P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
Entostung des Ostens – Eine Spurensuche
Harald Hauswalds und Lutz Rathenows
„Fotos und Texte aus dem Osten“
Es war ein Glücksfall, dass die beiden zusammenfanden, der eine Schriftsteller mit frecher Feder,
der andere Fotograf mit Intuition für den besonderen Augenblick. Der Prenzlauer Berg der alternativen
Hinterhofkultur entwickelte gerade seinen Magnetismus auf wirkliche und Möchtegern-Poeten, auf Künstler
und Punks, als sich Harald Hauswald und Lutz Rathenow dort begegneten.
Heute zählt Hauswald zu den bekanntesten unorthodoxen ostdeutschen Fotografen. In seinem von den Zeiten
gegerbten Gesicht mit Vollbart und XXL-Pferdeschwanz lebt ein Stück Ego seiner Beat- und Trampergeneration fort.
Nach abgebrochener Lehre und Qualifizierung zum Fotografen zog es ihn 1978 aus dem sächsischen Radebeul in die
Halbstadt Berlin, die sich Hauptstadt nannte. Er arbeitete als Telegrammbote, Heizer und – trotz massiver
Stasi-Bearbeitung – immer an seiner eigentlichen Profession: der Fotografie. Bis zum Ende der DDR hatte er
5000 Orwo-Filme belichtet.
Vergangenes Jahr, nach der überraschend erfolgreichen Neuauflage ihres 1987 in der Bundesrepublik erschienenen
und von der DDR-Zensur sofort auf den Index gesetzten „OstBerlin“-Buchs, reifte die Idee für einen Fortsetzungsband.
„Gewendet. Vor und nach dem Mauerfall“. Zweifellos hätte dieses Buch mit seinen ausgezeichnet reproduzierten Fotos
einen zugkräftigeren Titel verdient. Aber es lohnt, hineinzusehen.
Stärker noch als in ihrem „OstBerlin“-Buch sind Rathenows Texte in Symbiose zu Hauswalds Fotos getreten. Damals wie
heute führt er seine Leser plaudernd und flanierend durch eine Fülle skurriler Beobachtungen und paradoxer Episoden.
Die allerdings bleiben oft Berlin-zentriert. Ein irritierter Australier oder gesellschaftliche Wandlungen taxierende
Taxifahrer kommen darin ebenso zu Wort wie jener Mann, der angesichts der Währungsunion zufrieden meckert: „Nicht
mal mehr richtig auf den Osten schimpfen kann man im Osten! Weil er ja schon Westen ist.“ In Rückerinnerungen an
die Kindheit gibt es den bösen Zauberer Zoll, der Kaffe und Seife in duftenden Westpaketen durchstach. Und es
gibt das Zauberwort FDGB-Ostseeurlaub und dessen Entzauberung. Mit Blick Richtung Zukunft meint Rathenow, die
Chance des Ostens liege darin, sich zu „entosten“, jedoch nicht als Kopie Westens, sondern um Brücken zwischen
West- und Osteuropa zu bauen.
Mitten in seinen pointierten Gedankenspaziergängen fallen plötzlich innehaltende Bemerkungen wie: „Gut, das es die
Fotos von Harald Hauswald gibt.“
Tatsächlich besitzt dieser Fotograf ein besonderes Gespür dafür, jene Momente festzuhalten, in denen sie Geschichte
werden. Seine Fotopaare in diesem Band fixieren den morbiden Verfall in der DDR ebenso wie die Normalität und
Spannungen im Heute. Hauswalds in den Achtzigern fotokonservierten Vorkriegsfassaden leuchten vom gleichen
Kamerastandpunkt aus zwanzig Jahre später in neuem Glanz oder auch in neu-langweiligem Einheitslook.
Es gibt ein ´87er Foto mit dümpelnden Fischkuttern vor dem streng bewachten Urlaubsparadies Hiddensee. Auf der
1999er Ablichtung daneben sieht man vom neuen Jachthafen aus vor lauter Masten das Meer kaum mehr.
Vor allem interessieren Hauswald Alltagsbeobachtungen über Menschen in ihren Lebensräumen. Seine Bildräume sind dort,
wo Fahnen und Losungen von Sonnenschirmen der Straßencafés abgelöst wurden, wo das Schild „Gartengeräte, Landschaftspflege“
der Firma „Wende“ Richtung Industrieruine weist oder wo ein Hooligan heute Polizeikräften in schweren Kampfausrüstungen
den Stinkefinger zeigt, während der Volkspolizist auf dem Foto daneben an einer Sprechfunksäule auf dem Alex die
Personalien eines Jugendlichen überprüft.
Eines seiner ganze Geschichtsdimensionen einschließenden Fotos zeigt einen Mann, dessen Hand zwei zusammengebogene
Streben eines Bauzaunes umfasst. Im Hintergrund steht die wieder errichtete Dresdener Frauenkirche.
In anderen Momentaufnahmen schwingt leichtfüßig befreiender Bildwitz mit. Da grinst ein DDR-Soldat im Marschblock den
Betrachter offen jede Disziplin untergrabend an. Oder die leicht lädierte weibliche Schaufensterpuppe in sowjetischer
Fünf-Sterne-Offiziersjacke blickt staunend in Richtung eines Porträts, das Gorbatschow mit Ohrring zeigt.
Harald Hauswald fotografiert ausschließlich in Schwarz-Weiß, damit, wie er sagt, beim Betrachter mehr offen bleibe.
So werden viele seiner Momentaufnahmen, ähnlich wie Rathenows episodische Texte, zu Entdeckungsreisen, für manchen mit
Wiedererkennungseffekt.
Harald Hauswald, Lutz Rathenow: „Gewendet. Vor und nach dem Mauerfall. Fotos und Texte aus dem Osten“, Jaron Verlag
Berlin 2006, 128 S., 140 S/W-Fotos, 19,90 €.
© 2006 by Udo Scheer
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