P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
Nachkriegsweihnacht und andere Gedichte
Nachkriegsweihnacht (1957)
eines Tages
kam der alte Herr
mit dem blassen Gesicht
wie er den Hut abnahm
und grüßte
ward sein kahler Schädel sichtbar
er setzte sich
nahm seine Augen heraus
und legte sie neben sich
ich bot ihm Brot an und Käse
er nahm sein Gebiss aus dem Mund
und legte es neben sich
ich fragte
wie's ihm ginge
er nahm seine Ohren ab
und legte sie neben sich
er zog die Zeitung hervor
und schnatterte etwas
von dreissig Megatonnen
die bei den Weihnachtsinseln
explodierten
von den letzten
politischen Morden
mit einer Ampulle Blausäure
unter die Haut
wie jeder zweite hungert
und so fort
er schwatzte so albern
und ohne Erregung -
warum sollte er auch...?
(Aus "Thema Frieden" 1967, Peter Hammer Verlag, Wuppertal)
Erkenntnis (1996)
ohne es zu wissen
haben wir eine Dohle aus unserem Herzen gemacht,
leben in Illusionen,
fallen auseinander,
sind allein, auch, wo wir zusammenscharen,
fühlen nicht, wollen nie glauben,
dass wir uns getäuscht haben unter dem gleichen Dach
mit den Kindern aus einer besseren Zeit.
Sie verstehen es nicht,
suchen neue Wege abseits,
finden sie nicht,
vielleicht dort, wo bisher niemand suchte,
unter der Hirnschale,
im Herzen,
das gleich schlägt wie früher,
doch nicht mehr das gleiche ist.
Grüss Gott! (1998)
Man hat mich hierher geschickt; Sie sollen noch ein Zimmer frei haben.
Wie heissen Sie?
Mohammed.
Achso, Mohammed, dann sind Sie bei mir an der falschen Tür.
Ich habe schon die richtige Nummer.
Kann schon sein, aber versuchen Sie's mal beim Nachbar.
Dann entschuldigen Sie die Störung.
Sie werden schon was finden, grüss Gott.
Im Abseits (nicht datiert)
Stell' dir vor,
man hätte dich vertrieben
wie mich von Haus und Hof
mit Frau und Kind.
Stell' dir mal vor,
du müsstest fliehen wie ich.
Würdest du verkümmern wie ich?
Das darf nicht wahr sein!
Lass mich doch nicht allein!
Unkenrufe (2005)
Wo ich geh' und steh',
da hör' ich alle rufen:
oh du, barmherziger Gott!
Ob Christen,
ob Juden,
ob Muslime, ob Buddhisten,
sie rufen alle zu dem einen Gott:
Er wird mir sicher helfen
in meiner tiefen Not.
Doch keiner war da,
der gesagt hätte:
Bleib, ich teile das Mal mit dir.
Recht – Unrecht (nicht datiert)
Wo Unrecht geschieht,
wird
Duldsamkeit zu Unrecht.
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