P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
GENIALE DEBÜTANTEN
»Geist ist überall Geist, wie Licht, das überall Licht ist«, verkündet Astronaut David Fisher. »Dieses Universum hat unsere Sprache voraus, die goldenen Partituren der Künste, allen Wissens und jeglicher Phantasie, aber auch die Stimmen der Finsternis, die Mächte des Profits und Verderbens.«
Und da die Gefahr dort beginnt, wo das Verständnis anderer aufhört, wird für Fisher mit einem Male alles Geschehen zur Flucht, spürt er den tödlichen Windhauch, der ihn jeden Moment in die dünne Wirklichkeit seines Schattens blasen könnte.
Da war ich nun mit einem Male mein besseres Selbst, herausgekrochen aus der dünnen Tinte des Versagens, vielleicht war es auch Blut, vielleicht sogar beides. Wo immer ich hinblättere, es ist, als wäre ich samt der Schrift herausgefallen. Dieses Stück Papier, das meine Gedanken schreibt, ist in die Pappel ihres Ursprungs zurückgekehrt, hält Zwiesprache mit der Leere unbeschriebener Seiten und der angeschwärzten Welt kreischender Krähen. Plötzlich ist niemand mehr da, dem ich mein Mitleid anhängen könnte, nicht einmal ich selbst. Zuweilen ähnelt mein Kopf einem Wirsing, der sich kräuselt, ohne sich zu öffnen. Ganz gleich welcher Perspektiven ich mich bediene, mein Aussehen hat bessere Tage erlebt.
Nun mag es sein, dass sich mein Verstand zwischenzeitlich der Kurzlebigkeit von Seifenblasen verschworen hat und meine Überlegungen sich dem Verließ aus Licht und Luft besonders gewogen fühlen. Was nicht greifbar ist, kommt mit der Eigenschaft von Gespenstern, mit Selbstzweifeln und einer Menge Nichts, mit der Ungewissheit von Schatten, die alles nachdunkeln, was ich an den Tag gezogen habe. Und es ist nicht die einzige Wertlosigkeit, die ich nach Hause bringe. Wollte ich zurzeit eine Konstante beschreiben, ist es wohl jene, die immer ein bisschen daneben liegt, die mich so dastehen lässt, als hätte sich zwischen mir und meinem Selbst ein Korridor aufgetan, bisweilen mit dem Verdacht, gleich mehrfach daraus hervorzugehen, und der augenblicklichen Realität, dass das Trottoir, das meine Schritte verdoppelt, der Tunnel ist, der diese Welt an den Ursprung ihrer Bestimmung bringen soll. Aber das auch nur bis zu diesem Moment, da ich dem wahren Chaos begegne. Zuhause angekommen schrecken Bilder mit zerschnittenen Gesichtern, verbluten Teppiche mit geköpften Skulpturen und der abscheulichen Wahrheit eines mutwillig hinterlassenen Schlachtfeldes. Nun müsste ich ja eigentlich dazugelernt haben, dass Eigensinn aller Untergang Anfang ist, zumal die Posaunen Jerichos derart penetrant meinem Schicksal entgegenblasen, dass ich sie meilenweit im Voraus hätte erahnen müssen. Demzufolge bin ich dann auch die Salzsäule, die dieser Verwüstung fassungslos gegenüber steht, hier und jetzt, sogar mit dem Gefühl, eigenhändig nachgeholfen zu haben, gleichsam der fatalen List, sich an den Strick zu binden, mit dem andere die Glocken läuten. Und es ist nicht der einzige unfreiwillige Abguss, in dem ich mich eingeschmolzen wieder finde. Mit einem Male bekommen die Räume das gespenstische Aussehen einer Raubkatze, als wollten sie mich anspringen und den alten Erinnerungswert einklagen.
»Ich wusste nicht, dass Sie zu Tobsuchtsanfällen neigen«, bemüht sich meine Haushälterin ihr plötzliches Erscheinen zwischen die Trümmer zu bringen. »offenbar ist es ein großes Wagnis, Sie auch nur einen halben Tag unbeaufsichtigt zu lassen.« Stellt ihre Einkaufstaschen neben sich, wirft ihren Umhang über eine guillotinierte Marmorstatue und verflucht die Geister, die mich mit Mozarts Musik um mein normales Leben brachten. »Sehen Sie«, therapiert sie ihren Schrecken, »Kleinholz ist der erste Schritt zur Brandstiftung. Inzwischen darf man also gespannt sein, wie der nächste Anschlag aussehen wird. Aber wie gesagt, wem Gottähnliches widerfährt hat nicht nur Probleme mit sich selbst, letztlich sogar mit dem Teufel, der ihm zu dieser widersinnigen Annahme verholfen hat.«
»Wie wenig christlich doch jene sind«, halte ich ihr entgegen, »die dem Spott dienen und dem Attribut des Schadens ihre volle Aufmerksamkeit schenken. Das Gewissen funktioniert offenbar nur bei anderen. Deutlicher vermessen, Sie würden es leugnen, wollte ich Ihnen auf Grund Ihrer langjährigen Mitarbeit beim CIA düstere Verbindungen mit anderen Geheimdiensten in Rechnung stellen.«
»Oh Gott«, verwehrt sie sich, »ebenso gut könnte ich eine Kanonenkugel reiten.« Ihre Biografie hätte zwar eine Menge mit einer Sumpfschnepfe gemein, nicht aber mit der totalen Hingabe, sich durch unnötiges Gekreische vor die Flinte zu begeben. Insofern dürfte ich schon davon ausgehen, dass die morgendliche Marmelade, die sie mir kredenzen würde, nicht mit Spinnenbeinen angerichtet wäre.
»Das will ich Ihnen schon abnehmen«, erwidere ich, »aber wir wissen auch, dass der Schwanz den Drachen in der Luft hält, und insofern sich niemand gänzlich von seiner Vergangenheit freisprechen kann.«
»Sie interpretieren zu viel und sehen zu wenig«, verteidigt sie ihre Position. »Gestern, das ist nicht die Ewigkeit und noch viel weniger das Bedürfnis, mit dem Rest der Zukunft den Kindergarten neu aufleben zu lassen.« Krempelt sich den Unmut auf die Polster ihrer fleischigen Arme und versichert, diesen Windeln bereits seit einer Weile entwachsen zu sein, selbst auf den Verdacht hin, dass der eine oder andere pubertäre Pickel in die Gefallsucht seiner Narben übergewechselt sei. Sollte ich mich also weiterhin betroffen zeigen, müsste sie sich schon fragen, ob ich nicht selbst ein Begehren darin entwickelt hätte, die Vergangenheit mit Lügen zu strafen. Kramt sich durch den Bestand meiner Garderobe, verfrachtet sie sanft streichelnd in einen Koffer, schnäuzt ein paar Tränen ins Taschentuch und meint, dass dies ein guter Tag sei, einen Neuanfang zu bestreiten. So betrachtet müsste ich es ihr schon abnehmen, dass sie für alles sorgen würde, nicht zuletzt ich diesem Durcheinander eh nicht gewachsen wäre. Gibt ihrem mehligen Teint die Brise eines Lächelns und verwettet ihre Schönheit, würde sich die Welt nicht wieder an den Fäden des Lichtes aufrichten lassen.
Es war nur der Wind, der hinter mir herlief, vielleicht ein paar Blätter. Hier draußen in Atlon dreht sich die Welt um eine schmale Spindelrolle. Eigentlich dürfte nichts passieren, was man nicht auch erahnen könnte. Man spürt die Hände, die dieser Landschaft ihren Anstrich gaben, sie mit Trost und Schönheit ausmalten. Dennoch hat die Luft etwas inquisitorisches, etwas, das mit der besessenen Süße eines Spätsommertages ins Gespräch kommt, mit aufgeplatzten Orangen und offenen kraftlosen Blüten. Mit einem Schwarm aufgeregter Vögel, die jeden Moment zu Vokabeln zu erstarren drohen, als wollten sie mich zu einem neuen Gewissen überreden. Und es ist nicht das einzige, was sich über meinen Kopf hermacht. Ich empfinde die Vergänglichkeit, die dieses Land lebendig werden lässt, die es segnet für den Tod wie die Schöpfung. Es ist die Andacht der Natur, diesen Ort mit einem Kloster zu versehen. Das Portal dazu imposant und gottesfürchtig, als gäbe es die Welt davor und dahinter. Inmitten jener Gemäuer dann der Patio mit seinen blank polierten Steinbänken, jener christlich kühle Brunnen, dessen Wasser taufrisch über den Rand des Beckens hinwegplätschert. Geschwätzige Spatzen, die ihren Gemeinschaftssinn darin entwickeln, die Schrift der Ameisen leibhaftig zu verspeisen. Was immer ich dieser literarischen Abgeschiedenheit entnehme, es ist mehr als der bloße Gedanke an ein paar flüchtig verstreute Silben. Zuweilen ist es die Unsicherheit meiner inneren Stimme, die sich fragt, wer da redet. Das Gewissen, das knospenspitz unter die Haut geht, mich gleich einer Lilie schräg in den Stand stellt. Geschwüre einer Sprache, die ausgeschwiegen wurde, die nun mehr ihren Tribut fordert, die mit der Glut der Sonne kommt und weißrote Bleche an meinen Körper nagelt. Dies ist die Schmiede falsch verstandenen Ehrgeizes, die das Leben in die alten Formen zurückzugießen versucht.
Irgendwo hier, über den Zoll jeglichen Verständnisses gekommen, suche ich offensichtlich wieder den Dolmetscher in mir, vielleicht gibt es ja dieses Bewusstsein, das alles verzeiht und sich wieder jener Worte besinnt, die ich so leichtfertig in den Sand geworfen habe. Derweil ich diese Überlegungen an den Rand realer Erwartung stelle, bemerke ich, dass die Zeit hoch über dem Mittag steht. Ringsum ist es unwirklich still, ein paar Libellen üben sich im Silberflug, dazu einige in Stein gemeißelte Statuen, als hätten sie den Überblick zur Langeweile erhoben. So stehen sie da, als hätte die Welt sie ausgeladen, als wären sie um ihre eigene Leidensgeschichte betrogen worden. Aber das Wasser läuft unter der Erde weiter, hier zu Gunsten einer Kletterrose, wenn auch der Granit die Stacheln verschmäht, so genießt er den wundersamen Duft ihrer Blüten.
Inzwischen versuche ich meinen Kopf vor einem Myriadenchor von Mücken in Sicherheit zu bringen, suche Schutz unter der wilden Bepflanzung Schatten spendender Arkaden, sehe mich an Händen und Füßen gefesselt, mal durch die Lianenwelt wilder Weinreben, mal durch die eigenen Gedanken, nicht zuletzt durch die Geschichte klösterlichen Lebens und einen Orden, dem ich einstmals selbst beitreten wollte. Bisweilen sogar ist es schwierig zu bestimmen, was oder wen ich hier anzutreffen hoffe. Wenngleich mich alles an früher erinnert ist nichts mehr so, wie es einmal war. Vielleicht hat der Farn seine immergrüne Wirklichkeit gewahrt, die Luft ihre unbegreiflich reife Wahrheit, ansonsten lebt die Zeit hier in der Vergangenheit und mit dem Rost ausgedienter Saatmaschinen und Mähdrescher.
Umso überraschter bin ich, dass es mir gelingt, diesem vergessenen Inventar eine Stimme zuzuordnen. Gleichwohl ich meine Feindschaft Geistern gegenüber verloren habe, traue ich meinen Ohren erst, nachdem ich sehe, was ich höre. Erstaunlicherweise materialisiert sich dann auch eine Mönchskutte, besser beschrieben, ein zeltähnliches Gewand, über dessen Äquator ein blendend weißer Gürtel verläuft, der mittelbäuchlings voneinander trennt, was im Allgemeinen Weltliches und Geistliches miteinander verbinden sollte.
Und es ist nicht das einzige Ritual, das diese Gestalt als Jünger Christi auszeichnet, so zitiert dieses wandelnde Mittelschiff unter Zuhilfenahme der Bibel den Streit Michaels und seine Engel wider den Drachen. Womit Kapitel 12 der Offenbarung des Johannes gemeint ist, ›da die alte Schlange, die da heißt Teufel, durch die Stimme Gottes ins Diesseits befördert wurde.‹ Befehligt seinen Ärger in die Faust, streckt sich mit seiner gänzlichen Fülle gegen Himmel und verklagt, › was Satan den Menschen an Unheil beschieden hat.‹
»Trotzdem werden sie ihn überwinden«, stehe ich seiner Rede bei, »und danket der Macht Christus und des Lammes Blut. Drum freut euch ihr Himmel und alle die darinnen wohnet, danket der Engel Schar und dem einzigen dreifaltigen Einen Gott.« Worte, die seine Aufmerksamkeit offensichtlich erreichen und zu der Feststellung ermuntern, dass der Schöpfer den Lästermäulern Gott sei Dank ein schlechtes Gedächtnis mit auf den Weg gab. Gibt seinen breiten Lippen ein nachdenkliches aber doch friedliches Lächeln und bemerkt, dass Enttäuschung die Quelle vieler Irrtümer sei und so mancher aus Trotz verlernte, was ihm einstmals flüssig über die Zunge kam.
»Und es ist die Eile«, erwidere ich, »die den Menschen zu ungezügelten Äußerungen veranlasst, die Klippe vieler unnötiger Ausrutscher.«
»Auch das ist richtig«, nimmt er blinzelnd meine Richtung auf, schlägt die Bibel segnend in sich zusammen, trampelt durch das Mohnbeet, das zwischen ihm und mir zum Hindernis wird, verflucht den Wildwuchs des Innenhofes und sein Schicksal, dies alles allein bewältigen zu müssen, rafft sein Beinkleid bis zu den Knien und erklärt, dass es wohl der Narr in ihm sei, der mich so schnell erkannte. Zieht mich mit kräftigen Armen an seine Brust, bekreuzigt sich hinter meinem Rücken und bemerkt beinahe wehmütig, auf meinen Rippen immer noch Xylophon spielen zu können. Streichelt sich über seinen Bauch, huldigt die gute Luft und den exzellenten Wein dieser Gegend, sein wachsendes Wohlsein und die Seligsprechung vorzüglichen Käses.
»Alles hat seinen Preis«, bemühe ich mich, seine Gedanken unterzubringen, »man genießt, womit man hinlänglich zahlt.«
»Das Skelett tanzt bei Nacht und das Fleisch den ganzen Tag«, weiß er gottesfürchtig zu berichten und fügt hinzu, dass man selten die Haut trägt, in der man gesehen werden will, selten zufrieden ist mit den Dingen, die man immer schon so und nie anders wollte.
»So ist es nun mal«, halte ich fest, »das Leben beeilt sich, den Wünschen nachzukommen, und also wiegt man in Pfunden auf, was man sich im Laufe der Zeit angefressen hat.«
»Wer sechs Tage in der Woche Schleimer ist«, kratzt er sich nachdenklich seinen Bart, »wird es auch am siebten Tage sein.« Schlägt sich ein paar Fliegen aus dem Gesicht und erklärt, dass es Gewohnheiten gibt, die so aufdringlich sind wie Parasiten, die schlichtweg ignorieren, was wir zu verändern trachten.
»Man sieht einmal mehr«, erwidere ich, »dass der menschliche Körper dem zarten Tauwerk seiner Knochen wenig entgegenzusetzen hat. Derweil noch die andere Frage zu klären wäre, inwieweit es überhaupt dem Menschen gelingen würde, die Zweifel an Gott verstummen zu lassen, wahrscheinlich nicht einmal, wenn man sich als vollkommen bezeichnen würde. Solange wir unser Dasein mit Überraschungen in Atem zu halten gedenken, solange werden wir uns misstrauisch zeigen, werden Deiche bauen und nicht nur gegen die Flut, gegen den eigenen Leichtsinn und das Gewissen. Andere Überlegungen stünden sehr bald unter Wasser.«
»Vielleicht entwerfen wir diese Bilder auch nur in der trockenen Luft unserer Hirnwaben«, stellt er zur Diskussion, »jener dümmlichen Sprache, mit der wir alles daherreden und nichts aussagen.« Zieht mich in die Sakristei der kleinen Kapelle und schlägt vor, die Philosophie auf den Abend zu verlegen. Stößt mit kräftiger Faust die Fensterläden nach außen, bringt zum Ausdruck, dass der Schauer wohl nicht mehr lange auf sich warten ließe und es nichts Versöhnlicheres gäbe, als etwas Regen für die Natur und den Menschen, gegen Verschleiß, Überhitzung und Demütigungen. Wendet sich der Tastatur des Harmoniums zu, beklagt seine fleischigen Finger und bemerkt, dass sie für alles und nichts zuständig seien, jedenfalls zu dick wären, damit zu musizieren.
»So ist es also mit der göttlichen Wahrnehmung«, schließe ich auf, »während die einen begnadete Partituren erklimmen, muss sich der andere mit Holzhacken begnügen. Wen wundert es da, dass man zum Emigranten seines Ichs wird, seine Begabungen auf den Rücken verschränkt und mit leeren Händen verstecken spielt. Wir transportieren in der Regel zwei verschiedene Möglichkeiten, den Katapult und den Stein, womit das Prinzip der Auseinandersetzung also stets gewahrt bleibt. Wir verschleudern, was wir hinlänglich als Mutlosigkeit bezeichnen, wenn man so will, den eigenen Charakter. Ich erinnere mich an unsere Kindheit, du warst ein langhaariger, hölzerner Bauerntrottel, der dazu verdammt war, die Bibel seines Vaters zu tragen, im Herzen und zur Kirche, der angehalten war, das Kaminfeuer solange mit der Puste zu bearbeiten, bis er in Ohnmacht fiel. Wie du siehst war das Klavier nie etwas anderes, als eine Ausrede für die eigenen, unwirklichen Stimmungen. Und nun frisst du dir die Knöchel weich, polsterst dein Gewissen, und wenn es dich überkommt, traktierst du die Pianotasten. Was willst du mehr, jedenfalls hast du zu deinem Rückgrat gefunden und kannst aufrecht in die Welt blicken.«
»Da du meine Vergangenheit so gut kennst«, will Sibelius wissen, »wie steht es mit deiner eigenen, laufen die Bilder parallel mit der Erinnerung, spulen sie dich so ab, wie du dich siehst, oder bist du zum Judas deiner eigenen Vernunft geworden und hast dein Herz mit weisen, dir genehmen Sprüchen aufgespießt. Wenn ich mich recht erinnere«, zieht er sich den Gürtel enger, »bist du ziemlich früh aus dem häuslichen Nest gefallen, vielleicht hat die Plazenta dich auch nie gänzlich preisgegeben. Daheim fühle ich mich verloren, waren das nicht deine Worte, wähntest du nicht deinen Namen als hohlen Baumstamm, aus dem du erst noch herauskriechen musstest?«
»Der Mensch ist wandelbarer als ein Chamäleon«, versuche ich ihn einzuholen, »vielleicht hüte ich diese Vorgänge auch mit der sanften Auffälligkeit einer Impfnarbe, mit dauerhafter Immunität, ohne ernsthaft gefährdet zu sein.«
»Nun haben wir den Regen«, beeilt sich Pater Sibelius das Thema hinter seine wetterfühlige Intuition zu stellen, nimmt mich bei der Hand und meint, dass die Welt im Augenblick da draußen stattfände, führt mich vor die Tür und schwärmt von den Tönen, die sich mit jedem Tropfen entzünden, vergleicht das Blattwerk der Eukalyptusbäume mit einer riesigen, musikalischen Membrane, einem Orchester, das sich dem Labyrinth seiner welken Ohren verschworen hat und sie mit stolzen Sinfonien zum Klingen bringt. Und es scheint, dass Gott die Partituren höchstpersönlich dazu umblättert und dass der Atem der Luft zu vibrieren beginnt, als wolle er seine Stimme sichtbar machen.
»Nun sind wir also doch das auserwählte Geschlecht, das uns von der Tarnfarbe des Alltags befreit«, versuche ich seine Stimmung einzufangen, »das heilige Volk, das von unglaublichen Wohltaten zu berichten weiß und dazu berufen ist, der Finsternis zu einem wunderbaren Licht zu verhelfen.«
»Wenn wir es sind«, so Sibelius, »dann nicht, weil wir mit Engelszungen reden, sondern weil wir es mit unserer Liebe ins Leben rufen. Wer sein Herz erforscht, der weiß, was des Geistes Sinnen ist.«
»Dies alles mag so manchem zugedacht sein«, suche ich den Gehalt seiner Worte auf, »mein Weg hat sehr wenig von der Präzision der Vorsehung, eher schon von der labilen Konsistenz frei verfügbarer Richtungslosigkeit. Ich, das ist ein meuterndes Herz, zwei linke Hände, die Leere der Zeit, die mit dem Anker der Gegenwart tanzt, monoton bis eigensinnig und eminent langweilig.«
»Na schön«, erwidert Sibelius, »dann sind es schon zwei, die Schwierigkeiten damit haben, zugeben zu müssen, erwachsen zu sein. Die Gewohnheit ist die Ackerkrume, in die wir immer wieder hineinpflügen. Und wir sind der Schatten dessen, was sich nicht gerne verscheuchen lässt, wir tappen hinter uns her wie ein getreuer Esel.«
»Aber was ist«, werfe ich ein, »wenn der Schatten aus der Körperlichkeit eines fremden, dir nicht bekannten Wesens erstellt ist, und du dich an Leib und Leben bedroht fühlst.«
»Das wäre wohl die andere Geschichte, von der du zu berichten weißt«, entgegnet er, stemmt seine Fäuste in die Hüften und rät mir, mich moralisch in eine seiner Kutten zu begeben. Ein bisschen mehr Andacht, eine etwas demütigere Haltung, und ich wäre bestimmt nicht wieder zu erkennen. Im Übrigen könne ich mich auf seine kräftigen Arme verlassen. Erinnert mich an die Gang von damals und die Ehrfurcht, die man seinen Fäusten entgegenbrachte.
»Ich weiß«, zeige ich mich befriedigt, »äußerlich warst du die Glocke des Petersdoms, ein grob abgestimmter Klangkörper, und innerlich sein zentnerschwerer Klöppel.«
»Wir haben uns eine Menge zu erzählen«, lacht er sich in die Breite seiner Soutane hinein, »gegen mich warst du schon immer das Leiden Christi, oder besser Don Quichotte, der auf die Fantasie seiner Windmühlen hin abmagerte.« Segnet die Natur und verfügt im Namen der Dreifaltigkeit, dass sie wachsen und gedeihen möge, bebildert den Jahrgang der Weinflaschen, die im Keller auf uns warten würden, und meint, dass ich mich wie Zuhause fühlen könne, er müsse mich nun für einen Augenblick allein lassen. Zu seiner Pflicht gehöre es, die klösterlichen Türen zu sichern, Gott ins Gebet zu schließen und gnädig Fürbitte zu leisten für unsere lüsternen Zungen. Gibt seinem Körper einen kräftigen Ruck, ähnlich der Bugwellen eines losstürmenden Flaggschiffes und versichert, schon bald wieder an Bord zu sein.
Während ich diese sonnige Entrücktheit zum Fernglas meiner Selbstreflexion mache, bemerke ich, wie eine kühle Brise den Innenhof durchstreift und den Backtisch des Nachmittags mit dem Duft wundersamster Kräuter verzaubert. Es gibt nichts, womit ich mich überreden müsste, diesen Ort zu meiner Gewohnheit zu machen. Auch wenn ich ihn einstmals verließ, so geschah dies wohl in erster Linie auf Grund des Tonausfalls, wenn es um allzu menschliche Dinge ging. Aber dazwischen liegen Jahre und riesige Entfernungen, vieles kam anders, das meiste aber lag in den Sternen. Derweil ich diese Nachdenklichkeiten durch die wild bewachsenen Wandelgänge führe, überrascht mich auch schon wieder Pater Sibelius, der offensichtlich eine schnelle Übersetzung seiner heiligen Worte gefunden hat.
»Du schaust in dich hinein, als hättest du die Grabkammern der Etruskerfürsten soeben neu entdeckt, zeigst dich enttäuscht über ihren morschen Lebensvorrat und die zerbrochenen Knochen, die wie zur Weissagung in den Sand geworfen daliegen.«
»Offensichtlich haben wir die Angewohnheit, immer etwas über unseren Kopf hinaus zu denken«, bleibe ich seiner lyrischen Charakteristik treu. »Wir lieben unsere unterirdischen Träume und berauben unsere eifrige Wirklichkeit mit den Schaufeln griesgrämiger Torfstecher, steigen ins Dunkle unseres Schädels, um uns seines Schmucks zu vergewissern, kollabieren mit Gedanken, die dem Blendwerk von Goldstickarbeiten zugetan sind, die der rosigen Wolkenwelt simpler Hirntätigkeit geheimnisvolle Rätsel zu entlocken vermögen.«
»Wie wäre es«, so Sibelius, »wenn wir unsere analphabetische Wortwelt ins Kellergewölbe verlegten und den Geist des Weins zur Rate zögen, gestützt von Mauerwerk und Fels lässt sich leichter reden. Erst wenn Vergangenes und Zukünftiges zusammenwächst kommen wir zu dem, was wir im Grunde meinen. Wir, das ist die unsichtbare Realität, die hinter uns steht, die sich aus unserer persönlichen Natur herausgelebt hat und zur Flucht vor uns selbst wird, vor Gott und der Welt, Tod und Teufel.«
Nachdem wir so die Wellenlinien in unseren Weingläsern zur ernsten Kopfarbeit gemacht haben, gibt es kein Nadelöhr, durch welches wir nicht hinausgleiten. Wir reisen durch die blanken Drähte unserer Sprache, nichts, was wir der Welt vorenthalten wollen, alles wird besser dadurch, dass es wahr ist. Und so bleibt im Glauben klein, was sich in Worten erhöht, drückt die Decke von oben, derweil sich der Boden unter uns zu öffnen droht. Aber der Wackere hält dem Tapferen die Treue, und dies scheint sich von Glas zu Glas zu bestätigen, womit wir nun endgültig in den Brutplätzen unserer Fantasie stehen und Kolonien kleiner Zaunkönige ausbrüten.
© 2007 by Heinz J. Schiffer
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