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Der Besuch der Doña Ana
Ein Auszug aus dem Romanmanuskript
Elvira Acosta und ihre Gespenster
von Roberto Schopflocher
Eines Tages erhielt Felipa den Besuch von Doña Ana Trigueros Barragán, der Gattin des Ratsherrn Juan de Vergara.
Schon zwei Mal hatte die ihre Visite angekündigt und unter dürftigen Begründungen wieder abgesagt. Dass sie ihrer
gesellschaftlichen Pflicht endlich nachkam, geschah zweifelsohne unter dem Druck ihres umsichtigen Gemahls, der
dem Agenten des Fernkaufmanns aus Lima, Don Manuel Bautista Pérez eine Botschaft besonderer Art zustellen wollte.
So segelte die Dame eines Tages vor den Augen der halben Stadt den erst unlängst gepflasterten Bürgersteig entlang,
gefolgt von einer jungen Schwarzen, die den Sonnenschirm über sie hielt.
Schon seit Jahren lag sie ihrem Mann in
den Ohren, er möge ihr endlich eine Sänfte besorgen, wie sie die Damen der Gesellschaft Limas benutzen, um nicht
mit dem Straßenkot in Berührung zu kommen. Bisher vergeblich! Was den Damen der Residenzstadt erlaubt sei, zieme
sich noch lange nicht für die in Buenos Ayres ansässigen. Huldvoll erwiderte sie die Grüße der Nachbarinnen:
eine stattliche Matrone, die stolz war auf ihre Reinblütigkeit, auf ihre römisch-katholisch apostolische Religion,
ihre, wie sie behauptete, westgotische Herkunft und auf ihren schneeweißen Teint. Dabei war nicht zu übersehen,
dass sich der Schmelz ihrer mediterranen Schönheit bereits in Auflösung befand, dass ihre Muskeln erschlafft waren
und ihr Hinterteil einen monumentalen Umfang aufwies. Gegen diese Alterserscheinungen vermochten weder ihre aus
Sevilla importierte Garderobe, noch ihre Ringe, Medaillons oder die mehrreihige Perlenkette etwas auszurichten.
Man hätte meinen könne, die Heiligen auf den Gemälden an den Wänden sähen dem Empfang zu, den die Herrin des Hauses
Doña Ana zuteilwerden ließ. Die würdevolle Begegnung zweier Königinnen. Ungleiche Herrscherinnen, die Artigkeiten
austauschten. Noch einigermaßen jung die eine; die andere bemüht, ihre Runzeln hinter einer dicken Schminkschicht
zu verbergen. Beide saßen steif in ihren unbequemen Armsesseln, wedelten sich mit ihren Fächern Luft zu,
verbreiteten schweren Moschusduft, schlürften, den kleinen Finger abspreizend, die schaumig geschlagene heiße
Schokolade, knabberten am Gebäck, das Maria auf silbernem Tablett reichte. Und bemühten sich tastend um einen
Waffenstillstand, dem sie beide nicht so recht trauten. Sie unterhielten sich über ihren Ärger mit den Schwarzen,
die sich von Tag zu Tag unverschämter benähmen. Doña Ana konnte nicht umhin, den Kopf über die Trägheit der
fetten Sklavin zu schütteln und ihrer Überzeugung Ausdruck zu verleihen, dass nur die Peitsche gehorsame
Sklaven schaffe.
Als sie Eliva entdeckte, die unauffällig in einer Ecke sitzend der Unterhaltung folgte, erkundigte sie sich höflich
nach dem Wohlergehen der Kinderchen ihrer geschätzten Freundin. Ohne deren Antwort abzuwarten, zählte sie dann ihre
sechs Kinder und zwölf überlebenden Enkel auf, die sich alle - der gebenedeiten Jungfrau sei Dank! - bester Gesundheit
erfreuten. Während ihr Felipa versicherte, dass die Gesundheit zweifelsohne ein Geschenk des Himmels sei, ertönte
das Angelusläuten. Es war, als hätten die Glocken nur auf dieses Stichwort gewartet. Beide Damen bekreuzigten sich.
Elvira folgte den Blicken der Besucherin, die zunächst missbilligend das weit geöffnete Fenster streiften, danach
voller Argwohn erst auf dem Bücherregal und dann längere Zeit auf den Gobelins, Teppichen und ledernen Truhen
verweilten. Anschließend erfuhren die Zinnschüsseln, das chinesische Porzellan und ein paar silberne Kandelaber
ihre eingehende Musterung. Endlich stellte sie ihre Tasse ab und starrte beharrlich auf ein mit golddurchwirkten
Quasten geschmücktes Paradekissen aus scharlachrotem Samt. “Was für ein herrliches Kissen”, brachte sie hervor.
Ihre Augen glitzerten begehrlich.
Felipa wusste, was sich schickte. “Gefällt es Euer Gnaden? Es sei Euer! Ein bescheidener Beweis meiner Hochachtung.”
“Aber allerliebste Freundin! Wie könnte ich Euch eines solchen Schmuckstücks berauben!” lehnte sie ab und setzte eine
gekränkte Miene auf. Worauf der Gastgeberin nichts anderes übrig blieb, als ihre Besucherin mit ihrer melodiösen
Stimme zu bedrängen: “Ich darf Euer Gnaden recht inständig bitten! Ihr wollt mich doch nicht kränken, Doña Ana!”
Nein, kränken wollte sie niemanden. ”Nun gut, wenn Euch so viel daran liegt, und einzig und allein, um Euch nicht
vor den Kopf zu stoßen.” Sie lachte gekünstelt, wobei sie sich die Hand vor den Mund hielt, um ihre Zahnlücken
zu verbergen.
Nach einer weiteren Tasse Schokolade - der letzten, und man solle sie bitte nicht weiter in Versuchung führen -,
klatschte Frau Trigueros Barragán de Vergara in die Hände und verlangte nach ihrem Sklavenmädchen, dem sie befahl,
das eingeheimste Kissen in Empfang zu nehmen. Es gelang ihr, mit ihrem Dank den Eindruck zu erwecken, als stelle
die Annahme des Geschenks eine Gunst dar, die sie einer netten, aber auf den Sprossen der Gesellschaft ziemlich
unter ihr stehenden Person gewährte.
© by Roberto Schopflocher
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