logo

Home


Wir über uns


P.E.N. Charta


Writers in Prison


Satzung


Mitglieder


Vorstand


Texte


PENinfo


News Forum Förderverein Links Kontakt Impressum

P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland


Die Exterritorialität des Denkens.
Hans Sahl, ein Intellektueller im Exil

Auszug aus dem gleichnamigen Buch von Andrea Reiter,
erschienen im Wallstein Verlag, Göttingen 2007


Hans Sahl (1902-1993) war in doppelter Weise von den ideologischen Kämpfen des 20. Jahrhunderts betroffen. Er warnte vor Hitler und dem Erstarken rechter Bewegungen. 1933 musste er aus Deutschland fliehen und wurde als jüdisch-deutscher Intellektueller bei Kriegsausbruch in französischen Lagern interniert.

Mithilfe Varian Frys erreichte er 1942 in letzter Minute New York, fand dort jedoch erst in den späten fünfziger Jahren ein wirtschaftliches Auskommen. Nachdem der Versuch, sich mit der Heimat zu arrangieren, am Klima der Adenauer-Zeit gescheitert war, kehrte Sahl erst 1989 nach Deutschland zurück.

Als kritischer Linker, der schon als Schüler Marx und Engels las, wurde er früher als viele seiner Weggenossen unter dem Eindruck der Moskauer Prozesse schon im Exil zum Renegaten. Dieses Exil im Exil prägte nachhaltig sein Selbstverständnis im Sinne doppelter Ortlosigkeit und „Exterritorialität“.

Hans Sahl war einer der letzten Zeugen der ideologischen Auseinandersetzungen, die das 20. Jahrhundert geprägt hatten. Er starb 1993 in Tübingen.



Wer war Hans Sahl? Für die deutsche Nachkriegsgeneration lieh er den berühmten amerikanischen Dramatikern des zwanzigsten Jahrhunderts seine Sprache. Er übersetzte allen voran die Stücke Thornton Wilders: Eine kleine Stadt, Die Katze auf dem heißen Blechdach, Die Heiratsvermittlerin, Wir sind noch einmal davongekommen. Sie alle und viele mehr, die Dramen von Alfred Kazin, Millard Lampell, Arthur Miller, John Osborne, Tennessee Williams, Arthur Kopit wurden nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf deutschen Bühnen vierzig Jahre lang in Sahls Idiom gespielt. Die von Gregor Ackermann und Momme Brodersen zusammengestellte Bibliographie von Sahls Werken nennt knapp achtzig Übersetzungen aus seiner Feder; der Großteil davon sind Bühnenstücke.

Im selben Zeitraum, in dem er als Übersetzer eine Brücke zwischen der sogenannten Alten und der Neuen Welt schlug, tat er dies auch noch auf andere Weise. Ab den späten vierziger Jahren berichtete er als Kulturkorrespondent führender deutschsprachiger Zeitungen, zuerst der Neuen Zürcher Zeitung, später vorwiegend der Welt, für ein deutsches Publikum über Theaterpremieren und Kunstausstellungen in New York. Das Amerika-Bild, das die deutschen Leser nach Kriegsende entwickelten, wurde also von Sahl ganz wesentlich mitgeprägt. Aber auch in umgekehrter Richtung entfaltete Sahl seine Vermittlertätigkeit, indem er beispielsweise im New Yorker Aufbau über seine 1949 regelmäßig unternommenen Europareisen schrieb. Diese Zeitung druckte auch immer wieder Gedichte von ihm.

In den beiden Rollen, der des Übersetzers und der des Korrespondenten wurde der Name Sahls den Gebildeten im deutschsprachigen Raum Europas während der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts bekannt. Weniger bekannt war den meisten jedoch, wer sich hinter diesem Namen verbarg. Die Aufmerksamen konnten 1959 zumindest eine Ahnung davon erhalten. In diesem Jahr erschien bei S. Fischer Sahls Roman Die Wenigen und die Vielen. Mit einem Reichtum an Detail, der intime Kenntnis des Sujets voraussetzt, schildert dieser Text den Weg eines deutschen Intellektuellen, der 1933 kurz nach der Machtergreifung Hitlers über Prag und Zürich nach Paris flüchten musste und dem schließlich New York Sicherheit, aber kaum ein Überleben gewährte. Zeigte die Generation des Wiederaufbaus in Deutschland einerseits wenig Interesse am Existenzkampf der vom Nationalsozialismus Verfolgten, so erweckte der Roman andererseits auch nicht nur Wohlwollen bei den im Banne des realen Sozialismus stehenden deutschen Intellektuellen. Die Wenigen und die Vielen ist nämlich auch ein politischer Roman, der recht parteiisch von den Fraktionskämpfen innerhalb der Linken im Exil und von den Wurzeln des Kalten Krieges handelt.

Sechzehn Jahre nach Erscheinen dieses Werkes veröffentlichte Sahl den Gedichtband Wir sind die Letzten (1976). Unter anderem wagte er damit einen abermaligen Versuch, über seinen Lebensweg Auskunft zu geben. Der Band vermittelt einen Einblick in Sahls lyrisches Schaffen in knapp fündundvierzig Jahren und enthält auch Gedichte, in denen er seine Flucht durch Frankreich von 1940 schildert. Auch diesem Band brachte die deutsche Leserschaft nur begrenztes Interesse entgegen. Sahls Lyrik war den einen zu traditionell, den andern zu ‚Brechtisch’. Die Zeit dieses Autors war immer noch nicht gekommen, was sich aber nur wenige Jahre danach ändern sollte.

Ab 1983 veröffentlichte Sahl in rascher Folge seine beiden Erinnerungs-Bände Memoiren eines Moralisten (1983), Das Exil im Exil (1990) sowie zwei Bände mit Erzählungen Umsteigen nach Babylon (1987) und Der Tod des Akrobaten (1992). Außerdem kam 1991 Sahls Gedichtband nocheinmal heraus, erweitert um neuere Lyrik, und im selben Jahr erschien auch ein Band mit seinen Essays ‚Und doch...’. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich bereits seit drei Jahren wieder in Deutschland. Kurz vor der Wiedervereinigung kehrte er im Alter von siebenundachtzig Jahren zurück. Im Zuge der politischen Entwicklungen erfuhr er nun spät die Aufmerksamkeit der Jüngeren, die ihn nicht nur als einen der letzten Zeugen der Ära schätzten, in der die Wurzeln jenes Abschnitts der deutschen Geschichte lagen, der nun abgeschlossen schien. Darüber hinaus verehrten sie in ihm auch den Intellektuellen, der bereits in den dreißiger Jahren Kritik am Stalinismus geübt und der seine Haltung gegen alle Widerstände und trotz persönlicher Nachteile bis zuletzt verteidigt hatte.

Um diese Zeit stieß auch ich auf Hans Sahl. Ich arbeitete gerade an einem Buch über die Memoiren von Überlebenden nationalsozialistischer Konzentrationslager, als ich in der Zeit vom 1. März 1991 das Gespräch von Fritz Raddatz mit Hans Sahl ‚Man lebt immer als ob’1 las. Da von Lagerüberlebenden kaum Lyrik publiziert ist, beschäftigte ich mich zuerst mit Sahls Gedichten. Als ich mir 1996 für meinen Aufsatz über diese einen ersten Einblick in Sahls Nachlass im Deutschen Literatur Archiv in Marbach verschaffte – er umfasst im Ganzen zweiundsechzig Kästen –, wurde mir bewusst, dass vor mir die Zeugnisse einer exemplarischen Existenz lagen. Insbesondere Sahls Tagebuch von 1933 bis 1978, achtzehn handgeschriebene Bände, entpuppten sich als unschätzbare Quelle. Sahls Briefwechsel mit der Freundin Lotte Goslar, der über den durch die Tagebücher abgedeckten Zeitraum hinaus bis zu Sahls Tod reicht, ergänzt seine Reflexionen und erlaubt es auch, sie zeitlich genauer zuzuordnen, da Sahl in seinen Notizen kaum Datumsangaben macht. Etwa achttausend Briefe, hauptsächlich aus der Zeit nach 1945, dokumentieren nicht nur die Richtigkeit dessen, was Hans Egon Holthusen anlässlich von Sahls 75. Geburtstag sagte, nämlich er sei ein ‚epistolarisches Genie’. Die Faszination dieser Briefwechsel – unter anderen auch ein über mehrere Jahre geführter mit Hermann Broch – liegt darin, dass in jedem einzelnen von ihnen Hans Sahl sich in seiner Reaktion auf Weggefährten und Zeitgenossen über die biographischen Konstanten hinaus auf eine je eigene Art und Weise zeigtt. Was für ein Mensch begegnet dem Leser einerseits im veröffentlichten Werk und andererseits in den Dokumenten? Wie verhält sich das Bild, das seine Leser von diesem Schriftsteller gewinnen konnten zu demjenigen, das sein Selbstgespräch im Tagebuch oder seine Korrespondenz mit Freunden, Verlegern und Bewunderern vermittelt? Sahls Selbstverständnis steht – was wenig überrascht – in unmittelbarem Zusammenhang mit seinem Status als Exilant, an dem er auch nach 1945 noch festhielt. Obwohl er 1952 dankbar die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, fühlte er sich nie als Amerikaner. Aber auch in Deutschland konnte er nicht mehr heimisch werden. Auf beiden Seiten des Atlantiks sah er sich als Gast und Beobachter. Aus dieser Situation, die auch andere nicht in ihre Geburtsländer zurückgekehrte Emigranten beschrieben haben, erwuchs Sahls Selbstbild des Mittlers zwischen Amerika und dem deutschen Sprachraum.

Das Exil hielt er aber auch für die paradigmatische Existenzform des 20. Jahrhunderts mit den beiden totalitären Ideologien, die es bestimmten. Als Intellektueller verteidigte er das Recht auf Deutungshoheit und Kritik. Dabei akzeptierte er nicht einmal das Gegenargument der politischen Vernunft. Schon in den späten dreißiger Jahren musste er sich daher auf den Posten des Einzelgängers, den eines Vertreters der Wenigen, wie er das später ausdrückte, zurückziehen, und begab sich damit bereits in Paris ins ‚Exil im Exil’. Dieser Privatmythos, den Sahl für sich schuf, half ihm über viele Klippen des Exils, aber auch diejenigen in seiner Beziehung zur Umwelt in Amerika und in Deutschland hinweg.

Sahls Weigerung, mit den Wölfen zu heulen, musste sich auch auf die Publikationsaussichten seines Werkes auswirken. Für seinen Roman fand er jahrelang keinen Verleger, als Schriftsteller trat er erst gegen Lebensende in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit. Allerdings marginalisierte sein Brotberuf, wenn dieser auch im schreibenden Metier wurzelte, über viele Jahre seine Bedeutung als Schriftsteller. Erst spät kam letztere zu ihrem Recht. Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten ließ die Existenznot die zum Schreiben nötige Muße nicht aufkommen, und nach dem Krieg erschöpfte die Arbeit an den Übersetzungen und für Zeitungen Sahls Zeit und Kraft. Dennoch versuchte er auch in der aussichtslosesten Situation literarisch produktiv zu bleiben. Seine noch in den zwanziger Jahren erworbenen Kenntnisse im neuen Genre Film brachte ihm in den ersten Monaten des Exils in Prag den erstaunlichen Auftrag, einen Stummfilm zu synchronisieren. In Paris schrieb er dann ein Skript für einen Film über van Gogh, das aber als unrealisierbar abgelehnt wurde. In einem ‚Roman einer Zeit’ begann er seine Exilerfahrung zu objektivieren, und wenn er zu hungrig war, um aufzustehen, schrieb er im Bett Gedichte. Über lange Jahre des Exils schrieb er ohne Hoffnung auf Publikation, nur zur Selbstvergewisserung.

Entsprachen die von Sahl genutzten literarischen Genres der jeweiligen Situation seines Exils – auf der Flucht vor den deutschen Truppen nach Marseille entstand beispielsweise eine Reihe von Gedichten – so zeigt die Struktur seines Romans Die Wenigen und die Vielen das Gesicht des Exils schlechthin. In diesen Text – halb Autobiographie, halb Roman – montiert der Autor Tagebuchnotizen und Briefe, Erzählerbericht und Reminiszenzen, dramatische und filmische Elemente. Dieses Werk, das Verleger und Rezensenten in den fünfziger Jahren so schwer einordnen konnten, spiegelt in seiner Form jene Unsicherheit und Zerrissenheit, die die Exilsituation erzeugt. Die Exil-bedingte gebrochene Biographie Sahls fand in der formalen Heterogenität seines Romans ihren angemessenen Ausdruck.

Sahls Lebenszeit umspannt beinahe das gesamte 20. Jahrhundert. Am 20. Mai 1902 wird er als zweites Kind des Bankiers und Kommerzienrates Paul D. Salomon und seiner Ehefrau Anna, geborene Maaß, in Dresden geboren. Seine Schwester Käthe ist drei Jahre älter; sie wird sich im Spätherbst 1955, kurz bevor Sahl die Lungenheilstätte in Gauting bei München nach Ausheilung einer Lungentuberkulose verlassen kann, in New York das Leben nehmen. Die Familie führt ein großbürgerliches Haus mit Bediensteten. Die Tochter spielt mit dem Kronprinzen Tennis. Die Eltern zeigen sich musikbegeistert und der Sohn lernt Cello.

Fünfjährig übersiedelt er mit der Familie nach Berlin, jene Stadt, in die es ihn auch nach Ende des Krieges zurückzog. Das Berlin von Sahls Kindheit ist das Gleiche, das Walter Benjamin in seinem autobiographischen Städtebild beschrieb. Wie Benjamin genoss auch Sahl die Annehmlichkeiten des finanziell abgesicherten Lebens, entwickelte gleichzeitig aber bereits früh Neugierde und Sympathie für die weniger Privilegierten. Anfangs besuchte er das Königliche Wilhelms-Gymnasium, dann die Kaiser-Friedrich Schule und macht schließlich an der Leibniz-Oberrealschule in Charlottenburg das Abitur. In den letzten Schuljahren, unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges, engagiert er sich zusammen mit einem seiner Mitschüler, Hermann Budzislawski, der später als Herausgeber die Weltbühne auf stalinistischen Kurs bringen sollte und damit u.a. Sahl als Mitarbeiter verprellte, in einem revolutionären Schülerrat. In dieser Zeit beginnt er sich nicht nur für die Ideologie der Linken zu interessieren, sondern experimentiert auch mit ersten Schreibversuchen, beides nicht zuletzt in Opposition zu Elternhaus und zu seiner Herkunft. Zwischen 1920 und 1925 studiert Sahl Kunstgeschichte, Archäologie, Literaturgeschichte und Philosophie an den Universitäten von München, Berlin, Leipzig und Breslau, wo er schließlich bei August Griesebach eine kunstgeschichtliche Dissertation über den Breslauer Barbara-Altar schreibt und 1929 zum Doktor der Philosophie promoviert wird. Bereits zuvor hatte er begonnen, für verschiedene links-bürgerliche Zeitungen, etwa die Berliner Volks-Zeitung, die Weltbühne und das Prager Tagblatt zu schreiben. 1925 sind erste Artikel im Montag Morgen nachgewiesen und 1926 verzeichnet Sahls Journalisten-Karriere mit der Veröffentlichung der Artikelserie ‚Klassiker der Leihbibliothek’ im Tage-Buch einen Triumpf, der seinen Namen sozusagen über Nacht bekanntmacht. Für den Montag Morgen schreibt Sahl hauptsächlich Filmkritiken. Dies verpflichtete ihn dazu ‚jeden , aber auch jeden Film zu sehen, meist zwei oder drei an einem Tage, oder am Freitag, wo die wichtigsten Premieren stattfanden, sogar vier oder fünf’ (MEM 89). Durch diese Tätigkeit avanciert er zu einem der besten Kenner dieses damals noch jungen Genres und macht damit auch erste Bekanntschaft mit der amerikanischen Kultur. 1930, Sahl ist gerade 28 Jahre alt, wird er erstmals selbst Gegenstand der Kritik: im Berliner Filmkurier erscheint ein Aufsatz über ihn mit dem Titel ‚Kritik ist schöpferische Kunst’, der ihm die persönliche Bekanntschaft von Asta Nielsen einbringt. Er interviewt den russischen Kult-Regisseur Sergej Eisenstein, und Valeska Gert wollte ihn 1931 in Paris überreden, für sie ihre Memoiren zu schreiben. Zwei Jahre später muss Sahl kurz nach der Machtergreifung Hitlers Deutschland verlassen. Sein Exil, das in seinem Bewusstsein auch mit seiner späten Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1989 nicht endet, führt ihn zuerst nach Prag, wo er für den Prager Mittag scheibt und erste Erfahrungen mit den Entbehrungen der Emigration macht:

Gestern Abend im Foyer der Flora gesessen. Hunger gehabt. Kein Geld in der Tasche. Habe auf jemanden gewartet, der mir etwas leihen könnte, aber es kam niemand. Ich fror! Nebenan sass eine grosse lärmende Familie, die sich über Berlin unterhielt. Sehnsuchtsvoll. Schwelgerisch. ‚Jetzt ist in Berlin der Weihnachtsmarkt. Und dann die Tauentzienstrasse. Und bei Wertheim die Ausstellung mit Kinderspielzeugen.’ (TB I, DLA A: Sahl, Verschiedenes Autobiographisches)

Zum Hunger kommt auf den weiteren Stationen seines Exils 1934 vorübergehend, weil ohne Aufenthaltsgenehmigung, in Zürich, danach in Paris, mit mehrmaligen Ausflügen in die Hauptstadt der Schweiz auch die zunehmende Gefahr für sein Leben, die ihm mit dem Vormarsch der Deutschen nicht nur als Gegner des Hitlerregimes, sondern auch als Jude droht. In Paris engagiert er sich anfangs im Schutzverband deutscher Schriftsteller, aus dem er 1936 austritt, weil er nach dem ersten Moskauer Prozess dessen stalinistische Ausrichtung nicht mehr mittragen kann. Mit anderen Kritikern der stalinistischen Linken versucht er 1937, durch die Gründung des Bundes Freie Presse und Literatur ein Gegengewicht zur Volksfrontpolitik Willi Münzenbergs zu schaffen (s. Schiller 2002). Kurz danach, im März und Juli 1938, beschert ihm die Aufführung seines Chorwerkes Jemand in Zürich den größten Triumph seiner schriftstellerischen Laufbahn, was aber weder seine prekäre finanzielle Situation zu verbessern vermag, noch ihm die erhoffte Einladung nach Amerika bringt. Stattdessen wird er zwei Tage nach der Kriegserklärung Frankreichs und Englands an Deutschland, am 5. September 1939, als deutscher Emigrant im Pariser Stade Colombe interniert und in ein Lager in der Nähe von Nevers überstellt, wo er mit Walter Benjamin und einigen anderen Internierten eine Zeitung gründet. Am 1. Februar 1940 erlangt er durch die Intervention des fanzösischen P.E.N.-Clubs wieder die Freiheit und kehrt nach Paris zurück. Aber bereits im Mai erfolgt die abermalige Internierung, diesmal im Camp du Ruchard bei Orleans. Nach der Auflösung dieses Lagers im Sommer auf dem Evakuierungsmarsch durch Südfrankreich formuliert er eine Reihe autobiographischer Gedichte, die er 1942 in Amerika im Band Die hellen Nächte veröffentlicht. In Die Wenigen und die Vielen beschrieb er diese Erfahrung in einer der eindrucksvollsten Sequenzen dieses Romans. Gemeinsam mit einer Handvoll Mitinternierter gelingt ihm schließlich die Flucht, allein erreicht er Marseille. In äußerster Verzweiflung erreicht ihn eine Nachricht Varian Frys, dessen Mitarbeiter er bis zu seiner endgültigen Flucht aus Europa 1941 wird. Am 1. April triffft er auf Ellis Island ein und ist in Sicherheit. Sowohl seine Schwester mit ihrer Familie als auch seine Lebensgefährtin, die Tänzerin Lotte Goslar, erwarten ihn dort. Letztere hatte er in Prag kennengelernt und wie sie später kurz in der Schweiz für Erika Manns Kabaret Die Pfeffermühle gearbeitet. Goslar kam mit dieser Truppe bereits Ende 1937 über Amsterdam nach New York. Sahl bezieht ein Zimmer am Riverside Drive, im gleichen Haus wie Goslar, die aber bereits ein Jahr darauf ein Engagement beim Turnabout Theatre in Hollywood annimmt. Sahl selber lebt mehr schlecht als recht von der Unterstützung verschiedener wohltätiger Vereine, die sich in New York um jüdische Emigranten, geflohene Akademiker oder einkommenslose entwurzelter Künstler kümmeren. Mehrmals steht er vor der Obdachlosigkeit, weil er seine Miete nicht bezahlen kann. Wiederholt muss er Freunde und Bekannte um kleine Darlehen bitten. Lotte Goslar, die in Hollywood ihren zukünftigen Mann kennenlernt, unterstützt Sahl regelmäßig. Durch die Freundschaft mit Hermann Broch und Prinz Hubertus zu Löwenstein, dessen Deutsche Akademie der Künste und Wissenschaften im Exil ihm bereits in Paris finanziell unter die Arme gegriffen hatte, gelingt es ihm aber auch, einige Erfolge zu erzielen. So wird ihm 1943 ein mehrwöchiger Aufenthalt in der Künstlerkolonie Yaddo in Saratoga Springs gewährt und 1944 erhält er vom Verlag Houghton Mifflin einen Vorschuss auf seinen Roman.

Auch in New York engagiert er sich politisch – gegen den stalinistischen Kommunismus. Er befreundet sich mit dem Theologen Paul Tillich, bricht mit ihm aber, als dieser den Vorsitz des Council for a Democartic Germany übernimmt, den Sahl für eine von Moskau gesteuerte Organisation hält. Sahl erneuert dagegen seine Freundschaft mit Ruth Fischer und verkehrt in deren Freundeskreis, zu dem unter anderen der Sinologe und ehemalige Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung Karl August Wittfogel, Eugen Tillinger, Mitglied der Society for the Prevention of World War III, und der Rechtskatholik Klaus Dohrn gehörten. In diese Zeit fällt auch Sahls Bruch mit Brecht, der ihm 1944 die Tür weist, weil Sahl insinuiert, dass mit der Hauptfigur Figur Shui ta/Shen te in Der gute Mensch von Sezuan sowohl Hitler als auch Stalin gemeint sein könnten.

Sahls finanzielle Probleme scheinen vorübergehend behoben, als er 1949 von Richard Schweizer eine Einladung zur Mitarbeit am Film Die Vier im Jeep in der Schweiz erhält. 1947 knüpfte er auch Verbindung zur Neuen Zürcher Zeitung, deren New Yorker Theater- und Kunstkorrespondent er bis in die späten sechziger Jahre werden sollte. 1953, gerade ein Jahr nachdem er einen amerikanischen Pass erhalten hatte, treibt ihn die Existenznot in New York abermals nach Europa. Bis 1958, als er mit der Einsicht, dass er in Europa doch nicht mehr leben könne, endgültig nach Amerika zurückkehrt, festigt er seine Beziehungen zu deutschen Zeitungen, insbesondere zur Welt, mit der er einen Korresppondenten-Vertrag abschließt. Darüber hinaus hatte er durch die Vermittlung seines Freundes, den Schauspieler Kurt Hirschfeld, 1950 Thornton Wilder kennengelernt, für den er eine neue deutsche Übersetzung seines Stück Our Town anfertigt. Beinahe jährlich überträgt er von da an ein neues Stück dieses Dramatikers ins Deutsche. Dazu kommen Übersetzungsarbeiten für die bereits erwähnte Creme des amerikanischen Schauspiels. Die Entlohnung für die Übersetzungsarbeit und die Tantiemen, die bei den Aufführungen anfielen, gewährten Sahl dann endlich ein komfortables finanzielles Auskommen.

Sechzigjährig heiratet er 1961 die dreißig Jahre jüngere Melinda Albrecht. Drei Söhne werden geboren: 1962 Stephan Andreas, der wenige Wochen nach der Geburt stirbt, 1964 Tobias, späterer Architekt – vom Vater als zukünftiger Erbauer neuer Städte gepriesen – und 1965 Timothy Sebastian, der Koch wird. In zwei Kapiteln mit der Überschrift ‚Geschichte eines Wunderkindes I und II widmet Sahl in Exil im Exil Melinda ein zärtliches Andenken. Sie ist Ungarin, die musikbegabte Tochter eines Operndirigenten, der unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs manisch depressiv wurde. Mit einem amerikanischen Soldaten, den sie in München kennengelernt und der ihr die Ehe versprochen hatte, gelangte sie nach Amerika. Nach dem Scheitern dieser Ehe, suchte sie sich in New York durchzuschlagen, wurde magersüchtig aus Verzweiflung und traf im Central Park auf Sahl. Im Dezember 1959 findet sich die erste Eintragung über sie in Sahls Tagebuch:

Melinda: Modigliani-Kid, skinny Bird of Youth, Buchenwald-victim, baby-faced Monster, or monster-faced Baby, Amöbe, Cliché-Kid (TB XIII, DLA A: Sahl, Verschiedenes Autobiographisches).

Die Ehe sollte für Sahl allerdings bald zur Hölle werden. Obwohl sich Melindas Zustand durch die Fürsorge ihres Mannes bessert und durch die Geburt des zweiten, gesunden Kindes stabilisiert scheint, ergreifen die Depressionen bald wieder Besitz von ihr. Sie zeigt sich unfähig, für ihre Kinder zu sorgen, verliert auch bald das Interesse an ihnen. Selbst der Kauf eines Sommerhauses in Sag Harbour auf Long Island und Sahls Duldung des Liebhabers seiner Frau können die Ehe nicht retten. 1984 wird sie geschieden. Zu diesem Zeitpunkt ist Sahl bereits acht Jahre so gut wie blind und auf die Hilfe seiner Söhne bzw. für seine schriftstellerische Arbeit auf Kassetten-Rekorder und Schreibkraft angewiesen.

Zu dieser Zeit beginnt die deutsche Öffentlichkeit mehr und mehr auf ihn aufmerksam zu werden. Er erhält Preise und Besuche von jungen Journalisten. Außerdem erreicht ihn am 25. März 1985 der Brief einer deutschen Telefonseelsorgerin, die ihm, beeindruckt durch sein Gedicht Denk ich an Deutschland in der Nacht, schrieb, ‚dass ein ehemaliger SS-Mann sie angerufen habe, um ein Geständnis abzulegen.’ (EiE 246) Die Freundschaft, die sich in Folge entwickelt, sollte nach Sahls Flucht aus Deutschland die zweite große Wende in seinem Leben bewirken. Ute Velthusen, eine Freundin der Telefonseelsorgerin, kümmert sich um Sahl, während er sich 1988 zur Kur in Deutschland aufhält, 1989 heiratet er sie und folgt ihr nach Derendingen, einem Vorort von Tübingen, wo er am 27. April 1993 stirbt.

Mit einer Arbeit über Hans Sahl betritt man nicht nur deshalb relatives Neuland, weil ein Großteil seiner Schriften noch unveröffentlicht im Deutschen Literaturarchiv liegt, sondern weil es auch außer den verdienstvollen Beiträgen Sigrid Kellenters zu Sahls Biographie und zu einzelnen Werken kaum wissenschaftliche Literatur über ihn gibt. Die Biographie von Hans Sahl, die Erich Wolfgang Skwara als Doktorarbeit vorlegte, destilliert Sahls Lebensdaten vorwiegend aus seinem damals noch unveröffentlichten Memoiren, was als unzulässigen Kurzschluss von Biographie und Werk gelten muss. Auch Skwaras Analyse von Sahls Roman und seiner Lyrik bleibt einer gewissen Schematik verhaftet. Obwohl Kellenter und Skwara den Vorteil hatten, den Autor selbst ausführlich befragen zu können, konnten oder wollten sie beispielsweise Sahls Tagebücher nicht auswerten. Sie vertrauten auf die Faktizität der Darstellung des alternden Autors, der – was kaum überraschen dürfte – Ereignisse etwa im Pariser Exil anders erinnerte als sie sich tatsächlich zugetragen hatten. Zwei wichtige Quellen zu Sahls Werdegang sind trotzdem die beiden Interviews, die Fritz Raddatz bzw. Hans Herbert Westermann 1991 mit Sahl führten. Ersteres wurde in Sahls Essay-Band abgedruckt und letzteres als Fernsehfilm gesendet (ZDF 1989). Unschätzbaren Wert für meine Arbeit stellte die Sahl-Bibliographie von Gregor Ackermann und Momme Brodersen dar. Neben einer kurzen Biographie enthält sie alle veröffentlichten Werke Sahls. Ihr Umfang gibt auch eine im wahrsten Sinne des Wortes ‚greifbare’ Vorstellung von Sahls beeindruckender literarischer Produktivität.


© Andrea Reiter, 2007

Zum Seitenanfang