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Der Turmwächter
Auch der Oberst werde wohl kommen, mit seinem Sohn, er habe es versprochen, habe sich gefreut über seine neue Tätigkeit hier,
auf dem Turm, mit Blick auf die Dächer der Stadt. Er werde ihm seine Stadt zeigen, die Türme, die Klöster, die Hinterhöfe,
Strassen und Gassen, mittelalterliche Tore, das alte Zeughaus aus der Vogelperspektive.
Er lebe seit dreissig Jahren hier, dies sei seine Stadt geworden, drüben in der Weststadt habe er ein Haus gekauft, viele lange
Kajakfahrten auf der Aare, mit dem Sohn, mühsam aufwärts gepaddelt, aber in einem Rutsch hinab. Auch zum Schwimmen sei die Aare
nicht schlecht, obwohl sie meist eher träge fliesse, was man von hier oben gut beobachten könne. Früher habe er in Zürich gearbeitet,
zehn Jahre, für die Esso, auch schön, der See, viel auf dem Albis gewandert, aber im Aussendienst sei er mit seinem Berner Dialekt
nicht brauchbar gewesen, darum die Versetzung.
Die letzten fünf Jahre habe er hier im Büro arbeiten müssen, habe sich eingesperrt gefühlt, eingeklemmt am Schreibtisch, er brauche
Luft und Sonne, auch Regen störe ihn wenig. Nach zehn Jahren hätte er ja wieder nach Zürich gehen können, bessere Stellung, höherer
Lohn. Inzwischen habe er aber das Haus gehabt, sich hier eingelebt, darum habe er Nein gesagt, gewusst, dass damit die Karriere futsch sei.
Aber im Büro sei es nicht auszuhalten gewesen, darum habe er nochmals um Versetzung in den Aussendienst gebeten, sonst gehe er lieber.
Sie hätten tatsächlich Leute gesucht, nach Basel, aber auch dort wäre sein Dialekt der falsche gewesen. Also sei er gegangen. Einige
Wochen später habe ihm der Personalchef gesagt, ein anständiger Kerl, er kenne ihn seit vielen Jahren, gut dass du gegangen bist, habe
er gesagt, nämlich sonst hätte ich dich entlassen müssen, sie wollen nur noch Junge, und er sei ja schon über fünfzig gewesen.
Nun sitze er also hier oben, sie seien drei Arbeitslose, die im Auftrag der Stadt den Turm offenhalten müssten, seit Ostern. Zuerst
hätten sie alles geputzt, auch die Turmwächterstube, obwohl sie nicht mehr benutzt werde. Nette Kollegen, abwechselnd stehe oder sitze
er unten beim Billetverkauf oder hier oben, lieber oben, die Sonne, die Luft, der weite Blick über die Altstadt-Dächer, die Aare, die
Neustadt, bis hinaus zur Industrie und zur Kehrichtverbrennung dort hinten. Den Touristen erkläre er die Stadt, habe allerlei gelesen,
bei den Einheimischen sei es natürlich nicht nötig.
Jedenfalls besser als damals beim Militär, wo er die Zeit habe totschlagen müssen, weil das Esso-Lager, dem er als Esso-Mann zugeteilt
worden sei, gar nicht mehr existiert habe, von der Esso aufgehoben, er habe das gemerkt und gemeldet, aber da sei die Einteilung schon
endgültig gewesen. Er sei dann im Büro gesessen, habe Zeitungen gelesen, die Offiziere hätten ja so viele herumliegen lassen, alle habe
er gelesen. Manchmal habe er einen anderen Soldaten gebeten, für ihn Listen schreiben zu dürfen, lesen kannst du auch nicht den ganzen
Tag.
Wegen der Esso habe der Oberst einen so guten Eindruck von ihm gehabt, Sie waren mein bester Mann, Pfister, habe er gesagt, habe sich
gefreut über das Wiedersehen. Nämlich er habe jeweils, weil es ja nichts zu tun gab, den Offizieren die Aschenbecher und Papierkörbe
geleert, das habe sonst keiner getan. Darum wolle der Oberst auf den Turm kommen, mit seinem Sohn, dem werde er seine Stadt zeigen,
den Fluss, das Land.
© Irène Bourquin
(Aus: "ch.eese - Eine Zeitreise durch die Schweiz - 30 Swiss Stories",
Anthologie, still life publishing, Zürich 2000)
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