P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
Die genetische Arche
oder
Ein Morgen, das gestern war
Amnesie - für die meisten nur ein ängstlicher Gedanke - ist für Dr. Stern Realität geworden.
Nach seiner plötzlichen Entlassung aus einer Nervenklinik spinnt sich um ihn ein Netz obskurer Ereignisse und
Intrigen. Es ist der Anfang eines Höllentrips, bei dem Wahn und Wirklichkeit einander die Hände reichen.
Überdies lastet auf dem verwirrten Patienten die traumatische Vorstellung, möglicherweise einen Sexualmord
begangen zu haben. Im wilden Strudel dieser Geschehnisse stößt er auf das Computerprojekt »Genetische Arche«,
dem die Bausteine des Lebens zu Grunde liegen, ihre unermessliche Vielfalt und alles Wissen der Menschheit. Sehr bald
jedoch muss Dr. Stern erkennen, dass deren Erbauer, ohne es zu ahnen, das Gespenst Xetex schufen, jene virtuelle
Intelligenzbestie, die mehr als nur Bits und Bytes zu verspeisen trachtet.
Es ist die Zeit, die in leeren Schuhen hinter mir herläuft, vielleicht ein Gespenst, wenig Greifbares, fast nichts, womit ich meine Identität wahren könnte. An einem Tag, der ohne die eigenen Füße zu laufen begann, dem alles und nichts mitspielte und eigentlich nie wirklich anwesend war, der die Anstaltsschranken nie hochzog und die Fenster stets verschlossen hielt. Ein Geschehen, das mit gefrorenen Tastaturen in die Finger ging und ungeahnte Schizophrenien in die Welt klimperte.
Vor allem aber ist es meine Geschichte, ein meuterndes Herz mit der Gesamtauflage menschlichen Irrsinns. Es ist die Ferne einer Sprache, die in mir redet, die alles herbeizitiert und gleichsam alle Realitäten auslöscht. Ziemlich akrobatisch, wenn man bedenkt, dass dem Rückgrat die Aufhängung fehlt und unter den Armen ein bedrohlicher Krückstock wächst.
Zweifelsohne habe ich mir die Partitur meiner Seele zugänglicher vorgestellt, nun aber muss ich begreifen, dass sie ihr höchstpersönliches Defizit auslebt, mir die verstimmten Saiten überlässt und die verhedderten Marionetten meines Selbst das Tanzen lehrt.
Überdies potenziere ich eine Menge biografischer Verlegenheiten. Hier und da ein bisschen Erinnerung, ein paar lebendige Knochen, vielleicht auch ein neuerliches Bewusstsein, chirurgisch genäht und wer weiß, vielleicht um der Endgültigkeit des Seins einen Schritt näher zu sein.
Und so stolziere ich durch diesen Morgen, der ein Tausendfüßler ist, hoffnungslos überanstrengt, wenig methodisch und kaum koordinierbar, eine Stadt, die alles das zu sein scheint, was ich in mir angepflanzt habe, mit Gesichtern, die windwärts geronnen sind, fahl und frostig, die gleichsam in Schablonen passen, die alles verkörpern und nichts verraten. Das Ganze dann aufgerührt zu einem schwammigen Teig aus Fleisch und Lärm, eine einzige wabbelige Masse, mit Köpfen, die Rosinenstreuseln ähneln, künstlich aufgebläht und für niemandes Anblick geschaffen.
Man definiert sich Schulter an Schulter, gibt sich aufgereiht und angepasst, durchfließt ein Netz von Röhren und Leitungen, kommuniziert mit Bits und Bytes, mit Gedankenmustern und Modulen, gefühllos strukturierten Fingern und einer Wahrheit, die schändlicher ist als jeder Irrtum. Darüber flügellose Räume, entwertet mit leeren Nestern und kohlenmonoxidgefärbten Unwiederbringlichkeiten, einem Atem, der nicht mehr verhandelbar ist und den Kunden Mensch gehörig ins Hintertreffen bringt. Kaum eine Wirklichkeit, die nicht zum Balanceakt tiefgefrorener Porzellangefühle wird. Da gibt es Vertraulichkeiten, die mit zahnharten Mundmaschinen ausgestattet sind, mit blendend weiß geschmiedeten Geschäftspraktiken, und was nicht im Angebot steht, wird ganz einfach hinzugelächelt.
Nicht eine Begehrlichkeit, die ausgelassen wird, was nicht in den Kopf passt, fällt in den Einkaufskorb, oder auch umgekehrt. Die Welt der Vermarktung ist keine Frage des Gewissens, sie ist das, worin sich unsere Träume bemessen, ganz gleich, ob die Finger dabei Krallen ausfahren und man feststellen muss, dass es Fallen gibt, die unsere eigenen Hände sind. Es ist eine Welt ohne Zuhause, der Vorgeschmack totaler Einsamkeit und die Erklärung dafür, dass die Leere dort beginnt, wo wir über das Ziel hinausschießen.
Aber so unbedeutsam sich das Leben auch im Allgemeinen präsentiert, es landet bei mir mit dem Gefühl, weitaus Schlimmeres in Erfahrung gebracht zu haben. Das, was sich in mir krümmt, ist mehr als die Frage, wer ich bin, woher ich komme, es ist der gänzliche Verlust meines Selbst, die Gesichtslosigkeit, mit der ich meine Existenz auszuleuchten versuche.
Welche Richtung ich also auch einschlage, zunächst einmal führt sie geradeaus und eigentlich nirgendwo hin. Bis zu dem Moment, da ich über meine eigenen Füße stolpere, vom Weg abkomme und zielgerichtet die nächste Tür aufsuche. Eine von vielen, wie ich zunächst denke, aber bei näherem Hinschauen finde ich mich plötzlich in einem Kabinett wachsbleicher Figuren wieder. Die Stimmen, die mir zuwinken, kleiden sich in einen samtweichen Mantel unergründlicher Trauer und Hoffnungslosigkeit, wie alles, was hier mit dem Jenseits beatmet ist und an eine schwarzseidene Todesgrotte erinnert.
Schillernde Kristallglocken kritzeln magische Zeichen über Wände und Köpfe. Dabei ist die Luft so dünn gehaucht, dass ich den Verlust meiner Identität einatmen kann. So trinke ich das düstere Leitmotiv eines Tedeums von Mozart und sehe mich Gesichtern gegenüber, deren Widerschein an dünngetropfte Weihnachtskerzen erinnern, andächtig und erwartungsvoll. Derweil ihre Konversationen derart abgenagt sind, dass sie dem Skelett, das kandiszuckern unter einem Glastisch hervorleuchtet, alle Ehre machen könnten.
»Nicht so zerfahren«, stößt mich mein Nachbar an, »in den alltäglichen Dingen liegt schon genügend Tyrannei, als dass man sich noch so künstlich aufregen müsste. Wer hierher findet, hat seine eigene Beerdigung hinter sich. Sie alle haben den Spaten der Zeit, mit dem sie an die Wurzeln des Lebens gegangen sind, schon vor einer Weile aus der Hand gelegt.«
Und noch ehe mir hierauf eine Antwort einfällt, gibt mir seine belanglose Miene zu verstehen, dass unser Gespräch damit wohl beendet ist.
Nachdem ich so allmählich meine fünf Sinne beisammen habe, die fernweltliche Schönheit hinter der Theke aus Grabsteinen zur Andacht meiner Begehrlichkeit wird, bemerke ich, dass ich einer lebenden Begräbnisstätte auf der Spur bin. Wobei die Bußwilligkeit in mir den Engel leuchten sieht, dem ich jegliches Gebet bedingungslos anvertrauen würde. Selten sah ich eine faszinierendere Gestalt. Ihre Figur verkörpert beinahe alles, was man braucht, um ins Jenseits abzuheben und ihre Haut ist mit Träumen ausgepudert, die den Tod nicht beschaulicher machen könnten.
Und so finde ich dann schneller zu den Annalen meines Selbst, als ich das noch mit mir ausmachen kann. Hofiere die Ausweglosigkeit und idealisiere das Unantastbare, jedenfalls augenscheinlich und solange ich mir nicht sicher bin, den weihevoll geschmückten Tannenbaum in mir versehentlich in Brand zu stecken. Widme mich den Kranzschleifen, welche die Wände zieren, vertiefe mich in ihre Inschriften und wähle den Cocktail, der dem sterblichen Ambiente am nächsten kommt. Auch wenn er wie hier in einem kristallenen Totenkopf gereicht wird und zuweilen ein bisschen zu viel des Guten transportiert.
Draußen angekommen ist alles wie schon immer, die Luft türmt sich wie eine Wand vor mir auf, ist schwül und muffig und scheint nicht gewillt zu sein, den Wind zur Eile zu mahnen. Der Himmel schleppt zwar trächtige Wolken heran, belässt es aber zuweilen bei dieser drohenden Gebärde.
Und so ächzt diese Stadt wie ein gespenstischer Moloch, erstarrt in einem Albtraum aus Staub und Lärm und was nicht geht, findet ganz einfach nicht statt. Wenn sich dann überhaupt noch etwas ändern ließe. Das feine Leben hat sich hier bereits vor einer Weile verabschiedet und wo einstmals die Hautecouture zu Hause war, die Straßen die längsten Beine und schönsten Kleider spazieren führten, findet sich eine Gesellschaft wieder, die alles zur Show stellt, was dem persönlichen Fernsein am nächsten kommt. Kaum etwas, das nicht die Eintönigkeit auslebt und von Überflüssigkeiten getragen wird. Zur augenblicklichen Poesie gehört es, sich zu langweilen, cool und überdrüssig zu erscheinen. Mode ist, was alle anderen auch tragen, ein Spiegelbild der Nutzlosigkeit und für jedes Schaufenster geschaffen.
Aber wie sich diese Entwicklung auch erklären lässt, für mich kommt sie plötzlich und nicht nachvollziehbar, fast schon ein bisschen übersinnlich, so als hätte sich der Schmetterling zurück in eine Raupe verwandelt. Derweil er die Schönheit dieser Welt mitnahm, die Farbenpracht vertilgte und alles das, was sich einstmals mit der Leichtigkeit des Fliegens bemessen ließ, sich nunmehr mit schleppenden und kriechenden Füßen unter Beweis stellen muss. Aber wie gesagt, das Schicksal nimmt nichts, was nicht schon vorher existierte.
Als ich so die Straßen zwischen den Häuserzeilen aufrolle, die Kümmernisse meiner Identität ins Schwitzen bringe, laufe ich auf eine Menschenpalisade zu, fein säuberlich ausgerichtete Pfähle, die angewurzelt in den Himmel starren, vielleicht auch, um den Schrecken in ihren Gliedern zu disziplinieren. Zur Attraktion selbst wäre zu sagen, dass jemand mit segnenden Händen das Dach eines Hochhauses schmückt und seinen Tod durch einen Sprung in die Tiefe neurotischer Wertlosigkeit zu verkünden trachtet. Möglicherweise sieht das Volk in ihm aber auch den Messias, den Auserwählten, der die Schuld dieser Welt zu seinem persönlichen Geständnis macht. Und da sich niemand dieser Läuterung entziehen möchte, verharren sie höchst ungeduldig darin, wie sich die Vorsehung bewahrheiten wird. Schließlich vermögen die Menschen zwar ihr Leben auszulöschen, nicht aber ihre Taten.
Was mich dann auch dazu animiert, dem Delinquenten der himmlischen Pforte bei seinem Vorhaben Gesellschaft zu leisten. Eile zum Aufzug, genieße es, wie sich das Universum über mir öffnet, Tod und Teufel in mir Flügel bekommen und errechne mir, im Sinne verwandter Idiotien, einen verständnisvollen Partner vorzufinden. Und weiß Gott, wenn nicht, würde mich das nicht sonderlich stören. Was er zu tun gedenkt, habe ich längst in Aussicht gestellt, und was er zu Ende bringen möchte, steht mir längst schon ins Gedächtnis geschrieben.
Und so stürme ich an seine Seite, packe ihn spontan bei der Hand und springe mit ihm in die Tiefe, möglicherweise auch in den Hades, so genau wollte ich das eigentlich nie wissen. Aber ob Himmel oder Hölle, zunächst einmal sehe ich mich sanft aufgefangen, verwette meinen Kopf, von Engeln umringt zu sein und huldige dem Umstand, ohne leiden zu müssen, aufgefangen und befreit zu werden.
Später allerdings bemerke ich, dass ich dieses Gefühl dem lebenserhaltenden Prinzip eines Sprungtuches zu verdanken habe. Derweil die Enttäuschung allseits gewährleistet ist und das Publikum frustriert den Applaus verweigert. Wobei mein Nachbar mit schändlichem Gebrüll zu erkennen gibt, dass er wohl alles nicht so gemeint hat, und dass dies der Augenblick sein muss, mich aus der Verantwortung zu ziehen. Schließlich und endlich hört die Selbstlosigkeit dort auf, wo die Blamage Einzug hält.
Als dann die Gemeinde, einer Horde von Teichhühnern gleich, in den Alltag zurückwatschelt, die Feuerwehr die gespannte Muskulatur ihrer Arme triumphierend ausschüttelt, suche ich die nächste Häuserecke auf und verlasse so schnell es die Sohlen hergeben das hiesige Terrain. Wenngleich der Wegweiser in mir nicht unbedingt verrät, wo es denn eigentlich hingehen soll, jeder Ort könnte gemeint sein, jede neue Dummheit und alles andere, wenn es nur verrückt genug ist, mich als Spukgestalt zu erhalten. Das, was in mir zuweilen aufkocht, ist ein Hochofen nicht identifizierbarer Gefühle, vielleicht sogar, um das letzte bisschen Persönlichkeit in mir zum Schmelzen zu bringen.
Dennoch halte ich Schritt, steige durch die offenen Wunden meiner Nachdenklichkeit und nehme in Kauf, dass ich durch ein weiteres zeitloses Leck gestoßen werde. Bemerke, wie ein eisiger Wind mein geistiges Magma aufwirbelt, mein Selbst zur Töpferscheibe Schwindel erregender Verformbarkeit wird, mit unzähligen Fingern zu kneten beginnt, mich zerquirlt, verwirft und mit tausend Deutungen behaftet, in einen Klumpen Fleisch verwandelt.
Dies ist die eine Tür meiner inneren Zerrissenheit, ein Fledermausdasein, blindgeschwärzt und ohne Zugang zu dem, was ich bin. Die andere, die sich gegen meine Sinne errichtet hat, die einherpendelt zwischen nichts und allem, schimärenhaft ausgeleuchtet ist und mit Figuren zu tanzen beginnt, die jedem Geisterkabinett standhalten können. Das ist die eigentliche Maskerade meines Ichs, ein verschrecktes Gespenst, das zum Gondoliere seines ureigensten Schattens wird.
Und es ist längst nicht alles, womit sich das Gefieder meiner Seele voll saugt, augenblicklich sehe ich mich einer Zeitwunde gegenüber, die mein Herz ist, Türen, hinter denen sich Räume öffnen und eine Hand voll Leben in mein Bewusstsein projizieren. Eine Stimme, die aus dem Nichts hervorgeht, mich zu sich bittet und im nächsten Augenblick zu einem Atoll nackter Verführbarkeit wird, sich verwandelt in einen einzigen Blütentraum, voller Stolz und mitreißender Schönheit.
Überdies bleibt die Frage, wie bin ich hierher gelangt und welche Gemeinsamkeiten lassen sich erklären? Vielleicht befinde ich mich ja auch in einem Parallelraum meines Bewusstseins, zwischen Trugbildern und Halluzinationen, einer Welt seelischer Transformationen, zwischen Sein und Schein. Gegebenenfalls ist es die Wiederkehr von Gefühlen, etwas, das sich erinnert, um sich meiner Anwesenheit zu versichern, eventuell sogar im Bestreben, mein Selbst zu erhellen.
Gewiss könnte auch alles anders sein, möglicherweise sogar ein Wunschtraum. Und dennoch, Illusionen, die mit der Sinnlichkeit brennender Lippen kommen, einer Haut, die den Duft der Wahrheit trägt, mit morgenfrischen Hüften und weißzarten Wolkenbrüsten, wie sollte man sie erfinden können? Wenn es etwas zwischen Mund und Stimme gibt, das nicht lügen kann, dann muss es mit dieser Art von Sehnsucht verknüpft sein, etwas, das mir das Leben näher bringt, Zentimeter um Zentimeter, Zärtlichkeit um Zärtlichkeit.
Plötzlich werde ich zu einer Hand, die mit mir Empfindungen austauscht, einer Stirn, die mit mir zu reden und zu denken beginnt, mich zu einem Teil dessen werden lässt, was sich hier und jetzt als zauberhaftes Geschöpf vor mir ausrollt, das sich meiner Sinne annimmt und mich zum Blick ihrer Augen macht, zu einem Antlitz, in dem ich mich widerspiegele, mit dem Licht puren Daseins, mit Tränen, die sich auf ihren Wangen versilbern und die Zeit stillstehen lassen.
Überdies bin ich dann auch der Schrei tausender Kormorane, ein aufgeschrecktes Herz, das mich aufhorchen lässt, meine Niederlagen enträtselt und die vage Identität in mir aus den Händen zu picken scheint; das unbändige Verlangen, das alle meine Pulse öffnet und meinen Schatten einfärbt, das mich einbündelt in ein Meer feuriger Mohnblumen, vielleicht auch, um den Todesacker neu zu bestellen, vielleicht sogar, um mich neu entstehen zu lassen, mein Selbst, meine Geneigtheit und meine Seele. Und es ist, als würde mich die Feder meiner Gedanken auflesen und mit mir zu schreiben beginnen, mit einer Art von Wirklichkeit, die Mission und Messopfer zugleich ist, mit einer Art zu leben und einer Art zu sterben.
© 1994 by Heinz Schiffer
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