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Schalom ist mehr als ein Gruß


Ein Kommentar von
Lea Fleischmann

Die Mehrheit der Israelis ist für den Frieden. Über den Weg dorthin wird aber gestritten.

Ein junger Tourist aus Deutschland, mit dem ich mich neulich unterhielt, stellte fest: „Es ist mir aufgefallen, dass in unseren Schlagern die Liebe im Mittelpunkt steht, in Israel hingegen der Frieden.“ Die Israelis begrüßen sich mit dem Wort „Schalom“ (Frieden), und sie verabschieden sich ebenfalls mit dieser Vokabel. Jede Rede israelischer Staatsmänner kreist um den Frieden, zahllose Gedichte und Ausstellungen sind dem Frieden gewidmet. Der Wunsch nach Frieden eint das Volk in Israel, doch der Weg dorthin spaltet es.

Es ist gerade ein Jahr her, dass die Regierung unter Premier Ariel Scharon die Räumung der Siedlungen im Gaza-Streifen anordnete. Die Befürworter argumentierten: „Dies ist ein wichtiger Schritt in Richtung Frieden. Wenn wir uns zurückziehen und die Siedlungen räumen, dann wird die palästinensische Bevölkerung in Gaza keinen Grund mehr haben, gegen Israel zu kämpfen.“ Vom Aufbau Gazas war die Rede, von einem neuen Hafen und Wohnhäusern für die Palästinenser. Und Israels Regierung stellte gemeinsam mit der westlichen Staatengemeinschaft großzügige Hilfe in Aussicht.

Die Gegner der Räumung warnten: „Wenn Israel die Siedlungen in Gaza aufgeben wird, dann werden die Palästinenser von dort aus das israelische Kernland beschießen. Es wird kein Frieden, sondern Krieg folgen.“ Im Parlament und in den Medien, auf der Straße und in den Familien wurden erbitterte Diskussionen geführt.

Ähnlich heftig wurde vor sechs Jahren in der israelischen Gesellschaft über den Abzug der israelischen Soldaten aus dem Libanon gestritten. 1970 vertrieb König Hussein die PLO aus Jordanien, die in den Südlibanon flüchtete und von dort aus ihren Kampf gegen Israel fortsetzte. Die Dörfer und Städte in Galiläa waren einem dauernden Beschuss ausgesetzt, und Terrorkommandos überfielen ununterbrochen die zivile Bevölkerung. 1982 marschierten Israels Streitkräfte in den Südlibanon ein und vertrieben die Führer der PLO.

Aber im Südlibanon erstarkte die Terrororganisation Hisbollah. Israel sah sich sowohl einem Stellungskrieg als auch internationaler Kritik wegen seiner Präsenz im Libanon ausgesetzt. Israels Bevölkerung spaltete sich in zwei Lager. Es bildete sich die Bewegung der „Vier Mütter“, eine Organisation, der sich vorwiegend Frauen anschlossen. Sie forderte einen bedingungslosen Abzug der israelischen Soldaten und wollte die Söhne zu Hause haben. Das andere Lager argumentierte, wenn sich Israel aus dem Südlibanon zurückzöge, würden Städte und Dörfer in Nordisrael wieder in die Schusslinie der Raketen geraten. In den Parteien und in der Bevölkerung gab es leidenschaftliche Diskussionen.

Im Juli 2000 zog der damalige israelische Premier Ehud Barak die Truppen aus dem Libanon zurück. Die Hisbollah verbuchte den Rückzug als großen Sieg. Im Oktober töteten Hisbollah-Kämpfer drei israelische Soldaten, und Hassan Nasrallah, der Generalsekretär der Hisbollah, presste im Austausch für ihre Leichen und einen entführten Geschäftsmann 429 verurteilte Terroristen frei. Nasrallah ließ sich in der arabischen Welt als Held feiern, vor dem die Israelis kuschen.

Zähneknirschend sah Israel zu, wie die Hisbollah an Israels Nordgrenze Stützpunkte aufbaute und mit Hilfe Irans und Syriens ein riesiges Raketenarsenal installierte. Aber aus Angst vor internationaler Kritik griff die israelische Regierung nicht in das Geschehen im Libanon ein. Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad formulierte vor der Weltöffentlichkeit das Ziel der Aufrüstung: Der Staat Israel soll von der Landkarte verschwinden.

Mit Geld und Waffen unterstützt Iran die fundamentalistischen Terrororganisationen Hisbollah und Hamas, deren politisches Programm die Vernichtung des Staates Israel ist. Das sind keine leeren Floskeln, sondern es ist ein ideologischer Plan, zu dem sich Ahmadinedschad und seine Verbündeten verschworen haben. Sie sind bereit, für diese Zielsetzung das Wohl ihrer eigenen Völker zu opfern.

Hisbollah und Hamas platzieren ihre Waffenarsenale und Raketenabschussrampen in dicht bevölkerten Wohngebieten, wohl wissend, dass bei möglichen Angriffen der israelischen Luftwaffe auch unschuldige Zivilisten dabei umkommen. Die Palästinenser könnten jetzt, da Israel den Gaza-Streifen geräumt hat, ihre Energie in den Aufbau der Stadt und ihrer Wirtschaft investieren, stattdessen beschießen sie seit der Räumung die Städte im Süden Israels.

Der Hass der radikalen Islamisten liegt in der Angst begründet, dass sich von Israel aus demokratische Ideen in die arabische Welt verbreiten könnten. Israel ist das einzige Land im Nahen Osten, in dem Presse- und Meinungsfreiheit herrschen, die Regierung wird frei gewählt, jeder kann nach seiner religiösen Vorstellung leben, und die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist selbstverständlich. In einem Frieden mit Israel wittern die islamistischen Fundamentalisten also eine Gefahr. Denn ihr Lebenskonzept ist auf religiöser und politischer Unfreiheit und der Unterdrückung der Frau aufgebaut.

Sie hassen den Westen, denn sie wissen, dass es unter den Völkern des Nahen Ostens gärt und viele Menschen auch lieber nach einem westlichen Lebensstil als unter islamischer Unterdrückung leben wollen. Iran ist nicht nur eine Gefahr für Israel, sondern für die gesamte westliche Welt. Mit religiösen Fanatikern, die keinen rationalen Argumenten zugänglich sind, kann man nicht verhandeln, sondern man muss sie bekämpfen.

Dieses Mal stehen die Israelis fast geschlossen hinter ihrer Regierung, die den Kampf gegen Hamas und Hisbollah aufgenommen hat. Und dennoch hoffen die Menschen, dass sich im Libanon und bei den Palästinensern die friedenswilligen Kräfte durchsetzen und der Traum vom Frieden Wirklichkeit werden kann.


© 2006 by Lea Fleischmann; Erstveröffentlichung: Politischer Gastkommentar, Handelsblatt No. 143 vom 27.07.2006