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Aufwarten mit einer Sensation der Heine-Exegese kann wohl keiner. Über Heinrich Heine als politischen Dichter schrieb der
grimmige Alleswisser Walter Grab in Tel Aviv das Wesentliche. Der ordentliche Professor Klaus Briegleb in Hamburg lieferte
eine glänzend kommentierte Gesamtausgabe.
Marcel Reich-Ranicki hat mit erfahrungsgeschärftem Blick die jüdische Wunde Heine
ambulant behandelt. Eine geistesgegenwärtige Biographie über den Dichter lieferten Jan-Christoph Hauschild und die Heine-
Kapazität Michael Werner in Paris, wo des Dichters bedeutendster Nachlaß lagert. Zum Thema Heine wurde gründlich geforscht
und reich geerntet. Il faut cultiver notre jardin. Das Heine-Feld ist etwa so gut beackert wie der Candide des Voltaire
seinen Garten bestellt haben möchte.
Heine war zu keiner Zeit Genosse einer Partei, aber ein parteiergreifender Zeitgenosse ist er geblieben: noch immer wird er
geliebt und gehaßt - und beides in der Regel von den richtigen Leuten. Egal: geistreich oder geistarm - an Heine scheiden
sich bis heute die Geister.
Vergnüglicher als jeder Streit über Heine ist und bleibt: ihn mit immer wieder neuem Blick zu lesen. Kompakt wie eine handliche
Bibel habe ich die dicke Dünndruck-Ausgabe des Insel-Verlages in Gebrauch: Heinrich Heine – Sämtliche Gedichte. Es lohnt sich,
ein paar Verse als Wegzehrung im Kopf zu haben, oder wenigstens Zitate wie Steine in der Tasche, mit denen man werfen und
treffen kann. Bessere Deutschlehrer sollten ihre Schüler damit traktieren. Mein Vorschlag für den Anfang ist eine poetische
Wundermedizin für die chronisch jammerseligen Deutschen:
Lamentationen
Das Glück ist eine leichte Dirne
Und weilt nicht gern am selben Ort;
Sie streicht das Haar dir von der Stirne,
Und küßt dich rasch und flattert fort.
Frau Unglück hat im Gegenteile
Dich liebefest ans Herz gedrückt;
Sie sagt, sie habe keine Eile,
Setzt sich zu dir ans Bett und strickt.
Das prosaische Leben attackiert uns ja alle permanent mit privaten und politischen Konflikten: der verlorene Friede im Irak, der
ewige Bruderkrieg in Palästina, Chinas blühender KZ-Kapitalismus, Russlands tolerierter Völkermord in Tschetschenien, die
galoppierende Schwindsucht der EU-Erweiterung, die Not-Heirat zwischen Merkel und Müntefering, das kesse Comeback der gestürzten
DDR-Kader, die hysterischen Ölpreise, die Reichskristallnacht-Orgien der falschen Muslime im totalitär organisierten Volkszorn
gegen die richtigen Mohammed-Karikaturen.
Wenn das heillose Hin und Her der Maulschlachten mich gelegentlich irre macht, dann lese ich gern in Heines „Hebräischen Melodien“
den versifizierten Bericht über einen mittelalterlichen Religionsdisput. Da berichtet der Dichter in Form einer Romanze vom
giftgeifernden Glaubensstreit eines spanischen Rabbiners mit einem katholischen Kirchenmann. Und der Poet liefert uns als Pointe
das Beispiel für eine zynische Äquidistanz zu diesen und jenen streitenden Parteien. Heine läßt nämlich die hübsche junge Königin
in der Zuschauerloge am Ende zu ihrem gelangweilten Gemahl sagen:
Welcher recht hat, weiß ich nicht -
Doch es will mich schier bedünken,
Daß der Rabbi und der Mönch,
Daß sie alle beide stinken.
Wie gläubig der junge Jura-Doktor Heine 1825 bei der Taufe im Kaff Heiligenstadt wirklich war, ist marginal. Und daß der evangelische
Atheist, als er in Paris auf seiner Matratze dem Tod engegendriftete, sich – sicher ist sicher! – wieder mit dem grimmigen Gott seiner
Väter anfreundete, soll sein.
Januar 1850, also mehr am Anfang seiner Bettlägrigkeit, beschied Heine einen besorgten Besucher aus Deutschland mit der Auskunft:
„Ich mache kein Hehl aus meinem Judenthume, zu dem ich
nicht zurückgekehrt bin, da ich es niemals verlassen hatte.“
Immerhin: die deutschnationale Gretchenfrage, ob die Sprache des Rheinländers nach Knoblauch stank, ob Heine überhaupt im jüdischen
Mund eine deutsche Zunge hatte, habe ich in meinem Gedicht „Rheinfahrt“ ein für alle mal geklärt. Den Haß der Hitlerhorden hatte Heine
sich jedenfalls redlich verdient: als kleiner Jude und als großer Dichter. Daß 1933 in Berlin seine Bücher vom johlenden Pack verbrannt
wurden, war kein Mißverständnis.
Etliche der assimilierten und akkulturierten Juden, wenn ihnen der Exodus aus Nazideutschland gelang, hatten bei der Landung - etwa am
wilden Strand bei dem Kibbuz Sheffayim oder in den Häfen Haifa und Jaffa – in der Tasche vielleicht ihre Papiere, ein paar gerettete
Familienfotos, und schön zerlesen ... Heines romantische Hausapotheke „Buch der Lieder“, ja, vielleicht sogar im Koffer eine Gesamtausgabe,
wie man sie heute für ein paar Schekel in Israel kaufen kann; denn die deutsche Sprache dort ist ja fast ausgestorben, zusammen mit den
Flüchtlingen aus Deutschland, den sogenannten Jekkes.
In der Bundesrepublik gab es ein elend langes Gewürge um die Frage, ob die Universität im Dorf an der Düssel nach ihrem weltberühmten
Sohn Heine benannt werden darf. Aber auch im Staat der Juden hatte Heine es schwer. Erst nach jahrzehntelangem Ringen haben des Dichters
treueste Fans gegen die Mafia der orthodoxen Eiferer durchgesetzt, daß wenigstens eine kleine Straße in Jerusalem den Namen des getauften
Juden Heine tragen darf.
Abgehakt als Fußnote ist auch die Invektive eines jüdischen Selbsthassers aus Wien – und muß mit einer kritischen Analyse nicht mehr
gewürdigt werden. Dieser Karl Kraus war ein glänzender Essayist und Literaturkritiker, er war Pamphletist und Publizist ... und er war
ein verkrachter Poet. Ja, dieser Mann hatte eine scharfe Zunge und einen scharfen Verstand, aber die Musen waren nicht scharf auf ihn.
Und so warf er dem populären Poeten eine Todsünde vor:
„Heinrich Heine [hat] der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert ..., daß heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können.“
„Kommis“ aus dem wienerischen Französisch ins Deutsche übersetzt: jeder ungebildete Bürogehilfe oder Ladenschwengel, jeder proletige
Lümmel. Diese Attacke war nackter literarischer Sexualneid.
Ja, Heine mischte den hohen klassischen Duktus halt mit der Sprache der einfachen Leute. Von den Romantikern hatte er den nachgemachten
Volksliedton abgelernt, aber bei ihm wurde alles ins Echte verfälscht. So kreiierte er den neuen Ton einer neuen Zeit, wurde zur Brücke
zwischen der Weimarer Klassik und denen, die nach ihm kamen: der schwarze Romantiker Lautréamont, und die wirklich modernen poètes
maudits: Baudelaire, Verlaine, Rimbaud.
Schon bei den französischen Troubadours, bei Minnesängern, vor allem aber bei den deutschen Meistersingern des Mittelalters galt als
Grundforderung, daß man die Konkurrenten übertraf mit einer neuen Tonart, einer unerhört neuen Weise. Und das war eben Heines gefundene
Erfindung, sein „geiler Sound“: Heinrich Heine hat die klassische Sprache des haßgeliebten Großdichters Goethe so salopp verwendet, als
sei sie bereits die Sprache des Volkes.
Wir nachgeborenen Poeten versuchen heute übrigens dasselbe mit der Sprache, die wir von dem
neidisch bewunderten Klassiker unserer Epoche abgelernt haben: von Brecht. Dessen aufklärerisch lapidarer Ton war genial dogmatisch, er
hatte mit dem Marxismus den archimedischen Punkt gefunden, von dem aus er die ganze alte Welt der Ausbeutung und Unterdrückung aus den
Angeln heben wollte. In seinem Gedicht „Lob des Kommunismus“, das Brechts Ehefrau, die große Helene Weigel, so herzzerreißend verfremdet
auf der Bühne des Berliner Ensemble zelebrieren konnte, steht klipp und klar über den Kommunismus: „Er ist nicht das Rätsel, sondern die
Lösung ...“ .
Mich erschüttert eine sensationelle Neuigkeit, mit er ich nicht gerechnet hatte. Im Spiegel wurde 2005 das Ergebnis einer Meinungs-Umfrage
unter den Deutschen veröffentlicht. Getestet wurde fünfzehn Jahre nach der Wiedervereinigung ein pfiffig formulierter Aussagesatz:
„Der Sozialismus ist eine gute Idee, die
bislang nur schlecht ausgeführt worden ist.“
Das bedeutet - weniger raffiniert gefragt: Sollte man den total gescheiterten, den totalitären Tierversuch an lebendigen Menschen nicht
doch nochmal wiederholen, und, wenn nötig, abermals - bis „es“ endlich funktioniert. Das Ergebnis der Umfrage im August: 56 % der Deutschen
im Westen und sogar 66 % in der ehemaligen DDR stimmten diesem Hammer- und Sichel-Satz zu. Vielleicht hätten die Meinungsforscher statt
des Begriffs Sozialismus korrekter „Kommunismus“ für ihren Test verwenden sollen – aber egal – angesichts historischer Erfahrung und aus
streng marxistischer Sicht macht das keinen Unterschied.
Was das alles mit Heine zu tun hat? Ich denke: Alles! Heinrich Heine stand an der Weltwiege des Kommunismus, wir stehen am Grab.
Heinrich Heine formulierte ja für uns die Substanz der Hoffnungen auf den Kommunismus. Schon vier Jahre vor dem „Manifest“ erschien 1844
beim Hamburger Verleger Campe Heinrich Heines Poem „Deutschland. Ein Wintermärchen“. In diesem genialen politpoetischen Reisebericht
findet sich – gleich im ersten Caput – der berühmte Vierzeiler:
Ein neues Lied, ein bessres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten,
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.
Die letzten beiden Zeilen formulieren die Substanz des ganzen Kommunistischen Manifests in lapidarer Kurzfassung: Das Himmelreich auf
Erden.
Genau dieses falsche Hoffen beflügelte vor 15o Jahren die besten Köpfe. Heinrich Heine formulierte das Credo der aufgeklärten Herzen in
dieser brutalen Titanenzeit des jungen Kapitalismus. Das Elend der arbeitenden Massen in freier Lohnarbeit war damals so skandalös, daß
sich großbürgerliche Intellektuelle wie etwa Friedrich Engels und kleinbürgerliche wie Karl Marx als Alternative zu diesen modernen Höllen
des Industriezeitalters nichts anderes als das mechanische Gegenteil vorstellen konnten: ein soziales Paradies auf Erden.
Heinrich Heine beschrieb – als es ihm selbst schon elend ging - diese mitleidende Psycho-Logik wie ein ethisches Physikgesetz:
„Das Elend der Menschen ist zu groß. Man muß glauben.“
Und genau das glaubte Marx wie Heine: Die Klassenkämpfe des Proletariats sollten nun endlich den alten Fluch der Bibel wegen des
Sündenfalls und das ewige Rätsel der Menschheitsgeschichte ein für alle mal lösen, sollten eine Gesellschaft herbeizwingen ohne
„antagonistische Klassengegensätze“, ein aufgeklärtes Schlaraffenland ohne Armut, ohne Reichtum, ohne Armeen, ohne repressive
Staatsapparate! Schluß mit dem privaten Besitz an Produktionsmitteln, vom Schweinestall bis zur Fabrik! Ein real existierendes Elysium
sollte herbeigekämpft werden, in dem alle Menschen endlich Brüder und Schwestern sein können, wo die Liebe und die Vernunft triumphieren,
wo - Freude, schöner Götterfunken! - wir alle in Friedrich-Schillerscher Freudetrunkenheit miteinander im Chor singen, während uns
geradezu sonnenstich-naturkatastrophal die „Sonn ohn´ Unterlass“ auf den Schädel scheint.
Gott war der erste Marxist. Sein Prophet Jesaja (11/3) war einer der Vorläufer des Kommunismus. Martin Luther hat ihn uns treu
gedolmetzscht:
„Di Wolffe werden bey den Lemmern wonen
vnd di Pardel bey den Böcken ligen.
Ein kleiner Knabe wird Kälber vnd Jungelewen
vnd Mastvihe mit einander treiben.“
Der Begriff communisme war am Anfang ein aufreizendes Modewort in Frankreich, das sich dann schnell in den Sprachschatz der Europäer
einfügte: ein zauberkräftiges Schlagwort für alle, die durch eine Herrschaft des Gemeineigentums eine herrschaftslose Gesellschaft
anstrebten. Heinrich Heine schrieb darüber schon im Dezember 1841 als Pariser Korrespondent der Augsburger Allgemeinen Zeitung: „Die
Propaganda des Kommunismus besitzt eine Sprache, die jedes Volk versteht: die Elemente dieser Universalsprache sind so einfach wie
Hunger, wie der Neid, wie der Tod.“ – eine vieldeutige Prophetie.
Marx und Engels rümpften freilich die Nase über diesen kruden Kommunismus, sie beschimpften im Kampf um die Deutungshoheit ihre
Konkurrenten als „utopisch“, nannten sie herablassend soit-disant Kommunisten, etwa den sozialen Industriellen Robert Owen, sie
denunzierten ihre naiveren Mitstreiter als utopistische Handwerker-Kommunisten oder sogar als doktrinäre Kasernen-Kommunisten.
Die
anti-utopistischen Ober-Utopisten Marx & Co begriffen den Kommunismus dynamisch als eine „Bewegung“ des Geschichtsprozesses, als
neue Wissenschaft von den ökonomischen und kulturellen Klassenkämpfen des Proletariats gegen die Bourgeoisie. Aber im Grunde lieferten
auch sie nur eine mit Hegelscher Geschichtsphilosophie verbrämte Utopie vom Narrenparadies einer sozialen Idylle – also die
konterrevolutionäre Illusion vom Ende der Geschichte.
Anders Heine, der skeptische Poet - er war niemals blind euphorisch, wenn er mit Beklommenheit auf den Sieg des Kommunismus hoffte.
Hellsichtig ahnte er, daß die soziale Gleichheit aller Menschen wahrscheinlich nur eine neue Form raffinierterer Ungleichheit gebären
würde. Ihm schwante schon, daß das kommunistische Himmelreich sich womöglich als ein noch schlimmerer Kreis in der irdischen Hölle
entpuppen könnte. Der Dichter Gérard de Nerval, der Heines Verse ins Französische brachte, hat das scharfsichtig erkannt:
"Heinrich Heine hat ... die politische Zukunft vorhergesehen, und hat sie sogar schon im Voraus verspottet ...“
1855, ein Jahr vor seinem Tode, schrieb Heine in der Pariser Matrazengruft ein Vorwort für das Buch „Lutece“ - die französische Ausgabe
seiner gesammelten Zeitungs-Artikel in der Augsburger „Allgemeine Zeitung“. Er klagte über die kommenden Bilderstürmer des siegreichen
Kommunismus:
Nur mit Grauen und Schrecken denke ich an die Zeit, wo jene dunklen Iconoklasten zur Herrschaft gelangen werden ... – Ach! das sehe ich alles voraus und eine unsägliche
Betrübnis ergreift mich wenn ich an den Untergang denke, womit meine Gedichte und die ganze alte Weltordnung von dem Communismus bedroht ist - .
Aber dann kommt die flagellantische Volte, für die ihn die stalinistischen Bonzen des Kommunismus in der Sowjetunion und in der DDR
mißtrauisch liebten:
Und dennoch, ich bekenne es mit Freimut, übt eben dieser Kommunismus, so feindlich er all
meinen Interessen und meinen Neigungen ist, auf meine Seele einen Reiz aus, dem ich mich
nicht entziehen kann; ... Gesegnet sey der Krautkrämer der einst aus meinen Gedichten
Tüten verfertigt, worin er Kaffe und Schnupftabak schüttet für die armen alten Mütterchen,
die in unserer heutigen Welt der Ungerechtigkeit vielleicht eine solche Labung
entbehren müßten – fiat justicia et pereat mundus!
Das ist also des Dichters letztes Wort im Tone eines schwarzen Vermächtnisses. In den 150 Jahren, die seit dem vergangen sind, setzten
sich in der Welt weder Recht noch Gerechtigkeit unter dem Firmenzeichen „Kommunismus“ durch. Das allerdings würde mich geborenes
Kommunistenkind nicht abhalten, trotzalledem glaubenstreu in der kommunistischen Kirche zu bleiben. Die Christen schwören ja auch nicht
ab, trotz der Inquisition im Mittelalter und trotz der Tartüffs unter dem Bodenpersonal Gottes. Mon Dieux! ... daß wir Kommunisten
das Himmelreich nicht auf die Erde haben herabzwingen können, müßte mich noch lange nicht zum Renegaten werden lassen.
Aber: Es kam ja alles viel schlimmer, und es mußte so kommen. Mich erschüttert bis ins Mark die Erfahrung, daß offensichtlich jeder
Versuch, irgendein ein messianisches, christliches, moslemisches oder kommunistisches Himmelreich auf Erden zu errichten, uns in immer
modernere Höllen zwingen muß, so, wie es geschehn ist und immer wieder geschehen würde. Wir Menschenkinder müssen unsere Welt - und
tapfer! - ohne diesen oder jenen Kinderglauben verbessern.
Heinrich Heine roch den totalitären Leichengeruch schon bevor es stank. Über den Kommunismus, nach dessen Sieg, schrieb er:
„Es wird
vielleicht alsdann nur Einen Hirten und Eine Herde geben, ein freyer Hirt mit einem eisernen Hirtenstabe und eine gleichgeschorene,
gleichblökende Menschenheerde! (...) Die Zukunft riecht nach Juchten, nach Blut, nach Gottlosigkeit und nach sehr vielen Prügeln. Ich
rathe unsern Enkeln, mit einer sehr dicken Rückenhaut zur Welt zu kommen.“
Heines quälerische Prognose, daß aus den herausgerissenen Seiten seines Buches der Lieder dermaleinst im Kommunismus Papiertüten gedreht
werden, um endlich hundert Gramm fein gemahlenen Kardamom darin zu verpacken oder ein viertel Pfund gerösteten Kaffee, das rührt noch
heute unser Herz. Ich stelle mir des jungen Henry Heines Gedicht aus dem Lyrischen Intermezzo als Verpackungsmaterial für solch eine
arme alte Frau vor:
Sie haben mich gequälet,
Geärgert blau und blaß.
Die Einen mit ihrer Liebe,
Die Andern mit ihrem Haß.
Sie haben das Brot mir vergiftet,
Sie gossen mir Gift ins Glas,
Die Einen mit ihrer Liebe,
Die Andern mit ihrem Haß.
Doch sie, die mich am meisten
Gequält, geärgert, betrübt,
Die hat mich nie gehasset,
Und hat mich nie geliebt
Aber diese Sorge des Dichters, daß seine süßesten Verse sich in eine spitz gedrehte Tüte für scharfe Gewürze verwandeln, hat sich als ein
absurder Euphemismus erwiesen. Die alte arme Frau kriegte keine Tüte voll Nusspips oder Gewürzen, und ihre Kinder wurden einfach
totgeschlagen. Im real existierenden Kommunismus brauchte kein Untertan mehr schwarzen oder weißen Pfeffer, denn es gab hinter
Stacheldraht für die Millionen gar kein Huhn im Topf, keinen Sonntagsbraten, der gut gewürzt werden müßte. Die Häftlinge in den
Arbeitslagern tranken nicht Kaffee, sondern aufgetautes Eis, sie kauten würzige Baumrinde und manche schlachteten im Wahnsinn des Hungers
heimlich ihre krepierten Leidensgefährten, zum Fraß, ganz ohne Salz und Pfeffer.
Die Phantasie des genialen Spötters reichte nicht aus. Nichteinmal der hellsichtige Heinrich Heine konnte sich sowas wie einen Archipel
GULag vorstellen: ein Land, in dem zweihundert Millionen Menschen unter roten Fahnen und sozialistischen Phrasen die Lügenpropaganda
der Partei fraßen wie Manna und aus Todesfurcht heuchelten. Sie froren und erfroren, hungerten und verhungerten. Es waren bevorzugt
Lenins bolschewistische Kader und die emanzipationssüchtigen Juden, die fleißigen Kleinbauern, die vernunftgefährdeten Intellektuellen,
es waren überhaupt schuldlose Menschen, die systematisch in Massen erschossen oder in individueller Sonderbehandlung zu Tode gefoltert
wurden.
Revolutionsromantisch verblendet und schändlich phantasiearm waren sogar berühmte Zeitgenossen des Real Existierenden Kommunismus in
dieser Stalin-Epoche: Brecht, Bloch, Gerhard und Hanns Eisler, Feuchtwanger, Heinrich Mann - allesamt welterfahrene und geniale Geister,
denen es gelungen war, zu auch unserem Glück, sich beim hochmütig verachteten Klassenfeind im schönen Kalifornien vor den Genossen
Hitler und Stalin in Sicherheit zu bringen.
Ich hatte heute Nacht einen verwirrenden Alptraum von Heinrich Heine. Alles, was mich umtreibt, seit ich an diesem Essay für den Spiegel
schreibe, ging mir verrückt durcheinander. Mir träumte, Heine sei ein Häftling auf der Insel Kuba. Aber ich traf den Dichter nicht
etwa im grausam sauberen US-Sondergefängnis Guantanamo. Ich geriet als Besucher in einen grausam verdreckten Knast des Castro-Regimes,
Abteilung „Staatsfeindliche Poeten“. Häftling Heine wurde in die Besucherzelle hereingeführt Der Gefangene stellte sich mir vor,
allerdings mit dem legendären Namen des entflohenen Neger-Sklaven Esteban Montejo, genannt „El Cimarrón“, der von einer kubanischen
Zuckerrohrplantage stammte. Heine sprach halb spanisch, halb deutsch und am Ende sogar französisch.
Dann flüsterte Heine: Hier sitzt
auch Raúl Rivero Castañeda. Er ist ein Unheil wie seine Vergangenheit, ein schlechter Traum wie seine Zukunft und eine Katastrophe
wie seine Gegenwart. Er war mal Kommunist, er ist ein Dichter. Er krepiert in dieser Hölle. Die Kakerlaken in seiner Zelle kann er
nicht essen. Ich sagte: Lieber, verehrter Monsieur Heine, Sie sind doch der Verfasser der Verse vom „Himmelreich auf Erden“ – ich will
Ihnen unbedingt einen Satz deutscher Meinungsforscher über die Zukunft des Sozialismus vorlegen und fragen, ob Sie immer noch auf
einen Kommunismus hoffen mit Zuckererbsen für jedermann.
Aber der Gefangene flüsterte nun noch leiser: „El sueño de la razón produce
monstruos.“ Dieses vieldeutige Wort von Goya kam mir vor wie ein Kassiber. Ich nun auch leiser zurück: Wie, Señor Heine, wie meinen
Sie das? El sueño ... das spanische Wort bedeutet doch in unserer Sprache beides: Traum, aber auch Schlaf. Meinen Sie also
aufklärerisch: Der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor, oder das Gegenteil: Der Traum von der Vernunft, also die
vernunftsfanatische Utopie des kommunistischen Paradieses, bringt Ungeheuer hervor? Der Mann röchelte dann das existenz-irre Wort von
Rimbaud: „Je est un autre“. Dann wurde der Häftling weggeführt. Soweit mein Traum.
In der Gedichtsammlung „Romanzero“, die fünf Jahre vor Heines Tod erschien, steht eins seiner wenigen pathetischen Bekenntnis-Gedichte.
So fängt es an:
Enfant Perdu
Verlor´ner Posten in dem Freyheitskriege,
Hielt ich seit dreyzig Jahren treulich aus.
Ich kämpfte ohne Hoffnung, daß ich siege,
Ich wußte, nie komm´ ich gesund nach Haus.
Ja, dieser Freiheitskrieg ist alt wie die Menschheit. Wir leben hier in Westeuropa in Freiheit und Wohlstand. Also brauchen wir solch ein
kriegerisch ausstaffiertes Kampfgedicht nicht? O doch! Auch unsere historisch blutjunge Freiheit, die wir genießen, hat ihre häßlichen
Tücken, hat geistige und ökonomische Fallen, hat ihre globalen Probleme und totalitären Todfeinde.
Das, was Heine so martialisch den
Freiheitskrieg nennt, wird in Metamorphosen dauern, solange wir dauern. Und wer in diesem Krieg desertiert, etwa in der Pose einer
bequemen Äqudistanz – Slogan: „Saddam Hussein und George Dabbelju Bush, sie stinken alle beide“ – der gehört, metaphorisch gesprochen,
nicht zur Partei des Poeten.
Ja, ich liebe Heines Haltung: seine ketzerische Frömmigkeit. Wir jammerseligen Deutschen sollten, so gut es gelingt, des vielleicht
deutschesten Dichters lebensbejahende Verzweiflung ablernen, seine tapfer spöttische Melancholie.
© Wolf Biermann
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