P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
Poesie, die 29. Polytechnische Oberschule Berlin-Pankow
und das Schattenreich des Pablo Escobar
Eigentlich wollte ich nur einen bescheidenen kleinen Reisebericht über die Woche schreiben, in der ich Rita, meine Frau,
zu einem internationalen Dichterfestival in Südamerika begleitete. Aber unser Ziel war nun mal keine x-beliebige Stadt in
einem x-beliebigen Land, wo sich hundert Poeten und ihre Eitelkeiten ein Stelldichein mit ihrem esoterischen Publikum geben.
Es war auch kein braver Ort wie Wellington, Neuseeland, wo die Dichter frohgemut und sorglos einen Abendspaziergang am Hafen
machen konnten, keine trotz Armut und in den umliegenden Shantytowns grassierender HIV doch recht bürgerliche, fast europäisch
»normale« Stadt wie Durban, Südafrika, und schon gar nicht eine Stätte des laissez faire wie Santiago de Chile, die sich 2001
vom Grauen der Pinochet-Diktatur unter anderem dadurch erholte, dass die Dichter vom Balkon jenes Präsidentenpalastes lasen,
wo im September 1973 Salvador Allende sein Leben lassen musste. (Vor den Lesungen flog die chilenische Luftwaffe über den
Platz vor dem Palast und warf säckeweise Gedichte auf die versammelte Menschenmenge.)
Dort, wo wir die letzte Juni- und erste Juliwoche dieses Jahres verbrachten, wäre Versöhnung zwischen dem Militär und seinen
Widersachern, wäre Frieden zwischen der Regierung und jenen, die sie zu Fall bringen wollen, wäre das Ausmisten der Korruption
und der Verzicht auf selbstgerechte Revolution ein Wunder. Es ist schon ein Wunder, dass nach Jahrzehnten an Mord und Totschlag,
Chaos und Aufhetzerei, Terror und Gegenterror diese Stadt mit dem besudelten Namen noch oder wieder relativ normal funktioniert,
dass die bunten Busse mit den nach oben geknickten Chromauspuffen gleichmütig ihre Rußpartikel ausspucken und die gelben Taxis
nicht dauernd miteinander kollidieren, obwohl sie roten Ampeln selten Beachtung zollen; dass es herrliche öffentliche
Einrichtungen gibt, wie den Barfußplatz, wo Kinder und Erwachsene in fantasievollen Brunnen tollen; dass in der saalhaften
zweistöckigen Konditorei Astor in der Fußgängerzone der Paseo Junin elegant gekleidete Herrschaften Schwarzwälder Kirschtorte
genießen und an Marzipangebäck knabbern; dass Fernando Botero, der mit seinen dicken Figuren weltberühmt gewordene Maler und
Bildhauer, durch seine Stiftung von fast zwei Dutzend überlebensgroßen Skulpturen seine Heimatstadt vor fünf Jahren dazu
veranlasste, vor dem Kunstmuseum einen ganzen Block hässlicher Bürogebäude abzureißen, um Raum zu schaffen für diese Skulpturen,
und damit einen der aufregendsten urbanen Plätze der Welt kreierte…
Wie ein Wunder ist es auch, dass in dieser Stadt in den letzten anderthalb Jahrzehnten Jahr für Jahr ein internationales
Poetenfestival aufblühen konnte, das auf unserem Planeten seinesgleichen sucht. Und doch unterliegt diese nur etwa siebenhundert
Kilometer nördlich des Äquators und sechzehnhundert Meter über dem Meeresspiegel gelegene Metropole, der das ganzjährig gleichmäßig
milde Klima mit Tagestemperaturen um die 25 Grad Celsius den schmeichelhaften Beinamen »Stadt des ewigen Frühlings« eingetragen
hat, einem Fluch, gegen den weder eine florierende Textilindustrie noch die besten Kaffeebohnen der Welt gewachsen sind: dem Fluch
der Cocapflanze.
Coca, und die weltweite Nachfrage nach dem daraus gewonnenen Kokain, verwandelte das Paradies der »Stadt des ewigen Frühlings« in die
Hölle der »Mordhauptstadt der Welt«. Zwar trifft dieser infernalische Beiname heute nicht mehr so recht zu, aber im internationalen
öffentlichen Bewusstsein sind einmal etablierte Vorurteile schwer abzuschütteln, gleichgültig, ob sich die Schwerpunkte des Terrors
in den letzten Jahren über Kontinente hinweg verschoben haben, wie uns kürzlich mal wieder ein Tentakel der Al-Qaida vorführte: Denn
als am 7. Juli das Londoner Transitsystem von Kamikazekillern lahmgelegt wurde, sausten in Medellín, vierhundert Straßenkilometer
nördlich der Landeshauptstadt Bogota, die blitzsauberen Züge der Metro mit unverminderter Geschwindigkeit zwischen Wolkenkratzern
und den sich in den Ausläufern der Andenberge räkelnden Vororten hin und her. Zwar musterten an jedem der hochmodernen Bahnhöfe
schwer bewaffnete Soldaten die Passagiere, aber das war hier weder etwas Neues noch etwas Besonderes; daran sind die Medellíner
gewöhnt, seit der Stolz ihrer Stadt, die einzige Nahverkehrsbahn Kolumbiens, vor zehn Jahren den Betrieb aufnahm.
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