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ATLANTISCHE GIGANTEN

von Fred Viebahn

1. Teil: Feuerwerke, Flandrisches Opium und Obama olé

Drei Tage vor der Wahl am 4. November, in der es um die amerikanische Wurst — und gewissermaßen auch die Weltwurst — ging, flogen meine Frau und ich nach England.

Nachdem wir schon einige Wochen zuvor im Kreishaus unseres heimischen Albemarle County im Bundestaat Virginia wie üblich ausnahmslos die Demokraten im Wahlcomputer angetippt und der Obama–Kampagne am Tag vor unserem Londonflug nochmal ein paar Dollar gespendet hatten, war es uns nach der zeitfressenden Hektik und Aufregung der Monate, in denen wir um unseren Präsidentschaftskandidaten bangten und uns nervös über die unsägliche alaskische Knallcharge Sarah Palin lustig machten, ganz recht, den Vereinigten Staaten am entscheidenden Tag den Rücken gekehrt zu haben. So hatten wir seit letztem Frühjahr, noch bevor Obama die Vorwahlen der demokratischen Partei für sich entscheiden konnte, mit unserer englischen Freundin Loraine verabredet, daß wir den Wahltag bei ihr in Reading, nicht weit von London, verbringen würden.

Loraine, inzwischen emeritierte Professorin der Universität Reading, lud mehrere Bekannte zu Dinner und gemeinsamer Wahlweinseligkeit vor dem „Telly” ein. Endlich konnten wir nachfragen, was es mit den roten Plastikblüten an jedermanns Kragenaufschlag auf sich hatte, von denen wir zunächst geglaubt hatten, weil wir sie zuerst im Hotel in Oxford, in dem wir die beiden ersten Nächte verbrachten, bei den Fernsehkommentatoren der BBC gesehen hatten, es handele sich um Camouflagen drahtloser Mikrofone. Nein, wurden wir belehrt, man trüge sie zum Jubiläum des Victory Day am 11. November, der sich dieses Jahr zum neunzigsten Mal jährte; sie symbolisierten die Mohnblumen der „Flanders Fields”, der Felder in Flandern, unter deren Erde zigtausende britischer Gefallener des Great War begraben liegen. Es hieße, der Mohn sei dort aus Restsamen des Opium gesprossen, der bei verwundeten Soldaten den Schmerz betäubte.

Entgegen unseren Befürchtungen, aber ganz wie erhofft wurde es eine sehr vergnügliche und vergnügte Nacht mit der BBC und dem Geplapper der vom US–Network ABC geliehenen „Pundits”, denen die British Broadcasting Corporation in ihrem amerikanischen Studio weitere Publicity und wohl auch ein finanzielles Zubrot bot — darunter Larry Sabato, ein Unikollege meiner Frau, Politikprofessor an der University of Virginia, der mal vor Jahren nach einem Einbruch in mein Auto meine Spiegelreflexkamera in seinem Garten fand. Larry, der gelegentlich auch bei CNN den Weisen spielt und sich immer betont unparteiisch gibt, konnte diesmal seine Sympathien für Obama und seine Enttäuschung über die tolpatschige McCain Campaign kaum hinter seiner Schiedsrichtermiene verbergen.

Für unsere Gastgeberin und ihre Freunde endete die Nacht erst, nachdem Obamas Siege in Pennsylvania und Ohio die Niederlage McCains besiegelten und bei uns die Sektkorken knallen ließ — wegen des fünfstündigen Zeitunterschieds zur US–Ostküste also gegen vier Uhr morgens. Rita, meine Frau, blieb weitere zwei Stunden wach, in denen wir uns ein paar hundertmal darin abwechselten, „unglaublich” zu sagen, während wir per Computer weitere regionale Resultate verfolgten, die der BBC nicht berichtenswert schienen. Schließlich klingelte über Skype unsere ekstatische Tochter aus Colorado durch, wo es um sieben Uhr Greenwich Time gerade Mitternacht schlug. Trotz einer schweren Erkältung war sie das letzte Wochenende und sogar noch am Wahltag zum ”canvassing” unterwegs gewesen, um auch die letzten als Demokraten registrierten Wähler für Obama zu mobilisieren; gerade war das Resultat bekanntgegeben worden: Wie unser Heimatstaat Virginia hatte auch Colorado sich auf Obamas Seite geschlagen. Damit war klar, daß der erste nichtweiße Präsident — „schwarz” und „weiß” wie unsere Tochter — nicht nur mit knapper, sondern überwältigender Mehrheit des Wahlkollegiums ins Weiße Haus einziehen würde.

Morgens um neun lag ich endlich im Bett, schreckte aber wenige Stunden später aus einem wirren Kriegstraum auf: Draußen knallte es tatsächlich wie aus allen Rohren! Als ich leicht verschreckt aus dem Fenster guckte, heulte ein buntes Geschoß an der Scheibe vorbei, und johlende Jugendliche zündeten auf dem Bürgersteig Feuerwerkskörper. Unglaublich, dachte ich — jetzt feiert tatsächlich die englische Jugend das amerikanische Wahlergebnis. War‘s vielleicht die Affinität zwischen Obama und dem neuesten Superhelden Englands, Lewis Hamilton, der am Wochenende zuvor als erster Schwarzer (bzw. „Schwarzweißer”, wie Obama Sproß eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter) in der Geschichte des Autorennsports die Formel 1–Weltmeisterschaft gewonnen hatte?

„Happy Guy Fawkes day”, begrüßte mich Loraine. Nein, mit Obama habe der Krach nichts zu tun; am 5. November feiern die Engländer — zumindest die anglikanischen — die Festnahme des katholischen Terroristen Guy Fawkes im siebzehnten Jahrhundert, mit der in letzter Minute die Sprengung des Parlamentsgebäudes verhindert werden konnte.

Während es den ganzen Abend draußen ballerte wie auf Sylvester, frönten wir weiter der BBC, wo sich schlaue Aftermarket–Analysanten und nachträgliche Rechthaber en masse ein unverdrossenes Stelldichein gaben und Spezialisten in der Psychopathologie der US–Demokratie — sprich klugscheißende Schwätzer — ad nauseam die amerikanische Volksseele interpretierten. Uns interessierte daran nur eines: Daß uns das Unglaubliche immer wieder glaubhaft bestätigt wurde. Obama war tatsächlich mit klarer Mehrheit zum neuen Präsidenten der USA gewählt worden, „wir” hatten allen Unkenrufen zum Trotz gewonnen, und die Zeit des Bush–Horrors taumelte ihrem kläglichen Ende in einer weltweiten Finanzmisere zu, an der der fanatisch–extremistische Deregulierungswahn der Bushschen Strippenzieher entscheidenden Anteil hatte.

Zwei Tage nach der Wahl gingen Rita und ich in Southampton an Bord des zur Zeit größten Passagierschiffs der Welt, Royal Caribbeans ”Independence of the Seas”, um uns die nächsten dreizehn Tage auf des Riesen erster Transatlantiküberquerung (nach Florida) verwöhnen zu lassen. Mit uns überquerte auch eine beträchtliche Zahl an Brits die Gangway, die nicht nur am englischen Akzent zu erkennen waren, sondern schon von weitem an ihren blutroten Mohnblumen auf den Jacken und Blusen. Flanders Fields… wo sonst wird nach neunzig Jahren dem Ende des Ersten Weltkriegs und den Gefallenen jenes globalen Ur–Irrsinns noch so intensiv gedacht?

Statt mich nun gleich nach der ersten Freßorgie in der Cafeteria und dem Auspacken der Koffer in unserer recht geräumigen Kabine an den Schreibtisch zu setzen und endlich einen persönlichen Artikel über den Wahltag zu schreiben, wie ich es eigentlich geplant hatte, fiel ich zunächst der Versuchung zum Opfer, beim Dinner meinem vom späten Lunch bereits überfüllten Magen weitere fünf Gänge an Köstlichkeiten draufzudrücken. Trotz meines inzwischen reichlich übermüdeten Zustands, dem die rauhe See im Ärmelkanal nicht gerade half, schleppte mich dann Rita — sie hatte mich gewarnt, mir nicht gleich die Wampe vollzuhauen –zu einer Show mit Akrobatik, Tanz, Gesang und englischer Komik im Alhambra–Theater vorne im Bug (1.350 Plätze, Parkett auf dem dritten, Balkon auf dem vierten Deck), wo ich prompt wegnickte. Anschließend versuchte sie mir ein bißchen Feuer unter dem Hintern zu machen, indem sie mich von einer Tanzfläche zur anderen schleppte; schließlich gingen ihr meine trotz mehrfacher Kaffeeinfusion ungewöhnlich müden Cha–cha–Schlenkereien jedoch genügend auf den Wecker, uns sie ließ mich endlich, nach Mitternacht, zur Kabine zurückstolpern.

Am nächsten Morgen, Freitag, „dampften” wir bei recht rauher See durch eine novembergraue Biskaya. Zwar wurden wir nicht seekrank, aber der Schlafmangel der vergangenen Tage bewirkte bei mir eine ungewohnte Schlappheit. Auch konnte ich den vielen kulinarischen Versuchungen an Bord nicht widerstehen. Als ich mich zum Kapitänsempfang in meinen Smoking zwängte, gelang es mir kaum noch, ihn zuzuknöpfen; im Spiegel blickte mich eine traurige Gestalt an, dem der aus den Nähten zu platzen drohende Anzug das Aufjungmachen gründlich verdarb. Die einst elegante Jacke, ein Überbleibsel der letzten Clintonjahre, hat wohl endlich ausgedient. Ach, die Goldenen Neunziger, seufzte ich melancholisch. Ob ich mir nun, bei dem neuen Präsidenten, einen neuen Smoking anschaffen mußte? Meine Laune besserte sich erst um Mitternacht, als der indische Kellner in der Schiffspizzeria, während ich mir von ihm eine Schnitte kalifornischer Pizza (Huhn und Avocado) servieren ließ, mit breitem Grinsen rief: „O–ba–ma, O–ba–ma”, und sein mexikanischer Kollege mit erigierten Daumen und Trällerstimme den Ruf zum Duett erweiterte. Allerdings waren wir in dem Moment die einzigen Gäste.

Samstagmorgen liefen wir in Vigo ein, einer unansehnlichen Industriestadt im spanischen Nordwesten, liehen uns einen kleinen Citroen, während viele andere der fast viertausend Passagiere eine Reisebusflottilla bestieg, und fuhren unter grauem Himmel entlang der galizischen Küste nach Süden, durch winterschläfrige Badeorte und über den Rio Minho nach Portugal hinein. Wirklich sehenswert war auf die Schnelle wenig, also kehrten wir nach drei Stunden um.

Am Sonntag spürte ich endlich, daß meine übliche Energie zurückkehrte. Während Rita ihren Krimirausch ausschlief (sie war mal wieder nicht eher in die Heia gegangen, bis der Mordfall in ihrer Bettlektüre gelöst war), lief ich auf der Joggingbahn auf einem offenen Oberdeck einmal rund ums Schiff. Erstaunlich, wieviele britische Passagiere sich mit ihren Plastikmohnblüten auf dem Revers als Untertanen Ihrer Majestät der Queen und Nachkommen in Flandern gefallener Vorfahren auswiesen. Bis zum 11. 11. hatten sie noch zwei Tage dafür übrig. In Köln wird am Flanders Fields bzw. Victory Day die Karnevalssaison eröffnet. Soldatentod und Jeckenzeit. Ich kehrte in unsere Kabine zurück und zog mir ein Obama–Tshirt an.

Meine Müdigkeit war wie von Zauberhand fortgewischt, und ich fühlte mich zu neuen Untaten bereit; ich würde mich gleich zu einem Kurs im Schlittschuhlaufen anmelden, oder im Felsenklettern, oder im Surfen. Das alles gibt‘s auf diesem Monsterschiff. Erstmal bestellten wir uns Frühstück aufs Zimmer und schalteten den Flachbildschirm an. Auf CNN wurden weiterhin die Wahlen und ihre potentiellen Folgen breitgetreten. Mittlerweile lud Rita ihre Post auf ihr Macbook und las mir eine Email vor, daß ein alter Bekannter von uns zu einem führenden Posten in Obamas Transition Team berufen wurde. Hurra! Nach acht Jahren in Bushs depressivem Dämmerdunkel leuchtet über Amerika wieder das Morgenrot, wenn auch mit dem gespenstischem Flackern der Finanzkrise untermalt, die auch uns ein bißchen ärmer gemacht hat. Aber für einen neuen Smoking muß es allemal reichen.

Ich trat auf unseren Balkon. Seit wir Am Vorabend die spanisch–portugiesische Küste hinter uns gelassen hatten, präsentierte sich das Meer spiegelglatt, die Sonne strahlte, der europäische November versank in der Vergangenheit. Vor uns lag Madeira, wo wir am Montag acht Stunden lang ankern würden, dann folgte fünf Tage lang nix wie Wasser, bis wir auf der halb holländischen, halb französischen Karibikinsel Sint Maarten / Saint–Martin noch einmal, kurz vor dem amerikanischen Kontinent, den Boden der Europäischen Union betreten würden. Dann, nach dreizehn Tagen Nordsee, Atlantik und Karibik, würden wir in Fort Lauderdale einlaufen. Für die hoffentlich gemütliche Rückfahrt ins heimische Virginia — die läppischen zweitausend Kilometer — hatten wir ein Auto gemietet. Vielleicht könnten wir unterwegs in Orlando haltmachen und es Disney World überlassen, uns den Weg zurück in die Realität zu weisen.



2. Teil: Katharina Witt, Dylan Thomas und die gute alte Zeit

Am 11. November wurde im Vereinigten Königreich von Großbritannien nicht nur der Gefallenen der flandrischen Felder und überhaupt überall des neunzigsten Jahrestags des Weltkriegsendes von 1918 gedacht, wurde nicht nur auf dem Kölner Heumarkt die Karnevalssaison ausgerufen — sondern es lief auch die Queen Elizabeth 2 zum letztenmal aus Southampton aus, dem Hafen, den sie erstmals vor vierzig Jahren, im wilden Jahr 1968, verlassen hatte. Nach hunderten von Transatlantiküberquerungen und dutzenden von Weltreisen „dampfte” sie nach Dubai, um dort in ein landgefesseltes Luxushotel verwandelt zu werden.

Ein paar Tage zuvor verließen Rita und ich Southampton an Bord des zur Zeit größten Kreuzfahrtschiffs der Welt, der in den Bahamas registrierten Independence of the Seas, mit 160.000 Bruttoregistertonnen mehr als doppelt so groß wie die QE2. Fast 340 Meter lang und 60 Meter breit und mit einer Höhe von an die 70 Meter über dem Wasserspiegel, wurde der auf einer finnischen Werft gebaute und seit Mai in europäischen Gewässern schippernde Gigant der amerikanischen Gesellschaft Royal Caribbean erstmals auf dreizehntägiger Atlantiküberquerung nach Fort Lauderdale in Florida überführt. Von dort aus soll bis zum Frühjahr, wenn es zurück nach Europa geht, eine Besatzung von knapp zweitausend Offizieren, Matrosen, Ingenieuren, Technikern, Köchen, Kellnern, Tellerwäschern und anderen Reinemacheleuten, Kabinenstewards, Croupiers, Musikern und Entertainern aller Art und aller Herren Länder jeweils über dreieinhalbtausend Passagieren auf einwöchigen Rundreisen durch die Karibik „the time of their life” zu bieten versuchen, und zwar mit ebenso ungewöhnlichen wie krassen Attraktionen; so gibt es neben der „normalen” Ausstattung solcher Megaschiffe, wie dem dreistöckigen Restaurant, der Cafeteria mit hunderten von Speiseangeboten von Pizza bis Pad Thai (alles im Passagepreis inbegriffen), den vielen Bars, dem Spielcasino, dem dreizehnhundertsitzigen Theater mit High Tech–Bühne auch noch eine mehrstöckige Shopping Mall–Imitation (allerdings mehr Schein als Sein, mit dürftiger Auswahl und trotz der angepriesenen Zollfreiheit überteuerten Preisen — da war die Herrods–Filiale auf der QE2 besser), eine Eislaufbahn, einen Boxring, eine Kletterwand und eine Surfanlage. Übrigens wurde die erste Eislaufbahn auf dem Meer vor neun Jahren von Katharina Witt eingeweiht, der auch die Ehre zuteil wurde, zur Taufe eine Sektflasche gegen den Bug (oder war‘s das Heck?) der Voyager of the Seas zu schmettern, das damals neueste und größte Schiff der Royal Caribbean–Flotte.

Dies war unsere neunte Atlantiküberquerung per Schiff — fünf davon auf der eleganten alten Dame QE2, zwei auf der großspurigen Queen Mary 2 und eine auf der in Deutschland gebauten Norwegian Sun, als sie im September 2001 von Southampton in siebzehn Tagen über Frankreich, Irland, Schottland, Island, Neufundland und Nova Scotia über den Nordatlantik ihre Jungfernfahrt machte. Eigentlich sollten wir damals in New York einlaufen, aber während unseres ersten Stops in Le Havre orchestrierten die Al Kaida–Massenmörder ihre Kartonmesserattentate, und der New Yorker Hafen war noch gesperrt, als wir uns Ende September näherten, also wurden wir umgeleitet. Die Überfahrt auf der Norwegian Sun gestaltete sich daraufhin fast surreal: Viele Menschen an Bord kamen aus New York und New Jersey und versuchten per Telefon und Internet verzweifelt Näheres über die Schicksale von Verwandten und Bekannten zu erfahren, die im World Trade Center und dem Financial District arbeiteten, während das Unterhaltungsprogramm des Schiffs planmäßig weiterlief, nach dem Motto: Vergnügen muß sein. Schließlich hatte die von den Auswirkungen der Anschläge persönlich verschonte Mehrheit der Passagiere nicht jeweils tausende von Dollars ausgegeben, um sich vom Weltgeschehen deprimieren zu lassen. So fand noch am Abend von Nine–Eleven ein glanzvoller Kapitänsempfang statt, bei dem der Sekt in Strömen floß, während wir alle in Abendkleidern und Smokings herausgeputzt dem norwegischen Kapitän die Flosse schüttelten und eigentlich das Unfaßliche (noch) nicht wahrhaben wollten: Das war doch sicher nur ein Horrorfilm aus der Hollywoodküche gewesen, was uns da eben über die Kabinenfernseher geflimmert war. Ganz anders auf der QE2, die am 10. September 2001 wenige Stunden vor der Norwegian Sun aus Southampton auslief und auf der sich zwei Freunde von uns aus Charlottesville befanden, mit denen wir das Wochenende zuvor in London verbracht hatten: Dort wurde im Gedenken an die amerikanische Tragödie schlichtweg das Entertainment gestrichen, bis zweitausend mürrische Menschen im Ausweichhafen Boston von Bord stolperten und mit ihren Schuldgefühlen zu ringen hatten, daß sie sich innerlich über das teure Geld für eine solche sechstägige Dürre ärgerten.

Das erstemal, daß wir statt über den Wolken auf den Wellen über den Atlantik setzten, Mitte der Neunziger, brauchte die QE2 dazu nur fünf Tage und hätte es mit ihren 34 Knoten Spitzengeschwindigkeit — fünfzig Prozent schneller als die Independence of the Seas — auch in vieren schaffen können. Später, um die Dieselgeneratoren zu schonen, den Spritverbrauch zu drosseln und den Passagieren einen extra Tag guter Küche und frischer Laken zu bescheren, beschloß der neue Besitzer der altehrwürdigen britischen Cunard Line, die amerikanische Gesellschaft Carneval Cruises, die Überfahrt um einen Tag zu verlängern. Diese Gepflogenheit wurde dann auch auf der 2004 in Dienst genommenen Queen Mary 2 fortgesetzt, als sie die QE2 bei den regelmäßigen Atlantiküberquerungen ablöste, womit die einst speziell für Langstrecken gebaute alternde Lady vom Ocean Liner zu einem hauptsächlich von Hafen zu Hafen schippernden Cruise Ship degradiert wurde.

Die Queen Mary 2 dagegen wurde von Anfang an als Zwitter von Ocean Liner und Cruise Ship konzipiert — mit einem Schiffskörper, der den schnittigen Linien der alten Hochseedampfer Homage zollt, und dem klotzigen Oberbau der neuesten Generation der Luxuskreuzer, der von Hunderten von „Staterooms” mit privaten Balkonen dominiert wird und auf dem ein halbes Dutzend Swimmingpools, ein Basketballfeld und andere Anlagen zur Körperertüchtigung oder zum Faulenzen Platz finden. Nachdem die QM2 vom Stapel gelassen war, konnte sich das wie ihre Vorgängerin, die QE2, in England registrierte neue Cunard–Schiff mit seinen 145.000 BRT eine kurze Zeit lang rühmen, das größte Passagierschiff der Welt zu sein, bis es von der Royal Caribbean–Konkurrenz mit sogenannten „Freedom Class”–Schiffen übertrumpft wurde — mit der im Mai 2008 in Dienst gestellten Independence of the Seas als allerneuester Inkarnation.

Als der Faszination großer Schiffe mit ihren Illusionen des leichten, sorgenfreien Lebens verfallene Fans, die auch eine meeresspiegelflache, jet lag–freie Reise zu schätzen wissen, hatten wir natürlich bereits 2004, während ihrer ersten Saison, eine Fahrt auf der Queen Mary 2 gebucht. Wir stiegen in Southampton zu, zwei Tage nachdem die jugendliche Riesin erstmals von Hamburg ausgelaufen war, unter gewaltigem Trara des deutschen Medienzirkus verabschiedet von zirka einer Million entlang der Alster die Hälse renkender Menschen. An Bord war ein ZDF–Team, das Rita und mich gleich aufs Korn nahm. Immerhin laufen einem an Bord nicht aller Tage eine fließend deutsch sprechende Afroamerikanerin mit ihrem deutschstämmigen Mann über den Weg, die bereits einige Erfahrung mit atlantischen Schiffsüberquerungen haben und auf dem prächtigen Tanzboden der neuen Queen videogen Walzer tanzen. Und so geschah es, daß wir seit Herbst 2004 in unzähligen Wiederholungen der Reisedokumentation über deutsche Fernseher flimmerten. Erst kürzlich erhielt ich eine Mail meines alten Dichterkumpels Guntram Vesper, mit dem ich vor über vierzig Jahren, vorgestellt von Hans Bender, im Kölner Studio Dumont aus unseren Jugendwerken las und mit dem ich nach meinem „Verschwinden” in den USA, 1976, ganz den Kontakt verlor; er hatte mich in einer müßigen Stunde beim Tanzen und Schwadronieren im ZDF erwischt. In dem Film habe ich übrigens das letzte Wort, aufgenommen, während wir in dichtem Nebel New York anliefen, was den Filmemachern die berühmte Skyline von Freiheitsstatue bis Empire State Building (und die vom World Trade Center hinterlassene Lücke) vergrätzte — das einzige Mal bei unseren Überfahrten, daß uns Manhattan nicht klarsichtig in Empfang nahm.

Der Zufall mit dem ZDF–Team war keineswegs unsere einzige Überraschung an Bord der Cunard–Queens. 1995, bei unserer allerersten Reise auf der QE2, wurde Rita, zu der Zeit noch US–Poet Laureate, von dem amerikanischen Dichter John Malcolm Brinnin erkannt und angesprochen. Brinnin, damals schon ein Mittachtziger (inzwischen ist er längst verstorben), machte seine knapp hundertste Atlantiküberquerung per Schiff seit 1937, wie er stolz hervorhob, auf dem Weg zu seiner Sommerbleibe auf einer griechischen Insel, und lud uns, die wir in einer relativ schlichten Außenkabine mit Bullauge reisten, in seine Luxussuite ein, die auch ins Waldorf Astoria gepaßt hätte. Da er im exklusiven Queens Grill–Restaurant aß, konnte er uns, die im auch nicht gerade üblen, doch keineswegs exklusiven Mauretania–Restaurant verpflegt wurden, nicht zum Dinner einladen, ließ stattdessen vom Butler, der ihm in der Luxusklassensuite zustand, Kaviar und Sekt auffahren. Die eigentliche Ironie dieses Treffens ergab sich jedoch aus einem weiteren irren Zufall: John Malcolm Brinnin war der engste amerikanische Freund von Dylan Thomas gewesen und hatte 1954 des berühmten walisischen Dichters Tour durch die Vereinigten Staaten organisiert, an deren Ende sich Dylan Thomas in New York zu Tode soff. Und wir, Rita, unsere Tochter Aviva und ich, waren justament auf dem Weg zu Dylans Heimatstadt Swansea in Wales, wo Rita zusammen mit Dylan–Verehrer und Amateurdichter Jimmy Carter wenige Tage später das Dylan Thomas–Center eröffnen würde.

Eigentliche Klassen wie auf den Steamern von vorgestern existieren auf den heutigen Schiffen nicht mehr; nur bei Cunard — unter deren Flagge zur Zeit, seit der Dubai–Überführung der QE2, lediglich noch die Queen Mary 2 und die kleinere Queen Victoria über die Ozeane schippern — gibt es einen Anflug von käuflichem Standesdünkel, der sich hauptsächlich in den verschiedenen Kabinenkategorien zugeteilten Restaurants manifestiert. Dabei lassen sich die im Pauschalpreis inbegriffenen Speisen und der Service in allen Kategorien durchweg positiv mit den besten Restaurants an Land vergleichen; leider sind Auswahl und Mengen so verführerisch überreichlich, daß es herkulischer Willenskraft bedürfte, den Versuchungen zu widerstehen.

Wir versuchen immer, die üblichen Kreuzfahrten zu vermeiden, bei denen man nach Stippvisiten fremder Häfen wieder am Ausgangspunkt landet, obwohl wir es ein paarmal mit Verwandten und Freunden gemacht haben: zweimal von Florida in die Bahamas, einmal von San Juan, Puerto Rico über die Virgin Islands, Barbados, Isla Margarita (Venezuela) und Aruba zurück nach San Juan. Ganz hübsch, aber letzten Endes unbefriedigend. Lieber bewegen wir uns von Punkt A nach Punkt B. Als unsere Tochter noch ein Teenager war, boten wir ihr einmal in einem Urlaubsschwung die schnellste und die langsamste Reise zu ihrer deutschen Oma: Hin in der inzwischen leider verschiedenen Concorde, von New York nach London bei Mach 2 in drei Stunden und zwölf Minuten, und zurück mit weniger als dreißig Knoten auf der QE2 in einer knappen Woche. Und vor zwei Jahren, im Herbst 2006, fuhren wir mit der auch nicht gerade kleinen Sapphire Princess, die zur Princess Cruise Line gehört (inzwischen wie Cunard vom Kreuzfahrtmoloch Carneval Cruises einverleibt), von Alaska über Sibirien und Japan nach China, sechzehn herrliche klare Herbsttage, bis wir im Smog von Beijing ankamen — aber das ist eine andere Geschichte. Wie es auch eine andere Geschichte ist, als uns im Sommer 2000 Katharina Witts Vater auf ihrer Datscha nördlich von Berlin eine köstliche Erbsensuppe kochte und Katharina Fotoalben vor uns ausbreitete, in denen ihre Patenschaft der ersten Eislaufbahn auf hoher See dokumentiert war. Wer hätte damals ahnen können, daß ich acht Jahre später zum erstenmal, seit ich als Sechzehnjähriger auf stumpfen Anschnallkufen über die gefrorene Aggertalsperre einem Mädel nachstellte, um ihr unter den dicken Rollkragenpullover zu greifen, auf einem Schiff, das gerade die Tropen erreichte, wieder Schlittschuh laufen würde… Genug der Nostalgie. Zum Dinner gab es gekühlte Bananen– und Orangensuppe, geräuchertes Lachscarpaccio, Salat aus Papayas, Lychees und Wasserkastanien, asiatische Knusperente mit chinesischem Gemüse — und zum Nachtisch bestellte ich mir Mangomousse, Kokusnußparfait und ein kleines Sorbet zum Abgewöhnen. Wieviele Stunden muß ich wohl Schlittschuh laufen oder mich von den Haubitzen der Surfanlage auf dem vierzehnten Deck mit Hochdruckwellen beschießen lassen, um mir diese Kalorien wieder abzuspecken?

Bleibt noch die Frage, ob die QE2–Investoren in Dubai etwa auch planen, ihrer Exkönigin der Meere beim Umbau zum Wüstenhotel entsprechend neuen Schliff zu geben. Schade wär‘s auf jeden Fall, wenn solchen Neuerungen die Tradition der Gurkenhäppchen und Scones zum Five–O‘Clock–Tea, serviert mit blütenweißen Handschuhen und abwechselnd musikalisch untermalt von einer Big Band und einer Harfenistin, zum Opfer fielen. Ach ja, die gute alte Zeit…


(November 2008)

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