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„No Politics”? — Eine Kritik

von Deborah Vietor–Engländer


Alle Seitenangaben beziehen sich auf : Helmut Peitsch, „No Politics”? Die Geschichte des deutschen PEN–Zentrums in London 1933–2002. Schriften des Erich Remarque Archivs Band 20, Göttingen: V & R Unipress, 2006 28. März 2007

1992 begründeten der damalige Präsident des Exil–PEN Fritz Beer s.A. (gestorben am 2. September 2006 in London) und Sekretär Uwe Westphal die Unfähigkeit von Helmut Peitsch, eine objektive Geschichte des deutschen PEN–Zentrums in London zu erarbeiten, mit seinen 1985 in Kürbiskern erschienenen Aufsatz „Die Freiheit fordert klare Entscheidungen. Die Spaltung des PEN–Zentrums Deutschland.” 1 Hatten sie mit dieser Behauptung, aus der Peitsch zitiert, Recht?

Um gleich den Stier bei den Hörnern zu packen: dieses Buch hat zwei gravierende Probleme. Zum einen — und es wäre leicht zu beseitigen gewesen — hat es kein Register, was bei einem 446 Seiten starken Band in einer Reihe von Archivschriften beinahe unverzeihlich ist. Beinahe, denn immerhin enthält es ein Mitgliederverzeichnis des Exil–PEN. (365–403) Diese Liste basiert auf den archivierten Mitgliederlisten und den publizierten Verzeichnissen 1934 bis 2005. (365) Und hiermit kommen wir zum Widerspruch und zum zweiten Problem, nämlich, daß die gravierende Falschaussage auf dem Rücken des Buches behauptet, daß eine Auflösung des Exil–PEN 2002 stattgefunden hat. Eine Auflösung hat nie stattgefunden, der Exil–PEN existiert nach wie vor und hat 9 Ehrenmitglieder und 75 Mitglieder (Stand 3. Februar 2007). Und der Autor beruft sich im Mitgliederverzeichnis auf das Verzeichnis von 2005, demnach wußte er, daß es so war. Der Beitritt von Günter Kunert zum Exil–PEN und seine Wahl zum Präsidenten wird erwähnt (346, 354, 362) aber er fehlt im Mitgliederverzeichnis. Warum?

Der vierte Teil: Selbstauflösung eines Symbols 1991–2002 (341–358) mit dem Abschnitt „Die Auflösung und ihre Folgen” (358–363) ist nicht stichhaltig, denn da keine Auflösung stattgefunden hat, kann sie keine Folgen gehabt haben. Und von einem vorläufigen Ende kann man erst recht nicht sprechen. (341) Beer hat das PEN–Zentrum (359) sozusagen selbst aufgelöst, ohne jemanden zu fragen. Es wurde dann im November 2003 wieder für aktiv erklärt. (361) Die letzte Zeile des Buches „Von den 36 Mitgliedern, die sich auf der im Dezember 2005 eingerichteten Website des Zentrums vorstellten, lebten nur zwei in Großbritannien, in Cambridge und Southampton — keins in London. Die Geschichte des deutschen PEN in London war zu Ende” deutet darauf hin, daß es mit dem Exil–PEN ein Ende hat. Dies ist irreführend. In der Tat wohnen zur Zeit keine Mitglieder in London, aber in Wirklichkeit blüht und gedeiht der PEN Club im Exil. Deshalb ist der vierte Teil der problematischste und deswegen mußte hier vom Ende her aufgerollt werden.

Eine Geschichte des Exil–PEN ist seit Jahren ein Desiderat. Es gab 1980 den ausgezeichneten Katalog der Ausstellung in der Deutschen Bibliothek Frankfurt Der deutsche PEN–Club im Exil 1933–1948 2 und 1995 den Aufsatz von William Abbey „Die Illusion genannt deutscher PEN–Club.” 3 Die eigentliche Schriftstellerorganisation PEN wurde 1921 in Großbritannien gegründet, einzelne Zentren in vielen Ländern folgten. Am 15. Februar 1933 floh der bisherige Vorsitzende des deutschen Zentrums Alfred Kerr aus Deutschland und ging über Prag und der Schweiz nach Paris. Der Vorstand (u.a. Herwarth Walden) trat zurück und das Zentrum wurde durch Mitglieder des Rosenbergschen Kampfbundes für deutsche Kultur erweitert und durch Ausschlüsse „gereinigt”. (11) Unter anderen wurden Hanns Johst und der Redakteur des Völkischen Beobachter Hans Hinkel zu Vorsitzenden gewählt. Später wurde der Berliner PEN in die „Union nationaler Schriftsteller” transformiert. Einige im Exil lebende deutschsprachige Schriftsteller wollten Ende 1933 eine autonome PEN–Gruppe gründen. Die vier Gründer, Dichter, Romancier, Dramatiker und Essayist, Max Hermann–Neiße, Lion Feuchtwanger, Ernst Toller und Rudolf Olden deckten die Vielfalt literarischer Gattungen ab. (15)

Peitsch hat im ersten Teil: „Eine Stimme der freien deutschen Literatur 1933–1939” (13–72) diese Gründung ausführlich und präzise dokumentiert. Gelegentlich neigt er dazu, aus der Sekundärliteratur anstatt aus den Quellen ohne Überprüfung zu übernehmen. Hier seien nur aus dem ersten Teil zwei kleine Beispiele angeführt. Er zitiert Johann(es) (sic), von Leers, der nach der Gleichschaltung des deutschen PEN hereingewählt wurde und in seinem 1933 erschienenen Juden sehen Dich an unter die Bilder von Einstein, Ludwig, Lessing das Wort „ungehängt” gesetzt hatte. (29) Im Original ist festzustellen, daß von Leers 4 gerade dieses „ungehängt” bei zahlreichen anderen in seinen sechs Kapiteln Blut– Lügen– Betrugs– Zersetzungs–, Kunst– und Geldjuden auch gesetzt hatte, darunter bei einem der PEN–Gründer Lion Feuchtwanger 5 und daß die Genauigkeit des Buches daran zu messen ist, daß der erzkatholische Konrad Adenauer als Jude zählte! 6

Etwas später berichtet Peitsch, Klaus Völker zitierend, vom Scheitern einer Feier für Alfred Kerr, der am 24.11.1937 bereits 70 geworden war. Sein Geburtstag war erst am 25.12. 1937 und eine Feier ist keineswegs gescheitert, Hermon Ould schlug sie ihm am 10. Dezember vor, 7 aber Kerr zog es vor, den Tag in Frankreich zu verbringen: „Ich verlebte den Unglückstag in Frankreich, wo es schöner (auch billiger) ist — und um die vom Londoner P.E.N. Club angedrohte schreckliche Ehrung zu verhindern.” 8 Kerr war Mitglied des englischen Clubs und die Feier fand im Januar 1938 nach seiner Rückkehr statt. 9 Sonst hat der Autor wirklich seine Hausaufgaben gemacht und gründlich gemacht, was die Auswertung der Archive zu den Exil–Schriftstellern und auch der Sekundärliteratur zum Exil betrifft.

Im 2. Teil „Das Gesellige betonen”: Ein Netzwerk für die Umerziehung der Deutschen. 1941–1948 (73–179) geht es um die neue Situation, die der Krieg schuf. Von den in Großbritannien lebenden Mitgliedern der deutschen Gruppe wurden Kurt Karl Doberer, Friedrich Burschell, Richard Friedenthal, Kurt Hiller, Dosio Köffler, Friedrich Walter Nielsen und Rudolf Olden interniert, ebenfalls weitere exilierte Schriftsteller wie Sebastian Haffner und Hans José Rehfisch, die erst später PEN–Mitglieder wurden. Die deutsche Gruppe konnte nicht direkt zur Freilassung verhelfen, aber die Vermittlung des englischen PEN, der das britische Innenministerium beraten sollte, was die exilierten Schriftsteller anging, half in sehr vielen Fällen. (76) Manche nahmen die Möglichkeit wahr, durch die Meldung zum Pioneer Corps aus der Internierung zu entkommen. (79) Außerordentlich tragisch war das Schicksal von Rudolf Olden. Nach der Internierung und vor seiner geplanten Abreise in die USA bat er Burschell, das Sekretariat der deutschen Gruppe in Europa zu übernehmen. Er selbst wollte das Sekretariat in Amerika weiterführen. 10 Als sein Schiff „City of Benares” torpediert wurde, ertranken er und seine Frau Ika. (17. September) Der Ausmaß des Schocks, den die Schriftsteller und Freunde Oldens erlitten, wird im Katalog der Deutschen Bibliothek deutlicher als bei Peitsch.

Wie sollte es weitergehen? Burschell schrieb an Friedenthal: „Unser Sekretär war bis zu seinem Tod der unvergeßliche Rudolf Olden. […] Unser P.E.N. im Exil ist keine direkte Fortführung des früheren deutschen Clubs. […] Unser Club ist zur Zeit mehr eine Illusion als eine Realität.”(93) 11 Auch Friedenthal war der Meinung, daß die neue PEN–Gruppe ab 1941 eine gänzlich neue Gruppe und keineswegs die Fortsetzung einer alten sein würde. 12 Man stellte sich den Neubeginn unter dem Vorsitz von Alfred Kerr vor. Im September 1941 fand ein internationaler P.E.N. Club Kongreß in London statt, bei dem Kerr zusammen mit Erika Mann und W.W. Schütz seine Vorstellungen von „Germany Today and Tomorrow” entwickelte. Peitsch schreibt, daß der Tenor seiner Rede mit der Erika Manns übereinstimmte, was nicht unbedingt stichhaltig ist. Kerr war sehr wohl der Meinung, daß man von außerhalb eine Regierung für Deutschland würde bestimmen müssen. 13 Erika Manns Vorschlag war wesentlich extremer, sie vertrat die Ansicht, daß nach dem Krieg Lehrer von außerhalb Deutschlands und keine deutschen Lehrer in deutschen Schulen unterrichten sollten, weil sie an die Fähigkeit der Deutschen, eine moralische Umerziehung vorzunehmen, nicht glaube. Gerade dieser Standpunkt löste vielfach Verstörung aus, die Peitsch dokumentiert, aber Kerrs Meinung ist damit nicht gleichzusetzen. Sie wurden vielfach zusammen erwähnt, aber im Einzelnen gab es große Unterschiede. Kerr wollte „das Gesellige betonen” (102–3) weil er sich vorstellen konnte, daß ein freundschaftlicher Umgang ohne jede Vereinsmeierei am zuträglichsten sein würde. Sein Führungsstil war allerdings nicht unbedingt geeignet, Konflikte zu vermeiden und Peitsch analysiert seine Kontroversen ausführlich und mit sorgfältiger Auswertung des Archivbestandes und des Katalogs der Deutschen Bibliothek. (112–125)

Nach Kerrs Tod im Oktober 1948 fand in Göttingen im November eine konstituierende Versammlung zur Neugründung eines deutschen PEN–Clubs statt. Damit fiel dem Exil–PEN eine andere Aufgabe zu, nämlich die Werke der Emigration zu sammeln. (Teil 3 Eine Brücke: ”Our history is our message” 1949–1989/90 (181–340) Sie wurden aber nicht nur gesammelt, sie wurden auch ausgewertet, aus verschiedenen ideologischen Positionen. (181) So hat Wieland Herzfelde in seiner Antrittsvorlesung in der Universität Leipzig im Herbstsemester 1949 eine Exil–Negativliste erstellt, zu der beispielsweise Kerrs Diktatur des Hausknechts gehörte, der es im Gegensatz zu beispielsweise Paul Merkers Deutschland – Sein oder Nichtsein es nicht verdiene, aufgeschlagen zu werden!! (186) Im Londoner Club fand man anschließend zu Kalten Kriegszeiten den „Ausweg aus der Kontroverse zwischen historisch entlegitimiertem Antifaschismus des Exils und Antikommunismus im Dienst des Kalten Kriegs im Rückzug auf die kulturelle ‘Größe’ deutscher Literatur.” (202) Man sprach von einem zerstörten Zusammenhang und von einem eigenartigen Alteraufbau in der Literatur, dem die „Mittelstufen” fehlten. (203) Peitsch zeichnet die Konflikte, die diese Jahre prägten, mit feinem Gespür nach, insbesondere die Ost–West–Konflikte, die durch die beiden deutschen Republiken heraufbeschworen wurden und auf den Club ausstrahlten und die relative große Zahl der Remigranten aus dem Londoner Club.(239) Es würde hier den Rahmen sprengen, detailliert auf Peitschs Sorgfalt in der Analyse des erhöhten Interesses für die Exilliteratur in der Bundesrepublik (264) und seiner Feststellung, die pauschale These der Nicht–Rezeption sei eine Verzerrung, einzugehen. (265) Gabriele Tergit ist zu zitieren, die 1961 an Kurt Kersten schreib „Lieber Freund, SCHREIBEN SIE IHRE ERINNERUNGEN! Es ist eine Hausse in Emigranten.” (281) In den fünfziger Jahren waren es eher die Remigranten gewesen, die Erinnerungen veröffentlichten. Tergit hatte Recht. In den sechziger Jahren veröffentlichten Max Brod, Carl Brinitzer, Elisabeth Castonier, Rudolf Frank, Heinrich Fraenkel und Kurt Hiller, um nur einige zu nennen, Memoiren, so daß durchaus von einer Welle autobiographischer Erinnerung von Londoner PEN–Mitgliedern zu sprechen ist. (282)

Zum Schluß noch zwei kleine Randbemerkungen: Peitsch vermerkt, daß Henryk M. Broder 1991 im Spiegel schrieb: „Wenn ein Westler wie Günter Grass, der sich in seiner Rolle als moralisches Ersatzgewissen der Nation immer gefallen hat, Biermann einen ‘Großinquisitor’ nennt, dann möchte ich gern wissen, was in diesem Mann vorgeht.” (345) Vielleicht wissen wir es jetzt. Zweitens bittet das PEN–Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland Herrn Peitsch, schleunigst eine weitere Auflage in Angriff zu nehmen und die die Verdienste dieses Werkes schmälernden Stellen (siehe Anfang) zu streichen.

© 27. März 2007 by Deborah Vietor–Engländer



Fußnoten

1 Heft 3, S. 126–149, hier S.355.

2 Der deutsche PEN–Club im Exil. Eine Ausstellung der Deutschen Bibliothek Frankfurt am Main, Katalog hrsg. von Werner Bertold und Britta Eckert, Frankfurt am Main: Buchhändler–Vereinigung GmbH, 1980.

3 William Abbey, ‘Die Illusion genannt Deutscher PEN–Club’: The PEN German Group and the English Centre 1933–45, in William Abbey et al (Hrsg.) Between Two Languages, Stuttgart: Verlag Hans–Dieter Heinz, 1995, S. 135–153.

4 1902 geboren, außerordentlicher Professor für Rassengeschichte an der Universität Jena

5 Johann von Leers, Juden sehen Dich an. Berlin–Schöneberg: NS–Druck und Verlag, 1933, S. 28.

6 Siehe Anm. 5, S. 10.

7 Hermon Ould an Alfred Kerr 10. Dezember 1937

8 Alfred Kerr an Rudolf Kommer 24. Januar 1938

9 Abbey, op.cit. Anm. 3, S. 142.

10 Brief an Burschell vom 6. September 1940, op. cit Anm. 2, S. 350.

11 Op.cit. Anm. 2, S. 358.

12 Abbey, op.cit. Anm. 3, S. 150.

13 Hermon Ould (Hrsg.), Writers in Freedom. A Symposium. Based on the XVII International Congress of the P.E.N. Club held in London in September 1941, London/New York/Melbourne: Hutchinson 1941 S. 79–80: “Some trifling restrictions of unbounded liberty will be necessary in Germany after the war. Also in the world of writing. It is not our fault. […] Other, ethical powers will have to do their job — for a while […] Speaking plainly, the writers to come will have to deal with that simple fact; a nation has committed the darkest crimes of all ages, for it did them not by instinct, but deliberately. They drove a whole world to the brink of ruin. The writer to come have to consider what has happened in order to consider what might happen.”

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