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"Zündhölzer flammen auf überm Eis"

Peter Handke und Nicolas Born — eine Freundschaft

von Katharina Born

Das Lesen der Briefe zwischen Nicolas Born und Peter Handke war für mich eine Überraschung. Ich hatte die Freundschaft für eine stille gehalten, für still, intensiv und zart. Dabei scheinen sich die Briefe in manchen Zeiten fast zu überstürzen, kreuzen sich, sind voller Empfindlichkeit und dann auch wieder ein ganz vorsichtiges Herantasten. Für beide war die zweite Hälfte der siebziger Jahre keine ruhige Zeit. Viel mehr scheint ihr Leben geprägt von persönlichen Unwägbarkeiten, von echtem Unglück und gesellschaftlichen Brüchen, auch wenn diese so kaum Erwähnung finden. Der Briefwechsel wird für mich zu einem seltenen Zeugnis: Das Gespräch zweier Schriftsteller, die in einer Zeit der großen Gemeinschaftlichkeit und deren Ernüchterung sich den Blick für das Einzelne zu bewahren versuchen. Es entsteht hier das Bild einer liebevollen gegenseitigen Zusprache, einer Bestätigung der Richtigkeit ihrer Suche, die in der vermeintlichen Alltäglichkeit im Umgang mit den Töchtern, im Umgang mit der Einsamkeit und mit den wechselnden Umgebungen immer auch eine Suche nach Worten bleibt.

Die leider zahlreichen Lücken im Briefwechsel zwischen Handke und Born sind auf das Abbrennen von Borns Haus in Langendorf zurückzuführen, das die Freunde gemeinsam erlebten, aber auch auf die vielen Treffen, gegenseitigen Besuche und Telefongespräche, die ein Schreiben unnötig machten. Ein Teil der Briefe muß durch die verschiedenen Umzüge beider Schriftsteller als verloren gegangen angesehen werden. Dennoch schien es Handke, den Herausgebern und mir ein Notwendiges, diese Briefe in ihrer Gesamtheit und Eigenständigkeit zu veröffentlichen, bevor im Herbst kommenden Jahres die Ausgabe der Briefe Borns im Wallstein Verlag erscheinen soll.

Handke und Born lernten sich 1972 auf der Buchmesse in Frankfurt kennen. Handke sprach Born auf den gerade erschienenen Gedichtband Das Auge des Entdeckers an, der ihn beeindruckt hatte. Born war mit dem Buch — wie sonst in diesen Jahren unter den jungen Lyrikern nur Rolf Dieter Brinkmann — unter dem Einfluss amerikanischer Dichtung neue Wege gegangen. Es entstand ein schon damals für eine Buchmesse eher seltenes Gespräch, in dem keiner der Kollegen meinte, sich auf die übliche Weise positionieren zu müssen.

Erst als Born 1974 die Arbeit als Herausgeber des Literaturmagazins bei Rowohlt begann, zunächst nur für eine Nummer, dann letztlich für mehrere Jahre, schrieb er Peter Handke mit dem hier den Briefwechsel eröffnenden Brief vom Februar 1974 an. Es begann ein reger Kontakt, der durch gegenseitige Besuche intensiviert wurde. Die Mitgliedschaft der beiden Schriftsteller in der Jury des Petrarca–Preises ermöglichte ab 1975 regelmäßige Treffen in Frankreich, Italien und Deutschland. Als der Preis erstmals an den kurz zuvor tödlich verunglückten Rolf Dieter Brinkmann verliehen wurde, kamen sich Handke und Born auch persönlich näher. Gemeinsam mit Borns Frau Irmgard und der Fotografin Isolde Ohlbaum besuchten sie im Anschluß an die Verleihung im Juni 1975 den befreundeten Schriftsteller Christoph Meckel in Südfrankreich und fuhren weiter nach Marseille. Auf dieser Reise entstand auch das hier abgedruckte Foto vom Fußbad im Flußbett. Das Sprechen über das Schreiben, die seltene Freundschaft wurde beiden schon bald zu einem Bedürfnis.

Born wollte schon seit längerem wieder einen Roman schreiben. Er fragte Handke auf überraschend offene Weise, wie das Prosa–Schreiben "ginge" und wie es "nicht ginge", redete mit ihm über Eindrücke und auch über die Inszenierung von Erlebnissen für die eigene Beobachtung. Born hatte, so Handke, als Lyriker eine "direktere und intuitivere" Herangehensweise an das Schreiben. Auch das Gespräch über die Bücher von Kollegen ging bald über die Jury–Arbeit hinaus. So wurde Borns Empfehlung des Wolf Solent von John Cowper Powys für Handkes Schreiben sehr wichtig. Handkes Rat spazieren zu gehen, um zu beobachten und die Aufmerksamkeit in der Natur zu probieren, prägte Borns weiteres Schreiben (s.a. Brief vom 11.10.76). Die späten Gedichte, die 1978 unter dem Sammlungstitel "Keiner für sich, alle für niemand" im Band "Gedichte 1967–78" erschienen (im Briefwechsel erwähnt: ,Kleine Zeichnung' und ,Ein paar Notizen aus dem Elbholz'), und eben auch der Roman Die erdabgewandte Seite der Geschichte, an dem Born 1974 zu schreiben begann, zeigen deutliche Spuren dieses Einflusses.

Der zurückgezogen lebende Handke beeindruckte Born, der zunehmend unter seiner eigenen Rastlosigkeit und der häufig drückenden Geselligkeit der Künstlerkollegen zu leiden schien. In einer Zeit, in der linksintellektuelle Schriftsteller auf Solidarität und Gesellschaftsengagement bestanden und in der auch Dichter vor allem in Gruppen und Vereinigungen auftraten, setzte sich Born mit seinem Bedürfnis nach einer privateren Lebens– und Schreibform, aber auch mit seiner Suche nach einem — wenn auch utopisch gemeinten so doch persönlich erlebten — Glück schnell dem Vorwurf des Bürgerlichen oder gar Reaktionären aus. So werden Rückzug und Einsamkeit immer wieder zu Themen des Briefwechsels zwischen Handke und Born, die sich an dieser Stelle mit ihren sehr unterschiedlichen Lebens– und Schreibformen einander gegenüberstanden und sich gleichzeitig in dieser Problematik zu finden schienen.

Schon als Peter Handke Ende der 60er Jahre mit einem DAAD–Stipendium nach Berlin gekommen war, hatte er die Geselligkeit der jungen Schriftsteller in den Kneipen rund um den Charlottenburger Savignyplatz und im Stadtteil Friedenau gemieden, die Born damals eng umgab. Seine Tochter Amina war gerade geboren worden und die starke Politisierung der Literatur war Handke zuwider. Angesichts der damals einsetzenden deutschen Diskussion um den "Tod der Literatur", die im Erscheinen von Hans Magnus Enzensbergers "Kursbuch 15" von 1968 kulminierte, fühlte sich der österreichische Schriftsteller oft als "der letzte Schreiber".

Auch Nicolas Born war als aus dem Ruhrgebiet kommender, gelernter Industriefacharbeiter nie ganz im linkspolitischen Engagement der Schriftstellerkollegen aufgegangen. In seinen Anfängen hatten ihn vor allem die älteren Kollegen Johannes Bobrowski und Ernst Meister beeinflusst und unterstützt. Hatte er auch bei seiner Ankunft in Berlin und am Literarischen Colloquium die politische Erregung Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre intensiv miterlebt, so blieb ihm die literarische Seite dieses Engagements suspekt. Selbst von dem eigenen Gedicht ,BERLINER PARA–PHRASEN', das die Atmosphäre der Proteste gegen die Springer–Presse noch lange und in vielen Anthologien festhielt, distanzierte er sich schnell wieder, weil es ihm zu pointenhaft und direkt die Literatur instrumentalisierte.

Bereits 1968, gleich nach der Hochzeit mit seiner zweiten Frau Irmgard, hatte Born den Rückzug von Berlin nach Nürtingen nahe der Schwäbischen Alb versucht. Aber der von den Witzeleien der Freunde und viel eigener Ironie begleitete Aufenthalt in der Provinz scheiterte an der letztlich unproduktiven Langeweile einer Neubausiedlung. Nach dem Stipendium als Fellow des International Writers Workshop an der University of Iowa in den USA im Herbst 1969 kehrten die Borns nach Berlin zurück. Doch die vor allem in den siebziger Jahren zunehmende politische Radikalität und das Parteienengagement einiger seiner Kollegen und engsten Freunde brachte Born schon bald in ein persönliches Dilemma (14.8.75: "ich bin dabei, mich von mehr anderen Leuten zu lösen und hoffe in meiner Konfliktscheu immer noch, daß es ohne bösartigen Bruch abgeht.").

Noch von Rom aus, wo Born von 1972–73 als Stipendiat der Villa Massimo mit seiner Familie lebte, hatten sie ein altes Bauernhaus im niedersächsischen Lüchow–Dannenberg gekauft, das — direkt an der Grenze zur DDR gelegen — noch ein Stück heile Natur zu bieten schien.

Doch Born, in dessen schönsten Gedichten schon mal die Freunde Piwitt, Buch und Delius vorkommen, war sicher kein Einzelgänger. Fast eifersüchtig konnte er Zuneigungen aufrechnen, witzelnd "Liebesbriefe" einfordern, wachte er über die Treue auch seines neueren Freundes Handke. Und tatsächlich kam er selbst auf dem Land, wo sich längst einige seiner Künstlerkollegen und Berliner Freunde niedergelassen hatten, nie wirklich zu einer Art Zurückgezogenheit. Handke dagegen, der sich in dieser Zeit dem Film zuwandte ("Falsche Bewegung" mit Wim Wenders, 1973) — schien noch im Schneideraum einer Produktionsgesellschaft eine oft schmerzhafte Einsamkeit zu spüren.

Kurz nach dem Hauskauf in Lüchow–Dannenberg wurden die Regierungspläne für ein Atomenergiezentrum mit Entsorgungsanlagen und mehreren Atomkraftwerken ausgerechnet im Nachbardorf Gorleben und an der Elbe bekannt. Zur Arbeit am Literaturmagazin, zu den vielen Reisen des zunehmend bekannten Schriftstellers, kam nun Borns Engagement in der Bürgerinitiative gegen Atomkraft.

Schließlich brannte im September 1976 das gerade fertig ausgebaute Bauernhaus in Langendorf bis auf die Grundmauern nieder. Peter Handke war gerade zu Besuch. Sie hatten die Kinder ins Bett gebracht und wollten noch in die benachbarte Gastwirtschaft gehen, als sie das Knallen der brennenden Balken hörten. Das Reetdach hatte durch einen Fehler des Dachdeckers Feuer gefangen. Gemeinsam konnten Born und er die Kinder, die beiden Heidschnucken und noch ein paar wenige Möbel aus dem Erdgeschoß in Sicherheit bringen.

Der für Born schwer zu verwindende Verlust und das zunehmende Eindringen der Atompolitik in sein Rückzugsgebiet bilden den Hintergrund einer tiefen persönlichen Verzweiflung, die auch sein Schreiben nicht unberührt ließ. Handke schien aber gerade in seinen Besuchen bei Born eine Ruhe für sich zu finden, die ihm noch in völliger Einsamkeit schwer aufrechtzuerhalten war. Das konkrete Unglück findet dabei in den Briefen, wie später auch die Krankheit Borns, kaum Erwähnung. Nie geht es darum, sich gegenseitig aufzumuntern. Vielmehr — scheint es — ermutigen sich die Freunde in ihrer jeweiligen Empfindlichkeit.

Neben dem Rückzug vom Solidarisierungsdruck und den Schwierigkeiten des Schreibens waren auch Frauengeschichten immer wieder ein Thema der Gespräche zwischen Handke und Born. Wichtiger aber scheint noch die beiden gemeinsame Sorge für die Töchter. Handke kümmerte sich mit einer vor allem damals nicht üblichen liebevollen Selbstverständlichkeit um seine Tochter Amina. Born versuchte, den Kontakt zu seiner Tochter Undine aus erster Ehe durch viele gegenseitige Besuche intensiv aufrechtzuerhalten. Und er sorgte für meine ältere Schwester Rike und mich, während unsere Mutter in Berliner Krankenhäusern Dienst hatte. Gerade die Zärtlichkeit und Alltäglichkeit der geschilderten Szenen lassen diese Freundschaft in Briefen für mich zu einer so besonderen Entdeckung werden.

Als Born im Frühjahr 1979 von seiner tödlichen Krankheit erfuhr, muß Handke gerade aus Amerika zurückgekehrt sein und trug sich mit dem Gedanken, nach Salzburg zu gehen. Ich erinnere mich an seinen letzten Besuch, das war Anfang Dezember, kurz vor Borns Tod. Wir Kinder, meine Schwester Rike und ich liebten Handke wie einen großen gutmütigen Drachenfreund. In der Badewanne wusch er uns so heftig die Köpfe, dass wir vor Lachen kaum noch Luft bekamen. Bereitwillig wie hilflos ließ er sich dann unsere wilden Indianerspiele gefallen, sich an Stühle fesseln und in die Toilette einsperren, während im oberen Stockwerk der Freund starb. Und wir merkten kaum, in welcher Not er für uns da zu sein versuchte.

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