logo

Home


Wir über uns


P.E.N. Charta


Writers in Prison


Satzung


Mitglieder


Vorstand


Texte


PENinfo


News Forum Förderverein Links Kontakt Impressum

P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland


Buchvorstellung:

Im Land des Kohls & Ein Eisbär in Apolda

Lutz Rathenow mit Märchen für Große und Kleine

Eine Doppel–Rezension von Christian Dorn


Gibt es neben Knut und Flocke noch andere Eisbären? Zweifelsohne, wie Lutz Rathenow zeigt. In seinem – im wörtlichsten Sinn – wunderbaren Kinderbuch „Ein Eisbär aus Apolda“ begegnet uns darüberhinaus eine ganze Reihe weiteres Getier, Elefanten, „Karloffelkäfer“ oder ein Ameisenbär, der vor seinem eigenen Spiegelbild flüchtet. Was alle Tierfiguren miteinander verbindet, ist die höchst eigenwillige Existenz ihres Daseins, das sich in ebenso kurzweiligen wie skurrilen Geschichten ereignet. Kurzprosa mitunter auch für Erwachsene, dicht und voller Hintergründigkeit. Für Kinder bestens geeignet, um sie an eine Lebensweisheit heranzuführen: Nicht alles ist immer so wie es das zu sein scheint.

Da ist der gelangweilte Mann, der sich einen ihn zuverlässig stechenden Floh zulegt, um schließlich bei einer Schnecke zu landen, die ihn letztlich dazu bringt, selbst in die Welt hinauszugehen. Derweil schickt Rathenow die daheim eingesperrten Sieben Geißlein der Gebrüder Grimm in die Gegenwart antiautoritärer Erziehungsmuster, wo sie als rotzfreche „zickige Ziegen“ agieren. In Abwesenheit ihrer Mutter treiben sie es vor lauter Langeweile auf die Spitze: „Käme endlich mal der Wolf, da wäre was los!“. Als der da ist, fordert eines der Geißlein: „Fletsch mal die Zähne, soll schön gruselig sein!“. Schließlich wollen sie vom Wolf gefressen werden, doch der winkt ab: „Ziegenfleisch eß ich aus der Büchse, schön gekocht.“

Wie es weitergeht, sei hier nicht verraten, nur soviel: Sprachspiel, Sprachwitz und ein hintergründiger Humor ziehen sich durch Rathenows Kurzgeschichten, die gewissermaßen eine modernisierte Form der Fabel–Gattung repräsentieren. Und diese Geschichte erzeugt beides: Hörvergnügen durch derbe Direktheit, die gerade Jungen einer fünften Klasse bei einer Lesung schon einmal Atemprobleme beim Lachen bekommen lässt. Und eine gewisse Distanz ganz ohne pädagogischen Zeigefinger: irgendwo läuft das anti–autoritäre ins Leere, die absolute Respektlosigkeit tötet dann schon mal aus Versehen.

Überzeugend wirken die Geschichten durch die Absurdität der Situationen und die damit einhergehende, oftmals ironische Brechung der „fabel“haften Belehrung. Zwei davon erschienen in der DDR, zwei durften in der DDR nicht erscheinen (die von den beiden Stinktieren, die um die Wette stinken), bei anderen ist es unklar oder sie entstanden erst danach. So vereint das Buch, was doch zusammengehört und bietet Osteuropäische Kinderbuchkulturtradition der emazipatorischen Art. Das auch Erwachsene schmunzeln müssen, hat neben der phantasievollen Erzählweise Rathenows mit den originellen Illustrationen von Egbert Herfurth zu tun. Der Leipziger darf als einer der bekanntesten DDR–Illustratoren bezeichnet werden, legendär auch durch seine Arbeit für Franz Fühmann.

Als eine Groteske ganz anderer Art hingegen erweist sich „Das Land des Kohls“, das eine veränderte Wiederauflage erlebt: sozusagen ein Bilderbuch gleich für Erwachsene. Hier wird die galoppierende Verblödung beim verbissenen Kampf um die politische Macht in autoritär verfassten Staaten und in urkomischen Konstellationen vorexerziert. Die von Lutz Rathenow geschriebene Slapstick–Erzählung, die bereits 1982 in limitierter Kleinstauflage bei einer Westberliner Handpresse erschien, handelte nicht nur von permanenten Mißverständnissen, sie löste selbige auch gleich aus: so sah der erste Arbeiter– und Bauernstaat auf deutschem Boden durch die Figur des „Ministers für innere Ruheundordnung“ die Staatssicherheit diffamiert, und verbot den Text. Im Westen hingegen wurde die Geschichte mit Blick auf die beginnende Regierungsära Helmut Kohls als neudeutsche Satire gelesen und so kaum verstanden, weil sie mit vielen zu tun hat: aber nichts mit dem Alt–Bundeskanzler.

Nach 25 Jahren wird sie nun angemessen schräg illustriert von Tom Meilhammer, der die Figuren in die Kaiserzeit oder Weimaer Republik zurückversetzt. Nun erscheint der Text erstmals wirklich und nicht nur im bibliophilen Ghetto auf dem gesamtdeutschen Buchmarkt. Unwillkürlichen Assoziationen zur Großen Koalition unter dem „Mädchen Kohls“ können nicht ganz ausgeschlossen werden, aber kleine autoritär durchherrschte ehemalige Sowjetrepubliken sind naheliegender. Lustvolle Reflexionen zum politischen Alltagsgeschäft stellen sich gerade auch in Afrika ein, wo ein zum Diktator mutierter Herrscher die Wahlergebnisse so lange nicht verkünden will, bis man ihn zum Sieger erklärt. Da ist der Regierer in Rathenows Geschichte irgendwie gemütlicher veranlagt, ein Diktator, der kein Blut sehen will, wenn er schon ständig Kohlköpfe sehen und essen muß.

Zu verdanken ist diese Veröffentlichung der in Regensburg domizilierten Edition Buntehunde, die schon Rathenows rätselhaftes Bilderbuch „Tag der Wunder“ im Vorjahr nachdruckte. Überhaupt riskiert diese Edition mehrere ungewöhnliche und – im Hinblick auf die harmoniesüchtigen kaufbereiten Eltern — „schwierige“ Kinderbücher. So sind es eben oft die kleinen Verlage, die – so eine vormalige Kultur–Staatsministerin — „das kulturelle Gedächtnis des Landes“ bewahren. Oder erst zu bilden versuchen.

Lutz Rathenow / Egbert Herfurth: Ein Eisbär aus Apolda. Leiv (Leipziger Kinderbuchverlag), Leipzig 2006. 32 Seiten, geb., 12,90 Euro (D). ISBN 3–89603–257–7. 2. veränderte Auflage 2008

Lutz Rathenow: Im Land des Kohls. Illustriert von Tom Meilhammer. Edition Buntehunde, Regensburg 2008. 40 Seiten, 19 Illustrationen, ISBN 978–3–934941–36–6. 13,90 Euro (D).


© by CHRISTIAN DORN

Zum Seitenanfang