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Saudi Golden Star


Eine Erzählung von
Gertrud Seehaus


Zwei Dinge waren es: Das silberne Döschen im Laden und das Fernsehbild. Sie hatten nichts miteinander zu tun, dann aber doch. Das Fernsehbild war zuerst. Es zeigte ein paar Politiker vor einem Hotel. Einer der vier Politiker war der neue palästinensische Präsident (der für einige Wochen Abbas hieß), das Hotel war das Holiday Inn in Akkaba. In dem hatten die Politiker getagt. Das Döschen hatte Leonie zwei Tage nach dem Fernsehbild in einem Schaufenster der Ehrenstraße gesehen.

Es war das Döschen, das sie im Mai 1982 mitsamt ihrer Geldbörse am Lido von Venedig hatte untergehen sehen. Sie war damals so erschrocken gewesen, daß sie ihm fast nachgesprungen wäre. Es war sehr leicht, das Döschen, und war eine Weile auf dem Wasser getrudelt, während die Geldbörse sofort unterging. Leonie hatte die gebräunten Beine vom Quai baumeln lassen und auf das nächste Boot gewartet, für das sie sich nun kein Ticket mehr kaufen konnte, denn ihr Geld war ja weg, ins Wasser gefallen wie der gesamte Inhalt ihrer nun leeren Tasche.

Wie sie das Problem gelöst hatte? Sie weiß es nicht mehr, aber irgendwie lösten sich alle Probleme, wenn man sich weit oder lang genug von ihnen entfernte, und sie war von jenem Problem an die 1.000 km und auf den Monat genau einundzwanzig Jahre entfernt. Und es war schließlich kein Lebensproblem wie eine chronische Krankheit oder der Verlust eines Menschen gewesen.

Es war ein verschwundenes Döschen aus Silber gewesen mit nichts darin als einem Getreidekorn, und eine schwarze Ledergeldbörse mit einer handgeschriebenen Visitenkarte, auf die ein achtzehnjähriger Sudanese seinen Namen und seine Anschrift geschrieben hatte, ein junger Mann, dem sie nun niemals würde die Fotos schicken können, die sie von ihm gemacht hatte und in dessen Erinnerung sie eine Weile noch als die unzuverlässige Deutsche existieren würde, von der er sich mehr erwartet hatte als ein völliges Vergessen. Daß sie ihn hatte enttäuschen müssen, bedauert sie noch heute.

Es war also wieder aufgetaucht, das Döschen, und sie hatte es sofort gekauft und ein Weizenkorn hineingelegt. Sie umschloß es mit der Hand und schüttelte es leicht, um den geheimnisvollen Ton zu hören. Wie das Rauschen einer ans Ohr gehaltenen Muschel das Rauschen des gesamten riesigen Ozeans war, schien ihr das leise Rascheln des Korns wie das Seufzen der vergangenen zwei Jahrzehnte.

Das Verschwinden der Visitenkarte im Mittelmeer hatte sie daran gehindert, eine Geschichte aufzuschreiben, in der der junge Sudanese eine Rolle gespielt und die sie über die einundzwanzig vergangenen Jahre immer wieder beschäftigt hatte. Das Problem war, daß sie die Geschichte zwar erlebt hatte, aber nicht glauben konnte, daß sie sie erlebt hatte. Sie hatte etwas Unwirkliches, Übertriebenes, kam ihr wie ein Traum vor oder eine Einbildung. Sie hatte sie in all den Jahren immer einmal wieder erzählt, um zu überprüfen, ob sie inzwischen Bestandteile vergessen oder aber hinzugefügt hatte.

Sie traute sich nicht über den Weg. Wer schreibt, kennt das, daß man bestimmte Dinge nur erzählen kann, wenn man die verborgene Idee findet, die allem zugrunde liegt und nach der sich, was man erzählen will, ordnet, und das war hier nie der Fall gewesen. Die Visitenkarte des Sudanesen hatte seine Existenz bezeugt, aber nach ihrem Verschwinden war der Mann nur noch in ihrer fragwürdigen Erinnerung gewesen. Mit der Visitenkarte waren die drei Tage und Nächte auf der SAUDI GOLDEN STAR in eine trübe Tiefe gezogen worden.

SAUDI GOLDEN STAR - Seelenverkäufers schlimmster Sorte, der ihr ans Ende des zwanzigsten Jahrhunderts zu passen schien wie ein mit Federkiel geschriebener Brief ins Zeitalter von PC und Internet. Vermutlich lag ihre Ungläubigkeit daran, daß sie zwar die meisten europäischen Länder kannte, nicht aber die sogenannte weite Welt. Dort hätte sie die Zeitgleichheit von Mittelalter und Neuzeit besser studieren können, und vieles hätte sie vermutlich ebenso sehr gewundert wie die Einzelheiten jener lange zurückliegenden Dreitagereise von Port Suez nach Akkaba.

Das Fernsehbild mit den Politikern hatte ihr einen raschen Blick auf jenes Hotel in Akkaba geboten, in das sie nach jenen drei Tagen auf dem Roten Meer mit ihrem Ehemann geflohen war. Geflohen schien ihr der richtige Ausdruck zu sein, denn, wie es ihr heute schien, waren sie dort in einer Art halbwachem Taumeln angekommen. Damals hatte Leonie noch nicht ihre Liebe für die Romane von Paul Bowles entdeckt, in denen Menschen durch sich geheimnisvoll öffnende und wieder schließende unsichtbare Tapetentüren zu anderen Zeiten und Orten und wieder zurück gelangen konnten. Aus einer anderen Zeit waren auch sie und Robert ins klimatisierte 20. Jahrhundert zurückgekommen, als sie ihre Personalausweise an der Rezeption vorlegten.

Wo waren sie gewesen?

Einige Tage zuvor waren sie mit dem Bus von Kairo nach Port Suez gefahren, um dort die SAUDI GOLDEN STAR zu besteigen, ein Schiff, das sie in zwei Tagen um den Sinai herum nach Akkaba bringen sollte. Ein Erster-Klasse-Ticket war von Roberts Rundfunkanstalt in Deutschland für sie gelöst worden. Leonie freute sich, denn die Saudis hatten Geld, würden ein wunderbares Schiff haben und sie beide somit ein paar schöne Tage. Sie hatte sich einen Badeanzug für den vermuteten Deck-Swimmingpool gekauft, der allerdings im Hotelzimmer in Kairo von wem auch immer aus ihrem Koffer geholt und zerschnitten worden war. Ebenso war ihr Chanel Nr. 5 ausgeschüttet und das Glas zerbrochen worden. Das Hotel wollte ihr einen neuen Badeanzug bezahlen, nur ließ sich in ganz Kairo keiner finden.

Bis heute wußte sie nicht, wo die Kairoer Frauen damals ihre Badeanzüge kauften, vermutlich im Ausland oder in den Boutiquen der internationalen Hotels. Robert und sie hatten ein zentrales altmodisches Hotel der Kairoer Gründerjahre vorgezogen, dessen wunderbarer alter Aufzug sie allerdings nicht in die fünfte Etage bringen wollte. Daß sie den Badeanzug nicht vermissen würde, dämmerte Leonie bereits, als sie in Port Suez aus dem Bus stiegen. Sie landeten in einem Gewimmel von Menschen - männlichen Menschen, wie Leonie sofort feststellte - und fanden rasch ihr Schiff, obwohl es sehr anders aussah als zuvor in ihrer Vorstellung. Sofort wurden sie schweigsam und beschlossen, ihr Warten auf den Einlaß durch einen Kaffee zu verkürzen. Das Café hatte einen festgetretenen Lehmboden voller gelbgrünlicher Schleimfladen. Die Männer taten sich beim Spucken keinen Zwang an. Leonie versuchte, beim Umherschauen mit ihren Blicken oberhalb des Bodens zu bleiben, aber was sie dort sah, war ebenfalls beunruhigend.

Polizei oder Miliz, sie konnte den Unterschied nicht ausmachen, bildete einen Kreis, in dessen Mitte mit wortlos-herrischen Gesten die zukünftigen Reisenden verwiesen wurden, ausnahmslos Männer. Es gab ein paar Frauen, offenbar Ehefrauen, die ihre Männer hier verabschieden wollten, und ein paar Kinder, die außerhalb des Kreises standen. Die Männer im Kreis hatten ihr Gepäck in verschnürten Koffern oder durchsichtigen blauen Mülltüten, große Fische und Apfelsinen, Gurken und Fladenbrote. Die außerhalb des Kreises stehenden Männer brachten ihre Gewehre in Anschlag, andere lösten ihre metallbeschlagenen Gürtel. Ein Gebrüll erhob sich. Die Männer in der Mitte fielen auf die Knie, wurden getreten, geschlagen, Koffer und Säcke wirbelten durch die Luft, platzten auf. Niemand empörte sich, wagte einen Einwand. Im Hafengelände gingen die Geschäfte weiter.

Als der Spuk vorbei war, ging Robert zu einem Hafenangestellten, zu einem zweiten und einem dritten. Überall Kopfschütteln. Niemand verstand Englisch, niemand wollte irgendeine Sprache verstehen, in der man hätte Auskunft geben können. Jetzt mischte sich auch Leonie ein und ließ nicht locker. Vor dem offenen Schlund der SAUDI GOLDEN STAR saßen auf umgekippten Kisten ein paar Männer und gaben die gelangweilte Antwort, hier handele es sich um preemptive authority, und das sollten sie verstehen, weil die Männer wie little children seien, you understand?

Sie hatten in den letzten Jahren viele Schiffsreisen gemacht, waren auf zypriotischen, griechischen und ägyptischen Schiffen von Ancona nach Patras, von Patras nach Haifa, von Venedig nach Alexandria gereist, aber niemals hatten sie so etwas gesehen. Der Zug der Männer, die in die SAUDI GOLDEN STAR strömten, wollte kein Ende nehmen. Es war kaum vorstellbar, daß das Schiff diese Menschenmenge fassen konnte. Als Leonie und Robert ihre Erste-Klasse-Tickets zeigten, zog ein breites Grinsen über das Gesicht des Offiziers, der den Einlaß regelte, und er zeigte das Ticket den umstehenden Männern der Besatzung, die in Gelächter ausbrachen. Einer von ihnen führte das exotische Paar, das Leonie und Robert hier bildeten, tief in den Bauch das Schiffes zu einer stinkenden lukenlosen Kabine. Sie verweigerten den Eintritt.

Der Mann drehte sich wortlos um, führte sie nach oben und öffnete eine brüllend heiße Viererkabine. Das Laken von einem der unteren Betten wies Zeichen vielfachen männlichen Gebrauchs auf. Mit der Hand fuhr Leonie unter den Kopfkeil. Als sie sie zurückzog, klebten zwei Maden an ihrer Hand. Schreiend lief sie zur Dusche, schlug aber die Tür sofort wieder zu. Ströme von Schweiß liefen über ihren Körper, während sie fassungslos zitternd auf der Bettkante saß. Ein malaischer Bursche, der vorbeikam, schien alarmiert genug, ein Gespräch mit Robert zu beginnen, der auf die ausgefallene aircondition zeigte. This incompetent lot fluchte der Malaie und verschwand, um bald darauf mit einem Hammer zurückzukommen, mit dem er das Lukenfenster aufschlagen wollte. Sie konnten es gerade noch verhindern.

Leonie sitzt vor den Kartons, in der sie, grob nach Jahreszahlen in Klarsichthüllen geordnet, ihre Fotos verwahrt. 1982, März/April. Da ist sie, die SAUDI GOLDEN STAR. Darunter liest Leonie noch: JEDDAH, das hatte sie vergessen, auch, daß der Vogelkäfig der Frau, die mitfuhr, viereckig war und nicht rund, außerdem viel kleiner, als sie gedacht hatte. Nein, sie wird die Geschichte nicht schreiben, wenn sie sich in so vielen Dingen irrt. Dann sieht sie das Foto mit dem Schiff neben der SAUDI GOLDEN STAR, sieht das große Hakenkreuz am Bug, das Robert zuerst ins Auge gefallen war. Schau mal, hatte er gesagt und die JALAMAYUR, so hieß das Schiff, mit dem schwarzen Hakenkreuz im weißen Kreis, fotografiert.

Kannst du dich an das Schiff neben der SAUDI GOLDEN STAR erinnern?, fragte sie Robert am Abend.

Du meinst das mit dem Hakenkreuz?

Er konnte sich also erinnern.

Nachdem Robert den Malaien mit dem Hammer fortgeschickt hatte, nicht ohne sich mit ein paar Dollar für den guten Willen erkenntlich zu zeigen, kam der Mann mit zwei anderen Männern zurück. Einer war der junge Sudanese, dessen Name Monate später mit Leonies Portemonnaie im Mittelmeer verschwinden sollte, der andere ein korpulenter schwitzender Mann um die dreißig. Der Funkoffizier, sagten sie, sei in Port Sudan abhanden gekommen. Sie sollten es sich in dessen Kabine bequem machen. Beim anschließenden Auf und Ab auf Treppen und Gängen beschäftigte Leonie dieses Abhandenkommen - wie hatten sie es ausgedrückt, he got lost, was konnte das heißen? - , und sie wurde erst wieder aus ihren Gedanken gerissen, als der ältere der Männer ihr Snuff anbot. Nein, danke, sagte sie höflich, ohne genau zu wissen, was sie da ablehnte. Aber Gras, meinte der Mann, Haschisch oder Marihuana, wie wäre es damit?, gute Ware könne er anbieten. Nein, danke. Der Mann lachte. Aber Whisky, meinte er, Whisky liebten doch die Europäer. Auch den lehnten sie ab, jetzt alarmiert.

Dann hatten sie die Kabine erreicht, und ehe sie sichs versahen, waren sie zu viert in dem engen Raum, in dem sich, wie Leonie sofort sah, noch die Zahnbürste des abhanden gekommenen Funkoffiziers befand. Das Abhandenkommen hatte auch ohne die weißblaue Mütze des Funkoffiziers stattgefunden, was Leonie merkwürdig und ein wenig beunruhigend fand. Der Mann an ihrer Seite schien sich dagegen keine Gedanken zu machen, sondern wirkte plötzlich entspannt, als hätten sie nichts mehr zu fürchten. Es war Abend geworden, einer jener kurzen Abende, die so unvermittelt und ohne Dämmerung in die Nacht kippten.

In der Kabine war es kühl, und das Geräusch der aircondition gab den basso continuo zu der Geschichte des älteren Mannes. Er war in Luxor geboren, vor mehr als dreißig Jahren. Seit zehn Jahren fuhr er zu Schiff um den Sinai und um die arabische Halbinsel. Seine Frau hatte er geheiratet, als sie elf Jahre alt war, er zwanzig. Zehn Kinder hatte sie ihm geschenkt. Jetzt langsam, sie war jetzt Mitte zwanzig, jetzt langsam sei sie, so drückte er sich aus, sei sie zu gebrauchen. Zu Beginn der Ehe habe sie ihre Freundinnen ihm vorgezogen. Sie habe mit Puppen spielen, habe nicht kochen wollen. Gott sei Dank, jetzt sei sie eine richtige Frau. Der Sudanese war schweigsam. Er hatte weder Frau noch Kinder, aber viele Geschwister.

Auch Leonie und Robert mußten natürlich erzählen. Zwei Kinder, warum nur zwei? Wollten sie nicht? Konnten sie nicht? Na ja, vielleicht würde es noch einen Nachzügler geben, meinte der Zehn-Kinder-Vater und schaute Leonie prüfend an, ob sie ihr Verfallsdatum schon überschritten hatte.
Sie saßen und saßen, und es wurde deutlich, daß die Männer, nachdem es mit Snuff und Whisky nichts geworden war, sich auch anderes vorstellen konnten, ein bißchen Spaß jedenfalls, das Schiff bot nicht viel Abwechslung. Leonie gab dem Gefährten Zeichen, aber der schien begriffsstutzig zu sein, und es wurde sehr spät, bis die Männer gingen und das Schiff ablegte. Während sie in der Kabine gesessen hatten, erfuhren Leonie und Robert, hatte die Gesundheitsbehörte das Schiff überprüft.

Auch sie überprüften am Morgen das Schiff, wollten herausfinden, wo es etwas zu trinken und zu essen gab. Es gab nichts. Die Passagiere hatten ihren Proviant mitgebracht, und die Crew wurde separat verköstigt. Im Schiff, das hoffnungslos überladen war, wurde jeder Platz als Schlafplatz gebraucht. So standen die Dinge.

Es hatte sich schnell herumgesprochen, daß auf dem Schiff zwei verrückte Europäer waren. Nun betrachtete man sie, die beiden Toren, die zwischen Menschen, Koffern und Plastiksäcken herumstolperten. Ein Mann machte Zeichen mit der Hand, sie sollten herbeikommen, hier, er wies auf eine Decke, hier sollten sie sich niedersetzen. Der Mann gab Wasser aus einer Plastikflasche in eine rostige Büchse, warf Teeblätter und Zucker ins Wasser und erhitzte den Tee auf einem kleinen Kocher. Cholera!, durchfuhr es Leonie, jedes Jahr gab es in Ägypten Cholerafälle. Dieser Tee konnte trotzdem nicht abgelehnt werden. Er schmeckte sogar ausgezeichnet. Das Lächeln des Mannes aus einem Mund voller brauner Zähne begleitete ihre Schlucke.

Außer Leonie gab es drei Frauen auf dem Schiff - die Matrone mit dem Käfig voller bunter Vögel, eine vierzehnjährige junge Jordanierin, die mit ihrem Mann auf Hochzeitsreise war und eine Prostituierte, die nie an Deck kam. Leonie hatte sie beim Einchecken gesehen, wie sie einen dicken Pelzmantel um sich geschlungen hatte, als fröre sie. Dies war ein Männerschiff. Die Männer waren, wie sie aus den Gesprächen erfuhren, die Robert in lückenhaftem Arabisch führte, Gläubige auf dem Weg nach Mekka. Von Akkaba aus würden sie bis Jeddah fahren und dann in Bussen über Land bis Mekka. Leonie und Robert wunderten sich, daß das Schiff den Umweg über Akkaba nahm. Noch mehr Passagiere konnte das Schiff nicht aufnehmen, und es sah nicht so aus, als wollten es in Akkaba viele verlassen. Wer nicht nach Mekka wollte, wollte in die Emirate, erfuhren sie, dort war Arbeit, dort war Geld.

Es wurde brüllend heiß. Leonie ging zurück in die Kabine. Zum Glück hatten sie in der Hitze keinen Hunger, und sie rechneten sich aus, daß sie die Zeit bis Akkaba schlimmstenfalls ohne Essen überstehen würden. Wo sind wir gelandet?, fragte Robert. Leonie, ausgestreckt auf dem Bett des abhandengekommenen Funkoffiziers, schloß die Augen und stellte sich vor, in einem Raumschiff zu sein, eingekapselt, weit weg von allem, weit weg von gestern und übermorgen.

Die Leonie des Jahres 2oo3 besah sich die Fotos des Jahres 1982. Ja, das war sie, die Frau mit der großen Sonnenbrille und dem tieforangen Rock. Die Bluse, die sie auf dem Foto mit dem Sudanesen trug, hatte sie immer noch. Die war in einem Laden auf der Dizengoff in Tel Aviv gekauft worden. Aber sie hatte, selbst wenn sie jetzt gelegentlich noch dieselbe Bluse trug wie damals, ganz andere Gedanken über das Land, in dem sie gekauft worden war. Was hatte sich verändert? Oder was hatte sich zu wenig verändert? Sie sprachen darüber immer wieder, Robert und sie, verglichen das hoffnungsvolle Damals mit dem haßerfüllten Heute. Ja, damals ... sagten sie dann und erlaubten sich den Ton von Resignation, den sie von den Freunden von damals kannten, die sie gelegentlich anriefen.

Weißt du noch, sagte einer der Freunde, wie wir freitags nach dem Einkauf im arabischen Family Market von Bethlehem überall herumgefahren sind? In und um Hebron und völlig ohne Angst? Und wie wir Knafi gegessen und Kaffee mit Hel getrunken haben? Und wie wir im Dolphin in Ost-Jerusalem gegessen und im Swimmingpool vom American Colony-Hotel gebadet haben? So redeten sie, während sie im Radio hören konnten, was der Zaun anrichten würde, der Israel von den Gebieten und die Palästinenser von ihren Nachbarn trennte.

Leonie nahm ein weiteres Foto zur Hand - drei Männer: der Sudanese, der ägyptische, Vater von zehn Kindern, und ein junger Mann mit Bart. Männer wie der Mann mit Bart hatten sich inzwischen fest ihrem optischen Gedächtnis eingeprägt, sie sah sie seit Jahren in den Fernsehnachrichten. Es gab Männer wie ihn im Irak, im Iran, in Afghanistan. Sie hatten die gleichen fanatischen Blicke und die unterschiedlichsten Kopfbedeckungen. Und immer Gewehre. Sie ließ das Foto sinken.

Er war ihr gefolgt, der junge Mann, er war ihr so sehr auf den Fersen gewesen, daß sie sich gefragt hatte, ob er auf dem Schiff nichts zu tun hatte. Außer dem Kapitän, dem Sudanesen, dem kinderreichen Ägypter und dem Malaien mit dem Hammer war er der einzige gewesen, mit dem sie Englisch sprechen konnte. Seine Frau studierte an der amerikanischen Universität in Kairo. Sie trug einen langen grauen Mantel und ein weißes Kopftuch, hier, er zeigte ein Foto. Er war froh, daß sie sich bedeckte, seine Frau, so kämen die Männer nicht auf Gedanken. Sie, er schaute an ihr herunter, sie solle sich auch ein wenig mehr bedecken, lange Röcke, sagte er, seien besser als solche, die nur bis über die Knie gingen. Es kam ihr merkwürdig vor, von diesem jungen Mann gemaßregelt zu werden, zumal sie, wie sie fand, eher zu warm angezogen war mit ihrer langärmligen Dizengoff-Bluse.

Am nächsten Tag zog sie ein langes schwarzes Kleid an, band sich ein Tuch um den Kopf und lächelte ironisch, als sie ihn sah, gut so? Er fragte nach ihrer Religion. Sie habe keine. Eine Frau ohne Religion, er schüttelte bekümmert den Kopf, sei ein verächtliches Ding, und er spuckte über die Reling. Sie stand mit dem Rücken an die Reling gelehnt, so daß ihr Kleid am Hals ein wenig abstand. Was das für eine Schrift sei, auf dem Etikett an ihrem Kleid, fragte er. Leugnen machte keinen Sinn, er kannte die Schrift, sie sah es an seinem Blick. Das sei Hebräisch, sagte sie. Was sie denn für einen Pass habe, wollte er wissen. Einen deutschen, sagte sie, sie komme ja aus Deutschland.

Es war ein zwei Tagen zuvor in der deutschen Botschaft von Kairo ausgestellter Paß. Mit einem israelischen Stempel im Paß konnte man nicht in arabische Länder reisen – ausgenommen nach Ägypten, und diese Geste unter anderem hatte inzwischen den ägyptischen Präsidenten Sadat das Leben gekostet. In der deutschen Botschaft hatten sie ihre Pässe als verloren gemeldet. In Botschaftsnähe hatte auf der Straße ein Fotograf mit altmodischem Stativ und Apparat am 15. März 1982 Fotos von ihnen gemacht, auf denen sie zu lächeln schienen, wohlgelaunte Paßfotos sozusagen. Die waren in ihre neuen Pässe gekommen.

Sie waren Schiffsgespräch geworden, so sah es aus. Es mußte Meldungen über sie geben, Gewisper. Vielleicht durchwühlte man ihr Gepäck. Oder vielleicht hatte Leonie zuviel Phantasie, nahm sich und Robert zu wichtig, wer waren sie schon? Robert war ruhiger. Mach dich nicht verrückt, sagte er.

Am Abend wurden sie zum Captainsīs Dinner gebeten.

Leonie nimmt ein anderes Foto zur Hand. Der Kapitän ohne Uniform, in gestreiftem Hemd und Jeans, auf der Treppe zu seiner Kommandobrücke. Sie weiß noch den Vornamen des Mannes: Adel. Dieser Mann hatte am Abend eine kleine Inszenierung für sie gemacht. Ein weißes fleckiges Tischtuch war ausgebreitet worden. In einer Glaskaraffe gab es Wasser, in einem Korb Fladenbrot. Außer dem Kapitän setzte sich der wißbegierige junge Fundamentalist (Leonie nannte ihn Robert gegenüber so) und noch ein weiterer an den Tisch. Auch das jordanische Ehepaar war gebeten worden.

Ein als Kellner oder Stewart verkleideter junger Mann reichte eine Platte mit Sardinen herum, die jedesmal rasch weggezogen wurde, wenn man sich eine zweite winzige Sardine nehmen wollte. Leonie durfte Robert nicht anschauen, sonst hätte sie lachen müssen über diese Slapsticknummer, aber sie fühlte seinen Fuß an ihrem Bein. Durchhalten, schien er ihr sagen zu wollen, durchhalten, nicht lachen, ruhig bleiben. Sie blieb ruhig, blieb es auch bei den nicht unverfänglichen Fragen des Kapitäns. Nach den Sardinen gab es Krautsalat, und sie konnte den Kapitän freundlich anschauen, der jetzt auf sie den Eindruck machte, als wolle er dem fundamentalistischen Wüterich zeigen, schau her, sie sind harmlos, sind nichts als zwei neugierige Touristen. Nach dem Essen gab es Kaffee mit Kardamom.

Auf dem Rückweg zur Kabine rochen sie es zum ersten Mal: Urin. Der Geruch kam vom unteren Deck, und sie gingen ihm nach. Sie wollten nicht glauben, was sie sahen. Durchweichter und aufgequollener grüner Teppichboden aus den besseren Zeiten, die das Schiff gesehen haben mochte, bildete Buckel und Blasen und gab den bestialischen Gestank von sich. Das Schiff, mit mindestens der doppelten Anzahl von Passagieren wie vorgesehen bestückt, hatte nicht genügend Duschen und Toiletten. Wasser und Urin, gemischt mit Seife und Shampoo, hatten den Teppichboden durchtränkt.

Die Passagiere lagerten auf den nach oben führenden Treppen beim Versuch, in geruchsfreieere Zonen zu kommen. Leonie erinnerte sich an die Unglücke, die immer wieder von solchen überlasteten Fähren gemeldet wurden.War nicht gerade wieder in Indien ein Schiff mit mehreren hundert Passagieren gesunken? Sie versuchte, nicht daran zu denken und machte sich auf die Suche nach der Frau im Pelzmantel, was nicht einfach war, weil sie in keiner Sprache fragen konnte. Die Frau, erfuhr sie dann doch, war eine Prostituierte, die sich in einer Kabine aufhielt und dort ihre Kunden empfing.

Als Leonie an die Kabinentür klopfte, klopfte auch ihr Herz. Sie hatte Robert nichts von ihrem Vorhaben gesagt. Die Frau schien nicht erstaunt, die Fremde zu sehen. Sie lächelte. Die Kabine hatte aircondition, und die Frau hatte sie ein wenig wohnlich gemacht. Plastikblumen in einer Vase, Drogerieartikel in Flaschen und Döschen. Auf dem Fernsehschirm schwangen zwei asiatische Männer ihre Schwerter dicht neben einer Anordnung von Kleenextüchern und Gästehandtüchern. Der Pelzmantel der Frau hing an einem Garderobenhaken, sie trug jetzt ein langes rotes Gewand, es roch stechend nach einem Fliederparfum. Ein Tablett mit einem Finjan und einem Tellerchen mit Baklawah stand am Fußende des Bettes. Die Frau zog einen Hocker heran und bot Leonie erst Platz und dann von ihrem honigtriefenden Gebäck an. Sie lächelte immer noch.

You are from Germany. Es war eine Feststellung, keine Frage. Es hatte sich also herumgesprochen.

Yes, and you?

From Egypt. Assuan.

Leonie war in Assuan gewesen und erinnerte sich an eine Art Volkshaus, in dem es eine Darbietung mit Volkstänzen gegeben hatte und Relikte von Wandmalereien, die an die glorreiche Zeit der Freundschaft mit der Sowjetrepublik erinnert hatten.

Oh, Assuan, sagte sie, beautiful.

Sie biß in die Baklawah. Der Honig rann über die Mundwinkel. Das Kleenextuch war sofort zur Stelle, dargereicht von einer braunen Hand mit roten Fingernägeln.

Leonie wollte weiterfragen, hatte aber plötzlich Hemmungen.

Es klopfte an der Tür. Die Frau rief etwas, das anders klang als das, was sie Leonie zugerufen hatte. Die Tür ging einen Spalt auf, und Leonie sah den Bart eines Mannes. Die Frau machte sch-sch und mit der Hand eindeutige Bewegungen, daß der Mann gehen sollte. Dann stand sie auf, zeigte eine Zeit auf ihrer Armbanduhr und hielt den Arm durch den Türspalt. Leonie glaubte den Fundamentalisten gesehen zu haben, war sich aber nicht sicher. Sie kramte in ihrer Tasche und schenkte der Frau einen kühlenden Kölnisch Wasser – Stift, sie hatte ein paar solcher Geschenke mitgebracht. Die Frau bedankte sich.

Come tomorrow, sagte die Frau.

Leonie fühlte sich entlassen und ging.

Robert war ziemlich aufgebracht, als sie zurückkam.

Ich habe dich gesucht. Der Kapitän hat uns in seine Kabine eingeladen..

In seine Kabine?

Ja. Es klang ein wenig besorgt.

Ich war bei der Pelzmantelfrau.

Und?

Sie hat mir Baklawah angeboten. Sie ist so eine Art sexueller Proviant für die Männer.

Sie sah, daß Robert sich unbehaglich fühlte und streckte sich auf dem Bett aus.

Noch eine Nacht und einen Tag, sagte sie.

Später wurden sie abgeholt. Der Gestank war ein Deck höher gekrochen und war fast unerträglich. Auch die Passagiere waren höher gekrochen. Die es nicht geschafft hatten, einen Platz im Freien auf den Planken oder weiter oben auf den Treppen zu bekommen, lagen auf dem uringetränkten gequollenen Teppichboden.

Ich habe nicht gewußt, daß es das gibt, flüsterte Leonie.

Robert drückte ihre Hand.

Der Kapitän trug eine weiße flatternde Jellabiah und empfing sie auf dem obersten Deck, das nur ihm und der Mannschaft zugänglich war. Wieder wurde Kaffee und Baklawah gereicht. Ein leichter Wind wehte über ihre Köpfe, der schreckliche Geruch war nur hin und wieder schwach zu bemerken, eine leichte olfaktorische Irritation für den, der nicht Bescheid wußte. Aber natürlich wußte der Kapitän Bescheid. Das Schiff, sagte er ungefragt, gehöre einem der saudischen Prinzen, für den es ein kleines zusätzliches Taschengeld erbringe. Auf ihren riesigen Motorrädern kämen die Prinzen nach Akkaba, wo sie die blonden Europäerinnen und den Alkohol konsumierten. Ja, so sei das, sagte der Kapitän. Er sagte es mit Verachtung für die, wie er sie nannte, Hyppocrits, und sagte es, wie Leonie fand, ziemlich ungeschützt, schließlich konnte er nicht wissen, was sie mit diesem Wissen anfangen würden. Entweder traute er ihnen nichts Böses zu oder es war ihm egal.

Dann kam sie wieder ins Nachdenken. Der Kapitän sagte, hier draußen wäre es zu kühl, was sie überhaupt nicht fand, und er führte Robert und sie in den seiner Kabine angeschlossenen Minisalon, wo ein Mann am Fernseher hantierte. Eine Serie des arabischen Programms von Kol Israel lief, die Leonie kannte. In einer Hotelküche begaben sich die merkwürdigsten Abenteuer, z.B. trieb dort eine Schlange ihr Unwesen, die weder der dicke noch der dünne Koch zu fassen kriegten. Die Serie war bei Arabern und Israelis sehr beliebt und lief mit hebräischen Untertiteln. Auch Robert kannte sie. Vermutlich wollte der Kapitän wissen, ob Robert und sie die hebräischen Untertitel lesen konnten, ob sie etwa lachten. Warum sonst hantierte der Techniker bei laufendem Programm? Warum überhaupt machte er sich am Fernseher zu schaffen? Der war doch in Ordnung.

Gottseidank, Robert lachte nicht. Sie lachte auch nicht. Der Kapitän lachte kurz auf, als der dünne Koch den Kochlöffel schwang und dazu etwas sagte, das wie ein Vers klang. Leonie lobte den Kaffee, Robert die Baklawah. Der Kapitän schimpfte über die Saudis, für die er doch arbeitete. Robert war vorsichtig, gab keine politischen statements ab, gab auf Befragen aber zu verstehen, daß er für eine deutsche Rundfunkanstalt arbeite, das konnte er schließlich sagen, und daß ihn der ganze Nahe Osten interessierte.

Er wollte uns aushorchen, sagte Leonie später.

Robert lächelte. Wir sind die bunten Vögel hier.

Er wollte uns politisch aushorchen, sagte sie, ein wenig ärgerlich, weil er so harmlos tat.

Riechst du es?, sagte Robert.

Was?

Urin. Den Schiffsgestank.

Die aircondition arbeitete zwar, aber jetzt schien sie nicht frische Luft, sondern den fatalen Geruch hereinzuwehen, von dem sie bis jetzt wenigstens in der Kajüte verschont gewesen waren.

O Gott, sagte Leonie, noch eine ganze Nacht.

Kopf hoch, er legte die Hand auf ihre Schulter, morgen sind wir frei.

Sie würden nicht frei sein am nächsten Tag, aber das wußte sie noch nicht an diesem Märzabend des Jahres 1982, an den sie sich am am Abend des 3. Juli 2003 zurückzuerinnern versucht. Da war eine leise Panik gewesen. Sie war schweißgebadet eingeschlafen in dem engen Bett des Funkoffiziers, das sie sich teilen mußten. Sie war bald wieder wach geworden, der Gestank wurde unerträglich, war vermutlich in ihren Traum gekrochen. Sie hatte die aircondition abgestellt, ein Handtuch nassgemacht, es mit Kölnisch Wasser besprüht und es sich über das Gesicht gelegt. Gute Idee, hatte Robert gemeint, und sie hatte nach einem weiteren Handtuch für ihn gesucht in ihrem Koffer, und dabei festgestellt, daß der durchsucht worden war. Hatte sie Robert ihre Entdeckung mitgeteilt oder nicht?, sie weiß es nicht mehr.

Von CNN bis ARD und ZDF im Hier und Jetzt des dritten Jahres des 21. Jahrhunderts fast jeden Abend Bilder von israelischen Panzern und palästinensischen Trümmern, von palästinensischen Attentaten und qualmenden israelischen Bussen. Kaum ein Gefühl schien so haltbar wie Haß. Das Funkeln in den Augen des fundamentalistischen jungen Mannes, nachdem er das Etikett in ihrem Kleid entdeckt hatte, war heute in den Augen der jungen Männer von Jenin und Ramallah. Sie hatte es gerade in den Nachrichten gesehen. We will never give up, hatte ein junger Mann gesagt, und er und seine Kumpel hatten die Hand mit dem Victory-Zeichen ausgestreckt.

Das hatte sie an den zweiten Tag ihrer Schiffsreise erinnert, vorbei an den Sinai-Oasen Dhahab und Nueba. Der junge Bärtige hatte mit ausgestreckten Arm auf die Küste gezeigt. They stole it. Es war klar, wer gemeint war. Nein, hatte sie gesagt, sie hatten es besetzt und haben es zurückgegeben. Sie hatten sogar Jammit geopfert, das die Siedler in den Sinai gebaut und die israelischen Panzer nach den Verhandlungen mit den Ägyptern plattgemacht hatten, aber sie wollte nicht mit dem Mann streiten. Sie hatte diesen Blick nicht aushalten können, dieses Funkeln in den Augen, das ihr gerade wieder auf dem Bildschirm begegnet war.

Ja, dachte sie und wog ihr silbernes Döschen in der Hand. Einundzwanzig Jahre sind vergangen, ich bin von einem Land in ein anderes gezogen, habe viele Male das Mittelmeer überquert, habe Wohnungen gewechselt und Enkel bekommen, aber der Haß in den Augen der jungen Männer aus Jenin und Ashdod, aus Gaza und Afula, aus Bethlehem und Rishon ist geblieben. Selbst in ein und derselben Stadt konnte man ihn erfahren. Man brauchte Jerusalem nicht zu verlassen, um wahrzunehmen, wie er das Gesicht der Stadt, die sie so liebte, zur Fratze machte.


Leonie stellte den Fernseher ab und schloß die Augen, um auf ihrer inneren Leinwand die längst verblaßten Bilder heraufzubeschwören. Sie hatte Robert erzählt, daß sie an der Geschichte ihrer Sinai-Umrundung schreibe. Ach, hatte er gesagt, leicht amüsiert, also doch. Dann hatte er ein paar Einzelheiten aus seiner Erinnerung hinzugefügt, die ihr entfallen waren. Zum Beispiel hatte sie nicht mehr gewußt, daß das Schiff zuvor eine norwegische Fähre gewesen war und daß sie immer wieder auf Schilder in norwegischer Sprache gestoßen waren, die sich im Roten Meer so merkwürdig ausgenommen hatten. Du hattest dir doch sogar ein paar Sätze notiert, hatte Robert gesagt. Sie erinnerte sich jetzt, daß sie lange Jahre einen Zettel mit einem besonders bizarr wirkenden Satz aufgehoben hatte.

Aber einundzwanzig Jahre waren eine sehr lange Zeit, und der Zettel war längst verschwunden.

Was sie nicht vergessen hatte, war der Blick gewesen, den sie am frühen Morgen, es mußte der erste gewesen sein, angelockt von einem merkwürdigen Geräusch, auf das Deck geworfen hatte, auf hunderte von knieenden Männern, nach Mekka ausgerichtet, die ihre Gebete murmelten. Der Himmel war schwarzrosa gewesen über dem weißen Schaum der Wellen, noch Nacht, schon Morgen, und sie hatte die Hände auf die Brust gelegt, um dem Augenblick auch ihre arme kleine Geste zu zollen.

Am Morgen nach der zweiten Nacht waren sie guter Dinge und packten ihre Sachen, als die Stimme des Kapitäns ihre Namen per Lautsprecher ausrief. Leonie war erschrocken, fürchtete eine Katastrophe, die ihnen bis hierhin gefolgt wäre. Der Anruf konnte nichts Gutes bedeuten. Neben dem Kapitän stand, als sie ankamen, das jordanische Ehepaar auf Hochzeitsreise. Die junge Frau, deren Ohrringe Leonie, um wortlose Konversation zu machen, beim Captainīs Dinner bewundert hatte, trug die Ohrringe in der Hand. Der Kapitän dolmetschte, daß die junge Frau Leonie die Ohrringe schenke. Sie mögen Ihnen Glück bringen, übersetzte er den arabischen Satz, den die junge Frau mit einem Lächeln zu Leonie sagte.

Leonie hatte leere Hände, hatte nichts, was sie der jungen Frau hätte schenken können, keinen Schmuck, kein Halstuch, nichts. Just give her a kiss, sagte der Kapitän, der Leonies Verlegenheit bemerkte, und Leonie umarmte und küsste die junge Frau. Sie legte die Ohrringe an, kleine weiße Rosen aus weiß lackiertem Emaille, die sie all die Jahre behalten hatte, damit das Glück ihr treu bliebe, was nicht immer der Fall gewesen war.

Der Kapitän hatte, nachdem das junge Paar gegangen war, Robert und Leonie noch etwas zu sagen. Leider könne man heute nicht in Akkaba landen, wohl in der Nähe von Akkaba, aber nicht im Hafen von Akkaba. Aber mit einem kleinen Boot käme der Schiffseigner am späten Abend. Mit ihm könnten sie zurückfahren. Dann wären sie in dieser Nacht, wie vorgesehen, im Hotel.

Leonie, die immer noch mit geschlossenen Augen dasitzt, weiß nicht mehr, was sie gedacht und empfunden hatte in diesem Augenblick, was sie veranlaßt hatte, ohne eine Sekunde der Überlegung und ohne sich mit Robert zu besprechen, den Vorschlag dankend abzulehnen. Der nächste Morgen, wenn das Schiff in Akkaba anlegen könne, sei früh genug. Nein, ihre Erinnerung sagt ihr nicht, was der Kapitän geantwortet, was er für ein Gesicht gemacht, wie Robert auf ihre Erörterung reagiert hatte. Später, erst später, hatte sie darüber nachgedacht, warum der Kapitän nicht auch dem jungen jordanischen Paar angeboten hatte, mit ihnen zusammen mit dem Boot des Schiffseigners nach Akkaba zu fahren.


Das Schiff hielt im Dunkeln etwa 20 km vor Akkaba. Kisten wurden ausgeladen, große viereckige Holzkisten. Waffen, sagte Robert. Sie wurden gleich weiterverladen auf riesige Lastwagen, die sofort davonfuhren. Für den Iran-Irak-Krieg, sagte Robert, Deshalb wollte der Kapitän, daß wir schon von Bord wären. Wir sollten das nicht sehen. Was willst du, hatte sie gesagt, es sind doch nur Kisten.

In der letzten Nacht, als der Gestank das ganze Schiff erobert hatte, hatte sie Atembeschwerden bekommen, gefolgt von einer klaustrophobischen Angst. Sie wollte die Kabinentür aufreißen, um ein paar Schritte zu machen, um die betenden Männer im Morgengrauen zu sehen, aber die Tür ging nicht auf. Körper lagen davor, die Leiber der Menschen, die bis hierher gekrochen waren, in die verbotenen Gänge, um der Nässe, den gequollenen Teppichen, dem Gestank zu entgehen. In einem Anfall von Hysterie hatte sie sich schluchzend und zitternd auf das Kabinenbett geworfen, das Robert ihr überließ, er selbst schlief auf einem Sessel. Wach- und Traumgedanken wirbelten wild durcheinander. Man würde sie holen kommen, Robert und sie, die israelischen Spione, und würde sie ins Meer werfen, wo Haie sie fressen konnten. Das hatten sie jetzt von ihrer Abenteuerlust, von ihrer Neugier.

Am nächsten Morgen klopfte es an die Tür. Der Sudanese brachte Kaffee und einen Sesamkringel. Jetzt war sie sicher, daß er der abhandengekommene Funkoffizier war, daß er sich die nette kleine Geschichte ausgedacht hatte, damit sie und Robert hatten schlafen und atmen und die Tage und Nächte hatten überstehen können. Sie konnte ihn jetzt befreit anlächeln, und er konnte sie bitten, ein paar Fotos zu machen. Er wollte mit ihr und mit seinen Kollegen fotografiert werden, für zuhause, für seine Familie. Nach dem Kaffee gingen sie an Deck und Robert machte die Fotos, die sie jetzt in der Hand hielt. Der Himmel war blau, und in einiger Entfernung sah man Akkaba. Und selbst jetzt, 21 Jahre später, gab es ihr einen Stich, daß sie ihm die Fotos nicht hatte schicken können, denn er hatte ihr außerordentlich gefallen, der junge diskrete und liebenswürdige Mann, der ihr Sohn hätte sein können. Wo mochte er sein? Wie lebte er? In welche Kriege war er verwickelt worden?