P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
Deutsche Zeitung in Israel
von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, am 20. Juli 1998 verfasst
“Kaufen Sie ein Los — es lohnt sich abzukratzen.“ Diese Anzeige für Rubbellose habe in den
„Israel Nachrichten“, der einzigen deutschsprachigen Tageszeitung Israels, so niemals gestanden.
Darauf besteht die rüstige Chefredakteurin Alice Schwarz–Gardos, Jahrgang 1916, in Wien geboren und in
den vierziger Jahren eingewandert. Einen Bericht über den deutschen Bundeskanzler Helmut Kohn (!) habe
sie vor der Drucklegung korrigieren können. Dennoch sind das altertümliche Deutsch und die Druckfehler
immer wieder Gesprächsstoff in der schwindenden Leserschaft. „Jede Todesanzeige bedeutet einen
Abonnenten weniger“, heißt es. Aber: „Eine Geburtsanzeige bedeutet nicht einen neuen Leser
mehr.“ Die „Israel Nachrichten“ seien die einzige Zeitung der Welt, die Todesanzeigen auf
ihrer ersten Seite drucke: „Für unsere Leser ist das ein Statussymbol.“
Vor dem Redaktionsgebäude im Süden von Tel Aviv hocken illegale schwarzafrikanische Gastarbeiter.
Sie springen auf jedes vorbeifahrende Auto, um sich als Lastträger zu verdingen. „Früher war
das mal eine gute Geschäftsgegend“, meint die Chefredakteurin. Zu ihr gelangt man durch verwinkelte
Flure, vorbei an winzigen Kammern mit Computer und Redakteuren. Die kommunizieren in einem Kauderwelsch aus
Hebräisch, Ungarisch, Deutsch, Rumänisch und neuerdings auch Russisch. Sechs Zeitungen in sechs
verschiedenen Einwanderersprachen werden hier an Macintosh Computern geschaffen.
Die deutsche Redaktion ist fensterlos und 4 mal 4 Meter groß. Im Bücherschrank steht eine abgegriffene Paperbackausgabe von Fischers Lexikon (Auflage 1975) und ein neuerer Duden. Zwei ältere Damen kopieren
Leserbriefe. An einem PC tuscheln auf Russisch zwei jüngere Hilfskräfte, während die Chefredakteurin
neben einem Bücherberg die neuesten Ausgaben von Stern und Spiegel studiert. „Aus denen dürfen wir
nicht abschreiben. Das können wir uns nicht erlauben“, sagt sie. Die Bemerkung, daß nur ein
Regenschirm über ihrem Kopf fehle, um die Spitzwegatmosphäre im „Redaktionssaal“ perfekt
zu machen, löst zustimmendes Gelächter aus.
Acht feste Mitarbeiter zähle die Zeitung. „Korrespondenten und Reporter können wir uns nicht leisten.
So mancher Pensionär entpuppte sich als begnadeter Journalist und freiwilliger Zulieferer“, erzählt
Schwarz–Gardos. Selbstverständlich stünden ihr alle großen Agenturen zur Verfügung, vor allem
dpa. Die Deutsche Presse Agentur müsse nicht übersetzt werden und „garantiere gutes Deutsch“.
Für Honorare fehlt das Geld.
Die „Israel Nachrichten“ werden im Abonnement an alte deutsche Juden geschickt, die nie die Landessprache
erlernt haben. Sie liegen in Hotels und christlichen Hospizen für deutsche Touristen aus. Erst nach Drängen
gesteht Schwarz–Gardos das „Geschäftsgeheimnis“, wonach die “Israel Nachrichten“ heute
in „einigen Tausend Exemplaren“ gedruckt würden. Der „Re‘ut“ Verlag subventioniere
sie mit Einnahmen aus der rumänischen Zeitung. Wegen der rumänischen Gastarbeiter gehe die “sehr gut“.
Die Zeitung wurde 1936 gegründet, mit klapprigen Schreibmaschinen verfaßt und hektographiert. „Dann
schwang sich der Verantwortliche für Inserate aufs Fahrrad, um sie zu verteilen“, erinnert sich Schwarz–Gardos.
Der Geschäftsmann Siegfried Blumenthal sah eine Geschäftslücke, kaufte die hektographierten Seiten und
schuf eine gedruckte Zeitung. „Blumenthals Neueste Nachrichten“ hieß das Blatt zunächst. Dafür
holte sich Blumenthal bei der britischen Mandatsmacht eine Erlaubnis, „was sehr schwierig war“. Die Zeitung
wurde von den Briten und von der jüdischen Bevölkerung mit Mißtrauen beäugelt: von den Briten, weil
schon Spannungen mit Hitlerdeutschland bestanden und von den Juden, weil jede andere Sprache neben dem Hebräischen
verpönt war. Der Streit, ob Jiddisch oder das wiederbelebte biblische Hebräisch die Nationalsprache im
künftigen Judenstaat werden sollte, war gerade ausgefochten. Staatsprophet Theodor Herzl hatte vorgeschlagen,
die „Kultursprache“ Deutsch zur Umgangssprache im jüdischen Staat zu erklären.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war alles Deutsche zu einem Tabu geworden. Da erlebten die „Israel Nachrichten“ mit
einer Auflage von 50.000 Exemplaren ihre größte Verbreitung dank der eingewanderten Überlebenden der
Konzentrationslager Europas.
Neben der hohen Politik und einem Roman in Folgen („Die Lustgärten Gottes“ von Hugh Walpole) gibt es
„aktuelle“ Berichte aus Altersheimen und heftige Kritik an Korrespondentenberichten in deutschen Zeitungen.
So beklagt sich die Chefredakteurin in einem Meinungsartikel über die „von Vorurteilen oder Pauschalurteilen
zugebretterten Gehirne“ der Leitartikelautoren des Berliner Tagesspiegels. „(In Israel) ist alles weitaus
komplizierter … als es sich so mancher kleine Moritz an der Spree vorstellt.“ Um Irrtümern vorzubauen
steht unter manchen Artikeln die Zeile: „Der Autor drückt seine eigene Meinung aus. d.Red.“ Etwas
ungewohnt ist der Zusatz „s.A.“ (seligen Angedenkens) hinter dem Namen eines jüdischen Toten und die
Bezeichnung „Zahal“ für die israelische Armee. Eine Sportseite gibt es nicht und auch die
Börsenkurse fehlen. Die überalterte Leserschaft scheint das nicht mehr zu berühren.
Eine ganze Seite ist dem Rundfunk– und Fernsehprogramm gewidmet. Die Auswahl ist bezeichnend. Für das Radio wird nur
das Programm klassischer Musik abgedruckt. Neben dem Programm des ersten und zweiten Kanals im israelischen Fernsehen
werden in aller Ausführlichkeit die Programme von 3Sat, SAT1 und RTL beschrieben. Die werden im Kabelnetz empfangen.
© 1998 by Ulrich W. Sahm
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