auch diese Desinfectoren, die ja mit Cyclon B auch die
Baracken etc. gegen Läuse und Wanzen entwesten, unterstanden haben, ebenso dürfte Unterscharführer Klähr dorthin gehört haben.
Laut Buch von Höß hat die Verwaltung des KL das Cyclon B von Dessau geholt. Ich habe ausgesagt, dass weder Cyclon B bei uns gelagert,
noch von uns verwaltet oder ausgegeben worden ist. Auch war niemand von uns je in Dessau Cyclon B abzuholen. Apotheker Szikorzky und
sein Adlatus Tadec waren hier als Zeugen der Anklage, haben sich aber soweit ordentlich benommen. Hatten allerdings ausgesagt, im
Jahre 1941 sei einmal ein Dosenöffner für Cyclon B an die Apotheke gekommen, und dann abgeholt worden, zu einer Zeit, da Szikorzky
der einzige Apotheker im Lager Auschwitz war. Außerdem habe Jurazek einen Schlüssel zum Theatergebäude gehabt, was ich bestritt,
da nie dort etwas von uns gehalten wurde. Ich bitte Sie zu diesem Punkt auch zu antworten.
In Göppingen hab ich Capesius nach vielen Jahren wieder gesehen, wieder gehört. Er hatte eine schleppende, schwere Stimme. Die
vielen Menschen „auswählen“ für den Tod, sie in den Tod schicken? Das wollte er nicht, er konnte es nicht verstehen, warum diese
vielen Frauen und Kinder, Babys sogar, und viele, viele Alte, die alle aus Siebenbürgen kamen, ungarisch sprachen, und die er zum
Teil sogar selbst kannte, so grausam sterben mussten! Aber Befehl ist Befehl.
CAPESIUS: Weil man ja alles tun muss, was befohlen wird, ohne Widerrede, wie zu Hause auch... das hat mir ja der Wirths,
der war der Oberste von den Ärzten, Standortarzt war der, dann gesagt und gedroht: Ich habe im Lager Sondervollmachten, hat der
gesagt, ich kann sofort erschießen lassen... mich könne er erschießen lassen.
Roland Albert passt hierher in diese Innsbrucker Gegend, ins Bergpanorama, passt zu Trenker und Co, Tirolerhüte, Berghof, Jodler.
Nur diese betuliche Stimme passt nicht, leise, beschwörend, sanft sogar und wie „paniert“ klingt sie, in den Fischaugen aber ist
Kälte, und dem Hölderlingedicht wird ein wissendes Lachen nachgeschickt, ein Wissen wohl um die hauchzarte dünne Eisschicht,
auf der wir auch jetzt stehen, das Lachen dem nachgeschickt, wirkt fast obszön und doch naiv und grauenvoll zart. Und dazu noch
dieser Schwung und dieser seltsame Enthusiasmus und die Begeisterungsfähigkeit, rücksichtslos alle nieder redend. In seiner
Wohnung mit billigen Plastik-Vorhängen und Konfektionsmöbeln sitzt er da, den Mund wie zum Pfeifen gespitzt und von einer
froschigen Wasserleichengeilheit, die rosig zart und doch auch voller intelligenter, wissender Hintertriebenheit ist:
»Aber wir haben mitmachen müssen«, höre ich diese Stimme, »es gab keine andere Möglichkeit. Bitte, ich war Freiwilliger,
natürlich, bin desertiert aus einer Armee in die andere… ich bin ja 41 bei der zweiten Tausendmannaktion aus meinem
rumänischen Studienurlaub verkleidet über die Grenze zur SS, im verhängten LKW; wir haben uns der Division „Das Reich“
angeschlossen, die aus dem Serbienfeldzug kam. Wir haben sogar in Temesvar schon in Zivil Wachdienst geschoben für die
deutsche Wehrmacht, ein Gefangenenlager bewacht, und das mit deutschen Gewehren, die deutschen Brüder haben wir entlastet,
weil die überfordert waren im Wachdienst. Aber es ging damals schon alles drunter und drüber, und wir Siebenbürger waren
damals schon eine Art Staat im Staat…«
Schon als junger Mann stieß ich auf die Reichsgedichte meines Großvaters Michael Albert, die völlig in meine Kerbe schlugen.
Wir Siebenbürger waren ja immer prudentis et circumspecti. Nicht wahr. So sind wir ja in die Geschichte eingegangen. Aber in
dem Augenblick, 1940 eben, da gab´s nichts, da wurden wir hingerissen…
»Ja, auch in Auschwitz waren doch vor allem Volksdeutsche«, werfe ich ein.
»Fast nur, fast nur! Und in der SS waren sowieso ein Drittel Volksdeutsche, ein Drittel waren andere Europäer. Und nur ein Drittel
waren Reichsdeutsche am Ende des Krieges…«
»Wahnsinn… das hab ich nicht gewusst…«
»Die Bewachungsmannschaft bot ein buntes Bild. Neben der Stammmannschaft - den "alten Stacheldrahtkämpfern", wie sie sich selbst
scherzweise nannten, kamen in wachsender Zahl Volksdeutsche nach Auschwitz (Es waren etwa 350 Rumäniendeutsche in Auschwitz).
In der letzten Phase sah man dort nicht nur die SS-Uniform.
Mir wurden im Winter 41 als SS-Mann vor Moskau die Fingerkuppen abgeschossen, so dass ich nicht mehr Klavier spielen konnte; als
frontverwendungsunfähig wurde ich nach Auschwitz versetzt.«
Ich hatte das Mikrophon auf den Tisch gestellt, Roland saß vor mir, in seiner hastigen, hysterischen Art legte er los, ich konnte
ihn kaum bremsen; ich hatte das Gefühl, als müsse er sich gewissermaßen „freireden“. Er sagte: »Weißt du, dass ich DORT war? Der
schlimmste Tag dieser ganzen Zeit DORT war der 29. Mai 1944, es war der erste Pfingsttag«, sagte er, ohne mich anzusehen:
»Pfingsten, da standen meine Leute auf dem größten Wachturm von Birkenau…
Meine Wachkompanie musste in diesen Tagen sehr oft Wache schieben… auch Rampendienst… die für den Gastod Bestimmten begleiten…
und in den Krematorien, ein schwerer Dienst. Seit Mitte Mai kamen andauernd Züge an, Tag und Nacht kamen Züge an. Alle Züge fuhren
unter dem Hauptturm von Birkenau durch. Nichtwahr. Alle Züge hatten plombierte Viehwaggons, mit vergitterten Fenstern. Nichtwahr.
Durch einen unendlich langen Tunnel fuhr also jeder Zug in Birkenau ein.
Mir wurde später gesagt, dass die meisten, auch unsere Frau Dr. Böhm aus Schäßburg dabei gewesen war. Sie wussten nicht, wohin sie
kommen. Auch die Frau Dr. Böhm, ja, und ihre Tochter Ella waren an diesem Tag angekommen. In einem dieser Viehwaggons und unter
diesem TOR waren sie durchgefahren. Ich konnte sie nicht sehen. Ich sah nur auf die Dächer der Waggons, die voranrollten.
Ja, es war schrecklich, ich konnte alles vom Turm aus dann auf der Rampe sehen: Wenn noch einer nach drei Tagen Höllenfahrt
die Kraft hatte zu reden, sich zu bewegen, betete er, sah ich, wenn ich auf der Rampe Dienst hatte. Schwerer Dienst.
Viele lagen tot im Waggon, ein furchtbarer Gestank, wenn die Türen geöffnet wurden, andere atmeten noch. Interessanterweise.
Kinder weinten, Frauen wimmerten, Männer schrieen, riefen nach ihrer Familie.
Ja, ich erinnere mich an diesen Tag, weil wir nachher zusammen in unserer Wohnung mit andern Kameraden und dem Kommandanten Höß
Pfingsten gefeiert hatten, auch ein siebenbürgischer Pfarrer, ebenfalls Freiwilliger, war dabei gewesen und hielt eine kleine
Ansprache. Meine Leute aber, es waren auch Siebenbürger und Banater darunter, standen bis nachts auf dem Großen Wachturm über
der Einfahrt, interessanterweise dem Tor für alle Züge nach Birkenau.
Wenn ein Zug mit lautem Pfeifen einfuhr, genau unter dem Wachturm - dann galt erhöhte Aufmerksamkeit für den Posten, das schärfte
ich meinen Leuten ein, genau so wie nachts auch ganz besonders, ganz besonders. Ein Denndörfer, ein langer Kerl, du kennst sie ja,
warst ja in Denndorf Lehrer gewesen, Gunnesch hieß er, stand an jenem Tag allein am Maschinengewehr, das auf die große Menge
gerichtet war, sie werden alle an der langen Rampe ausgeladen. Rundblick vom großen Turm aus. Alles ist offen, und du musst genau
hinsehen, dass keiner entkommt. Ja, so war das ja damals. Befehl ist Befehl. Da gab´s keine Widerrede. Starkstromgeladener
Stacheldrahtzaun, weiß die Isolatoren - bevor einer dran rührte, musstest du ihn schon erschossen haben.«
Adam: Du musst dir vorstellen, dass sowohl Capesius als auch sein Komplize Klein „ärztliche“ Blicke durchs Guckloch der
Tür in den Vergasungsraum werfen mussten. Und manchmal auch dabei waren bei diesem grässlichen Vorgang, wenn die Türen gesch1ossen,
verriegelt und zusätzlich mit Schrauben nochmals gesichert wurden, als könnten die armen Vergasungsopfer die Tür aufbrechen!
Dann löschte ein SS-Mann das Licht in der Gaskammer – die letzten Minuten ihres Lebens standen also die Opfer eng zusammengepfercht
in totaler Dunkelheit vor ihrem Tod und schrieen, es war die Hölle. In den Krematorien I und II schaltete ein Häftling noch
zusätzlich die elektrische Entlüftung ein. Die Ventilatoren saugten die Luft aus dem Raum. Es war eine Tortur und auch ohne
Giftgas wären die Armen da drin langsam erstickt.
Doch es musste schnell gehen: Auf Befehl des SS-Arztes oder Apothekers,
Capesius war öfter da, aber auch Klein, taten die „Vergasungsfritzen“, die mit Gasmasken geschützten SS-Henker ihr „Werk“, durch
die aus dem Boden neben den Krematorien I und Il herausragenden Einwurfvorrichtungen schütteten sie das Zyklon B in die Öffnungen,
die dann sofort wieder verschlossen wurden. In den Krematorien III und IV kletterten die Henker auf Leitern hoch, öffneten die
Klappen in der Außenwand der Gaskammer und streuten das Gift hinein. Ich sah oft Dr. Mengele, der wie die anderen Ärzte und Apotheker
auch, den Befehl zum Einwurf des Giftgases in die Kammern gab.
Verteidiger Laternser: Ja. Nun noch eine letzte Frage: Welchen Ruf hatte die Familie Capesius in Schäßburg?
Zeuge Karlheinz Schulery: Die Familie Capesius galt als eine sehr kirchliche und als eine Familie, die sozial sehr viel
Gutes tat. Ich weiß nicht, ob ich es erwähnte: Er und auch sein Bruder, die ganze Familie, waren in Schäßburg sehr angesehen und sehr
kirchlich und taten ja auch sehr viel Gutes. Denn unsere siebenbürgische Kirche und unser kirchliches Schulwesen wurden ja nicht vom
Staat unterstützt, obwohl wir die größten Steuerzahler in Siebenbürgen waren. Sondern wir erhielten das alles aus eigenen Mitteln.
INNSBRUCK, MAI 78.
Roland Albert: »Ja, der Capesius. Der ist Jagen gegangen in die Beskiden. Und er hat uns ab und zu
einen Hasen spendiert. Er hat dort Freunde gehabt, in der Nähe war auch der Dr. Fabritius, der frühere Volksgruppenführer.
Naja, er hat sich beklagt, unser alter Volksgruppenführer Fabritius, er hat sich gar nicht glücklich gefühlt auf seinem Gut. Naja,
er empfand diesen Aufenthalt in den Beskiden als Zwangsaufenthalt, klar.«
»Das war er ja auch. Und das ganze Elend kam doch von diesem Andreas Schmidt, der seinem Schwiegervater die SS-Rekruten geschenkt hatte!
Nur du, du warst ja noch freiwillig zur SS gegangen!«
»Ja! Die erste Tausendmannaktion! Aber das war 1940, als schon der neue Volksgruppenführer Andreas Schmidt am Ruder war… Und so haben
sie unseren Rittmeister Fabritius in die Beskiden exiliert, der bisher Volksgruppenführer gewesen war! Er bekam in den Beskiden auch
ein Gut. Und den haben wir mit meiner Frau besucht, den haben sie 1940 nicht mehr nach Haus gelassen, weil der Andreas Schmidt an die
Macht sollte. Also diese politische Spaltung damals, die war zum Schießen, zum Brüllen. Eine Karikatur. Ernst wurde es erst mit dem
Andreas Schmidt.
Am 9. November 1940 erst hatte ja alles bei uns angefangen. Der wirkliche Ernst! Es war im Gasthaus „Zur Traube“ in Mediasch. Da wurde
die "Volksgruppe" unter dem neuen Kapo Andreas Schmidt ausgerufen, unter Teilnahme einiger rumänischer Gardistenführer. Und dann kam
plötzlich das Erdbeben, erzählte man sich, der Mundfunk hat bei uns immer gut funktioniert! Es zitterte alles. Und weil sie so viel
getrunken hatten, glaubten sie, es sei ihr eigenes Zittern, aber es war das Erdbeben. Und als man es ihnen mitteilte, dass es ein
Erdbeben gewesen war, da waren sie es recht zufrieden, denn nun gab es einen äußeren, erklärbaren Grund; sie wussten nun, dass es
nicht ihr eignes Zittern gewesen war. Aber, wenn man es genau nimmt: mit einer Hochzeit hatte alles angefangen Mit der Hochzeit
der Christa Berger…«
Roland Albert: »Ich war dort Lehrer, ich hab dort auch unterrichtet in der Hauptschule. Der deutschen Schule. Das war ein Vergnügen.
Das Unterrichten damals. Diese Kinder werde ich nie vergessen. Die Schüler nicht wahr.«
»Waren das die Schüler von…«
»Wachmannschaften und Offizieren und so weiter.«
»Dort habt ihr ja quasi ein ziviles Leben geführt.«
»Ja, auch das. Wir haben musiziert. Wir haben…«
»Bis zum Weihnachten-Feiern und so?«
»Ja. man hat sich irgendwie ablenken müssen. Auch meine Frau war Lehrerin dort. Lehrerin für Musik. Auch.«
Roland hat eine aus Sanftheit und Rastlosigkeit gemischte Art, die nervt.
Ich habe seine Stimme im Ohr, sie verfolgt mich seither, sie macht mich in ihrer salbungsvollen Diktion rasend, weil sie mir so nahe
geht, so familiär ist, wie meine eigene, als spräche ich selbst, so kommt es mir oft vor, wobei der vertraute siebenbürgische, etwas
breite und scharfe Akzent, gar der Dialekt, der manchmal einfließt, wenig mit dem zu tun hat, was mir dabei auf die Nerven geht.
»Und Gewissensangst hast du keine gehabt?«
Roland: »Nein.«
Er bildet da keine Ausnahme. Im Auschwitzprozess gab es außer Dr. Lucas keinen einzigen Angeklagten, der sich schuldig fühlte.
Auschwitz, den 1.1. 1945, schrieb Dr. Wirths an seine „liebe Frau“ … Den Silvesterabend habe ich ruhig und still bei Bärs
verbracht,
die sonst niemanden mehr eingeladen hatten und so konnte ich mit meinen Gedanken so lieb und schön bei dir sein. Die Bilder von Dir
und den Kinderle hab ich ihnen gezeigt und ihnen von Euch erzählt … Als dann die Mitternachtsstunde herangekommen war, ich mein Glas
dir zugetrunken hatte und wir still in Gedanken versunken saßen, hatten die beiden Tränen in den Augen und waren arg traurig.
2.1. 45 … Den Mephisto in C1 (wahrscheinlich Mengele) habe ich übrigens auch erkannt und mich restlos zurückgezogen. Wie recht hattest
Du Geliebtes doch wieder bei Deiner Beurteilung damals!
Und Roland, wo hatte er Silvester verbracht, mit Capesius und Klein, gar auf dem Gut des Fabritius in den Beskiden?
Als er von den Stoffels gefragt wurde, ob es denn rechtens sei, Frauen und Kinder umzubringen, da wiederholte er die Höß-Ausrede:
»Wir dürfen keine Nachkommen zulassen, die sich rächen könnten!« Oder die von Klein: »Die Juden sind die Feinde der Menschheit, nicht
nur unsere!«
Roland Albert in Innsbruck: »Freilich, ich bin religiös, war ja auch Religionslehrer. Doch wer hat unseren Herrn ans Kreuz geschlagen?
Die Juden!«
»Religionslehrer? In Auschwitz?«
»Ja, ich war in Auschwitz Religionslehrer in der deutschen Schule.«
»Und warst du bei diesen Erschießungsszenen an der Schwarzen Wand auch dabei?«
»Ja, manchmal. Man musste manches aushalten. Ich konnte es.«
»Und du warst auch noch Religionslehrer?«
»Ja. In der deutschen Hauptschule. Und ich tat es mit Überzeugung. Denn im Alten Testament wird die jüdische Religion gepredigt:
Ich bin der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der euch aus Ägypterland geführt hat. Nicht wahr? Und die jüdische Thora, das ist
es eben. Und diese Tradition lebt in den Juden dreitausend und mehr Jahre. Und die Juden haben, sofern sie mosaischen Glaubens
sind, noch eine angemessene Religion… Und die Deutschen haben keine…
Aber Religion schaffen – dazu gehört eine ungeheure Härte. Grausamkeit gehört auch dazu. Da muss man intolerant sein. Keine
Religion kann tolerant sein…«
Ich fragte ihn, ob er damit auch den Nazismus meint, ob das auch eine Religion gewesen sei, die vielleicht das Vakuum nach dem
Tod Gottes ausfüllen wollte?
Roland Albert: »Ja! Es war auch eine Art Religion!«
Und er sprach dann von Hitlers „Himmelssturz“ als Prophezeihung, und er habe anfangs daran geglaubt, dass Hitler eine neue Religion
schaffen werde, eine „völkische“.
Roland Albert: »… Wir haben keine eigene, uns entsprechende Religion gehabt. Nur die jüdische haben wir übernommen. Das war unsere
Tragik, denn wir können uns keine Religion selbst machen. So aber ist kein Volk lebensfähig. Barbaren sind wir geworden, seit wir
unsere gotische Stammeskultur verloren haben. Und wenn sich das deutsche Volk in der Weise mischt, wie es das heute tut, dann ist
es aus und vorbei: Völker sollen sich nicht mischen. Völker sind dazu da, einen Auftrag zu erfüllen. Ich möchte nicht pathetisch
werden, aber ihr göttlicher Auftrag besteht gewissermaßen darin, ihre Eigenart zu erhalten.
Ja, in diesem Sinne ist das Alte Testament, auch Nietzsche hat es in diesem Sinne immer wieder gerühmt, so ein wunderbares Zeugnis
davon…«
»… dass Vernichtung notwendig war?«
»Ja, so wie auch eine Religion eigentlich nur eine völkische Religion sein kann. Dass jede Religion, jede gesunde Religion im Grunde
genommen Ahnenverehrung ist. Ahnenkult. Und der Zwiespalt, auch bei den europäischen Völkern besteht zum größten Teil darin, dass sie
eine fremde Religion angenommen haben, die in einem anderen Volk geboren wurde: die jüdische Religion, nicht wahr…«
»Und in Auschwitz sollte Europa, die Welt geheilt werden?«
»… wir sind alle verjudet, das hat schon Nietzsche festgestellt.«
(..)
CAPESIUS: Vom Frühjahr 1942 an rollten die Todeszüge mit Juden in das Vernichtungslager. Allein in diesem Jahr kamen 166 Transporte
mit ungefähr 180.000 Deportierten dort an, 1943 waren es 174 mit etwa 220.000 Menschen, und 1944 beförderte die Reichsbahn ungefähr
300.000 Opfer in 300 Zügen. Es handelte sich um Viehwaggons.
Dr. Nyiszli: »Ich brauche ordentliche Arbeit«, sagte Dr. Mengele, »denn wir leiten die Protokolle von hier weiter zum Rassenbiologischen
und Anthropologischen Institut in Berlin-Dahlem.«
So erfahre ich, dass die hier stattfindenden Untersuchungen von einem der berühmtesten wissenschaftlichen Institute der Welt geleitet
werden.
Ich erhalte neue Zwillingsleichen. Vier Paare aus der Zwillingsgruppe des Zigeunerlagers werden gebracht. Es sind die Leichen von
Zigeunerkindern, die noch nicht einmal zehn Jahre alt waren.
Ich führe die Sektion des ersten Zwillingspaares durch. Jede Phase des Verlaufs protokolliere ich. Ich eröffne die Schädelhöhle,
entnehme das Gehirn und die Hirnanhangdrüse. Alles überprüfe ich. Dann erfolgt die Eröffnung des Brustkorbes, das Heraustrennen
von Rippen und Brustbein. Anschließend entferne ich die Zunge durch einen Schnitt unter dem Kinn, zusammen mit der Speiseröhre,
der Luftröhre und den Lungen. Damit ich alles klar erkennen kann, säubere ich die Organe von Blut. Der anscheinend
bedeutungsloseste kleine Fleck, die kleinste Verfärbung kann ein wichtiger Befund sein. Nun habe ich auch das Herz herauspräpariert.
Ich halte es unter fließendes Wasser und wasche es ab. In meiner Hand drehe ich es hin und her. An der Außenwand der linken Herzkammer
bemerke ich einen winzigen, runden, blassroten Fleck, der kaum von der Umgebung abweicht. Er kann nur von einem Nadelstich stammen.
Ich kann mich nicht täuschen! Es ist ein Einstich, der mit einer sehr feinen Nadel ausgeführt wurde.
Natürlich mit einer Injektionsnadel. Das Kind bekam also eine Injektion ins Herz. Doch warum? Dorthin erhält man Injektionen nur in
ganz dringenden Fällen, etwa bei einem Herzstillstand. Gleich werde ich es wissen. Ich öffne das Herz und lege seine linke Kammer
frei. Das dort befindliche Blut wird bei einer Sektion mit einem Löffel entfernt und gewogen. Das ist hier nicht möglich, denn …
Frau Dr. Böhm: Auch der Dr. Dering, aber vor allem der Dr. Max Samuel, der war ja mal ein bekannter Gynäkologe in Köln, dienten
den SS-Ärzten bei ihrer „schweren Arbeit“. Sie aßen freilich nicht mit uns, aber Wirths sagte mal, dass der Samuel so sehr mit
großem Eifer den Frauen für seine Krebsversuche Teile des Gebärmutterhalses herausschnitt, und das tat sehr weh, eine nach der
andern, dass sogar er ihn bremsen musste. Der Samuel hatte ja einen Passierschein von Wirths, und konnte sogar das Lager
verlassen.
Da sieht man, wie schuldig sich auch die Häftlingsärzte in Auschwitz gemacht hatten. Immer nur aus Angst?
Oder weil es die berühmte aschene Grauzone der gemeinsamen Verstrickung in diesem Lebenswelt-Monstrum vor allem für
sie und die Kapos gab? Weil Korruption und „Beziehungen“, bekannt vom Balkan her als Überlebensmittel, hier eigentlich
die einzige Möglichkeit waren, am Leben zu bleiben? So bei dem schuldig gewordenen Samuel. Denn Dr. Samuels Tochter
war im Lager, er meinte, sie so zu „schützen“. Und dann haben sie ihn 1944 doch als Mitwisser mit dem Kleinkalibergewehr
hingerichtet, der Muhsfeldt machte das, er war Kommandant des Krematoriums I.
Und das Leben ging weiter, immer weiter. Auch in Auschwitz. Und das war eben so, dass durch nichts auch nur im Geringsten der
Alltag gestört, gar eine Augenöffnung, oder eine seelische Veränderung eintrat, obwohl die Geschehnisse so furchtbar waren,
dass sie nicht zur normalen Wahrnehmung passen konnten. Tag und Nacht rauchten die Kamine. Spürte jeder den süßlichen Geruch
verbrannter Menschenleiber, der durch alles drang, alles erfüllte, unsichtbar wie ein feiner Totenleib in jedem war.
Adam: Es gab die Grauzone und die jüdische Mitschuld. Am schwersten aber ist die Mitschuld der jüdischen Führer und
der „Judenräte“
zu verkraften, ohne ihre Mithilfe wäre der Genozid gar nicht möglich gewesen. So lag die Festnahme der Juden etwa in Berlin
ausschließlich in den Händen der jüdischen Polizei. Und auch lokal waren immer die anerkannten jüdischen Autoritäten Mitglieder
des „Judenrates“. Auch Hannah Arendt schrieb in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“, dass diese Rolle der jüdischen Führer bei der
Zerstörung ihres eigenen Volkes für Juden zweifellos das dunkelste Kapitel in der ganzen dunklen Geschichte sei.
Eichmann selbst wunderte sich, dass von keiner Seite der normalen Beamten und Behörden in Deutschland irgendein Widerspruch, gar
Sabotage kam. Alle machten willig und eifrig mit. Und alles funktionierte reibungslos, unter Mithilfe der jüdischen Organisationen
und Autoritäten. Als ginge es irgendwohin in die Ferien mit der ganzen Familie, nicht in den Tod, folgten die Juden brav diesen
Aufforderungen und stellten sich mit ihrem Gepäck.
Hannah Arendt: Die Judenräte wurden von Eichmann oder seinen Leuten darüber informiert, wie viele Juden man für die jeweils
bewilligten Transporte benötigte, und sie stellten danach die Listen der zu Deportierenden auf. Und die Juden ließen sich
registrieren, sie füllten zahllose Formulare aus, beantworteten unendliche ausführliche Fragebögen über ihren Besitz, damit
die Beschlagnahme ohne Komplikationen erfolgen konnte, und dann fanden sie sich pünktlich an den Sammelstellen ein und
kletterten in die Güterwagen. Die wenigen, die sich zu verbergen oder zu fliehen versuchten, wurden von besonderen jüdischen
Polizeitruppen ausfindig gemacht.
Eichmann sah nur, dass keiner protestierte, dass alles klappte, weil alle „zusammenarbeiteten“.
Adam: Es war der helle Wahnsinn bürokratischer „staatsbürgerlicher“ Massen-Realität! Doch schlimm ist, dass die Judenräte
es taten, um die Prominenten, also sich selbst zu retten. Und sie genossen ihre neue Macht. So fuhr der Judenälteste Chaim Rumkowski
von Lodz in einer Art Karosse herum, druckte Geldscheine mit seiner Unterschrift und Briefmarken mit seinem Porträt, während die
Frauen und Kinder, die Säuglinge und Alten seines Volkes zu Asche wurden.
© 2006 by Dieter Schlesak.
Capesius, der Auschwitzapotheker wird ab Oktober 2006 im Dietz Verlag, Bonn, erscheinen.
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