P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
Der Selbstredner
Episode aus dem Roman "Auf der Drehscheibe der Welt"
von Cornelius Schnauber
B. erinnerte sich. Er ging damals, im Frühjahr 1996, öfters nach der Arbeit oder nach dem Abendessen in Santa Monica zur Dritten Straße, zur sogenannten Promenade. Er mochte das Leben dort: spazierende und entspannte Menschen, Liebespaare, Tanz und Musikgruppen, Zauberkünstler und Pantomimen. Außerdem gab es anspruchsvolle Buchläden und Geschäfte mit seltenen folkloristischen und exotischen Waren. Kleine, einladende Geschäfte und dazu zahlreiche, vorwiegend italienische Restaurants. Alles war eher europäisch und war dennoch unverkennbar amerikanisch. Auch spürte man den nahen Pazifik, die klare, etwas jodhaltige Luft, verbunden mit dem Geruch verfaulter Meeresalgen. Der Park der Ocean Avenue, von dem die Besucher auf den Ozean blicken konnten, verlief nur 100 Meter entfernt parallel zur Promenade.
B. beobachtete die Menschen sehr aufmerksam. Dabei fiel ihm immer wieder ein Mann auf, der ungefähr Ende Fünfzig sein mochte und ständig vor sich hinredete. B. traf ihn fast bei jedem Besuch. Zunächst beachtete er nicht, was dieser Mann sprach. Erst beim dritten Male folgte er ihm, um auch mitzuhören, was dieser sagte. Denn er machte ja nicht den Eindruck eines Geistesgestörten oder "Vino", die den Park der Ocean Avenue und die anliegenden Straßen zu ihrer Heimat gemacht hatten: betrunkene oder geistig gestörte Obdachlose. Im Gegenteil. Dieser Fremde war gut gekleidet und schien eher ein noch aktiver Lehrer, Professor oder Künstler zu sein. Und so hörte B., wie dieser Fremde in einer scheinbaren Fortsetzung eines Dialoges sagte:
".....ja, ja, so ist es, so ist es. Das habe ich dir gegenüber schon oft vermutet; aber du kannst mir ja widersprechen. Gorbatschew war nicht nur der große Reformer. Egal, was du denkst, er hat die Welt wahrscheinlich vor einem Atomkrieg gerettet. Und das siehst du ja selbst, die Sowjetunion und der ganze Ostblock waren wirtschaftlich so bankrott, daß ein anderer Breschnjew oder wäre Romanow an die Macht gekommen, irgendeine Kriegssituation gesucht hätten, um abzulenken oder wirtschaftliche Quellen zu erobern; und das hätte dann zum Weltkrieg führen können. Gorbatschow, der ehrliche und menschliche Politiker, erkannte den Bankrott der zentral gelenkten, kommunistischen Planwirtschaft mit fehlender Privatinitiative und überzogenen Sozialleistungen, so verführerisch und bewundernswert diese auch gewesen sein mögen. Oder siehst du das anders?
Gorbatschew wollte durch Reformen das Land zu einer am Kapitalismus orientierten Marktwirtschaft, sozialen Marktwirtschaft, führen und nicht wie Jelzin in 300 Tagen und mit einem großen Knall einen amerikanischen Kapitalismus erzwingen. Das konnte nicht gut gehen und ist auch nicht gut gegangen. Ich weiß nicht, wie du darüber denkst. Du weißt, ich schätze deine Meinung. Aber ohne Gorbatschew hätten wir wahrscheinlich vor einem Atomkrieg gestanden...."
Und so führte dieser Fremde diesen politischen Dialog, der aber nur ein Monolog war, noch sehr lange fort.
An einem anderem Tag hörte B. den Fremden folgendes sagen:
".....so ist es, genau so ist es. Ich weiß, ich weiß, die deutsche Literatur ist in Amerika nicht attraktiv. Trotzdem ist es eine Schande, daß Professoren der Theaterschule an meiner Universität noch nie die Namen Goethe und Schiller gehört haben. Als ich mit dir die drei Jahre in Deutschland lebte, um an meinem Forschungsprojekt zu arbeiten, habe ich mich auch mit deutscher Literatur befaßt. Du weniger. Aber die deutsche Literatur sagt doch sehr viel. Ich weiß, ich weiß, in der Klassik oft zu ideell verpackt, da hattest du mit deinem Pragmatismus recht, sie war oft zu parabolisch, zu assoziativ, und die Sprache ist kondensiert. Aber trotzdem, da gibt es auch viel Dramatik, sehr viel innere Dramatik. Die Probleme der Iphigenie oder des Tasso sind auch unsere Probleme. Und Faust, Egmont und Don Carlos oder Wilhelm Tell sind auch für uns Amerikaner spannend. Aber du weißt ja, als ich nach meinem vorzeitigen Ruhestand meiner Alma Mater anbot, Lessings Nathan der Weise zu inszenieren, weil Lessing darin auch seinem großen Freund Moses Mendelssohn ein Denkmal gesetzt hat, kannten sie weder Lessing noch Mendelssohn und fragten, ob Nathan ein gegenwärtiger jüdischer Dichter oder ein Afro-Amerikaner sei. Ich sagte nein, und dann war man nicht interessiert.
Aber du hast doch irgend einmal etwas von Goethe, Schiller, Kleist oder Lessing gelesen? Das weiß ich. Und was hältst du davon, daß ...."
In diesem Sinne führte der Fremde auch diesen Monolog weiter. B. wollte aber nicht die ganze Zeit hinter ihm hergehen, so interessant das Thema für ihn auch war. Betraf es doch die deutsche Literatur. Es war ihm aber doch zu peinlich, diesem Selbstredner die ganze Promenade entlang zu folgen.
Als B. dem Fremden daraufhin das fünfte Mal traf und ihn vor sich hinreden hörte, gesellte sich eine Frau zu ihm.
"Sie hören diesem Mann ebenfalls zu?", fragte sie. "Ich kenne ihn schon länger. Er ist mein Nachbar. Er hat sich dieses vor sich hinreden angewöhnt, seit er bemerkt hatte, daß immer, wenn er mit seiner Frau sprach, diese gar nicht zuhörte. Es blieben immer nur Monologe, beim Mittagessen oder Abendmahl. Und so gibt es für ihn keinen Unterschied, ob er zuhause monologisiert oder seinen ´Dialog´ auf der Straße fortsetzt. Und da er nach jedem Essen seinen Spaziergang macht, führt er das Gespräch mit seiner Frau, die ihm sowieso nicht antwortet, im Freien fort. Begonnene Sätze werden hier zu Ende gesprochen, Fragen ohne Partner gestellt. Doch ist das nur der Eisberg, der aus dieser zerbrochenen Ehe herausragt. Denn früher war es noch schlimmer. Ich konnte das aus meinem offenen Fenster verfolgen. Da schrie ihn seine Frau ständig an ´Warum sagst du mir das, laß mich mit deinen Problemen in Ruh´ oder sie hängte den Hörer einfach ab, wenn er sie von der Universität anrief. Mitten im Satz hängte sie ab. Und weil ihn seine Frau so behandelte, schied er frühzeitig aus dem Universitätsdienst aus. Er konnte nicht beides ertragen, Probleme an der Universität, die immer mehr anwuchsen und zu Hause eine Frau, die ihn anschrie, er solle sie mit seinen Problemen in Ruhe lassen, obwohl er sich einfach nur aussprechen wollte. Und jetzt monologisiert er, wurde zum Selbstredner. Sehr tragisch."
© 2005 by Cornelius Schnauber.
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