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STADT DER FLEDERMÄUSE

Ein Roman von Heinz J. Schiffer

Könnte es sein, dass bei der Transplantation eines Herzens auch Gefühle, Ängste und Träume auf den Empfänger übertragen werden? Diese Frage muss sich der junge Kantor Alexander Levin stellen, als er sich in die schöne Ministrantin Lara verliebt. Die fühlt sich von bösen Ahnungen gejagt, die auf das Schicksal einer anderen, längst verstorbenen Person hinweisen. Plötzlich häufen sich merkwürdige Todesfälle. Eine Mumie wird gefunden, die keine Mumie ist. Und dann gibt es da noch ein Buch, in dem alle diese merkwürdigen Ereignisse bereits vorweggenommen scheinen. Dirigiert die Handlung eines Romans die Gegenwart?

Heinz J. Schiffer entführt den Leser in die mystische Welt der »Stadt der Fledermäuse«, in sinnliche und übersinnliche Gefilde, wo sich Realität und Phantasie überlagern – bis sich die Wahrheit schließlich als trickreiches Artefakt entpuppt. Ein schaurig hintergründiges Lesevergnügen!

Kapitel 1

Als die ersten Gedanken des Tages dem Tintenfass des Frühlichts entsteigen, die Sonne den schwarz geteerten Federn der Nacht ein neues Alphabet beimischt, befleißigt sich Alexander Levin, den Geist der Erkenntnis an die morgendliche Zeitung weiterzureichen, wenn auch mit schwer zugänglichen Lippen und einem zum Teil vertrockneten Vokabular.

Schließlich aber gilt es, der Sprache zu ihrem ursprünglichen Recht zu verhelfen. Nichts würde je geschrieben stehen, hätte Gott bei der Erschaffung dieser Welt die Schreiberlinge vergessen. Geht es doch darum, seine Allmacht zu erfüllen und damit die gewaltige Halde von Silben und Buchstaben zu befrieden, Sinn versprechend abzutragen und zu enträtseln.

Also blättert sich Alexander durch die haltlosen Seiten, vermeidet es, dem taufrischen Papiergemüse Flügel zu verleihen und hofft im Sinne innerer Bußwilligkeit, ihm möge das Fledermaussyndrom erspart bleiben, kopfüber an die Decke gehängt zu werden.

Entsprechend lässt er sich von dem bereitgestellten Lächeln der imposanten Titelfigur inspirieren, sieht in ihr das Wesen der nächsten Art und konstatiert, dass das Weib den Schritt in die Evolutionsgeschichte offenkundig bereits seit einer Weile vollzogen hat. Nicht nur, dass es beiderlei Geschlechts sein dürfte, es weckt in ihm die Idee eines neuartigen Individuums, die Hinwendung zu einem Metamen­schen.

Unter dem Aspekt dieser transzendenten Umwandlung und in der Aussicht, zu einer universellen Spezies zu mutieren, nimmt sich die Schlagzeile Fröhlicher Friedhof geradezu grotesk heraus, wenn auch im Benehmen gehalten, dass die ein oder andere Körperlichkeit künftig die irdische Scholle schneller erreicht, als es der Tod besorgen kann.

»Die Zeit, da man seine sterbliche Hülle Familiengräbern anvertraute«, so der Verfasser, sei längst aus der Mode gekommen. Inzwischen bevorzuge man anonyme Rasenruhestätten oder auch pflegeleichte Aschengräber, mit oder ohne Urnen.

Eigentlich wäre dies der Moment, auf einen anderen Artikel umzusteigen, zumal Alexander sich keineswegs schlüssig ist, wer dann angesichts der Hinwendung zum kollektiven Menschsein noch individuell betreut werden kann, oder wen man tatsächlich unter die Erde bringt.

Aber da er schon einmal den Narren in sich geweckt sieht, möchte er natürlich wissen, was die letzte Ruhestätte so alles zu bieten hat, schenkt dem Essay seine Aufmerksamkeit und ist erstaunt, welchen Enthusiasmus Umweltdezernentin Carlotta Niesmacher aufbringt, um den Event auf dem Friedhof zu einem nachhaltigen Erlebnis werden zu lassen. So verwöhnt sie das Publikum nebst einer Reihe von Showgräbern mit verschiedenen Bestattungsarten und Beisetzungszeremonien.

Da jedoch angesichts der Begrenztheit des Seins Gärtner und Steinmetze nicht erst um ihre Dienste gebeten werden müssen, ist es kaum verwunderlich, dass Carlotta Niesmacher sie ins Blickfeld der Betrachtung stellt; wobei sie dankenswerterweise zu berichten weiß, dass sich die Herren der stillen Künste dazu entschlossen hätten, ihre Fertigkeiten an die Gäste weiterzureichen, jeder könne mitmachen, Klein und Groß, Jung und Alt. Weist darauf hin, dass die Bildhauer sich um ein besonders nachgiebiges Material bemühten und jeder die Gelegenheit wahrnehmen könne, sich an seinem eigenen Stein zu probieren.

Nun wäre es natürlich denkbar, dass so mancher es historischer möchte, mutmaßt Alexander, gibt den Zeilen die Chance, sich mit seiner Idee anzufreunden, und ist einigermaßen überrascht, dass sie nicht nur seiner Ahnung entsprechen, sondern sogar bei weitem übertreffen, hier mit einer Galerie hübsch dekorierter Leichenautos, vom klotzigen Chevrolet bis zum simplen Volkswagen, von heraldisch geschmückten Pferdegespannen des Mittelalters bis hin zu handbetriebenen Bollerwagen aus der Zeit der Armut und Pestilenz.

Und wer glaubt, die Verantwortlichen hätten zwischen Pietät und Spaß viel Raum belassen, sieht sich getäuscht. Neben Schießbuden und Würstchenständen verweist Carlotta Niesmacher auf die lustige Fahrt der kleinen Bimmelbahn rings um das Gräberfeld und, im weiteren Sinne, auf echte musikalische Darbietungen, vom Streichquartett bis hin zur stadtbekannten »Sauerkraut Band«.

Gewiss hat der Tod nie so recht ins Dasein passen wollen, ersucht Alexander seinen Verstand, sieht nicht den Fortschritt, den die Ästhetik sich hätte leisten müssen, und konstatiert, dass der Mensch dem Menschen fremd geworden sei, das Leben dem Leben gegenüber und der Tod dem Tod.

Völlig entgeistert zeigt er sich über die literarische Sequenz zum Abschluss des Reports, in welchem die Friedhofverwaltung der Überzeugung nachkommt, dass man nie zu früh käme, wollte man wissen, wie man sich bettet. Entsprechend äußert sich Carlotta Niesmacher, so berichtet sie, dass einem Rollstuhlfahrer die Begeisterung anzumerken war, als seine Familie ihm zum Geburtstag letzten Jahres einen Sitzsarg schenkte, und die Vorsehung es wollte, dass ihm beim diesjährigen Tag der offenen Tür die fürstliche Ehre zuteil wird, im Kreise seiner Lieben und zur Bewunderung aller in eben dieser Sänfte zu Grabe getragen zu werden.

Nun muss man wissen, dass es sich hier um eine vergessene Stadt handelt, ein mittelalterliches Refugium, das von rostigen Kanonen bedroht und meterdicken Wehrmauern bedrängt wird, ein grimmiges Schlupfloch, das die Menschen in der Zeit damaliger Erkenntnisse gefangen hält und ihre Seelen leichter transportiert als Luft. Was sie sind oder vorgeben zu sein, besteht aus dem, was sie verlernt und vertan haben.

Alexander Levin, den es vor Jahren hierhin verschlug, steht insgeheim immer noch an der Haltestelle von einst, begafft und belächelt, als hätte er seine Ankunft verpasst oder den Bus nie bestiegen. Die Frage also, inwieweit er die Koffer tatsächlich ausgepackt hat, lässt sich nicht so genau festmachen, außerdem wüsste er nicht, was er der subalternen Ansiedlung hätte anvertrauen können. Seine Träume sind so inflationär, wie es ihm verwehrt bleibt, der Sprache seines Selbst Gehör zu verschaffen.

So beneidet die Schiffbrüchigen, denen es gelungen ist, das rettende Ufer zu erreichen, vermisst es, für etwas dankbar zu sein, und verteufelt einmal mehr den Moment, als seine Eltern ihn dazu animierten, das Konservatorium zu besuchen, damals noch im Glauben, der Himmel hätte ihm den unbespielten Flügel ins Haus gestellt, um sein Talent daran zu probieren, vielleicht sogar mit dem Fingerzeig, man könne dem Blendwerk der Tastatur die Karriere ansehen.

Dass der Allmächtige damit zu viel versprach, sollte ihm mit jeder Etüde in Erinnerung kommen, irgendwann sogar mit der wundersamen Einsicht, dass Mühsamkeit und Geduld unerbittliche Feinde der Faszination sind und die schönsten Ideen zur Einsamkeit degenerieren müssen, wenn man der Strebsamkeit verpflichtet ist, sich ihnen blindlings zuzuwenden, nötigenfalls bis zur Resignation.

Für Alexander, wie sich bald herausstellen sollte, nicht unbedingt die ersprießlichste Logik. Ein Künstler, der damit rechnen muss, auf Dauer seine Verträglichkeit zu verlieren, dürfte auch als Genie nichts taugen. Es wäre jedenfalls nicht überraschend, wenn sich der Segen der Musik am Ende als Fluch erweisen würde und im Anhang seiner Vita die Geschichte eines Märtyrers stünde und nicht die Lobeshymnen auf einen gefeierten Pianisten.

Die Frage also, wie sich Alexander entschieden hat, ist unschwer zu erraten. Bevor er das Packeis der Musik im Blindflug überquerte, befleißigte er sich, der gepriesenen Klaviatur ein paar Pfeifen anzuhängen. Sinnbildlich vertont, er besann sich, Talent und Tauglichkeit miteinander zu verknüpfen, entdeckte die Diskrepanz zwischen Beruf und Berufung und huldigt seither, eher verpflichtet als überzeugt, den zugigen Registern einer barocken Kirchenorgel, jener klanglich überladene Arche, die dem Ende aller Tage meilenweit voraus zu sein scheint. Gewiss eine honorige Entscheidung: Wer um die eigenen Schwächen weiß, gewinnt schon wieder an Stärke.

Dennoch gibt es ein paar Dinge, um deren Ruf er bislang vergeblich bemüht ist, nicht zuletzt die hinreichend zelebrierte Askese vor dem Allerheiligsten, die zu der fatalen Gewissheit führen könnte, Gott hätte eine überzogene Forderung an jene, die unmittelbar in seinen Diensten stehen.

Sicherlich gibt es da noch eine Menge anderer Ungereimtheiten, die darauf warten, ins Licht gestellt zu werden. Für ihn schienen die Wasser nie zu flach, um einen Kopfsprung zu riskieren. So war er doch einstmals derart unsterblich in eine Krankenschwester verliebt, dass er das Hospital zum Inbegriff seines Begehrens machte. Nur um in ihrer Nähe zu sein, simulierte er die heimtückischsten Krankheiten, zuweilen dann auch solche, die sich anhänglicher erwiesen als seine angebetete Freundin.

Zugunsten aller Nachlässigkeiten und Irrtümer sei dennoch gesagt, dass sich Alexander seiner Kuriosität bewusst ist, derzeit schmückt er sich mit einem Chihuahua, besser vermittelt, einem fledermausähnlichen Geschöpf, das hässlich genug ist, um beides sicherzustellen, sozusagen ein Wechselbalg, der mit jeder Interpretation zufrieden ist, wenn er nur durch die Welt getragen wird. Insofern ist der vierbeinige Vampir so etwas wie das Urbild seines Selbst, ein skurriler und wunderlicher Geselle mit der Befähigung, ungebetenerweise Heiterkeit zu verbreiten.

Aber mit welchen Albträumen sich Alexander auch herumschlägt, seine Seele ist selten dort anzutreffen, wo er sich gerade mal befindet. Augenblicklich sind es die Kirchenglocken, die seine Aufmerksamkeit fordern, die ihn durch das Portal des Gotteshauses schreiten lassen und dazu animieren, das Hochamt mit besonderen musikalischen Akzenten zu versehen, eventuell mit eigenen Kompositionen, jene, die er bereits geschrieben hat, oder solche, die spontan vertont werden wollen.

Alsdann begibt er sich in die Sakristei, um den Ablauf der Messe in Erfahrung zu bringen, blickt in das Gerippe der Predigt, das zur Begutachtung des Herrn ausliegt und ist nicht unbedingt überzeugt, dass der Allmächtige diesen Diskurs eingesegnet hat. Entdeckt zwischen den Zeilen den Verfasser Bischof Augustinus, bläht seine Nase angesichts des beißenden Geruchs überschätzter Selbstherrlichkeit und befürchtet, dass er wieder einmal der Halluzination verfallen könnte, seine kräftigen Arme dafür zu nutzen, den Altar an die Pforte des Himmels zu stemmen, sozusagen mit der Urgewalt eines Dinosauriers, mit der Lobpreisung Gottes im Schnabel und der Unwichtigkeit Mensch zwischen den Krallen.

Weiß Gott, was Alexander ihm noch in die Schuhe schieben möchte, als musikalischen Performer stört ihn, dass seine Exzellenz der Bischof sich seinem Orgelspiel gegenüber bislang taub zeigte, wohingegen der Knabenchor, im besten Alter des Stimmbruchs, stets zu Tränen rührte.

Glücklicherweise sind es dann die verstummenden Glocken, die Alexander ermahnen, seine Dienste als Kantor anzutreten, beschleicht wie ein reuiger Sünder die Empore und befriedet Gott und die Gemeinde mit einer frischgebackenen Intrade, verwöhnt ihre Ohren mit den sinnlichen Registern der Oboen und Panflöten, streichelt sie mit Celli und Bässen und erhofft sich im Benehmen persönlicher Ehrfurcht, der jahrhundertealten Tastatur dennoch ein paar wohlgefällige Erinnerungen abzuringen.

Eigentlich wäre damit genügend Buße getan, wäre da nicht sein hoch interessierter Chihuahua, der dem Spiel der Pedale seine besondere Aufmerksamkeit schenkt und immer wieder mit atemberaubendem und ohrenbetäubendem Gejaule in die Töne gerät.

Erst nach Beendigung des Musikstücks und der Ungeduld des Bischofs, keine Pause aufkommen zu lassen, gelingt es Alexander, seinen Hund mit ein paar Keksen zurück in die Notentasche zu befördern.

»Siehst du«, hält er ihm entgegen, »mit einem Male weißt du, wo du hingehörst«, blickt über die Brüstung der Galerie und meint, dass die Gläubigen es ungleich schwerer hätten, sie besäßen zwar das Privileg, den Leib Christi zu empfangen, müssten sich aber mit dem Domizil ihrer Zugehörigkeit erst noch näher befassen.

Indem Alexander der Apotheose des Hochamtes mit ungestümen Figurationen und schwellenden Pedalen den Kehraus bereitet, überrascht ihn die engelhafte Erscheinung einer jungen Ministrantin, gewiss nichts außergewöhnliches, schon des Öfteren erschlich sie sich seine Nähe, heute allerdings mit äußerst leisen Sohlen und einer ausgesprochen fremdartigen Stimme. Erst nach einer Weile begreift er, dass sie ihr Timbre einem Teddybären geliehen hat, selbstverständlich etwas brummig und wenn man hinzudeuten sollte, mit der ungezähmten Bereitschaft, Furcht einzuflößen.

Dass dies in erster Linie der Hund begreifen sollte und mit entsprechendem Gejammer quittiert, dürfte die Möglichkeit einschließen, Gott hätte dafür gesorgt, dass die Gemeinde zur Kenntnis nehmen möge, dass die Empore nicht minder ihre Aufmerksamkeit verdient, zumal der Zensor der himmlischen Worte dem Spiel des Organisten nur wenig entgegenzusetzen hat.

Zwar könnte Alexander sich mit dieser Konstellation anfreunden, doch insgeheim befürchtet er, dass am Ende vornehmlich das Gelächter der Leute wie die mürrischen Bemerkungen des Predigers in Erinnerung haften bleiben.

Nolens volens schenkt er der Ministrantin sein mildestes Lächeln und erklärt, dass nichts passiert sei, was nicht schon mindestens tausendmal vorgekommen wäre. Zudem spielt bei Alexander die Tatsache mit, dass ihr vor kurzem ein Herz transplantiert wurde und sein Mitgefühl auf besondere Weise gefordert ist, zumal ihm zu Ohren kam, dass ihre Organspenderin noch um Jahre jünger war, und es nicht auszuschließen sei, dass derartige Verpflanzungen dazu angetan sind, gewisse Merkmale und Empfindungen an den Empfänger weiterzuleiten.

Dass solche Phänomene nicht unbedingt dazu prädestiniert sind, sie über die Brüstung der Kirche hinauszuschreien, möchte Alexander nicht weiter bedenken. Dennoch sähe er die Obrigkeit in der Pflicht, sich derlei Schicksale anzunehmen. Eine Gesellschaft, die den Fortschritt will, braucht einen starken Glauben, und wenn man mutmaßen sollte, die Hand des Allmächtigen.

Gewiss zählt Alexander nicht zu denen, die sich einfach so nach hinten wegschleichen, heute aber zieht er es vor, das Bethaus über den Klostergarten zu verlassen, nicht unbedingt die schlechteste Lösung, zumal diese Anlage dank der aufopfernden Pflege Pater Domenicos immer wieder ein Erlebnis beschert.

Und indem er mehr geblendet als sehend, sich dem gleißenden Strahlenkranz der Sonne erwehrt, sein Gehör mit den Noten der Lüfte in Konkurrenz tritt, sieht Alexander sich der warmherzigen Stimme des christlichen Gärtners gegenüber.

»Schauen Sie«, unterbreitet er ihm der tätige Diener des Herrn seine Gedanken, »unser Bewusstsein ist ein universelles Postulat. So wie die Heimat unseres Ichs sich nicht bedingungslos auf unser Hirn begrenzen lässt, so wenig wahrhaftig scheint es, Gott hätte die Kirche ausschließlich zur Lobpreisung seiner Allmacht geschaffen, jedenfalls nicht ohne Vorbehalt und nicht mit gutem Gewissen.«

»Ich verstehe«, bemüht der Unschuldsengel, der Alexander unauffällig hinterher gereist ist, seinen Teddybären, »die ganze Welt ist eine Kirche, man muss nur hinschauen, pflanzen, jäten, vielleicht noch düngen.« Bringt den Hund, den Alexander in der Tasche spazieren führt, ins Gespräch und meint, dass er bestimmt nichts dagegen hätte, würde er für eine Weile auf eigenen Füßen stehen, bestenfalls, um mit seiner Notdurft ins Geschäft zu kommen.

»Du hast ein intelligentes Kuscheltier«, so der Pater, vermeidet es, näher auf ihre Schüchternheit einzugehen und deutet an, dass der Herr der Schöpfung sich nicht zuletzt mittels der Natur verständlich machen würde, zuweilen über den Duft einer Teerose, eines Blütenzweiges oder mit den verträumten Farben eines Schmetterlings. Schildert mit Blick auf die pfleglich bestellte Anlage, dass ein Mensch, der ohne Phantasie ist, die Welt nie gänzlich verstehen wird, nicht mit seinem Herzen und nicht in seiner Seele.

»Die beste Begründung dafür«, bestätigt Alexander, »dass die Blindheit auch ohne organischen Schaden allzeit gewährleistet ist.« Bemerkt, wie sein vierbeiniger Adlatus die Erde aufscharrt, Knochen für Knochen einsammelt und mit der Auffindung eines blendend weißen Minischädels der Erkenntnis Vorschub leistet, hiermit das Skelett einer Fledermaus zu Tage befördert zu haben.

Für den Pater nichts Ungewöhnliches, seine Beete seien geradezu von ihnen übersät, entweder vermissen sie die Friedfertigkeit innerhalb der Gemäuer dieser Stadt und möchten nahe der Kirche beerdigt werden, oder sie sind aus guten Gründen dazu angehalten, den Abstand zwischen ihnen und der Spezies Mensch sicherzustellen.

»Das hört sich nicht danach an, als könnten die Einwohner auf die Wahrhaftigkeit des Sehens zurückblicken«, weiß der altkluge Teddy zu deuten, »zumindest sollte man nicht ausschließen, dass sich die Plage frankensteinscher Zöglinge irgendwann als Spiegelbild der hiesigen Bevölkerung entpuppen könnte, dann vermutlich entschieden blutrünstiger und mindestens ebenso blind.«

»So unabdinglich würde ich das nicht gelten lassen«, bemüht sich Pater Domenico um eine christlichere Interpretation, »zu den erstaunlichsten Betrachtungen gehören letztlich auch diese, die man sich selbst einredet. Die Zunge ist immer bereit, sich zu verbiegen, besonders, wenn es um die eigene Meinung geht.«

»Und was wissen wir, was alles gelogen sein könnte, wenn wir uns um die Wahrheit streiten«, ermittelt der kindliche Prophet mit dem Anspruch eines Erwachsenen; kommt auf den Chihuahua zu sprechen, der ebenso gut eine Fledermaus sein könnte und überlegt, dass hier beides zusammenkäme, Hund und Vampir, Tag und Nacht.

»Der genetische Code«, befleißigt sich Domenico um eine geschichtsträchtige Antwort, »funktioniert bereits seit Jahrmillionen, vom Geißeltierchen bis zum Tausendfüßler oder, wie soeben entdeckt, von Art zu Art. Offensichtlich scheint angesichts der rätselhaften Wege Gottes und der ewigen Tortur, sich den Veränderbarkeiten zu unterwerfen, das Ungeheuerliche ganz normal zu sein.«

Kratzt sich in den zentimeterlangen Bart und gibt zu denken, dass alles in allem vorhanden sei, vielleicht sogar mehr als die gesamte Materie des Universums.

»Wir sollten den Weg des Öfteren durch den Klostergarten wählen«, nimmt Alexander den kompromisslosen Engel an die Hand, dankt Domenico für seinen Einblick in die Welt von gestern und vertieft noch einmal die Überlegung, dass die Evolution wohl auch morgen auf unser Leben keine Rücksicht nehmen wird und der Mensch entsprechend aller Erfahrungsprägungen ein Wesen mythologischer Art bleibt, ein Konglomerat aller Spezies, vom Einzeller zum Affen, warum nicht auch ein bisschen Fledermaus?

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