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P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland


Wie ich zu Max Zweig kam


Eine biographische Erzählung von
Eva Reichmann


Meine Beschäftigung mit der jüdischen Literatur begann eher unbewußt schon während meiner Schulzeit. Zwar war/ist es in Salzburg nicht üblich, auf die Herkunft von Autoren zu verweisen, doch ich fand die Romane von Joseph Roth auf eine andere Weise faszinierend, als die von Hermann Broch oder Heimito von Doderer. Alle drei habe ich sehr geliebt, doch zu Hause gefühlt habe ich mich bei Roth, ohne zu wissen, warum.

In der Schule haben wir nicht viel über Geschichte gelernt. Erst an der Universität in Bielefeld habe ich erfahren, das mein Geschichtslehrer der Sohn des Nazi-Bürgermeisters von Salzburg gewesen ist. Ein netter Mensch - auf den Geschichtsunterricht wirkte sich das allerdings nachteilig aus. Wir lernten Geschichte nur bis in die zwanziger Jahre kennen.

Aufgewachsen in einer Welt des Totschweigens habe ich mit sechszehn Jahren eher zufällig erfahren, warum mein Vater die Zeit von 1944 bis Kriegsende in einem Arbeitslager in Thüringen verbringen musste. Zweifellos war ich naiv - ich hätte ja auch schon früher heftige Fragen stellen können - doch ich habe es nicht getan. Wahrscheinlich, weil meine Eltern immer passende und einleuchtende Antworten für die Fragen "Wo ist eigentlich der Opa (der Vater meines Vaters)?" oder "Warum war Papa in einem Arbeitslager?" parat hatten.
Erst, als ich meinen Vater fast für einen Verbrecher gehalten hatte (warum kommt man sonst schon in ein Arbeitslager?), was er natürlich nicht wollte, und ich ihn in einem Streit den Satz "Ich bin eben unwertes Leben" sagen hörte, wurde ich hellhörig, stellte andere Fragen und bekam die wirklichen Antworten:
mein Großvater väterlicherseits war 1892 als Meier Reichmann in Storojinetz, nahe Czernowitz, geboren worden, die jüdische Familie war reich und handelte mit Holz. 1926 hatte er in Wien meine Großmutter kennen gelernt. Jedenfalls ließ er sich 1927 gegen den Willen der Familie taufen, hieß fortan Max, heiratete meine Großmutter und im Dezember 1927 kam mein Vater auf die Welt und wurde ebenfalls katholisch Maximilian getauft. 1936 kehrte mein Großvater, um Hitler zu entgehen, in seinen ursprünglichen Beruf zurück: er war Bohrmeister gewesen und Shell stellte ihn wieder ein, schickte ihn nach Baku. Mein Vater sollte mit seiner Mutter nachkommen - doch die hatte nichts besseres zu tun, als sich sofort 1938 aus rassischen Gründen scheiden zu lassen. Was aus ihm geworden ist - ich weiß es nicht.

Meine Beschäftigung mit jüdischer Literatur und Geschichte jedenfalls wurde nun eine bewußte und andere.

Eher zufällig habe ich 1990 Stefan Vopel kennen gelernt. Er lebte immer wieder in Israel und war Vorleser bei Max Zweig, als dieser schon nicht mehr selbst lesen konnte. Als ich eine Bahnfahrt von Bielefeld nach Wien vor mir hatte, drückte mir Stefan mit den Worten "das wird dir gefallen" Zweigs Autobiographie in die Hand.
Er hatte recht: ich habe diese Nacht im Liegewagen nicht geschlafen, sondern bis Wien das Buch gelesen. Dieser Mann faszinierte mich. Diese ungeheure "Sturheit" auf allen Ebenen habe ich bewundert: um keinen Preis einer anderen Arbeit als der schriftstellerischen nachgehen zu wollen, oder kein Wort hebräisch zu lernen um den Bezug zur deutschen Sprache nicht zu verlieren - ich habe mir mit Stefans Hilfe sofort alle Dramen Zweigs besorgt, die aufzutreiben waren.
Zwar halte ich noch heute die Dramen aus theaterpraktische Sicht nur mit großzügigen Streichungen spielbar (ich habe als Dramaturgin und Regieassistentin gearbeitet und meine, was vom Theater zu verstehen) - doch Zweigs Hand, aktuelle und wichtige Themen als erster anzugehen ist herausragend. Ich wollte diesen Mann kennen lernen.
"Ruf ihn doch an, er ist gerade in der Schweiz", sagte Stefan. Ungläubig habe ich das getan und wurde sofort nach Bern eingeladen. Ich habe mich in den Nachtzug gesetzt und einen unvergesslichen Tag im Gespräch mit Max Zweig verbracht. Er war zu diesem Zeitpunkt 99 Jahre alt - doch so rüstig, dass wir uns schon für das nächste Jahr wieder verabredet hatten. Ich versprach, mich um die Herausgabe seines Werks in einem guten Verlag zu bemühen. Er hat es nicht recht geglaubt - zuviele Enttäuschungen hatte er in dieser Beziehung schon erlebt.

Leider verstarb Zweig im Januar nach unserem Treffen. Ein Jahr später habe ich in meiner damaligen Funktion als Lehrende der Universität Bielefeld ein Seminar über sein Werk gegeben. Die Studierenden waren sehr angetan, das Seminar ein Erfolg.

Das nächste Projekt war dann, eine Aufsatzsammlung über Zweigs Werk zu veröffentlichen. Es gelang mir relativ mühelos einen Verlag und namhafte Beitragsleister zu finden - und so erschien 1995 der erste umfangreiche Sammelband zu Zweigs Werk.

Ausgestattet mit diesem Sammelband gelang es mir, den Verleger Michael Schardt von der Notwendigkeit einer Gesamtausgabe zu überzeugen. Geldgeber waren schnell gefunden. So konnte - mit der Unterstützung des leider verstorbenen Armin Wallas - 1997 die Gesamtausgabe beginnen.

Im Nachhinein bin ich erstaunt, wie leicht es war, Geldgeber für beide Projekte zu finden. Zweig hatte immer geklagt, dass kein Mensch ihn verlegen wolle. Ich frage mich, was die anderen, die es angeblich vor mir versucht hatten, falsch gemacht haben. Vielleicht fehlte ihnen die Überzeugung, die für ein solches Projekt notwendig ist.

Wilhelmine Bucherer, Zweigs Erbin, übertrug mir noch 1995 die literarischen Rechte an Zweigs Werk. Einige Handschriften lagern bei mir, doch nur die, die doppelt vorhanden waren. Alles andere liegt in Marbach. Der Nachlass eines Autors muss öffentlich zugänglich sein.

Ich verdanke meine intensive Auseinandersetzung mit den Werken jüdischer Autoren aus dem Raum der ehemaligen Donaumonarchie Max Zweig. Ich glaube nicht, dass ich mich ohne die Begegnung mit ihm so sehr darauf konzentriert hätte. Seine "Sturheit" ist meines Erachtens die wichtigste Eigenschaft eines schreibenden Menschen: sich nicht abbringen lassen von dem, was man für wichtig hält. Das habe ich erst bei ihm gelernt.

So habe ich eine faszinierende Welt von Soma Morgenstern über Oskar Baum bis hin zu den heutigen deutschsprachigen jüdischen Schriftstellern kennen gelernt.

In meinem eigenen belletristischen Schreiben hat mich Zweig durch seine Arbeitsweise beeinflusst. Ich mache mir - wie er - kaum Notizen, sondern schreibe, was sich im Kopf bis zur Fertigkeit geformt hat, einfach auf. "Was ich vergesse, war nicht wert, behalten zu werden", hat er gesagt. Und er hat Recht.

© 2005 by Eva Reichmann