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Die verlorene Ehre des Günter Grass –
Oder: Wie man aus einer Lebenslüge Profit schlägt


Ein Gastkommentar von Nadine Englhart


Bis vorgestern galt Günter Grass als Aushängeschild der deutschen Nachkriegsliteratur. Die Erfolgsgeschichte ließ sich, bis vorgestern, mit "vom geläuterten Flakhelfer zum Nobelpreisträger" umschreiben.

Im Mai dieses Jahres beendete er seine Rede zur Eröffnung des diesjährigen PEN-Kongresses in Berlin noch mit den Worten von Matthias Claudius:

s’ ist Krieg / s’ ist Krieg!
O Gottes Engel wehre
Und rede Du darein!
s’ leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!


Seine Schuld, so hätte man bis vorgestern denken können, hatte der ehemals vom "Endsieg" überzeugte Junge bereits abgetragen, so weit, daß er schon wieder als moralische Instanz aufzutreten vermochte, die andere ermahnte, aufzuarbeiten, was das Zeug hält, die andere als Kriegstreiber, Verbrecher und Heuchler beschimpfen durfte.

Sein Glashaus hatte Klein-Günter, so schien's, ja schon demontiert, da war es eine wahre Wonne mit Steinen zu schmeißen. Bis vorgestern.

Seit vorgestern wissen wir, Günter Grass war bei der Waffen-SS.

Vielleicht war's ja ein Zeichen, daß der geborene Graß seinen Namen in Grass abänderte, der Hilfeschrei einer verlogenen Seele, aber vermutlich waren es nur die Schreibmaschinen der Besatzer, die das "ß" nicht beherrschten, die Schreibmaschinen der ihm verhaßten Amerikaner, in deren Kriegsgefangenenlager der junge Grass angeblich erst kapierte, was Rassismus bedeutet.

Den spezifisch deutschen Rassismus, der erst im September 1939 vollständig nach Danzig, Grass' Geburtsort, einzog und dort seßhaft wurde, mitgebracht und zum Gesetz erklärt von jenen, die die Stadt vom "polnischen Joch" befreiten, hat der damals 12-jährige Grass wohl nicht mitbekommen, zu gewohnt, das alles. Vermutlich war die Familie Graß zu arm, um den "Stürmer" oder wenigstens den "Völkischen Beobachter" zu abonnieren. Das muß man verstehen.

Was die Deutschen angerichtet hatten, will er auch erst im Kriegsgefangenenlager erfahren haben. Das 1939 errichtete KZ Stutthof war nur 37 Kilometer von Danzig entfernt, aber wollen wir es mal dabei bewenden lassen. Vielleicht soll das ja der übernächste Bestseller werden: "Der Stockfisch – wie ich doch schon vor '45 vom Holocaust erfuhr, aber trotzdem meine Klappe gehalten habe"

Der nächste Bestseller ist für diesen September geplant. Grass' noch nicht veröffentlichtes Machwerk "Beim Häuten der Zwiebel", in dem er sein spektakuläres Geständnis in epischer Breite erläutert, ist schon mal auf Platz 53 der Amazon-Verkaufsränge geklettert.

Gratulation, Herr Grass!

Jeder wird dieses Buch kaufen und lesen, aus Neugierde, aus Empörung, als Argumentations- oder Entlastungshilfe, um mitreden zu können. Es wird eine Menge anderer Erstausgaben dieses Buchherbstes, die wertvoller, erhellender oder auch nur ehrlicher wären, in die Bedeutungslosigkeit abdrängen.

Grass hat alle beschissen, er ist ein Betrüger und Schaumschläger, der sich sein Leben lang als wahrer Jakob zu verkaufen verstand, als Gewissen der Nation, als Rächer der vernachlässigten deutschen Opfer.

Doch statt abgestraft zu werden, statt auf der Müllkippe der Geschichte zu landen, um dort in aller Stille vor sich hinzurotten, wird er im Gespräch bleiben, sein Buch wird sich hervorragend verkaufen und alle Beteiligten dieses Marketing-Coups werden am Ende voller Befriedigung ihre Geldbörsen streicheln - Betrug zahlt sich letztendlich doch aus.

Gratulieren könnte man auch Herrn Schirrmacher, dessen Profession es mittlerweile zu sein scheint, Scheiße in Gold zu verwandeln, dessen sensationsheischendes Interview, samt Kommentar und Aufmacher, erst zu diesem Wunderwerk an Publizität geführt hat.

Genau das hat er auch schon bei Martin Walser geschafft, mit demselben Ausmaß an moralischer Entrüstung. Geschadet hat es keinem von beiden, nicht Schirrmacher, der sich als der Gutmensch vom Dienst profilieren konnte, und auch nicht Walser, dessen infame, reißerische Abrechnung mit Marcel Reich-Ranicki sich dank Herrn Schirrmachers geschickt plaziertem, öffentlichem Aufschrei außerordentlich gut verkauft hat.

Sieht nach einem lohnenden Geschäftsmodell aus. Vielleicht sollte Schirrmacher eine PR-Agentur eröffnen: "Zum moralinsauren Goldscheißer – Problemlösungen für literarische Problemfälle".

Zwei vielversprechende Klienten hat er ja schon.


© 13. August 2006 by Nadine Englhart